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Die Überwindung der alten Gegensätze hat begonnen. Von Khalil Breuer

Community 2.0

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(iz). Wie organisieren sich Muslime eigentlich? In der jüngeren Geschichte ist die Antwort klar. Die meisten Moscheegemeinden sind heute eingetragene Vereine, oft eingebunden in große, zentral agierende Dachverbände. Die Organisationen sammeln die Zakat ein, verfügen natürlich über die Nutzung der Mitgliedsbeiträge und repräsentieren mit ihrer Führungsspitze die so organisierten Muslime. Dieses Modell basiert auf einer politischen Grundidee, die „Macht“ als das Vermögen denkt, über möglichst viele Mitglieder zentral zu entscheiden. Gerade in den 1970er und 1980er Jahren war diese Denkweise tief im „politisch“ denkenden Islam verwurzelt.

Dementsprechend machtbewusst sind bisher viele Großvereine, zumindest in ihrem Eigenverständnis. In den letzten Jahren gibt es auch Widerstand gegen die etablierten Organisationsformen, man bemängelt die mangelnde Flexibilität dieser Großvereine, die fehlende Transparenz und nicht zuletzt auch die wachsende Bürokratie. Auffällig ist dabei die Tendenz, Dienstleistungen in Gesellschaften mit beschränkter Haftung auszulagern.

Tatsächlich lohnt es immer wieder, sich das einfache Grundmodell islamischer Gemeinschaften in Erinnerung zu rufen. Ihre Basis war die lokale Gemeinde, die sozial eng verflochten ist, gemeinsam betet, einen Imam bestimmt, mit ihrem Amir die Zakat lokal verteilt und neben der Moschee auch über einen freien Marktplatz verfügt. Zweifellos ist der ­Islam, gerade in seiner Entstehungsgeschichte, kaum von der Dynamik ökono­mischer Lösungen zu trennen. Modernen Organisationen und ihrem Zentralismus ist diese Art der Basisdemokratie des ­Islam eher suspekt geworden, sie versucht vielmehr die praktizierenden Muslime hierarchisch zu ordnen, machmal auch zu kontrollieren und – das ist wichtig – sie verteilen die an sich lokal erhobene Zakat entsprechend den internationalen oder nationalen Strategien der jeweiligen Dachorganisation.

Die islamische Lehre wird heute ebenso „von oben“ strukturiert. Der Imam, der für die Unabhängigkeit der Lehre stehen sollte, ist de facto meist ein bezahlter Angestellter, hin und wieder auch gezwungen, von einer fernen Zentrale verfasste Freitagspredigten zu verlesen. Wirklich frei sind diese Lehrer nicht. Traditionell waren die Ansprachen immer auch der konkreten lokalen Gemeinde und ihren Problemen gewidmet. Auch in der „zentralisierten“ Jugendarbeit geht es eher um den Bezug zur Organisation, als um Schaffung kreativer und offener Netzwerke im Umfeld der Moscheen. Das ist natürlich legitim, die Gefahr ­dabei ist aber, dass die soziale Kompetenz und die Möglichkeit des Zusammenschlusses mit anderen Muslimen aus den anderen Gemeinden vor Ort verloren geht.

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Natürlich ist heute die Frage berechtigt, ob es auch eine andere Möglichkeit der Organisation und der natürlichen Zusammenarbeit von Muslimen gibt. Überraschenderweise birgt gerade auch das Internet hier Möglichkeiten, zu der alten Authentizität der muslimischen Ordnung zurückzukehren. Natürlich haben heutige Moscheen und Gemeinden in deutschen Großstädten wenig Spielraum, die Idee der alten Moscheeanlagen, als umfassende soziale Zentren und Dienstleister architektonisch nachzuahmen. Hierzu fehlt es schon an Platz und den entsprechenden Räumlichkeiten. Warum sollte aber die Moscheegemeinde, um nur ein Beispiel zu nennen, nicht zumindest einen virtuellen Marktplatz betreiben, wo die Gemeindemitglieder Halal-Waren anbieten und kaufen?

Jede lokale Moscheegemeinde ist natürlich in unserer Konsumgesellschaft längst ein Wirtschaftsfaktor und – wie bereits gesagt – ein Großteil der islamischen Gesetzlichkeiten dreht sich um Märkte, Verträge und Handel. Das Internet kann den Muslimen und ihrer lokalen Gemeinschaft nun ganz neue, virtuelle Räume eröffnen. Sie können beispielsweise Einkaufsgenossenschaften gründen, ihr Vermögen mit Silber und Gold gegen Währungskrisen absichern, sich gegenseitig zinslose Darlehen gewähren oder ihre „Community“ mit Händlern in aller Welt verknüpfen. Vor allem die islamischen Wirtschaftsverträge leben von dem Einsatz muslimischer Investoren und sind seit Jahrhunderten das eigentliche Tor zur Welt.

Ist die Gemeinschaft groß genug, kann sie sogar außerhalb der Stadt per „Crowdfunding“ ihrer realen und virtuellen Mitglieder andere Einrichtungen, Projekte oder Begegnungspunkte etablieren. Die Möglichkeiten neben den Mauern der eigenen Moschee sind also sogar bei beengten Verhältnissen beinahe grenzenlos. Tatsächlich formieren sich schon länger neue Netzwerke in der Community 2.0, die das islamische Leben in Deutschland transformieren wollen. Es geht ihnen dabei nicht um einen „Individualismus“, als Gegensatz zum organisierten Islam, sie bedauern vielmehr, dass bestehende Verbände oft nur Projekte unterstützen, die ihre Vereinsfarben haben. Das Internet ist aber durchaus eine Möglichkeit die traditionellen und rechtlichen Grundbedingungen des islamisch-sozialen Lebens offen und modern umzusetzen.

Hierbei geht es natürlich auch um eine distanziert-gelassene Haltung gegenüber der Technik, die nicht blind ist, sondern auch die Gefahr des Internets reflektiert. So haben viele Moscheen mit Sorge beobachtet, dass ihre jungen Muslime sich „Schaikh Google“ zugewandt haben und im Schnellverfahren bruchstückhaftes Wissen angelernt haben. Eine authentische und persönlich gehaltene Lehre ist aber auch für die Community 2.0 ein wichtiger Anker in stürmischer Zeit. Und per eigenem YouTube Kanal kann auch die Umwelt in deutscher Sprache erfahren, wie die Moschee und ihre Besucher so ticken.

Dass neuer Schwung dem islamischen Leben in Deutschland nur gut tun kann, spüren viele junge Muslime, die ihren Islam eben nicht nur als eine Vereinszugehörigkeit begreifen. Auf ihren Plattformen im Netz, auf Facebook, YouTube oder Twitter spielt für viele deutsche Muslime die ethnische Zugehörigkeit, im Gegensatz zu einigen alteingesessenen Vereinen, eine weniger wichtige Rolle. Sie wollen in Deutschland zu Hause sein, mitbestimmen und lernen und verstehen ihre, manchmal auch nur virtuellen Gemeinschaften, als offene und kreative Projekte. Dabei lehnen sie den überkommenen Gegensatz zwischen „liberalen“ und „konservativen“ Muslime ab. In Wirklichkeit gibt es so viele Möglichkeiten, die Brücke zwischen Tradition und Moderne harmonisch zu schließen.

Sollte diese Community 2.0 also künftig eher auf dezentrale, basisdemokratische und lokale Organisationsformen setzen, stellt sich die Frage nach dem Verhältnis zum „organisierten“ Islam. Bei aller Skepsis gegenüber zu viel starrer Verwaltung und trockener Bürokratie, geht es um keine generelle Ablehnung. Es wird durchaus Berührungspunkte geben, so zum Beispiel bei der gemeinsamen effektiven Interessenvertretung der Muslime in Berlin, die eine möglichst geschlossene Haltung erfordert. Es dürfte aber künftig auch Trennendes deutlich werden. So setzt die Community 2.0 eher auf lokale Freiheiten und damit auf das Modell der unabhängig agierenden Stiftungen. Die muslimische Zivilgesellschaft ist ohne sie seit Jahrhunderten nicht denkbar.

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Khalil Breuer

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