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Die Schere im Kopf

Kommentar: Auch die offene Gesellschaft leidet unter einem Trend zur Selbstzensur

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Foto: Bill Kerr, flickr | Lizenz: CC BY-SA 2.0

(iz). Ein Phänomen, mit dem man als Aktivist in einem muslimischen Medium in der letzten Zeit vermehrt konfrontiert wird, ist die Notwendigkeit für manche, sich lektorieren beziehungsweise ihr öffentliches Sprechen darauf hin überprüfen zu müssen, ob und wie es ihr Fortkommen gefährden könnte. Obwohl dergleichen sicherlich nicht nur in muslimischen Zusammenhängen vorkommt, ist eine schleichende Veränderung spürbar. Gelegentlich fällt auch die Frage: „Du, können wir diesen oder jenen Satz noch herausnehmen?“

Eine solche – individuell sicherlich nach­vollziehbare – Schere im Kopf ist eine Facette eines untergründig immer schon vorhandenen Phänomens. Denn die „offene Gesellschaft“, die insbesondere uns Muslimen in unzähligen ­Diskussionen angepriesen wird, kennt auch ­ihren Gruppendruck und eine Motivation zur Selbstzensur.

Eine nicht mehr ganz so neue Erscheinung unter Muslimen und darüber hinaus im Kontext der „Islamdebatte“ sind die haupt- und neben­beruflichen Screenshotqueens, die den Anderen nicht mehr nur nach dem gesagten Wort ­bewerten, sondern nach vermeintlichen Subtexten, Beziehungsgeflechten (die unrühmliche Kontaktschuldthese) und sogar dazu, zu welchem Thema sie wann bei wem etwas „liken“. Daraus entsteht dann im Kopf der „Kritiker“ eine ideologische Landkarte (manchmal auch ein „Steckbrief“), anhand der Betroffene ein­geordnet und ideologisch fixiert werden.

Verstärkt wird eine solche Verhaltensweise durch die Wirkmacht filterblasiger Echokammern. Hier ist schon jede „Abweichung“ Anlass genug zur eindeutigen Etikettierung. Da wir alle die Tendenz haben, häufig nur das wahrzunehmen, was sowieso schon unserer eigenen Weltanschauung entspricht. So wird Differenz bereits als Argument für eine Freund-Feind-Stellung genutzt. Nicht übersehen werden darf hier die illusorische Wirkung von Auftritten in „sozialen Medien“. Wer sich ein halbwegs authentisches Bild einer Person machen möchte, kann sich dabei nicht auf willkürlich ausgewählte Sätze im Netz verlassen, sondern muss ihr begegnen.

Ich frage mich, ob diese Art der Selbstregulierung nicht eine viel wirksamere Form der Beeinflussung ist als äußerer Druck. Im Offenen bleibt, was zu tun ist, um uns und anderen die nötige Freiheit zu bewahren.

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Sulaiman Wilms

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