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Die Suche nach Gewissheit

Über Imam Al-Ghazali und sein Leben - Neuer Film beleuchtet das Leben des großen Gelehrten - Von Yasin Alder, Bonn

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Der neue englischsprachige Film „Al-Ghazali – The Alchemist of Happiness“ beschäftigt sich mit dem Leben des großen Gelehrten und Sufis, insbesondere mit seiner Krise und der darauf folgenden spirituellen Suche. Obwohl bereits 2004 unter der Regie von Ovidio Salazar fertig gestellt, wurde er erst vor kurzem einer breiteren Öffentlichkeit bekannt und fand Beachtung auf mehreren Filmfestivals. Der 80-minütige Film ist nun als DVD erschienen und kann bei über die unten genannte Internetadresse bezogen werden. Der recht professionell gemachte Film wurde im Iran gedreht und ist eine Mischung aus Dokumentar- und Spielfilm. Man begleitet den Regisseur auf seiner eigenen Suche auf den Spuren Al-Ghazalis im Iran, bei seinen Reflexionen über Al-Ghazali und dem Versuch, Parallelen der Erfahrungen und Lehren Al-Ghazalis zu unserer heutigen Zeit herzustellen. Die andere Ebene des Films wird von gespielten Szenen gebildet, die an einigen Stellen geschickt mit der Dokumentarfilmebene verknüpft werden. Ergänzt wird beides durch dazwischen geschnittene, kompetente Kommentare von Al-Ghazali-Kennern wie T. J. Winter (Abdal Hakim Murad) von der Universität Cambridge oder Hamza Yusuf vom Zaytuna Institute. Der Film enthält auch wunderbare Aufnahmen von Landschaften und Orten.

Die von iranischen Schauspielern gespielten Szenen sind recht gelungen, doch scheint neben der Beschränkung der Drehorte auf den Iran auch die durchweg persische Sprache sowie persische Musik und Gesänge dem Ambiente doch eine vielleicht etwas zu starke persische Prägung zu geben. Man bedenke, dass wichtige Teile von Al-Ghazalis Leben sich in Bagdad und Damaskus abspielten und die islamische Gelehrten- und Literatursprache, in der auch Al-Ghazali lehrte, Arabisch war. Nur einen geringfügigen Teil seiner Werke hat er auf Persisch verfasst.

Etwas zu kurz kommen bei der Schilderung der Beweggründe für seine beiden spirituellen Krisen, des Ausweges daraus sowie den interessanten Reflexionen über die Bedeutung seiner Erkenntnisse und seiner Lehre für den heutigen Menschen noch die wesentlichen Kerninhalte und Aussagen seiner Lehre, wie sie etwa in der Ihja ‘Ulum Ad-Din zu finden sind. Auf letzteres Werk wird im Film leider nicht eingegangen.

Trotz gewisser Kritikpunkte ist es sehr erfreulich, dass es Filme wie diesen gibt, und es ist auf jeden Fall empfehlenswert, sich den Film anzuschauen. Es ist zu hoffen, dass weitere ähnliche Filmprojekte folgen werden.

Film und Kontakt: www.matmedia.org

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Abu Hamid Muhammad Al-Ghazali At-Tusi war einer der größten Gelehrten des Islam. Er bekam auch den Beinamen Hudschatu’l-Islam, „Beweis des Islam“. Auch in Europa wurde er unter dem Namen „Algazel“ bekannt. Imam Al-Ghazali wurde 450 (1058 n. Chr.) in Tabiran nahe Tus im heutigen Iran geboren und starb eben dort im Jahre 505 (1111 n. Chr.). Tus gehört zur Region Khorasan, die damals mit Städten wie Nisapur oder eben Tus zu den Zentren islamischen Gelehrten- und Geisteslebens gehörte. Später wurde Khorasan von den einfallenden Mongolen verwüstet und dabei auch Tus völlig zerstört. Viele große Gelehrte, insbesondere des Schafi’i-Fiqh, des Asch’ari-Kalam und des Tasawwuf lehrten in der Region oder stammten von dort. Persien war damals noch nicht schiitisch dominiert.

Auf Anweisung des Vaters wurde Muhammad Al-Ghazali nach dessen Tod zusammen mit seinem Bruder Ahmad in die Obhut eines Lehrers gegeben, der die geistige Erziehung der beiden übernahm. Später studierte Muhammad Al-Ghazali bei Imam Al-Dschuwaini in Nisapur, der den Beinamen „Imam Al-Haramain“, also Imam der beiden erhabenen Stätten (Mekka und Medina) trug. Dieser war einer der herausragendsten Gelehrten seiner Zeit, insbesondere in Schafi’i-Fiqh und in Kalam. Während sein Bruder Ahmad sich schon früh eher der Dichtung sowie dem Tasawwuf als Weg der unmittelbaren Erfahrung widmete, war Muhammad Al-Ghazali in seiner frühen Zeit eher ein Schriftgelehrter, der sich den Büchern und schriftlichen Studien widmete. Er machte sehr schnelle Fortschritte in seiner Ausbildung und verfasste schon früh eigene Abhandlungen. Al-Ghazali war ein Verteidiger der authentischen Sunna und widerlegte im Bereich des Kalam und der ‘Aqida zahlreiche abweichende Gruppen und philosophische Strömungen, wobei er diese auch mit ihren eigenen philosophischen Mitteln schlug. Als Fiqh-Gelehrter wurde Al-Ghazali auch „der zweite Schafi’i“ genannt; sein Buch „Al-Wadschiz“ über Schafi’i-Fiqh gehört zu den wichtigen Werken dieser Schule. Vom berühmten Wazir des seldschukischen Sultans Malik Schah, Nizamu’l-Mulk, wurde Al-Ghazali aufgrund dieser Vorzüge an die neu gegründete Nizamija-Madrassa nach Bagdad berufen. Die Seldschuken wollten unter anderem mit der Einrichtung dieser Lehranstalt den korrekten sunnitischen Islam fördern und stärken, und damit der weiteren Ausbreitung irregegangener Sekten entgegenwirken. Sie war vermutlich auch als ein Gegengewicht zu der zuvor von den schiitischen Fatimiden in Kairo gegründeten Al-Azhar gedacht. Nizamu’l-Mulk wurde später von den Assassinen (Al-Haschaschin) ermordet – einer extremen ismailitisch-schiitischen Sekte, die durch Morde an von ihnen als Gegnern betrachteten Personen bekannt wurde und als erste (und bis vor kurzem einzige) Gruppierung im Islam Selbstmordattentate beging.

Die innere Krise

Bereits in jungen Jahren erlebte Al-Ghazali auf der Suche nach der Gewissheit im Glauben und im Zuge seiner Infragestellung des Erkenntnisvermögens der menschlichen Sinne – auch der Vernunft – eine erste kurze Krise, die er, wie er selbst berichtete, durch ein Licht, das Allah ihm ins Herz eingab, überwand. Er erkannte dadurch, dass Wissen von Allah und Nähe zu Ihm nicht durch intellektuelle Analyse, Argumentation und Dialektik, sondern letztlich nur durch göttliche Gnade erlangt werden kann. Ein anderer Vorfall erschütterte ihn ebenfalls schwer und führte dazu, seine Fixierung auf Bücher zu überwinden: Als er einmal mit einer Karawane unterwegs war, wurde diese von Räubern überfallen. Al-Ghazali versuchte, seine Bücher und Aufzeichnungen vor den Räubern zu verbergen. Als diese dennoch entdeckt wurden, bat er die Räuber verzweifelt, ihm seine Schriften zu lassen, denn in ihnen sei alles, was er bisher gelernt habe. „Wenn diese Bücher Dein ganzes Wissen sind, brauche ich sie dir nur wegzunehmen, und Du hast nichts mehr!“ sagte einer der Räuber und lachte. Al-Ghazali sah dies als ein Zeichen von Allah und verbrachte, wie er später berichtete, die folgenden drei Jahre damit, sein bisher erhaltenes Wissen auswendig zu lernen.

Im Jahre 490 (1095 n. Chr.) – er lehrte schon etwa 10 Jahre an der Nizamija und war ein berühmter Gelehrter, der sehr gefragte Werke verfasst hatte und der zu einer immens großen Zahl von Schülern sprach, welche aus der ganzen islamischen Welt kamen -, erlebte Al-Ghazali eine zweite, noch schwerwiegendere spirituelle Krise, die ihn letztlich auch körperlich schwer mitnahm und dazu führte, dass er nicht mehr sprechen konnte. Er zweifelte an seiner eigenen Aufrichtigkeit und sah sich mit dem fundamentalen Gedanken an den eigenen Tod und das Danach konfrontiert, wobei er seine bisherige Gelehrtenkarriere radikal in Frage stellte. Er konnte schließlich keine Vorlesungen mehr halten. Imam Al-Ghazali gab seine akademische Karriere auf und verließ Bagdad und seine Familie, um die nächsten Jahre als einfacher Derwisch unterwegs zu sein und sich dem Sufi-Weg zu widmen. In Bagdad gab er an, die Hadsch durchführen zu wollen, was er wahrscheinlich auch tat, plante aber insgeheim, nach Damaskus zu gehen. Dort lebte er mehrere Jahre in Zurückgezogenheit in einem Minarett der Umaijaden-Moschee und widmete sich dem konstantem Dhikr und der Reflexion. Zwischenzeitlich besuchte er auch Jerusalem (Al-Quds) und Alexandria. Al-Ghazali wollte wissen, ob die Erfahrungen auf dem Weg des Tasawwuf, von denen die großen Sufis berichtet hatten, von ihm ebenso gemacht werden können, wenn er sich auf diesen Weg begibt. Dies war der Fall, wodurch die Richtigkeit dieses Weges für ihn bewiesen war und er erkannte, dass die (wahren) Sufis die Besten der Leute sind.

Seine Werke

Zu seinen berühmtesten Werken zählt „At-Tahafut Al-Falasifa“ („Die Inkohärenz der Philosophen“) und die „Ihja ‘Ulum Ad-Din“, die „Wiederbelebung der Wissenschaften des Din“. Seinen eigenen spirituellen Erkenntnisweg gab er in „Al-Munqidh min Ad-Dalal“ („Der Erretter aus dem Irrtum“) wieder. Zahlreiche Werke von und über Al-Ghazali liegen auch in europäischen Sprachen vor; so wurden weite Teile der „Ihja“ ins Englische übertragen (in den Verlagen Islamic Texts Society sowie Fons Vitae erschienen). Auf Deutsch gibt es unter anderem „Der Erretter aus dem Irrtum“ und „Das Elixier der Glücksseligkeit“, ein ursprünglich in persischer Sprache verfasstes Werk, das als eine kurze Zusammenfassung der Ihja ‘Ulum Ad-Din gesehen wird.

Al-Ghazali leistete viel zur Entschärfung der Spannungen zwischen Philosophie und Theologie (Kalam), wobei er Syllogismus anwandte, um den Neoplatonismus zu widerlegen und die islamische Lehre zu untermauern. In seiner Kritik der Kausalität nimmt Al-Ghazali die im europäischen Raum später von Hume geäußerte vorweg, indem er die asch’aritische Position einnimmt, dass Allah die einzige wirkliche Ursache ist, und damit die angeblich notwendige Verknüpfung von Ursache und Wirkung ablehnt.

Die „Ihja ‘Ulum Ad-Din“, sein wohl berühmtestes Werk und nach allgemeiner Auffassung zweifellos eines der bedeutendsten Bücher des Islam, verfasste Al-Ghazali im Laufe mehrerer Jahre während seiner Wanderschaft. Viele seiner Biografen zitierten den Ausspruch; „Würden alle islamischen Bücher verloren gehen mit Ausnahme der Ihja, so würde sie jene voll ersetzen.“ In der Ihja, die sich sehr umfassend sowohl mit ‘Aqida, Fiqh, den Charaktereigenschaften und inneren Zuständen sowie dem Tod und dem jenseitigen Leben befasst, stellt Al-Ghazali die Gottesfurcht (Taqwa) ins Zentrum aller Handlungen, womit er dem damaligen Problem seiner Zeit und Region, dass es an eben dieser fehlte, während die von ihm bereits in Bagdad kritisierte mangelnde Aufrichtigkeit sowie Heuchelei weit verbreitet waren, entgegenwirkte. Die Ihja wird insbesondere in der westlichen Orientalistik oft als die Verbindung und „Versöhnung“ von islamischer „Orthodoxie“ und Tasawwuf bezeichnet, obgleich daran erinnert werden muss, dass beides nie getrennt war. Lediglich war in der Zeit und Region, in der Al-Ghazali lebte, ein Ungleichgewicht entstanden, bei dem durch Defizite im Bereich der Verinnerlichung des Din und der unmittelbaren Erfahrung und Umsetzung, um die es im Tasawwuf geht, der gelebte Islam drohte, trocken, oberflächlich, allzu weltlich orientiert und unaufrichtig zu werden, ähnlich einer leeren Hülse, was durch Al-Ghazalis Ihja korrigiert werden sollte.

Der Kern von Al-Ghazalis Lehre, die er durch sufische Erfahrung von Allah bekommen hat, ist vielleicht die Erkenntnis, dass alle Gewissheit im Din aus unmittelbarer spiritueller Erfahrung kommt und nicht aus gelehrtem Studium und formellem Wissen allein. Am Ende konnte Imam Al-Ghazali seinem Tod gelassen und beruhigt entgegen sehen.

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