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Die Union der marokkanischen Imame besteht seit über 20 Jahren. Von Safia Bouchari

„Kein einfacher Beruf“

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(iz). Dass die in Deutschland tätigen Imame, deren Zahl auf über 2.500 geschätzt wird, gerade angesichts der aktuellen, immer drängender geführten Debatte um Imamausbildung und um die von Imamen in den Moscheen vermittelten Inhalte nach wie vor in der Öffentlichkeit so gut wie nicht repräsentiert sind, zählt zu den deutschen Eigenartigkeiten – in anderen europäischen Ländern sind islamische Gelehrte durchaus stärker in der Öffentlichkeit präsent. In Deutschland hingegen treten nach Außen hin so gut wie ausschließlich Verbandsfunktionäre in Erscheinung. Dies hat auch – aber nicht nur – sprachliche Gründe.

In den in Deutschland dominierenden türkisch-muslimischen Verbänden kommen die Imame zwar innerhalb der Verbandsstrukturen intern zusammen, sie treten aber nicht nach Außen auf. Dies hat mit der ihnen zugewiesenen Stellung in dieser Struktur zu tun.

Die arabischsprachigen Moscheen sind hingegen in der Regel unabhängig, wobei ein Großteil von ihnen, insbesondere in Nordrhein-Westfalen und im Rhein-Main-Gebiet, von marokkanischstämmigen Muslimen dominiert wird, die – in der ersten Generation überwiegend als Arbeitsmigranten – diese Moscheevereine auch gegründet haben.

Hier gibt es andere Versuche, übergreifende Gremien von Imamen einzurichten, wie etwa den bisher vor allem im Rhein-Main-Gebiet tätigen Rat der Islamischen Gelehrten in Deutschland (RIGD), der in der letzten IZ-Ausgabe vorgestellt wurde.

Unter den marokkanischstämmigen Imamen gibt es bereits seit längerer Zeit ein ähnliches Gremium, die Union der marokkanischen Imame, die bislang freilich vor allem dem internen Austausch der teilnehmenden Imame dient und leider kaum öffentlich in Erscheinung tritt.

Die Union wurde bereits 1989 in Mainz gegründet. Zu den Gründungsmitgliedern gehörten damals etwa 43 Imame, berichtet Mohammed Bourakbaoui, der derzeitige Vorsitzende. Erster Vorsitzender war der mittlerweile verstorbene Mohammed Bouhazza, damals Imam in der Frankfurter Taqwa-Mosche, einer der größten Moscheen im Rhein-Main-Gebiet. Ihm folgte Ahmed El Hamdi, dessen Nachfolge dann Mohammed Bourakbaoui übernahm. Die Union kümmerte sich anfänglich beispielsweise um Imame, die ihre Anstellung in einer Moschee verloren hatten, vermittelte diese an andere Moscheen weiter oder schickte sie als Vertretungsimame in verschiedene Städte, je nach Bedarf. Moscheen, die keinen Imam haben und einen suchen, könnten sich an die Union wenden, die einen solchen vermitteln könne. Auch würden Imame zur Gefängnisseelsorge in Justizvollzugsanstalten geschickt, wo sie sich insbesondere um die marokkanischstämmigen Jugendlichen kümmerten. Auch ein Kindergarten und eine Bibliothek, eine Hadsch- und Umra-Organisation speziell für muslimische Jugendliche und ein Magazin bzw. ein „Directory“ gehörten zu Projektideen, die man schon einmal angedacht habe, so Bourakbaoui. Die Umsetzung scheint sich allerdings schwierig zu gestalten: „Die Imame haben wenig Zeit, solche Dinge nebenbei zu verfolgen, denn sie sind an ihre täglichen Aufgaben in den Moscheen gebunden, wie die fünf Gebete zu leiten und die Kinder zu unterrichten. Darüber hinaus können sie wenig tun; in der Regel haben sie nur an einem Tag in der Woche, Montags oder Dienstags, frei“, sagt Mohammed Bourakbaoui, der selbst Imam ist, hauptberuflich aber in einem muslimischen Bestattungsinstitut sowie im Bereich Hadsch- und Umra-Reisen arbeitet.

Eine weitere wichtige Frage, die man immer wieder erörtert habe, sei die nach dem einheitlichen Beginn und Ende des Ramadans, denn noch immer richteten sich manche marokkanischen Moscheen nach Saudi-Arabien, andere nach dem KRM beziehungsweise früher dem DIWAN in Aachen oder auch nach Marokko. Eine andere viel diskutierte Frage sei das weitgehende Verbot des Schlachtens nach islamischen Regeln, und ob das von Nichtmuslimen geschlachtete Fleisch gegessen werden darf oder nicht. Auch bei Eheproblemen tritt man vermittelnd auf; so gebe es immer wieder Probleme in Ehen, in denen der Mann neu aus Marokko gekommen, die Frau hingegen in Deutschland geboren und aufgewachsen ist, aufgrund unterschiedlicher Mentalitäten und Verhaltensvorstellungen, berichtet Bourakbaoui. Es gebe unter diesen Ehemännern solche, die ihren Frauen den gewohnten Kontakt zu Freunden und Bekannten einschränkten oder untersagten, und auch deren Bewegungsfreiheit in der Öffentlichkeit beschränken und sie weitgehend an das Haus binden wollten. „Daher kommt es in solchen Fällen immer wieder zu Scheidungen. Oft wenden sich auch die Eltern der betroffenen Ehefrauen an uns.

Besonders problematisch sind Scheidungen natürlich immer dann, wenn es Kinder gibt. Wir sprechen dann mit den Ehepartnern und den Eltern und versuchen, die Ehe zu retten und es noch einmal zu versuchen, wenn das möglich ist“, sagt der Vorsitzende der Union der marokkanischen Imame. Die Ratsuchenden wendeten sich in der Regel zunächst an den Imam ihrer Moschee, der dann die Union kontaktiert und hinzuzieht. „Wir gehen dann mit drei oder vier erfahrenen Imamen dort hin“, so Bourakbaoui.

Derzeit seien etwa 80 Imame Mitglieder der Union, was bei rund 125 marokkanischen Moscheen in NRW und Rhein-Main ungefähr zwei Dritteln der marokkanischen Imame insgesamt entspreche, schätzt der Vorsitzende. Darunter seien freilich auch einzelne passive Mitglieder, die nur selten zu den internen Treffen kommen, die alle drei Monate stattfinden.

Bei der Fiqh-bezogenen Ausrichtung der Union liegt der Schwerpunkt auf der malikitischen Rechtsschule, die in Marokko traditionell die vorherrschende war, auch wenn sie heute mit einem zunehmenden Pluralismus, Eklektizismus und Individualismus in der Praxis der Muslime konfrontiert ist, wie allgemein die Rechtsschulen in den arabischen Ländern. Die Union hat auch einen guten Kontakt zum marokkanischen Ministerium für Auqaf und islamische Angelegenheiten und kooperiert mit diesem.

Von salafitisch-wahabitischen Strömungen distanziere man sich klar, sagt Mohammed Bourakbaoui. Mit einzelnen Imamen, die dieser Richtung angehören, gebe es auch immer wieder Diskussionen. „Nichtsdestotrotz sitzen wir zusammen und reden miteinander über praktische Fragen, wobei letztlich jeder bei seiner Position bleiben kann.“ Ein weiterer Bereich, in dem die Union tätig werde, sei wenn Imame Probleme oder Meinungsverschiedenheiten mit ihren Moscheegemeinden beziehungsweise den Vereinsvorständen haben. Dies kommt immer wieder vor, wobei die Imame als Lohnempfänger der Vereine in der schwächeren Position sind und ihnen leider zu oft nicht der angemessene Respekt entgegengebracht wird. „In solchen Fällen sprechen wir mit den Imamen und den Vorsitzenden beziehungsweise den Vorständen und versuchen zu vermitteln. Oft geht es beispielsweise um die Arbeitszeiten und freien Zeiten der Imame – wenn ein Imam aus verschiedenen Gründen mal nicht in der Moschee anwesend ist, regt sich Unmut in der Gemeinde. In fast jeder Moschee gibt es Leute, die in Opposition zum Imam sind, damit muss man umgehen. Ein Imam muss auch ein Politiker sein, und er muss viel Geduld haben, sonst kann er diese Tätigkeit nicht ausüben. Er muss im Umgang mit den verschiedenen Leuten auch mit Psychologie arbeiten. Es ist wirklich kein einfacher Beruf.“

Gerade unter jungen marokkanisch- und arabischstämmigen Jugendlichen in Deutschland haben seit längerem salafitisch-wahabitisch ausgerichtete und extreme Gruppierungen teilweise Anklang gefunden – stärker als beispielsweise unter Türkischstämmigen. Dieses komplexe Phänomen ist natürlich auch Mohammed Bourakbaoui bekannt. Man versuche, dem in den Freitagsansprachen und den Moschee-Unterrichten an den Wochenenden entgegen zu wirken, sagt er. „Im Islam gilt das Prinzip der Wasatija, des ausgeglichenen Mittelweges, und von zwei Dingen das Leichtere, nicht das Schwerere zu wählen, gemäß dem prophetischen Vorbild.“ Quantitativ sieht Bourakbaoui diese Strömungen allerdings insgesamt als nicht allzu bedeutend an.

Derzeit befindet sich ein Dachverband der marokkanischen Moscheen in Gründung – zunächst allerdings nur auf Ebene Nordrhein-Westfalens. Sollte dies gelingen, vielleicht später auch auf Bundesebene, könnte er einer bedeutenden Gruppe der Muslime in Deutschland – nach den aus der Türkei und aus Bosnien stammenden – eine Stimme geben.

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