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„Die seelische Abhängigkeit ist schlimmer“

Gespräch mit der „SLASH e.V. Drogenhilfe“ über den Drogenmissbrauch unter muslimischen Jugendlichen - Von Yasin Alder, Bonn

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Der Verein „SLASH e.V. Drogenhilfe und Prävention für Angehörige des islamischen Kulturkreises“ wurde 1997 in Wuppertal gegründet und bislang vor allem dort lokal tätig. Der Impuls dazu war die Beobachtung, dass das Problem des Drogenmissbrauchs speziell unter Jugendlichen, muslimischen wie auch nichtmuslimischen, existent ist, bei muslimischen Jugendlichen aber ungleich weniger thematisiert wird. Hier greifen auch die bestehenden Beratungsstellen oft nicht, weil sie kaum aufgesucht werden. In der muslimischen Gesellschaft werde das Thema Drogenabhängigkeit noch stärker tabuisiert und ignoriert als in der nichtmuslimischen Mehrheitsgeselleschaft, berichtet Kawther El-Qasem, Erste Vorsitzende von SLASH, im IZ-Gespräch. Auch viele Eltern verschlössen leider oft die Augen vor diesem Problem – oft werde es entweder schlicht geleugnet und als Problem nur der deutschen Gesellschaft gesehen, oder als schlechter Einfluss derselben. Die Betroffenen würden von vielen nicht mehr als Muslime angesehen, sodass man sich auch nicht mehr für sie verantwortlich fühlt. Islamisch gesehen sei das natürlich nicht korrekt, da sie trotz ihrer Drogenabhängigkeit ja immer noch Muslime sind. Beide Reaktionen sind Mechanismen der Verdrängung, die aber zu keiner Problemanalyse, noch zu einer Lösung des Problems führen. Zudem gibt es oft auch sprachliche und kulturelle Probleme, die erschwerend hinzu kommen.

Islamische Zeitung: Was sind die Ursachen für Drogenkonsum bei muslimischen Jugendlichen?

Kawther El-Qasem: Man kann das nicht verallgemeinert sagen; jede Sucht hat ihre eigene Geschichte. Es sind aber überwiegend männliche Jugendliche betroffen und auffallend oft solche, die als Kind in die Heimat geschickt worden waren, dort bei den Großeltern oder anderen Verwandten aufgewachsen sind und dann wieder nach Deutschland zurück kamen. Sie hatten also einen häufigen Wechsel von Bezugspersonen oder einen Wechsel der gesellschaftlichen Umgebung, bei dem sie jedoch nicht ausreichend unterstützt wurden. Die Lösungsstrategien der Familien bei Drogenabhängigkeit der Kinder sind dann oft sehr einfach gestrickt. Zunächst glaubt man, der Betroffene müsse sich einfach nur selbst zusammenreißen, es wird also nicht als Krankheit akzeptiert. Gerade in türkischen Familien findet man häufig die Ansicht, der Sohn müsse einfach zum Militär, wo er dann schon zu einem richtigen Mann werde und mit den Drogen aufhöre. Oder die Auffassung, der Betroffene müsse möglichst schnell Verantwortung übernehmen, was dann dazu führe, dass er „mit dem Quatsch aufhört“. Oft werden dann Ehen arrangiert, zumeist mit einer Frau aus dem Herkunftsland. In der Regel ist das Problem damit aber noch nicht gelöst, und es führt dazu, dass die Ehefrau, die mit der Situation überfordert ist, und die Kinder darunter sehr zu leiden haben. Oder drogenabhängige Kinder werden in die Heimat geschickt, vorzugsweise in ein abgelegenes Dorf, wo sie keinen Zugang zu Drogen haben sollen. Die Betroffenen haben dort dann Entzugserscheinungen, doch sobald sie zurückkommen, setzt sich meist die Sucht fort, da sie nicht verarbeitet worden ist. Denn die seelische Abhängigkeit ist schlimmer als die körperliche. Es fällt den Angehörigen schwer, zu akzeptieren, dass in ihrer eigenen Familie Gründe für die Sucht liegen.

Islamische Zeitung: Gibt es Zahlen, wieviel Prozent der muslimischen Jugendlichen von dem Problem betroffen sind?

Kawther El-Qasem: Statistische Zahlen dazu sind mir nicht bekannt, sind aber auch kritisch zu betrachten. Die Tendenz ist aber steigend, wie auch in der Gesamtbevölkerung generell. Bei Muslimen gibt es Faktoren, die verschärfend wirken können, etwa der verstärkte Generationenkonflikt, das Aufwachsen zwischen zwei Kulturen und Lebensweisen und so weiter, gerade bei Jugendlichen, die nicht so fest im Glauben verwurzelt sind. Generell werden bei Verstößen gegen das Betäubungsmittelgesetz Menschen mit einem ausländischen Pass oft härter bestraft als Deutsche, und sie sind dann auch von Abschiebung bedroht.

Islamische Zeitung: Wie gehen die Anhängigen selbst mit dem Problem um?

Kawther El-Qasem: Wenn sie aus einer gläubigen Familie kommen, spielt der Gewissenskonflikt auch eine Rolle, da man weiß, dass das eigene Verhalten auch gegen den Glauben verstößt, und sie dadurch eine besondere Art von Schuldgefühlen, aber auch Schamgefühlen haben. Sie fühlen sich aber noch immer den Muslimen zugehörig, wissen aber auch, wie sie von anderen Muslimen wegen ihrer Drogensucht angesehen werden. Niemand würde zum Beispiel auf die Idee kommen, in die Moschee zu gehen und dort Zuflucht zu suchen, was sehr schlimm ist, denn diese Möglichkeit sollte ihnen natürlich offen stehen. Dies verhindert auch, dass die Moschee stärker als Ort der Prävention fungieren kann, da eben viele Jugendliche sich dort seitens der älteren Generation nicht willkommen fühlen, was sehr schade ist.

Islamische Zeitung: Welchen methodischen Ansatz verfolgt SLASH?

Kawthar El-Qasem: Wir können derzeit aus finanziellen und personellen Gründen keine großen Sprünge machen. Wir sehen uns zunächst als ein Verein, der Impulse geben und zur Verbesserung des Angebots in den bestehenden Regeleinrichtungen beitragen möchte. Es geht darum, die Menschen für die besonderen Bedürfnisse der Muslime zu sensibilisieren. Wir wollen uns dafür einsetzen, dass zum Abbau der Sprachbarriere Mitarbeiter eingestellt werden, die noch eine andere Sprache sprechen oder selbst einen Migrationshintergrund haben. Das hilft bereits sehr, um die Hememschwellen bei den Betroffenen zu senken, die sich dann eher verstanden fühlen. Wir haben in Wuppertal zusammen mit der dortigen Drogenberatungsstelle den „Arbeitskreis Migration und Sucht“ gegründet, im Jahre 2000 eine Fachtagung zu diesem Thema mitorganisiert und auch schon an der Suchtpräventionswoche Nordrhein-Westfalen teilgenommen. Wir sind dann Mitglied der Fachgruppe Sucht der Stadt Wuppertal geworden und auch in der Untergruppe Migration und Sucht. Die Gruppen sollen eine Vernetzung zwischen den verschiedenen Einrichtungen herstellen und neue Ideen entwickeln, die dann an die Stadt herangetragen werden. Dies geht allerdings nur langsam voran, und im Moment ist die Lobby für russischsprachige Aussiedler sehr stark, die ja einen deutschen Pass haben und dadurch rechtlich leichter zu bearbeiten sind. Zudem gibt es auch mehr Fachkräfte, die den gleichen Hintergrund haben. Langfristig wollen wir auch eigene Einrichtungen eröffnen können.

Islamische Zeitung: Wie wurde SLASH als islamische Gruppe von den anderen Einrichtungen aufgenommen?

Kawther El-Qasem: Die Resonanz war sehr positiv; man hatte lange gewartet, dass sich jemand um das Problem kümmert, denn man gibt zu, dass man sich nicht in der Lage fühlt, alleine damit umzugehen. Weder ist dazu die interkulturelle Kompetenz vorhanden, noch die Sprache, noch das Wissen und der Zugang zu den betroffenen Muslimen, welche aus diesen Gründen dann auch kaum in den Einrichtungen auftauchen. Islamische Zeitung: Welche Aktivitäten hat SLASH bisher sonst noch durchgeführt?

Kawther El-Qasem: Wir haben die Einrichtung „Dönüs“ bei Nürnberg besucht, das ist eine Drogentherapieeinrichtung für Männer aus dem orientalischen Kulturkreis, die von einer Nürnberger Drogenberatungsstelle getragen wird. Man hat dort nicht den Anspruch, eine konzeptionell islamische Drogentherapie anzubieten, jedoch werden die speziellen Bedürfnisse der Muslime respektiert, und viele Therapeuten sind selbst Türken oder Marokkaner. Unser Ziel bei SLASH ist es, darüber hinaus ein Konzept zu entwickeln, das die Ressourcen des Glaubens und der Kultur für die Beratung und Therapie optimal nutzt, während diese bisher, vor allem von Nichtmuslimen, eher als Handicap betrachtet werden. Sucht kommt von Suchen; Glaube, als sinngebendes Konzept, ist da ein Angebot.

Islamische Zeitung: Auf welche Probleme Ihr bei Eurer Arbeit noch gestoßen?

Kawther El-Qasem: Es kommt immer wieder vor, dass muslimische Abhängige sich schämen und daher eher zu einem nichtmuslimischen Berater gehen und anonym bleiben wollen – man könnte sich ja in der Moschee noch einmal begegnen. Ein internes Problem ist, dass wir unter unseren derzeit 10 Mitgliedern nicht genügend aktive Mitglieder haben, die auch professionell mit dem Thema arbeiten, also ein entsprechendes qualifizierendes Studium aufweisen können, etwa im sozialpädagogischen oder psychologischen Bereich. Ohne solche Mitarbeiter können wir auch keine Beratungsstelle einrichten. Wir hoffen, dass sich vielleicht Leser dieses Artikels bei und melden, die vielleicht eine solche Qualifikation haben und gern mitarbeiten würden. Wie gesagt, die Kontakte zu städtischen Gremien und anderen Trägern bestehen schon.

Islamische Zeitung: Habt Ihr neben der Beratungsstelle noch sonstige Ziele in nächster Zeit?

Kawther El-Qasem: Wir wollen auch verstärkt in der Prävention tätig werden und dazu einen Workshop veranstalten. Ansonsten wollen wir weiterhin Vorträge in Moscheen halten und Infostände machen wie bisher. Leider werden von vielen älteren Muslimen oft eher Probleme anderswo, die man in den Nachrichten sieht, wahrgenommen als die eigenen Probleme vor der Haustür. Wir sind aber vor Allah verantwortlich für das, was hier in unserem Einflussbereich liegt, zumal für unsere eigenen Kinder. Hier muss ein Umdenken stattfinden, auch damit die Jugendlichen hier Wurzeln schlagen können.

Islamische Zeitung: Sehr geehrte Frau El-Qasem, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Kontakt- und Spendenadresse: SLASH e.V., Postfach 13 07 12, 42034 Wuppertal, eVslash@hotmail.com Kontonummer: 967 612 BLZ: 330 500 00 Stadtsparkasse Wuppertal

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