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Die ukrainisch-deutsche Suche nach muslimischer Identität

Interkulturelle Biographiearbeit in ukrainisch-deutschen Jugendprojekten für demokratische Teilhabe und Flüchtlingshilfe

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Foto: Autor

(iz). Die Krimtatarin Feridekhanum und der Syrer Mohammad hören erstaunt zu. In einem Außenbezirk von Lemberg (ukrainisch: Lviv) erklärt Gemeindevorstand Alan Duqquri ihnen und weiteren 26 jungen Menschen, dass die islamische Gemeinde Lemberg den Ehrennamen „Muhammad Asad“ gewählt hat; nach dem islamischen Gelehrten, Diplomaten und Publizisten, der als Leopold Weiss im Jahre 1900 in Lemberg geboren wurde. Ein deutschsprachiger Muslim aus einer jüdischen Familie aus Lemberg passe gut zu ihnen meint Duqquri, denn auch viele der heutigen Lemberger Muslime haben verschlungene Lebenswege hinter sich. Duqquri, der auch die örtliche islamische Wohltätigkeitsgesellschaft „En-Nebras“ koordiniert, ist Kurde aus Syrien, die meisten seiner Mitschwestern und –brüder sind Krimtataren und Konvertiten.

Feridekhanum und Mohammad sind Teilnehmer eines von dutzenden Projekten, die die Zivilgesellschaft in der Ukraine und Deutschland verbinden und stärken sollen, vor allem mittels Bildung und Kultur. Denn, während angesichts der zähen schwierigen Veränderungen Richtung einer Ukraine mit weniger Korruption, mit demokratischer Teilhabe für Alle und mit einer stabilen Ökonomie die politischen Akteure von EU und Ukraine immer wieder Rückschläge überwinden müssen bedingt durch den unerklärten Krieg der Russländischen Föderation und altem Oligarchen-Filz, sind es vor allem junge Menschen aus unseren Ländern, die selbst etwas Positives bewirken möchten: Volksdiplomatie der kleinen Schritte an der Basis.

Mohammad aus Damaskus hat es als DJ Moe in Syrien, im Libanon und nun auch in Deutschland schon zu einiger Bekanntheit gebracht. Er arbeitet als Bundesfreiwilligendienstleistender bei Landesvereinigung für kulturelle Kinder- und Jugendbildung in Sachsen-Anhalt e.V. (lkj) und ist Teilnehmer des lkj-Projektes „Wir in Europa: Die Kinder Abrahams“. Dreißig alteingesessene und zugewanderte Jugendliche sollen durch die Beschäftigung mit Interkulturgeschichte und Biografiearbeit Vorurteile abbauen und eigene Fähigkeiten weiterentwickeln. Dabei sind die eigenen Biografien wichtig aber auch historische Lebensläufe sind Teil der Projektarbeit. In Sachsen-Anhalt diskutierte die Gruppe über Ibrahim ibn Jakub, einen Gesandten des andalusischen Kalifen Abd ar-Rahman III. bei Kaiser Otto in Magdeburg vor 1000 Jahren aber auch über zeitgenössische Lebensläufe wie den von Mohammad Hobohm aus Hötensleben bei Magdeburg und Carl Ludwig Detroit aus Magdeburg, besser bekannt als Mehmed Ali Pascha, waren Bestandteil der Projekt-Workshops. Daneben besuchen die jungen Leute aus Deutschland und der Ukraine unterschiedliche Gemeinden und NGO´s in der Bukowina, Sachsen-Anhalt, Galizien und Berlin, von der „Jungen Islam-Konferenz“, der „Ar-Rahman-Moschee“ in Magdeburg bis zur Synagoge in Gröbzig bei Halle, denn das diesjährige Thema der gemeinsamen Projektwochen ist religiöse Vielfalt in der Westukraine und Mitteldeutschland.

Synergien und nächste Schritte: Devam

Durch die intensiven Begegnungen und die interdisziplinäre Herangehensweise entstehen Freundschaften, Beziehungen, Netzwerke, die es in der kulturellen Jugend- und Menschenrechtsarbeit vor Ort so nicht geben würde: DJ Moe, Geflüchteter aus Damaskus, legte in einem Club in Tschernowitz, in der ukrainischen Bukowina auf, Feridekhanum aus Simferopol plant ihre Dissertation in Deutschland oder Roman aus Stendal und Ayshe aus Kiew entwickelten Ideen für zwei Jugendvereine, die nun als „e.V.“ angemeldet werden. Deutsche, ukrainische und krimtatarische Jugendliche möchten die Geschichte und Kultur der Krimtataren darstellen, bewerben, untersuchen und mit Methoden kultureller Bildung für neue Projekte werben: In Deutschland die Initiative „Qırımlı“, was auf krimtatarisch „Die Krim-Bewohner“ bedeutet und in der Ukraine der Jugendverein „DEVAM“, was soviel bedeutet wir Fortsetzung, Weiterführung. Zusammen mit dem Berlin-Büro der Gesellschaft für bedrohte Völker und dem Institut für Caucasica-, Tatarica- und Turkestan-Studien (ICATAT) wurden bereits nächste Projektanträge eingereicht.

Gemeinsam ist allen bei der Umsetzung dieser Jugendprojekte die Überzeugung, dass der Zustand, das Wohlbefinden der Minderheiten einer Gesellschaft den Gesamtzustand unserer Gesellschaften spiegeln und durch Netzwerken und kulturelle Bildung auf der Ebene von Mensch zu Mensch am meisten Positives erreicht werden kann, – unabhängig von geopolitischen Zerwürfnissen und für ein friedliches Zusammenleben Aller, egal ob in der Ukraine, in Deutschland oder anderswo.

Erste Video- und Text-Produkte der „Kinder Abrahams“ gibt es unter:  www.dehnungsfuge.com

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