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Die spirituelle Frau

Biografische Anmerkungen zu den weiblichen Sufis

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Foto: Archiv

(iz). Die Wissenschaft und Lebenspraxis des Tasawwuf richtet sich, wie alle islamischen Wissenschaften, an beide Geschlechter. Obwohl in Zeiten des Niedergangs und der Moderne der weibliche Anteil an der Pflege und dem Ausbau dieser Kenntnisse oft unterschlagen wurde, und in heutigen Debatten nicht auftaucht, gibt es diverse biografische Quellen, die einen Einblick ermöglichen.

Eine der ersten bedeutenden Frauengestalten im Tasawwuf war Rabi’a Al-Adawijja (95-185/713-801). Ihr Ausgangspunkt war weder die Furcht vor der Hölle, noch der Wunsch nach dem ­Paradies, sondern nur die Liebe. „Allah ist Allah“, sagte sie, „und dafür liebe ich Allah (…) nicht wegen irgendwelcher Gaben, sondern um Seiner selbst willen.“ Es gibt einige wundervolle Geschichten über Rabi’a und ihren Zeitgenossen, den berühmten Gelehrten und Schaikh Al-Hasan Al-Basri. Er sagte über sie: „Ich verbrachte eine ganze Nacht und einen Tag mit Rabi’a – über den Weg und die Wahrheit sprechend – und es kam mir niemals in den Sinn, dass ich ein Mann war, noch kam es ihr in den Sinn, dass sie eine Frau war; und am Ende, als ich sie anschaute, sah ich mich selbst als spirituell bankrott und Rabi’a als wahrhaft aufrichtig.“

Es gibt die berühmte Begebenheit, als Hasan kommt, seinen Teppich auf dem Wasser ausbreitet, auf dem Wasser sitzt und Rabi’a ruft, zu ihm zu kommen und sich mit ihm zu unterhalten. Daraufhin wirft sie ihren Teppich in die Luft, fliegt zu ihm hoch und sitzt dort und sagt: „Oh Hasan, komm hier nach oben, wo die Leute uns besser sehen können.“ Hasan schweigt, und Rabi’a sagt dann: „Hasan, was du tust, kann auch ein Fisch tun (…) und was ich tue, kann auch eine Fliege. Die wirkliche Arbeit liegt jenseits von beidem.“

Ein anderes Mal fragte sie den Sufi Rabah Al-Qaisi: „Sind die Tage und Nächte lang für dich?“ „Warum sollten sie es sein?“, fragte er. Sie sagte: „Wegen deiner Sehnsucht, Allah zu erblicken.“ Als er dies hörte, schwieg er, und Rabi’a sagte: „Was mich betrifft, so lautet die Antwort ‘Ja’.“

An einem Frühlingstag war Rabi’a in ihrem Zimmer, und ihr Diener rief: „Komm heraus und siehe, was der Schöpfer gemacht hat!“ Rabi’a antwortete: „Komm lieber herein und sehe den Schöpfer! Mich beschäftigt die Kontemplation des Schöpfers, und daher kümmere ich mich nicht darum, zu kontemplieren, was Er erschaffen hat.“

Lehrerinnen
Die Jahrhunderte hindurch waren Frauen im Tasawwuf aktiv, oft weniger sichtbar und weniger direkt als Männer, aber nicht weniger aktiv. Viele der berühmten Schujukh (pl. von Schaikh) hatten Lehrerinnen, Schülerinnen und Frauen in ihrem Umfeld, die sie stark beeinflusst haben.

Ibn ‘Arabi (560-638/1165-1240) berichtet über die Zeit, die er mit zwei älteren weiblichen Sufis verbracht hatte und die einen tiefgründigen Einfluss auf ihn ausgeübt haben: Schams von Marchena und Fatima von Cordoba.

Jemand, den Abu Jazid Al-Bistami (gest. 260/874) sehr hoch geschätzt hatte, war Fatima von Nischapur (gest. 223/838), von der er sagte: „Es gab keine Station auf dem Weg, von der ich ihr berichtete, die sie nicht bereits schon hinter sich gelassen hatte.“

Jemand fragte einmal den großen ägyptischen Sufi-Meister Dhu’n-Nun Al-Misri: „Was denkst du, wer ist der höchste unter den Sufis?“ Er antwortete: „Eine Frau in Mekka, genannt Fatima von Nischapur, deren Ansprachen ein tiefgründiges Verständnis der inneren Bedeutungen des Qur’an zeigen“. Er sagte über sie: „Sie ist eine der Freunde Allahs und meine Lehrerin.“

Abu Hafs Al-Haddad (gest. 264/878), der bereits von anderen weiblichen Lehrern gelernt hatte, bevor er sie traf, sagte: „Ich sah, dass der Allmächtige Wissen und Erkenntnis gewährt, wem immer Er möchte.“

Das biographische Werk „Tabaqat Al-Kubra“ von Asch-Scha’rani verfügt über ein den Frauen gewidmetes Kapitel, in welchem einige Frauen erwähnt werden, die der Autor kannte. Darin erwähnt er etwa Mu’adha Al-’Adawijja, die von ‘A’ischa [der Frau des Propheten] überlieferte, 600 Gebetseinheiten pro Tag verrichtete und nach dem Tod ihres Ehemannes nie mehr schlafen ging. Madschida Al-Quraschijja, die versuchte, sich ständig des Todes bewusst zu sein, damit sie nicht in Gedankenlosigkeit verfallen konnte. ‘A’ischa bint Dscha’far As-Sadiq, die von der Hoffnung auf Allahs Gnade bestimmt war. Die Frau von Rabah Al-Qaisi, die die ganze Nacht hindurch zu beten pflegte und dann ihren Ehemann zum Morgengebet weckte. Fatima An-Nisaburi Rabi’a Bint Isma’il, die sagte: „Ich höre nie den Gebetsruf, ohne mich an die Versammlung am Tag der Auferstehung zu erinnern. Ich sehe niemals Schnee, ohne mich an die Seiten der Bücher zu erinnern, welche die Taten der Menschen enthalten. Ich fühle niemals Hitze, ohne mich an die Letzte Versammlung zu erinnern.“

Asch-Scha’rani erwähnt auch Umm Harun, die nur Brot aß und die ganze Nacht hindurch betete. ‘Amra, die Frau von Habib, einem anderen Sufi, welche die ganze Nacht zu beten pflegte und dann ihren Ehemann vor dem Morgengrauen aufweckte und sagte: „Wach auf, Mann! Die Nacht ist vorüber und der Tag ist gekommen. Der Stern der Höchsten Versammlung hat sich aufgelöst, und die Karawanen der Rechtschaffenen sind fortgezogen, und du bist zu spät, um sie zu erreichen.“

Es gab auch Amatu’l-Dschalil, zu welcher die Sufis ihrer Zeit gingen, um einen Disput über die Definition von Wilaja (Gottesfreundschaft) zu lösen. Sie sagte zu ihnen: „Wenn irgendjemand euch sagt, dass der Wali Allahs mit irgendetwas beschäftigt ist außer Allah dem Allmächtigen, so nennt ihn einen Lügner.“

Weiterhin ist ‘Abida bint Abi Kilab zu nennen. Sie hörte einst jemanden sagen: „Der Gottesfürchtige erreicht keine wirkliche Furcht vor Allah, ehe er sich nach nichts anderem mehr sehnt, als vor Allah zu stehen“, woraufhin sie in Ohnmacht fiel.

Und es gab Hafira Al-’Abida, zu der die Menschen ihrer Zeit kamen, um sie um ihr Bittgebet zu bitten.

Wir finden auch die Perserin Scha’wana, die immerfort weinte. Männer und Frauen versammelten sich um sie, um ihre Vorträge zu hören. Sie sagte: „Der Weinende weint wegen dem, was er von sich selbst weiß, was er getan hat und wohin er reist.“ Jemand bemerkte über sie: „Seit dem Moment, als meine Augen auf Scha’wana fielen, war ich, aufgrund ihres Segens, nie wieder weltlichen Dingen zugeneigt und habe keinen Muslim mehr unterschätzt.“

Eine weitere berühmte Frau war Amina Ar-Ramlijja. Bischr ibn Al-Harith (gest. 226/841) pflegte sie zu besuchen. Dann wurde er krank, und Amina besuchte ihn. Als sie gerade anwesend war, kam Ahmad ibn Hanbal (auf den die hanbalitische Rechtsschule zurückgeht), um ihn zu besuchen, und fragte Bischr: „Wer ist das?“ Er antwortete: „Dies ist Amina Ar-Ramlijja. Sie hörte, dass ich krank bin, und ist gekommen, um mich zu besuchen.“ Daraufhin bat Ahmad ibn Hanbal Bischr darum, Amina zu bitten, ein Bittgebet zu sprechen.

Es gibt viele, viele weitere Beispiele in der ganzen muslimischen Welt, wie Fatima oder Dschahan-Ara, die Lieblingstochter von Schah Dschahan, dem Mogul-Herrscher Indiens (1592-1666). Sie schrieb ein Buch über Tasawwuf namens „Risala-i Sahibijja“.

‘A’ischa von Damaskus war eine der bekanntesten Sufis des 15. Jahrhunderts. Sie verfasste einen berühmten Kommentar zu Al-Ansaris „Manazil As-Sa’irin“ (Stationen der den Weg Beschreitenden) namens „Verschleierte Andeutungen“. Sie hat auch einen Diwan, eine Sammlung von Gedichten, hinterlassen. Es gab noch viele weitere weibliche Sufis, insbesondere in Marokko und Mauretanien.

Akteurinnen
Um zu einem zeitgenössischeren Thema zu kommen, wenden wir uns nun nach Algerien. Unter dem Stamm der Ait Isma’il in den Dschurdschura-Bergen der Kabylei finden wir einige Beispiele von weiblicher Führerschaft in den Sufi-Zawijjas, insbesondere unter der Rahmanijja-Tariqa. In deren zentraler Zawijja starb ihr Schaikh im Jahre 1836-37, und seine Witwe, Lalla Khadidscha, übernahm die Führerschaft. In der folgenden Dekade trat ihre älteste Tochter, Lalla Fatima, die Frau des neuen Schaikhs der Rahmanijja, als Anführerin während des französischen Angriffs auf die Dschurdschura-Berge zwischen 1856 und 1857 hervor. Lalla Fatima organisierte nicht nur den Widerstand gegen die Kolonialarmee, sondern kämpfte auch selbst an der Seite der Männer.

Daneben ist das Beispiel von Lalla Zainab bint Muhammad zu nennen, das von Julia Clancy-Smith ausführlich dokumentiert worden ist. Lalla Zainab wurde in Al-Hamil, Algerien, um das Jahr 1850 geboren. Al-Hamil ist der Ort, an dem sich die Rahmanijja-Zawijja von Sidi Muhammad bin Al-Qasim (1823-1897) befand. Er starb im Juni 1897, und die Franzosen gingen davon aus, dass die Leitung der Zawijja ganz selbstverständlich an seinen Neffen, Muhammad ibn Al-Hadsch Muhammad, der den Franzosen wohl gewogen war, gehen würde.

Doch sie hatten nicht mit der Tochter des Schaikhs, Lalla Zainab (1850-1904), gerechnet. Sie übernahm, trotz des intensiven Widerstandes der Beamten des französischen „Bureau Arabe“ in Bou Saada, selbst die Aufsicht über die Zawijja, wobei sie auch die Verantwortung für Ausbildung und soziale Wohltätigkeit innehatte. Diese Zawijja hatte als Zentrum vielen Leuten Zuflucht geboten, darunter politischen Flüchtlingen aus dem Aufstand von Sidi Auad Schaikh von 1864 in Westalgerien und dem Muqrani-Aufstand von 1871 im Nordwesten des Landes. Lalla Zainab erlangte ihr Wissen über die Funktionsweise des Kolonialregimes von diesen Flüchtlingen. Als sie 1897 die Zawijja übernahm, war sie vertraut damit, wie diese funktionierte. Ihr Vater hatte sich sehr um ihre Ausbildung bemüht. Ironischerweise waren es die lokalen französischen Kolonialbeamten, die sich am vehementesten gegen Lalla Zainab stellten, weil sie eine Frau war.

Abu Jazid Al-Bistami wurde gefragt, den Sufi zu beschreiben, und er sagte: „Er ist derjenige, der das Buch Allahs in seine rechte Hand und die Sunna in seine linke Hand nimmt, mit einem Auge auf den Garten und mit dem anderen auf das Feuer blickt, sich mit dem Gürtel dieser Welt gurtet und mit dem Mantel der nächsten Welt kleidet, und zwischen all dem zu seinem Meister sagt: ‘Zu Deinen Diensten, Oh Allah, zu Deinen Diensten.’“ Und Sidi Ali Al-Dschamal sagte: „Der Einzige, der den Beweis benötigt und Licht mit der Kerze sucht, ist derjenige, der sich in der Dunkelheit der Nacht befindet. Wenn der Tag anbricht und die Sonne aufgeht und scheint, braucht er weder Lampe noch Kerze mehr.“

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Aisha Bewley

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