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Die Realität des Virtuellen

Das Internet schafft einen großen Veränderungsdruck auf muslimische Organisationen

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Foto: pexels.xom

(iz). In den letzten Jahrzehnten etablierte sich das muslimische Leben in Deutschland aus soziologischer Sicht zumeist zwischen den alten Gegensätzen von Gemeinschaft und Gesellschaft. Inzwischen spielt auch eine weitere soziale Größe eine bedeutsame Rolle: die Realität des Virtuellen. Die Dynamik sozialer Medien setzt dabei die etablierten Organisationsformen der Muslime, zumeist in den 1970er Jahren des letzten Jahrhunderts entstanden, zunehmend unter Veränderungsdruck.

Die typische Moscheegemeinde in Deutschland verfügt nur über eine begrenzte, lokale Infrastruktur. Aus dem ursprünglichen Sinnzusammenhang von Moschee und Markt, Stiftungen und Bildungseinrichtungen sind meist nur die Gebetsstätten als sakrale Räume übrig geblieben. Als zentralisierende Zusammenschlüsse übernehmen meist Verbände die gesellschaftliche Vertretung der Muslime. Sie organisieren das religiöse Leben und verstehen sich nicht zuletzt als politische Repräsentanz ihrer Mitglieder.

Bisher hat sich eingebürgert, dass die ethnischen Trennlinien, auf deren Ausschlussprinzip die meisten Verbände noch immer beruhen, aber auch die Organisationsformen an sich, kaum hinterfragt werden. Die Konzeption der lokalen Gemeinschaften und ihrer zentralen Verbände wird – wenn überhaupt – vor allem in den sozialen Medien offen diskutiert. Das Internet und seine Foren bieten dabei neue Möglichkeiten, kritische Fragen zu stellen, sich mit Gleichgesinnten auszutauschen und die neuesten Informationen auszutauschen.

Während Verbände auf für Muslime wichtige Ereignisse eher langsam und mit den alten Stilmitteln von Presseerklärungen und präsidialen Stellungnahmen agieren, beherrscht das Netz die bekannte Ungeduld und atemberaubende Geschwindigkeit. Hier treffen sich Forderungen der Jugend nach schneller Veränderung mit den alten Gewohnheiten des muslimischen Establishments. Darüber hinaus zwingt es Verbände, wenn auch eher ungewollt, zunehmend auch zu einer ungewohnten Transparenz „nach innen“.

Ein gutes Beispiel für diesen Trend war ein Vorfall in Berlin. Der größte Verband der Muslime in Deutschland, die DITIB, hatte in einem Verfahren ohne jede Transparenz einen jungen Vorsitzenden ausgetauscht. Es war zunächst der Jugendverband der Organisation, der in Facebook protestierte und mit dem sich viele junge User sofort solidarisch erklärten. Während die Zentrale sich bis heute über die Absetzung ausschweigt, wird in den sozialen Medien dieses Phänomen weiterhin kontrovers diskutiert.

Die Realität des Virtuellen zeigt sich aktuell für Muslime in einer gewissen Ambivalenz. Einerseits mobilisieren rechte Gruppen virtuellen Widerstand gegen Muslime in den Netzwerken, der vereinzelt, wenn auch mit wachsender Intensität und Aggressivität, real ausbricht. Anderseits überwinden muslimische Jugendliche bisher bestehende Trennlinien zwischen den Verbänden und Organisationen. Sie bilden neuartige kreative Netzwerke. Diese virtuelle Realität muslimischer Mobilisierung lässt das Phlegma und die Ignoranz gegenüber den gesellschaftlichen Verhältnissen hierzulande, das viele Verbände nach wie vor auszeichnet, immer deutlicher werden.

Natürlich muss man bei der Beurteilung des Internets auch die Deutung des Philosophen Byul Chung Han im Hinterkopf behalten. Er verknüpft den Dataismus – den Zerfall der Welt in Datenbestände und den daraus folgenden Verlust, größere Sinnzusammenhänge zu erkennen – mit dem Nihilismus unserer Zeit. Es liegt in der Natur aller technologischen Innovationen, dass sie für unser praktisches Leben nachteilige und vorteilhafte Phänomene verknüpfen. Wohnt aber beispielsweise in den sozialen Medien nicht auch für uns Muslime die Möglichkeit neuer konstruktiver Bewegungen?

Noch sehen nicht alle Muslime das ganze Potential der sozialen Medien, jenseits von „Selfies“ und dem Austausch von Emotionen. Das Erschreckende und gleichzeitig Hoffnungsvolle des Internets liegt in der Dynamik eines virtuellen Raums, der den Eindruck vermittelt, dass das Undenkbare und Unmögliche reale Wirklichkeit werden kann. Diese Zweideutigkeit kann man positiv oder negativ sehen. Je nach Stimmungslage zeigen sich soziale Medien als Vorstufen echter Basisdemokratie oder aber als virtuelles Sammelbecken faschistoider Bestrebungen. Was, wann und wie real wird, bedingt nicht zuletzt auch das Engagement der Nutzer. Sie entscheiden letztlich mit den neuen Mitteln der Kommunikationstechnik, welche Diskurse sich durchsetzen oder verflüchtigen.

Der bisherige Verlauf gesellschaftlicher Debatten der Anderen über den Islam stimmt viele Muslime nachdenklich; vor allem, wenn man den Leitsatz Lacans beachtet: „Es ist nicht Du, der gewinnst, sondern der Diskurs, dem Du dienst.“ Immerhin bietet das Netz die Möglichkeit, die Ausschließlichkeit des herrschenden, politisierten Diskurses zu durchbrechen und eigene Anstöße, zum Beispiel die Debatte über den Islam und seine ökonomische oder soziale Dimension zu artikulieren. Wer sich über die positiven, anderen Seiten des Islam informieren will, geht heute längst auf die Webseiten von Bloggern, nutzt das Angebot von Internetseiten oder schließt sich entsprechenden Gruppen auf Facebook an.

Die Frage ist darüber hinaus, ob man andere Formen der inner-islamischen Organisation, bevor sie real werden, zunächst ebenso virtuell vorbereiten muss. Die virtuelle Community lebt bereits vor, wie das gehen könnte. Es zählen in dieser Gemeinschaft weniger Herkunft oder Zugehörigkeit zu Organisationen, sondern das unmittelbare Tun. Junge Leute sind fasziniert von der Idee, dass virtuelle Mobilisierung sich auch real auf die Politik in diesem Land  auswirken könnte. Sie bevorzugen die Möglichkeiten des „Crowdfunding“ gegenüber dem langen Weg der Entscheidungsprozesse muslimischer Apparate. Und sie bestimmen ihre eigenen Führungspersönlichkeiten und entscheiden mit einer Zustimmung per Mausklick, durch welche Positionen sie wirklich vertreten werden.

Während in den Medien unzählige Bilder und Symbole das Stimmungsbild und unbewusste Ängste in Sachen Islam artikulieren, zeigt sich so das Netz als wichtige Ergänzung der muslimischen Präsenz in unserer Gesellschaft. Auch hier zeigt sich wieder eine gewisse Doppeldeutigkeit: Algorithmen, die heute Muslime mit negativen Bildern assoziieren, könnten morgen auch diejenigen, die sich positiv für den Islam interessieren, mit der Community in Bezug setzen. Darüber hinaus können mit einer anderen Sicht auf die Möglichkeiten der Vernetzung auch lokale Gemeinschaften gleichzeitig ihre sozialen Mängel überwinden: Wenn sie zum Beispiel keinen Marktplatz haben, warum nicht diesen Ort virtuell schaffen?

Sollten die virtuellen Sphären des Netzes so etwas wie Vorstufen des Realen darstellen, dann müssen sich die antiquierten Organisationsformen auf baldige Veränderungen einrichten. Der Druck von der Basis, die Mobilisierung von unten nach oben, stellt die gewohnte Hierarchie der Strukturen auf den Kopf. Die Unzufriedenheit über die Schwerfälligkeit muslimischer Interaktion ist nicht mehr zu übersehen.

User wollen schnell informiert werden, Fragen stellen und mitdiskutieren, mit der alten passiven Mitgliedschaft in Vereinen hat dies kaum noch zu tun. Ein kurzer Blick auf die statische Internetseite des „Koordinationsrats der Muslime“ zeigt, wie fern die Verbände heute von effektiver Vernetzung und damit jenseits der Bedürfnisse ihrer eigenen Jugend und ihrer erfolgreichen Netzwerke sind.

Denkt man an die künftigen muslimischen Strukturen, wäre auch eine Besinnung auf den Unterschied von Einheitlichkeit und Ganzheitlichkeit interessant. Einheitlichkeit äußert sich zum Beispiel in einem Verein, der eine Ethnie, eine Überzeugung, eine Flagge in eine Form zu gießen versucht. Ganzheitlichkeit äußert sich dagegen in Gemeinschaften, Netzwerken, die ganz unterschiedlichen Ethnien, Überzeugungen, Aggregatzuständen und Bedürfnissen ihren Ort und Sinn geben. Das Internet drängt die Community virtuell und real zur letzteren Option.

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