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Die Tataren – zwischen Europa und Sibirien

An der Wolga hat der Islam eine sehr lange Tradition - Von Marat Abrarov, Trier

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Wissen Sie etwas über Tataren? Obwohl Ihnen der Name sicherlich ein Begriff ist, vermutlich nicht allzu viel. „Ich bin kein Russe, ich bin Tatare.“ Diese Wörter, die ich oft wiederholen muss, ernten meist großes Erstaunen, als ob man uns für ein längst ausgestorbenes Volk hält oder sich uns ganz und gar anders vorstellt. Tatsächlich sind Tataren physiognomisch von Russen (oder Europäern) eigentlich nicht zu unterscheiden, zumal es bereits zum Sprichwort geworden ist, dass jede russische Familie mindestens eine tatarische Großmutter habe. Dennoch sind Tataren – so möchte ich behaupten – charakterlich von Russen sehr verschieden. Rudolf Nurejew, allen als der größte Ballettänzer der Welt bekannt, ein Tatar, versuchte einmal, den Unterschied zwischen Russen und Tataren so zu erklären: „Tataren sind feuriger und empfindsamer.“

Keine Nomaden Die heutigen Tataren sind ein turksprachiges muslimisches Volk in der Russischen Föderation – mit sechs Millionen Menschen die größte nichtslawische Ethnie in Russland – und sind die direkten Nachkommen der Hunnen und jener Stämme, die in Folge von Dschingis Khan die Steppen zwischen Osteuropa bis nach Korea beherrschten. „Tata“ oder „Tatar“ war im mittelalterlichen China der Name eines der nördlichen Mongolenstämme und soll soviel wie „Bogenschütze“ heißen. Diese Bezeichnung wurde wahrscheinlich dann für die in den vorderen Stellungen der Mongolenarmee unter Dschingis Khan kämpfenden zentralsibirischen Turkvölker verwandt. Der russische Historiker Fomenko geht in seinem 1995 erschienenen Buch „Novaja chronologija i kontesptsija“ davon aus, dass die Bezeichnung „Tataren“ zu Beginn des Mittelalters nicht einer Ethnie, sondern einer militärische Einheit ähnlich der späteren Kosaken gegolten hatte, und entsprechend dieser Theorie habe es nie ein tatarisch-mongolisches Joch in Russland gegeben, sondern die stehende Armee (genannt Tataren) der Fürsten (Khane) habe für Frieden und Ordnung gesorgt. Freilich fängt die Geschichte der Tataren nicht erst mit Dschingis Khan an. Das Volk, welches man dann endgültig „Tataren“ nannte, lebte schon vor dem Mongolensturm an den Flüssen Wolga und Kama; der russische Historiker N.I. Worobev schrieb: „Der Name Tatar (die offizielle russische Bezeichnung für den Staat ‘Goldene Horde’) wurde auf die Bevölkerung der Wolga-Kama-Region nach der Errichtung des Kasaner Khanats angewendet.“ Allerdings sei hier auch eingeräumt, dass das Bild von den nomadisierenden Kriegerscharen nicht ganz richtig ist, denn die Tataren waren kein Nomadenvolk, sondern gründeten schon früh Siedlungen; ja, die tatarischen Städte und Dörfer hatten sogar bereits im Mittelalter öffentliche Schulen! So stand die bekannte Kul Sharif Moschee, die jüngst wiedererrichtet wurde, mit ihren acht Minaretten Pate für den später errichteten Moskauer Kreml. Die Eroberung durch das aufstrebende Moskauer Großfürstentum war der Anfang des jahrhundertelangen Prozesses von Zwangsassimilation und Russifizierung der Tataren.

Tatarstan heute Im heutigen Tatarstan mit der Hauptstadt Kasan (tatar. „Kessel“), einige hundert Kilometer östlich von Moskau gelegen, lebt derzeit etwa ein Viertel der Tataren; die anderen leben zumeist als Getreidebauern, Fischer oder Pferdezüchter in Westsibirien, hauptsächlich in den ländlichen Bezirken um Nowosibirsk und Omsk, wo es viele zum Teil tausend Jahre alte tatarische Siedlungen gibt. Wieder andere leben im Ural und teils auch in Finnland, der Türkei und Westeuropa. Erwähnenswert ist, dass Tatarstan ein Hauptproduzent von „russischem“ Öl ist und unter Managern der russischen Erdölindustrie der Anteil von Tataren daher recht hoch ist. Die Republik selbst ist somit eine wirtschaftlich sehr bedeutende Region. Sie verfügt neben großen Öl- und Gasvorkommen auch über eine hochentwickelte Maschinenbauindustrie, zum Beispiel für schwere LKW’s und Flugzeuge. Dieser ökonomische und auch strategische Wert ist ein Grund für die besondere Situation Tatarstans innerhalb Russlands. Anfang der 1990er Jahre, als man sich unabhängig erklärte, schwebte darum eine Zeitlang jenes düstere Schicksal über Tatarstan, welches später in Tschetschenien bittere Realität werden sollte. Tatarische Politiker erklärten daher schon früh, dass sie keine Gewalt anwenden wollten, um die Unabhängigkeit zu erreichen, und lehnten daher eine militärische Auseinandersetzung mit Russen und Russland ab. Im Übrigen muss man hier auch sagen, dass die Tataren sich ebenso von den Tschetschenen unterscheiden wie von den Russen, auch wenn sie als Muslime die gleiche Religion haben.

Beziehungen zu Moskau Erst unter Ekaterina II. (Katharina II.) wurde – nach Jahrhunderten der Ungleichbehandlung, Zwangschristianisierung und Zerstörung von Moscheen – der muslimische Klerus legalisiert und das tatarische Bürgertum in seiner Entwicklung weitgehend unbehelligt gelassen. 1918 wurde eine tatarisch-baschkirische Sowjetrepublik innerhalb der Russischen Föderation eingerichtet, die Grenzen dieses Staatsgebildes allerdings willkürlich gezogen, sodass 75 Prozent des tatarischen Volkes außerhalb ihrer Republik lebten. 1920 wurde dann die Tatarische ASSR gebildet. 1990 schließlich war Tatarstan eine der ersten autonomen Republiken, die ihre Unabhängigkeit erklärten. Diese Erklärung wurde durch die Russische Föderation nicht anerkannt, worauf die Regierung Tatarstans dann eine Volksabstimmung über die Unabhängigkeit des Landes durchführte. 61 Prozent sprachen sich für eine staatliche Unabhängigkeit aus. 1994 unterzeichneten dann die Präsidenten Russlands und Tatarstans ein bilaterales Abkommen, das Tatarstan ein umfangreiches Recht zur Selbstverwaltung und Selbstbestimmung zuspricht, allerdings unter der Verfassung der Russischen Föderation. Ab 1995 begann sich die Lage der Industrie in Tatarstan, und somit auch der Lebensstandard, stetig zu verbessern, sodass dieser hier höher ist als in den meisten anderen Teilen der Russischen Föderation.

Tataren auf der Krim Die Krim-Tataren (ca. 270.000 Menschen), die im Laufe der Jahrhunderte ihre Eigenheiten entwickelten und natürlich ein vom Kasaner Dialekt unterschiedliches Tatarisch sprechen, wurden wegen angeblicher Kollaboration mit den Deutschen während des 2. Weltkriegs von der Krim ausgewiesen und die 1921 gegründete Krim-ASSR aufgelöst. Sie erlitten – wie die kaukasischen Völker – Deportation und partielle Vernichtung. Sie wurden zwar von der sowjetischen Regierung 1967 „rehabilitiert“, doch nur wenige Familien durften bislang auf die Krim zurückkehren. Das Problem der Rückkehr der Krim-Tataren bleibt auch in der heutigen Politik noch immer ein heißumstrittenes Thema. o

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