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Die Schule des Hadramaut

Jemen: Spirituelles Leben am „Ort des Todes“ - Von Hassan Ritter

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Im Osten des Jemen liegt der Hadramaut – eine Region, die überwiegend durch karge Steinwüste aber auch fruchtbare Täler, die so genannten Wadis, geprägt ist. Der Hadramaut hat eine lange Geschichte und findet auch im Qur’an Erwähnung, und zwar als der Ort, an dem der Prophet Hud sein Volk, die ‘Ad, zu Allah aufrief. Laut verschiedenen Überlieferungen befindet sich auch dessen Grab dort „bei den Sanddünen“ (Al-Ahqaf; vgl. Sure 46).

Schon zu Lebzeiten des Propheten Muhammad, Allahs Segen und Friede auf ihm, nahmen die Stämme dieser Gegend den Islam an. Während der Regierungszeit des ersten Khalifen, Abu Bakr, kam es jedoch bereits zu Zwischenfällen, da einige dieser Stämme sich weigerten, die Zakat zu entrichten und revoltierten. Als er daraufhin eine Armee in den Hadramaut entsandte, um die Zakat einzusammeln und die revoltierenden Stämme im Zaum zu halten, wurde ihm übermittelt, dass zumindest die Bewohner der Gegend um ein Dorf namens Tarim die Zakat freiwillig entrichteten, sowie die Gefährten des Propheten gegen die Rebellen unterstützten. Der Überlieferung nach betete Abu Bakr daraufhin für diese Gegend, indem er Allah darum bat, dass sie bis zum Tag der Auferstehung bewohnt bleiben, ihr Wasser gesegnet und ihr Gelehrte wie das Wasser entspringen mögen. Tarim wird deshalb seit dieser Zeit auch „Madina As-Siddiq“ genannt.

Im Jahre 319 n. H. erreichte ein direkter Nachkomme des Propheten namens Ahmed ibn ‘Isa mit seiner Familie sowie einer Gruppe von ca. 70 Gefährten den Hadramaut. Er trägt auch den Namen „Al-Muhadschir ila Allah“ (derjenige, der auswanderte, um zu Allah zu gelangen), da er seinen Geburtsort Basra aufgrund dort herrschender Unruhen verließ, um seine Familie, für deren Nachkommen er Großes vorhersah, in Sicherheit zu bringen. Er genoss bereits seit seiner frühen Kindheit eine sehr gute Ausbildung insbesondere in den verschiedenen islamischen Wissenschaften und war bald für seinen außerordentlichen Intellekt und seinen vorzüglichen Charakter bekannt. Es heißt, dass er in der Auswanderung mit seiner Familie einer göttlichen Eingebung folgte, indem er vorhersah, dass seine Nachkommen den Hadramaut und besonders die Gegend um Tarim mit Gelehrsamkeit und Weisheit sowohl in den inneren als auch äußeren Aspekten der Religion beleben würden.

Die meisten Einwohner des Hadramaut gehörten bis zur Ankunft Ahmed ibn ‘Isas einer kharidschitischen Sekte an. Durch dessen Aufruf zum Islam bekannten sich jedoch in relativ kurzer Zeit viele Menschen für eine korrekte Lesart des Islam (Ahl As-Sunna wa’l-Dschama’a). Er suchte sich stets für das Wohl der Gemeinschaft einzusetzen und erschien oft als Schlichter im Falle von Konflikten zwischen verschiedenen Stämmen, wobei er jedoch auf eigene Macht- oder Vermögensansprüche verzichtete. Somit war es bald möglich, verschiedene Stämme unter dem Banner des sunnitischen Islam wiederzuvereinen, und diese Methode der Einladung (Da’wa) des „Auswanderers“ fand ihre Fortsetzung in den Bemühungen seiner Nachfahren, die Lehren des Islam vor allem als gelebtes Vorbild zu verbreiten.

Zu den herausragenden Persönlichkeiten unter seinen Nachfahren zählen Muhammad ibn Ali Ba-’Alawi (Al-Faqih Al-Muqaddam; gest. 565 n.d.H.), durch den eine weite Verbreitung der „Hadrami- Schule“ erfolgte, sowie der Imam Abdullah ibn ‘Alawi ibn Muhammad Al-Haddad (gest. 1132 n.d.H.), der als Erneuerer (Mudschaddid) des 12. Jahrhunderts n. H. gilt. Sie und viele andere betonten in ihrem Bestreben, die Sunna des Propheten zu ihren Lebzeiten wiederzubeleben, drei wesentliche Punkte:

• Wissen (‘Ilm), besonders durch die Aneignung und Vermittlung der arabischen Sprache als Schlüssel für die weiteren Wissenschaften. Der Hadramaut ist seit Jahrhunderten für eine sehr gute Ausbildung im Recht (Fiqh) in seiner schafi’itischen Ausprägung bekannt.

• Läuterung der Seele (Tazkijat An-Nafs/Suluk) indem man das Herz von Krankheiten wie Heuchelei, Angeberei, Arroganz, Augendienerei usw. befreit und sich um gutes Verhalten bemüht.

• Einladung zu Allah (Da’wa) durch das Wort, aber insbesondere durch das gelebte Vorbild. Es wurde dabei Wert darauf gelegt, dass das Wissen über eine ungebrochene Überlieferungskette bis zurück zum größten Lehrer, dem Propheten Muhammad, Allahs Friede und Segen auf ihm, vermittelt wird, weshalb die Beziehung zwischen Lehrer und Schüler sehr wichtig ist. Imam Malik sagte: „Die Überlieferungskette (Isnad) gehört zur Religion, und gäbe es keine Überlieferungskette, so würde jeder erzählen, was er wollte.“ Nur wenn der Lehrer den Schüler gut kennt, kann er einschätzen, ob dieser das durch ihn vermittelte Wissen weitergeben darf. Dies ist außer in einigen Teildisziplinen nicht einfach durch formale Prüfungen zu testen, da der Lehrer vor allem auch den prophetischen Charakter und dessen Verhalten weitergeben soll. Der Prophet, Allahs Friede und Segen auf ihm, sagte: „Ich wurde nur gesandt, um den guten Charakter zu vervollkommnen.“ Imam Maliks Mutter empfahl dessen Schülern, dass sie von dessen Güte (Hilm) lernen sollten, bevor sie von seinem Wissen profitierten.

Die enge Beziehung zwischen Lehrer und Schüler ist außerdem wichtig, da der Schüler auf seinem Weg zu Allah insbesondere durch den Rat des Lehrers vor den Tücken der Triebseele und des Schaitans (des Teufels) bewahrt bleibt. Und schließlich gibt der Lehrer seine Liebe zu Allah und Seinem Gesandten weiter und somit seinen Elan, sich für die Gemeinschaft einzusetzen.

Die Auswirkungen dieser Schule blieben nicht nur auf die Region des Hadramaut beschränkt, sondern man kann davon ausgehen, dass etwa ein Drittel der heute lebenden Muslime direkt oder indirekt von ihr beeinflusst wurde. Die Hadramis reisten nämlich als Händler und Gelehrte nach Indonesien, Malaysia, Singapur, Thailand, Philippinen, Gujarat, Sri Lanka sowie Ost- und Südafrika. Im 6. und 7. Jahrhundert gelangten die „neun Aulija“ (Freunde Allahs) nach Indonesien. Durch sie verbreitete sich der Islam nicht nur unter der Bevölkerung, sondern auch einige Fürsten bekannten sich beeindruckt von deren vorzüglichem Verhalten zum Islam. In der Folge nahm nach und nach fast die gesamte Bevölkerung Indonesiens den Islam an. Indonesien ist mit seinen ca. 215 Mio. Einwohnern heute das zahlenmäßig größte muslimische Land (85-90 Prozent Muslime) und aufgrund dessen Geschichte ein starker Beweis gegen die „These“, der Islam sei mit dem Schwert verbreitet worden. Über das Land sind ca. 30.000 Schulen für die Vermittlung islamischer Wissenschaften verteilt, die meisten davon sind bis heute durch die Methoden der hadramitischen Schule geprägt.

Die Gelehrsamkeit in und um den Ort Tarim im Hadramaut jedoch litt zuletzt vor allem unter der Diktatur des kommunistischen Regimes, das bis 1990 den Südjemen beherrschte, nachdem der Ort vom Einfluss der Kolonialmächte größtenteils verschont geblieben war. Gelehrte wurden verschleppt, Moscheen und Schulen geschlossen sowie Bücher und Handschriften vernichtet. Seit dem Ende des Kommunismus lebt der Geist der Schule des Hadramaut jedoch wieder auf. In zumeist sehr alten und relativ kleinen Moscheen, die wie alle Gebäude mit den für diese Region berühmten Lehmziegeln erbaut wurden, sowie in den Häusern der Gelehrten finden Versammlungen (Halaqat) statt, in denen entweder aus den verschiedenen islamischen Wissenschaften gelehrt wird oder in denen man zum Gedenken Allahs zusammenkommt.

Zudem wurden bereits bestehende Schulen wiedereröffnet und insbesondere durch die Gründung des Instituts „Dar Al-Mustafa“ vor etwa zehn Jahren wird Tarim immer mehr zu einem Treffpunkt für Muslime aus aller Welt, was vor einigen Jahren durch den Anschluss einer Sprachschule zusätzlich erleichtert wurde. In diesem Institut, sowie in dessen Abteilung für Frauen (Dar Az-Zahra) lernen und leben zur Zeit ca. 900 Studenten, von denen die meisten aus dem Jemen und aus Indonesien stammen, viele jedoch auch aus Afrika, Europa, Amerika und Australien anreisen. Es wird auch hier nach dem traditionellen System, das heißt in Studierzirkeln (Halaqat) und in den klassischen islamischen Wissenschaften gelehrt. Es geht dabei insgesamt um die Wiederbelebung dieser Wissenschaften und die Vermittlung des Verständnisses von Qur’an und Sunna durch frühere Gelehrte zur Implementierung in der heutigen Zeit. Dies ist deshalb von großer Bedeutung, da heute bei vielen Muslimen das Verständnis von Qur’an und Sunna der Überlieferungskette bis zurück zum Propheten entbehrt, weshalb sich allzu viele unterschiedliche Auffassungen verbreitet haben, die zudem aufgrund einer mangelnden Charakterausbildung oft zu Intoleranz und „Clandenken“ führen.

Zu den bekanntesten Persönlichkeiten, die aus diesem Institut hervorgegangen sind, gehört Habib Ali Zain Al-Abidin Al-Jifri, der mittlerweile auch einige deutsche Städte besucht hat.

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