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Die Schöpfung bewahren

Islamische Lebenspraxis: Eigenständige Perspektiven zur Ökologie. Von Massouda Khan & Najma Mohammed

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Foto: Pixabay.com | Lizenz: CC0 Public Domain

(iz). Der Begriff „Umweltschutz“, wie er heute verstanden wird, ist in dieser Form relativ neu. Er entstand aus einer Notwendigkeit im 20. Jahrhundert als Antwort darauf, dass das menschliche Verhalten einen steigend negativen Einfluss auf die Umwelt hatte. Dies führte zu dem Bewusstsein, wonach die Einheit, die wir als „Umwelt“ bezeichnen können, am Ende der Empfänger dessen ist, was wir als „Verschmutzung, Verarmung und Entwaldung“ bezeichnen können.

Das Wort, welches im Qur’an verwendet wird, um die Umwelt oder Natur zu bezeichnen ist „Schöpfung“ (Khalq). Das Wort wird in 261 Versen im Qur’an ­verwendet, und zwar in seiner Wurzel und in verschiedenen grammatikalischen Formen. Die erste Offenbarung des Qur’an enthält das Verb „khalaq“ (erschaffen), welches aus dieser Wurzel abgeleitet ist. Die ungefähre Bedeutung dieses Verses ist: „Lies im Namen Deines Herrn, Der erschaffen hat.“ (Al-’Alaq, 1) Der Kern der qur’anischen Lehre, die von diesen Angelegenheiten handelt, kann als ‘Ilm Ul-Khalq (Wissen von der Schöpfung) beschrieben werden, welche der Wissenschaft von der Ökologie 14 Jahrhunderte vorausging. Es kann gesagt werden, dass die Begrenzung der menschlichen Situation durch die folgenden vier Eckpunkte eingegrenzt wird: Tauhid, Fitra, Mizan und Khalifa.

Tauhid: Tauhid ist das fundamentale ­Wissen um die Einheit des Schöpfers, aus der alles andere folgt. Es ist das uranfängliche Zeugnis der Einheit aller Schöpfung und der verwobenen natürlichen Ordnung, von dem die Menschheit ein Teil ist. Die Gesamtheit der Schöpfung – das Werk eines einzigen Schöpfers – lebt innerhalb eines stabilen Musters, wie komplex es auch sein mag.

Fitra: Fitra beschreibt den ursprünglichen Zustand der Schöpfung und verortet den Menschen in ihr. Im Qur’an sagt Allah, der Erhabene: „So richte dein ganzes Wesen aufrichtig auf den wahren Glauben, gemäß der natürlichen Veranlagung (Fitra), mit der Allah die Menschen erschaffen hat.“ (Ar-Rum, 30)

Mizan: Das ist das Prinzip des Mittleren Weges. Allah hat die Menschen auserwählt und ihnen Verstand gegeben. Jede Schöpfung hat eine Ordnung und einen Zweck. Also haben wir die Verantwortung, nicht die „Geschenke des Herrn“ zu verleugnen und diese uns umgebende Ordnung aktiv anzuerkennen, sowohl für uns als auch für den Rest der Welt.

Khalifa: Dies ist die Rolle des Verwalters, eine wichtige Pflicht, die Allah dem Menschen aufgetragen hat. Es gibt viele Verse, die die menschlichen Pflichten und Verantwortlichkeiten beschreiben.

Der Mensch hat einen besonderen Ort in Allahs Plan. Wir sind mehr als nur Freunde der Erde, wir sind ihre Hüter. Wir können aus diesen vier Prinzipien ableiten, wonach die Schöpfung, auch wenn sie komplex und endlich ist, nur deshalb funktioniert, weil alle ihre Teile es tun. Die menschliche Rolle ist die eines Wächters. Diese Verantwortung legt dem menschlichen Verhalten Begrenzungen auf und sollte zu einem Bewusstsein der eigenen Verletzlichkeit führen.

Bis noch vor vergleichsweise kurzer Zeit lebte die menschliche Rasse unwissentlich innerhalb natürlicher, ungeschriebener Grenzen. Es gab eine intuitive Neigung, innerhalb der Fitra zu existieren. Dies war eine existenzielle Realität, weder idyllisch noch utopisch. Wir leben offenkundig nicht mehr innerhalb dieser Grenzen. Mehrere Ereignisse beziehungsweise Entwicklungen im Europa des 16. und 17. Jahrhunderts haben es der menschlichen Spezies erlaubt, sich vom natürlichen Muster zu entfernen, von dem sie immer ein Teil war.

Verhaltensanweisungen: Als Muslim ist es ein alltägliches Wissen, dass Spiritualität niemals nur in einer Form bloßer Privatheit bestehen kann, sondern sich immer wieder auf das „in der Welt sein“ beziehen muss, um authentisch zu sein. Insbesondere lässt sich dies auch auf unser Verhältnis zu unserer kreatürlichen Umwelt beziehen.

Wir Menschen sind Wesen mit besonderen Eigenschaften, die es uns erlauben, der Erde zu dienen. Eines dieser Charakteristika ist das ethische Wissen, welches uns dazu leiten kann, uns um die Umwelt zu sorgen. Andere Qualitäten beinhalteten das Wissen, welches uns gegeben wurde, um unsere Pflichten gegenüber der Welt zu perfektionieren. Menschliche Liebe für die Elemente der Umwelt symbolisiert eine sorgende Beziehung, wie sie vom Propheten, der einen gewaltigen Charakter besaß, betrieben wurde. Diese Liebe erstreckt sich auch auf die lebenden Geschöpfe, die die Welt mit uns bewohnen und vom gleichen Erschaffer gemacht worden sind.

Allah hat uns gewisse Verpflichtungen gegenüber anderen Lebewesen aufgetragen. Wir werden am Tag des Jüngsten Gerichts verantwortlich gemacht, wie wir diese behandelt haben. So sagte der Prophet: „Allah bestrafte eine Frau, weil sie eine Katze einsperrte, bis sie vor Hunger starb. Sie hat sie weder gefüttert, noch zugelassen, dass sie ihre eigene Nahrung erlangte.“ (Rijad As-Salihin)

Die ethische Haltung innerhalb des Islam gegenüber der Umwelt wird zum großen Teil davon beeinflusst, dass Islam nicht nur eine bloße Sammlung von Dogmen ist, sondern eine Lebensweise. Islam wurde nicht nur als der Glaube an einen Gott gesandt, sondern auch, um eine Gemeinschaft zu schaffen, die moralischen und ethischen Regeln folgt und gewisse Verhaltensregeln, die sich im Rahmen der natürlichen Ordnung bewegen, beachtet. Im Rahmen der muslimischen Geschichte hat sich das Amt beziehungsweise die Position des Muhtasib herausgebildet. Dieser öffentliche Posten unterstand dem jeweiligen lokalen Qadi. Die Muslime, die dieses Amt ausfüllten, zu dessen Aufgaben eigentlich die Kontrolle der Märkte und die Aufrechterhaltung des Zugangs zu ihnen gehörte, hatten darüber hinaus auch die Pflicht, die lokalen Ressourcen zu schützen. Dazu zählte die Aufrechterhaltung der Wasserversorgung, der Schutz vor ungerechtfertigter Verschmutzung offener Gewässer oder die Überwachung der Entsorgung von Abfällen. Beispielsweise war es im muslimischen Andalusien bei Strafe verboten, oberhalb von Siedlungen und Städten Flüsse und Ströme bewusst zu verunreinigen. Ebenso war es wichtig, die Straßen von Unrat freizuhalten, um so die Verbreitung von Krankheiten und Ungeziefer zu verhindern.

Umgang mit Ressourcen: Einer der wichtigsten Aspekte des schonenden Umgangs mit der „Umwelt“ ist die verantwortungsvolle Nutzung von Ressourcen. Von Anfang an gab es im Islam grundlegende Gesetze wie auch komplexe Einzelfallregelungen, wie mit den notwendigen Dingen der Natur umzugehen sei. Viele dieser Regeln gehen auf den Propheten, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, zurück und wurden später den jeweiligen ökologischen Bedingungen angepasst. Die beiden wichtigsten Elemente dieser Regelungen betreffen die Nutzungen beziehungsweise den Gebrauch von Wasser und Land. Diese formen die notwendigen grundlegenden Elemente für das gesamte menschliche Leben und jede Aktivität. Die Regeln für die Welt der Tiere, Pflanzen und Mineralien wurden aus den beiden Ersteren abgeleitet.

Das islamische Recht teilt Land in drei Kategorien ein: erschlossenes Land (Amir), unentwickeltes Land (Mawat) und „Schutzzonen“ (Harim). Zu dem entwickelten Land gehören Siedlungsgebiete und Ackerland. Nicht entwickeltes Land sind wilde Gebiete, die weder vom Menschen bebaut, noch kultiviert wurden. Das Harim-Land ist jenes schützendes Gebiet, das entweder um Siedlungsgebiete liegt, oder aus Gründen der ökologischen oder gesellschaftlichen Notwendigkeit dem Zugriff des Menschen bei Strafe entzogen ist.

Die Regeln, die das Wasser im Rahmen des islamischen Rechts betreffen, sind umfangreich. Reichen sie doch von den unterschiedlichsten Formen von Gewässern, den natürlichen Quellen, künstlichen Brunnen, der Frage der Bewässerung von Land, über den Zugang der Menschen zu Wasser bis hin zum bereits erwähnten Schutz der Gewässer vor menschlicher Verschmutzung. Generell lässt sich sagen, dass für Wasser ähnliche Regelungen gelten wie für die Aneignung, Verteilung und Nutzung von Land. So gibt es ebenso eine Unterscheidung zwischen dem, was öffentlich und was privat ist. In seinem natürlichen Zustand ist Wasser ein öffentliches Gut.

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Massouda Khan

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