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Die Quellen des Rechts (5)

Mehrteilige IZ-Serie über die wesentlichen Regeln muslimischen Handelns - Von Prof. Dr. Yasin Dutton

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Al-Qarafi war der Ansicht, dass alle Muslime sich darin einig seien, dass solche Dhara’i drei Unterkategorien haben:

• Diejenigen Verbote, über die Einigkeit besteht, das heißt, das Graben von Brunnen auf den Wegen der Muslime oder das Schwören auf Idole (das heißt etwas, was höchstwahrscheinlich Schaden hervorruft).

• Die Dinge, über deren Zulässigkeit Einigkeit besteht wie die Kultivierung von Weintrauben (etwas, was zu etwas Verbotenem führen kann, denn Weintrauben sind natürlich wesentlich bei der Produktion des Weins, aber welches normalerweise für erlaubte Zwecke verwendet wird, in diesem Fall für die Erzeugung von Nahrung).

• Diejenigen Dinge, über die unterschiedliche Meinungen bestehen, wie bestimmte Transaktionen, die unter die Kategorie von Buju’a Al-Ajal fallen, die von Malik und den Medinensern verboten wurden, aber von anderen erlaubt.

Die wichtige Wahrnehmung in Hinblick auf Sadd Adh-Dhara’i liegt im Ergebnis der Handlung, und ob diese zu Nutzen oder Schaden führt.

Dieses grundsätzliche Prinzip lässt sich wiederum in Unterprinzipien aufteilen:

• „Die Verhinderung von Schaden wird dem Erlangen von Nutzen vorgezogen“. Zum Beispiel, wenn jemand Wudu’ [die Gebetswaschung] macht und nicht weiß, ob er sein Gesicht zwei oder drei Mal gewaschen hat, geht er davon aus, dass er dies drei Mal gemacht hat, denn er sollte sein Gesicht nicht mehr als drei Mal waschen, während die zweimalige Waschung akzeptabel ist (wie dies als Praxis des Propheten verzeichnet wurde).

• „Das geringere der beiden Übel“. Dieses Prinzip bedeutet, dass im Falle einer Wahl zwischen zwei Übeln dasjenige gewählt wird, welches den geringeren Schaden für die Muslime bedeutet.

10. ‘Urf (Bräuche)

Dieses Prinzip wird auf Dinge wie Sprache, Nahrung, Kleidung etc. angewendet. Ein Beispiel dafür ist, dass das Wort dabba („Reittier“) in bestimmten Gebieten als Esel verstanden wird und in anderen auf ein anderes Tier bezogen wird. Es mag in verschiedenen Gegenden das Verständnis von Begriffen geben, die sich von der Bedeutung durch „Wörterbücher“ unterscheiden. Wenn es zu Rechtsfragen kommt, bei denen die Deutung solcher Wörter wichtig ist, muss deren gewohnheitsmäßige Bedeutung in Betrachtung gezogen werden.

11. Andere allgemeine Prinzipien

Es gibt gewisse andere allgemeine Prinzipien, die uns bewusst sein müssen. Wir haben bereits erwähnt, dass die Bewahrung vor Schaden dem Nutzen vorgezogen wird, ebenso wie das Geringere der beiden Übel. Zu anderen Rechtsprinzipien zählen:

• „Schaden muss entfernt werden“ (Ad-Darar Juzala), in Übereinstimmung mit dem Hadith „Es sollte keinen Schaden oder vergeltenden Schaden geben“. Zu den Beispielen gehören die Rückgabe von Dingen, die unrechtmäßig genommen wurden, genauso wie die Verhinderung von Schaden gegenüber den eigenem Nachbarn.

• „Schwierigkeit erlaubt Erleichterung“ (Al-Maschaqqa Taschibu’-Taisir). Allah sagt: „Er hat euch erwählt und hat euch nichts auferlegt, was euch in der Religion bedrücken könnte.“ (Al-Hadsch, 78) Wenn beispielsweise die Verwendung von Wasser Schaden verursacht, dann macht man Tajamum anstatt von Wudu’. Genauso wenig muss eine kranke Person fasten. Allah sagt: „Und wer krank ist oder sich auf einer Reise befindet, soll eine Anzahl anderer Tage (fasten) – Allah will es euch leicht, Er will es euch nicht schwer machen – damit ihr die Frist vollendet und Allah rühmt, dass Er euch geleitet hat. Vielleicht werdet ihr dankbar sein.“ (Al-Baqara, 185)

Einige Leute verwenden diese oben erwähnten Verse über die Nichtbeschränkung im Din, um sich selber zu erlauben, all das zu tun, was sie wollen, aber das ist nicht das korrekte Tafsir in diesem Kontext. Was hier gemeint ist, sind jene Umstände, in denen es schwer wiegende Schwierigkeiten gibt, wohingegen leichte Schwierigkeiten auszuhalten sind. Alternativen gibt es dann, wenn beispielsweise Wasser beim Wudu’ Krankheiten verursachen kann oder diese verschlimmert oder eine Heilung verhindert.

• „Sicherheit wird nicht durch Zweifel entfernt“ (Al-Jaqin la jurfa’u bi’l-Schakk). Punkte, die unter diese Kategorie fallen, sind unter anderem die Annahme, dass man drei Rak’as gemacht hat, wenn man sich nicht sicher ist, ob man drei oder vier verrichtet hat. • In Beziehung zum letzten Prinzip steht die allgemeinere Regel, die vom Anhalten der Dinge ausgeht (Ibqa’ ma kana ‘ala ma kana). Zum Beispiel geht man davon aus, dass jemand noch lebt, solange man nicht von seinem Tode hört (in Fällen des Erbens beispielsweise).

• Manche sind der Ansicht, dass es eine fünfte Regel gibt: „Dinge werden entsprechend der Absichten in ihnen bewertet.“ Diese Ansicht beruht auf einem prophetischen Hadith „Die Handlungen sind durch die Absichten und jeder Mann erhält, was er beabsichtigt.“ So ist beispielsweise das Wudu’ nur dann gültig, wenn es von der Absicht der Gebetswaschung begleitet wird.

Nachwort

Der oben angeführte Ansatz resultiert in einer Liste der möglichen Quellen, die nach Begriffen der wahrgenommenen Priorität geordnet und aufgezählt werden können. Es gibt unterschiedliche Listen, auch wenn in leicht unterschiedlicher Ordnung oder Hinzufügung. Raschid ibn Abi Raschid Al-Walidi (gest. 675/1276) zählt in seinem Buch „Al-Halal wa’l-Haram“ die folgenden 17 Quellen auf:

1.-5. Nass, Zahir, Dalil, Mafhum und Schabah vom Qur’an

6.-10. Das gleiche in Hinblick auf die Sunna

11. Idschma’

12. Qijas

13. Der ‘Amal der Leute von Medina

14. Die Meinung der Gefährten

15. Istihsan

16. Sadd Adh-Dhara’i

17. Mura’at Al-Khalif („Respekt der Unterschiede [der Meinungen]“), welches, seiner Meinung nach, manchmal beachtet wird oder nicht. Andere Gelehrte, wie Al-Qarafi (gest. 684/1285) beziehen Al-Masalih Al-Mursala und ‘Urf genauso wie andere umstrittene Prinzipien mit ein.

Wir müssen hier jedoch anmerken, dass diese gesamten Systematisierungen klug nach dem Ereignis sind, während der aktive Faqih, Mufti oder Qadi, der mit tatsächlichen Fragen konfrontiert wird, diesen Luxus nicht zur Verfügung hat. Was er braucht, ist im Augenblick klug zu sein. Es ist immer einfach, im Nachhinein zu verstehen, wie eine bestimmte Person zu einem bestimmten Urteil kommt. Was nicht so einfach ist, ist zu wissen, wie zu der jeweiligen Zeit ein Urteil gefällt werden muss. Wenn mit einem Fall konfrontiert, dann wird der Faqih, der Mufti und der Qadi nicht eine Liste konsultieren und dann entscheiden, welche „Quelle“ am angemessensten ist. Eher wird er sich darum sorgen, der Situation gerecht zu werden und dabei jedes Mittel einsetzen, welches ihm zur Verfügung steht. Aber das Wissen um den Pfad der Gerechtigkeit in einer gegebenen Situation bedeutet nicht nur Wissen um die Quellen, sondern auch den Besitz eines klaren Herzens, um zu erkennen, was der Pfad der Gerechtigkeit ist. Und dies ist, das müssen wir feststellen, nur möglich für jemanden, der aktiv am Dschihad gegen seine eigene Nafs (das „Selbst“) beteiligt ist. Wie Imam Malik sagte: „Wissen ist keine Frage der Kenntnis vieler Texte, Wissen ist ein Licht, welches Allah in die Herzen legt.“ Er sagte auch: „Wenn ein Mann ein Zahid (Jemand, der ohne die Dinge der Welt auskommt) ist und Taqwa vor Allah hat (furchtsames Wissen um die permanente Anwesenheit Allahs), dem wird Allah Weisheit in seiner Rede geben.“ Und Weisheit ist nach Deutung von Imam Malik das „Verständnis des Dins von Allah (Al-Fiqh fi din Allah).“

Daher ist Fiqh keine – oder sollte es nicht sein – theoretische Aktivität. Eher erscheint es in wirklichen Situationen. Der Fiqh, auf den sich Imam Malik im obigen Kommentar bezog, ist die Antwort des einzelnen Faqih, Mufti oder Qadi auf eine wirkliche Situation, die eine reale Antwort braucht, die aus der Praxis erwachsen ist. Dies ist dann natürlich nicht länger eine akademische Übung, sondern eine Notwendigkeit, die aus der Not und dem Verlangen, die Schari’a in die Praxis umzusetzen, erwachsen ist und daher den Islam sowohl innerlich als auch äußerlich umsetzt.

Möge uns Allah Verständnis von Seinem Din geben und die Fähigkeit, das Verlangen und die Umsicht, das zu praktizieren, was getan werden muss. Amin.

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