IZ News Ticker

Die Stufen der spirituellen Reinigung

Jenseits der Leidenschaften - Kommentar einer Qasida aus dem Diwan von Schaikh Muhammad ibn Al-Habib - Sidi Fudul ibn Muhammad Al-Hawari

Werbung

Diese Qasida [Ode] aus dem Diwan [Gedichtsammlung] von Schaikh Muhammad ibn Al-Habib besteht aus sieben Versen. Der erste Vers erklärt, was gewünscht wird und beschreibt die Mittel, dies zu erreichen. Also sagt der Schaikh:

Wenn du wirklich Reinigung willst Von jeglichem Schirk [Beigesellung] und Selbst-Beachtung, Und aus der Quelle von Tasnim trinken [willst], Bis dein Durst gestillt ist.

Dieser Vers ordnet die Reisenden [auf dem spirituellen Pfad] in drei Kategorien: Zwei davon sind tadelnswert und eine lobenswert. Die erste Kategorie, die zu tadeln wäre, besteht aus jenen, die eine falsche Behauptung erheben. Was sie über sich selber sagen, entspricht nicht ihren Handlungen und ihrem wahren Zustand. Sie suchen Einheit ohne deren Ursache und sie verlangen nach Nähe in ihren Köpfen, während sie untätig sind. Sie versinken im Meer ihrer Leidenschaften, blind in ihrer Abwesenheit von der Wirklichkeit. Ibn ‘Atai’llah sagte: „Hoffnung ist verbunden mit Handlung. Andernfalls ist sie bloßes Wunschdenken.“ Allah, der Allmächtige, sagt im Qur’an: „So bete Ihn an und vertraue auf Ihn.“ (Al-Hud, 123)

Wen jemand sein Ziel erreichen will, sein Verlangen nach Wissen von seinem Herrn [Ma’rifa] stillen will, und Allahs Wohlgefallen und Seine Nähe erlangen möchte, während er der Handlung ausweicht und mit falschem Anspruch und Faulheit beginnt, dann ist er bloß einer der Leute der unwahren Behauptungen. Er ist verloren in einem Meer des Verlangens des Selbst und der Leidenschaft. Sehr ihr denn nicht, dass Allah denjenigen, der einen Götzen aus seinen eigenen Launen macht, vom Wissen fernhalten wird?

Die zweite Kategorie besteht aus jenen, die Handlungen haben und sich auf ihre eigenen Handlungen verlassen, um ihre Hoffnung zu realisieren. Sie handeln für Allah mit der Aussicht, etwas zu erlangen, und aus Liebe zu Ansehen im Herzen anderer. Daher assoziieren sie etwas-anderes-als-Allah mit Ihm. Sie sind sowohl Sklaven Allahs als auch Sklaven der Begierde. Dies kommt vom versteckten Schirk [Beigesellung]. Daher ist die Handlung solcher Menschen fehlerhaft und führt ins Nichts. Wer hofft, seinem Herrn zu begegnen, sollte mit Aufrichtigkeit handeln und nichts mit der Anbetung seines Herrn in Verbindung bringen. In einem Hadith-Qudsi [die Rede Allahs an Seinen Gesandten, die nicht Teil der qur’anischen Offenbarung ist] sagt Allah: „Ich bin absolut. Der, Der keiner Partnerschaft bedarf. Wer also etwas tut und es dabei einem anderen widmet außer Mir, vom dem sage Ich Mich ab und betrachte ihn als einen Götzenanbeter.“

Wenn jemand handelt, und sei es für Allah, und darin sein Eigeninteresse sieht und die Handlung als solche hochhält, kommt dies vom versteckten Schirk, der unter den Wissenden von Allah als tadelnswert betrachtet wird. Mein Schaikh sagte: „Wenn dein Herz frei ist von der Krankheit des versteckten Schirk, dann wird es zufrieden sein mit dem Geschmack, dem Trank und der Ekstase [nicht im wörtlichen, weltlichen Sinne; dies sind Metaphern der Sprache der spirituellen Welt].“

Was die dritte und lobenswerte Kategorie betrifft, so sind ihre Leute diejenigen, die sich anstrengen, Gebrauch von den Mitteln und Handlungen zu machen, während sie sich bei der Erreichung ihrer Ziele vollkommen auf Allah verlassen. Die Hoffnung auf Erfolg liegt in den Worten Allahs: „So bete Ihn an und vertraue auf Ihn.“ (Al-Hud, 123)

Sie sind die Menschen, die sich am Wert ihrer Handlungen erfreuen sowie an ihrer Aufrichtigkeit im Trinken des Nektars der Einheit und des Weines der Liebe. Allah hat ihre Herzen vom versteckten Schirk und vor falschem Anspruch gereinigt. Sie betrachten ihre Taten eher im Hinblick auf die Wirklichkeit als auf die Schöpfung und Leidenschaft. Und so sind sie Sklaven Allahs in all ihren Zuständen. Wer ihren Rang erreichen will und wer auf ihrem Weg reisen will, wird notwendig finden, zu was der Schaikh im zweiten Vers führt:

Du musst dich selbst in Ausdauer hüllen, Binde dir Reue um deinen Kopf, Trage das Gewand der überzeugten Selbst-Verleugnung, Und erschöpfe darin deine Stärke.

Der Schaikh richtet sich hier an den Suchenden, der sich auf die spirituelle Reise machen möchte – von der Gegenwart der Schöpfung und Kreaturen zur Gegenwart der Realität, des direkten Sehens und der Vision als eine Belohnung für seine Vorbereitung, Dienstleistung, Sehnsucht und Liebe. Das Ende ist bei eurem Herrn. Das Ziel ist die Einheit mit Seinem Wissen, und nur die Standhaften können es erlangen und es sind diejenigen, die immens glücklich sind, die dieses Ziel erreichen können. Wer diesen Rang erlangen will, muss sich einen Gürtel aus Sehnsucht umbinden. Vor allem anderen muss er sich in Standhaftigkeit und Durchhalten hüllen.

Standhaftigkeit ist der Schlüssel zu allem Guten. Sie beschränkt die Triebseele auf das, was ihr zuwider ist, um zu bekommen, was sie liebt und nach dem sie verlangt. Dies gelingt durch das Suchen nach der Hilfe Allahs, um Schwierigkeiten zu beenden, sowie um Schleier und Hindernisse hinwegzufegen. Standhaftigkeit im Gehorsam gegenüber Allah ist wie ein Stahlträger beim Bau. Wäre es nicht wegen der Standhaftigkeit, dann gäbe es keine Reue, keine Selbst-Erneuerung, Selbst-Verleugnung, kein Vertrauen, Furcht oder Hoffnung.

Nach der Vorbereitung durch das Anlegen der Standhaftigkeit sollte sich der Suchende den Turban der Reue und Selbst-Erneuerung umlegen. Das bedeutet ein allgemeines Aufgeben der falschen Handlungen, seien sie groß oder schmal, alt oder neu. Es ist das Aufgeben aller Dinge, die ihn auf seinen Weg von Allah abschneiden, damit er aufhört, seine eigene Handlung oder Macht oder Kraft zu sehen. Also beginnt der Suchende mit Reue und Selbst-Erneuerung, denn der Verzicht (Takhalli) geht der Verschönerung (Tahalli) voraus. Reue besteht sowohl aus schlechtem Gewissen wegen vergangener falscher Taten und dem Vergessen [Allahs], als auch in der Widmung des eigenen Selbst für Allah in allen Handlungen des Gehorsams gegenüber Allah, der Annäherung an Ihn und der Vermeidung verbotener und zweifelhafter Dinge. So wächst die Hoffnung durch Handlungen des Gehorsams und die Furcht durch Vermeidung verbotener Dinge. Darauf hinweisend sagt uns der Schaikh:

Und du brauchst ein gutes Paar starker Sandalen, Eine aus Hoffnung und eine aus Furcht, Mit einem Stab deiner Gewissheit, Und einem Vorrat an reiner Taqwa.

Der alltägliche Reisende braucht für seinen Weg ein Paar Sandalen – aus Furcht vor Seuchen und schädlichen Situationen. Auf die gleiche Weise braucht der Reisende als Wanderer zur Gegenwart des Königs aller Könige Furcht, die ihn Konflikte aufgeben lässt, und Hoffnung, die ihm den Mut gibt, Handlungen, die Allah gefällig sind, zu vollziehen. Also sollte er sowohl Furcht als auch Hoffnung haben. Unabhängig davon, ob er einer der Leute der Gerechtigkeit und Ausgeglichenheit ist oder einer der Leute des Überfließens und der Geschenke, er muss sich immer auf Allah verlassen. Und wenn er sein eigenes Wohlergehen und persönliches Glück vor Augen hat, dann braucht er die Gewissheit, dass es Allah, der Allmächtige ist, der ihm das Ersehnte gibt. Dann wird Gewissheit die gute Meinung von seinem Herrn bei der Vereinigung mit Seiner Ma’rifa und Seiner Nähe bereichern. Diese Gewissheit und dieses Vertrauen wird in der Aussage des Schaikhs „mit einem Stab deiner Gewissheit“ ausgedrückt. Und was die Worte „und einem Vorrat an reiner Taqwa (Furcht vor Allah)“ angeht, so ist dies Gehorsam und die Vermeidung, die aus der vorher erwähnten Furcht und Hoffnung erwächst.

Wissen ist der Schlüssel für Handlung und Vorraussetzung für die Erfüllung aller Wünsche. Allah wird nur durch Wissen angebetet und kann nur durch Wissen erkannt wer. Schaikh Muhammad ibn Al-Habib sagt:

Du brauchst auch den Zügel des Wissens, Für den Hengst der hohen Sehnsucht, Und den Schutz eines vertrauenswürdigen Gefährten, Der deine Glieder vor Schaden bewahrt.

Es gibt zwei Arten des Wissens: Wissen von den Regeln der Schari’a und Wissen vom Adab [spirituelle Höflichkeit] der Realität und des Weges. Die Besitzer des zweiten Wissens sind die ‘Arifun und die unterrichtenden Schujukh [Plural von Schaikh]. Sie sind diejenigen, die den Suchenden über die Fehler seines Selbst unterweisen, sowie seine Krankheiten, deren Behandlung und Heilung. „Wer sich selbst kennt, der kennt seinen Herren“ und wer seinen Herrn kennt, dem wurde Sein Wissen und Seine Nähe gewährt. Es gibt zwei Arten von Reisenden – entsprechend ihres Ziels, ihrer Absicht und ihrer Erwartungen. Unter ihnen sind jene, die den Garten und seine Abstufungen durch Handlungen erreichen wollen. Und unter ihnen sind aber auch jene, die es nach der Gegenwart der Realität und ihrer Manifestationen verlangt. Sie sind die Leute der hohen Erwartungen und der glorreichen Rangstufen. Er bezieht sich darauf in den Worten „den Hengst der hohen Sehnsucht“. Dies meint ein Verlangen und eine Erwartung, die über die die Formen hinausgeht und nur mit dem Schöpfer der Formen zufrieden ist. Durch sein Wissen und durch seine Handlung sucht der Murid die Zustimmung und das Wohlgefallen von Allah, indem er seine Erwartung über die Welt und ihre Energien hinaus richtet. Aber auch über den Garten und seine Stufen hinaus, sodass er Ihn und für Ihn anbetet und Liebe für Ihn hat und Hoffnung auf Sein Wohlgefallen und Nähe. Also gibt es einige Leute, die beten, um eine Belohnung zu erhalten und manche, weil sie die Hoffnung auf Annäherung haben. Dies wurde „Hengst“ genannt, denn der Reiter des Hengstes ist an einem hohen Ort und derjenige mit einer hohen Erwartung hat einen hohen Rang. Danach sagt er:

Eile zu deinem Ziel, Sei vorsichtig, nicht dabei zu verharren, Über die materielle Existenz zu reflektieren, Die deine Heimstatt vor dir verschleiert.

Der Wanderer muss seine Gliedmaßen auf seiner Wanderschaft behüten. Er muss sie davor bewahren, dass sie in schwerwiegende falsche Taten geraten. Wann immer sie von dem Weg abweichen wollen, muss er sie zurückhalten, denn er weiß, dass Allah, der Allmächtige, ihn beobachtet, seine Geheimnisse kennt und weiß, was er verbirgt. „Wir sind ihm näher als (seine) Halsschlagader.“ (Al-Qaf, 16)

Wenn ihr erfolgreich sein wollt, dann wendet euch im Herzen und im Geist eurem Herrn zu. Wendet keine Aufmerksamkeit dem zu, was euch an Wundern und ungewöhnlichen Ereignissen begegnet, denn diese werden euch von eurer Reise abhalten und davon, euer Ziel und Verlangen zu erreichen. Der Schaikh verweist darauf mit den Worten „Eile zu deinem Ziel.“ O Murid, wenn du willst, dass die Mittel einfach für dich werden und sich die Tore öffnen, dann musst du angesichts deiner Handlung, deiner Macht und deiner Kraft ausgelöscht sein. Du musst direkt das Handeln von Allah gegenüber dir sehen, das Versprechen Seines Erfolges an dich und die Großzügigkeit dir gegenüber. Sei dankbar mit einer machtlosen Dankbarkeit und preise mit einem nicht ausreichendem Lob. Wie Schaikh Muhammad ibn Al-Habib in einer anderen Qasida sagt: „Sei ein reiner Sklave Ihm gegenüber und du wirst frei sein von allem-anderen-als-Allah.“ Wenn etwas, was Ihm gefällt, von euch kommt, und ihr euch an Seine Segnungen erinnert und an das, was Er für euch eröffnet, dann sprecht: „Alles Lob gebührt Allah, Der uns geleitet hat! Wir hätten den Weg nicht zu finden vermocht, wenn Allah uns nicht geleitet hätte.“ (Al-A’raf, 43)

Dies ist die Bedeutung der folgenden Worte: Aber reflektiere über Allahs Freundlichkeit dir gegenüber, Sei aufrichtig dabei, Ihm zu danken, Und stehe vor dem Morgengrauen auf und sei demütig, Und wende an Ihn deine Bitte.

Hier wird die praktische Dankbarkeit mit den Worten „stehe auf vor dem Morgengrauen“ erwähnt. Der Gesandte Allahs, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, stand im Gebet, bis seine Füße anschwollen. Als er gefragt wurde: „Warum belastet du dich damit, wo Allah dir doch deine falschen Taten, gegenwärtige und vergangene, vergeben hat?“, antwortete er: „Soll ich denn nicht ein dankbarer Sklave sein?“. Schließlich erzählt uns der Schaikh vom mächtigen Fürsprecher und der glorreichsten Zuflucht:

Segen sei auf dem Pol der Existenz, Und auf denen, die ihm folgen, Auf eine Weise, die unser Geheimnis erzählt, Und es allen bekannt macht.

So ist der Gesandte Allahs, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, der Fürsprecher bei jeder Segnung und in jeder guten Sache.

Euch gefällt der Artikel? Hier könnt ihr ihn teilen!

Facebook
Twitter
Instagram
Lade...

Wenn Sie diese Seite weiter benutzen, akzeptieren Sie die Verwendung von Cookies. mehr Informationen

Wir verwenden Cookies, um Inhalte und Anzeigen zu personalisieren, Funktionen für soziale Medien anbieten zu können und die Zugriffe auf unsere Website zu analysieren. Außerdem geben wir Informationen zu Ihrer Verwendung unserer Website an unsere Partner für soziale Medien, Werbung und Analysen weiter. Unsere Partner führen diese Informationen möglicherweise mit weiteren Daten zusammen, die Sie ihnen bereitgestellt haben oder die sie im Rahmen Ihrer Nutzung der Dienste gesammelt haben. Sie stimmen der Verwendung von Cookies zu, wenn Sie "Akzeptieren" klicken.

Schließen