IZ News Ticker

Daesh: Die verderbliche Natur einer ideologischen Seuche

Eine Binnenperspektive: Schaikh Hamza Yusuf reflektiert über spirituelle Ursachen der Krise

Werbung

Wikimedia commons

(iz). Nach einem guten Hadith, das von Ahmad und At-Tabarani überliefert wurde, hat der Gesandte Allahs, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, gesagt: „Ihr werdet solange nicht glauben, bis ihr einander Barmherzigkeit zeigt.“ Seine Gefährten sagten: „Oh, Gesandter Allahs, wir sind alle barmherzig.“ Der Prophet, Allahs Heil und Segen auf ihm, erläuterte seine Aussage: „Ich rede nicht darüber, dass einer von euch barmherzig mit einem Freund umgeht. Ich spreche über die universale Barmherzigkeit – gegenüber jedem.“

Für diejenigen Muslime, und Nichtmuslime, die geliebte Menschen in den jüngsten Tragödien verloren haben – in Bangladesch, in Istanbul, im Libanon und Afghanistan, im Jemen und in Orlando: Ich bin tieftraurig und kann nur meine Gebete anbieten. Und das, obwohl mir mein Zustand der vollkommenen Hilflosigkeit angesichts dessen bewusst ist, was unsere globale Gemeinschaft befiel. Während ich dies schreibe, höre ich von einer weiteren Explosion außerhalb der Moschee unseres geliebten Propheten in Medina.

Glücklicherweise – und wegen der Segnungen dieses Ortes – hielt man das Geräusch der Explosion für den Knall einer Kanone, die den Anbruch des Fastens signalisieren sollte. Also waren die Leute in der Moschee weder verängstigt, noch gerieten sie in Panik. Der Prophet, Allahs Frieden und Segen auf ihm, sagte: „Wer die Leute von Medina ängstigt, wird von Allah, den Engeln und der ganzen Menschheit verdammt.“ Es ist unnötig, zu erwähnen, dass diese Grausamkeiten dadurch verschlimmert wurden, da sie – absichtlich – im gesegneten Monat Ramadan durchgeführt wurden.

Eine Seuche liegt auf uns – und sie hat ihre Überträger. Wie die das Gehirn zerfressenden Amöben, welche die warmen Gewässer des US-amerikanischen Südens infiziert haben, breitet sich eine glaubenszerstörende Seuche in der globalen muslimischen Gemeinschaft aus. Diese heimtückische Krankheit hat eine Quelle. Und sie muss identifiziert werden, damit wir mit der Impfung unserer Gemeinschaft beginnen können.

Neue Versionen unseres alten Glaubens tauchten auf und haben die Herzen und Geister unzähliger junger Menschen auf dem ganzen Erdball infiziert. Imam Adel Al-Kalbani, der einige Jahre lang das Gebet im Haram von Mekka leitete, sagte öffentlich, dass diese Jugend die bittere Ernte der Lehren ist, die von den Kanzeln der arabischen Halbinsel kamen. Sie haben die gesamte Welt durchdrungen. Lehren, die sich auf Hass, Ausschließlichkeit, Provinzialismus und Fremdenfeindlichkeit konzentrierten. Diese Doktrin verurteilt jeden Muslim, der nicht ihre einfältige, literalistische, anti-metaphysische, primitive und verarmte Form des Islam teilt. Und sie wiesen den enormen Korpus der islamischen Gelehrsamkeit von den Leuchten unserer Tradition zurück.

Dank eines ausgefeilten Netzwerks der Finanzierung überfluteten sie die Buchläden der muslimischen Welt und sogar die in Amerika, Europa und Australien. Für ein Fallballspiel dieser Saat können wir in den Kosovo schauen. Unsere ­“islamischen“ Schulen sind voller Bücher, die von dieser Sekte herausgegeben ­wurden. Sie locken leicht zu beeindruckende Geister der Jugend in einem Alter an, wenn die meisten empfänglich für Indoktrinierung sind.

Diese Sekte ist jedoch nicht die einzige Quelle der gegenwärtigen Krise. Und es wäre falsch, sämtliche Beschuldigung auf sie zu häufen. Die meisten ihrer Anhänger sind friedliche Pietisten. Sie wollen nur alleingelassen werden, um ihren Glauben so zu praktizieren, wie sie es für richtig halten. Ihr Exklusivismus ist ein notwendiger, aber nicht ausreichender Grund für den fremdenfeindlichen Hass, der zu so viel Gewalt führt.

Die terroristischen „Islamisten“ sind eine hybride Mischung einer exklusivistischen, takfiristischen Version des oben Gesagten und der politischen, „islamistischen“ Ideologie, die in den letzten Jahrzehnten einen großen Teil der arabischen und südasiatischen Welt durchdrang. Eine Hochzeit, die in der Hölle geschlossen wurde. Sie muss verstanden werden, um umfassend die unheilvolle Lage zu verstehen, in der sich unsere Gemeinschaft befindet.

Die Rolle der westlichen Interventionen und unglücklichen Abenteuer in der Region zur Schaffung des Morastes darf nicht ignoriert, verringert oder geleugnet werden. Wir sollten jedoch im Blick behalten, dass Muslime so oft in der Vergangenheit überrannt wurden, und trotzdem nicht wie diese Fanatiker reagierten. In der Vergangenheit bewunderten kriegerische Feinde oft den Edelmut der Muslime in ihrem strikten Festhalten an dem ersten humanen Kriegsrecht der Geschichte. Es wurde vom Propheten selbst bestimmt, um sicherzustellen, dass Barmherzigkeit niemals vollkommen von der Rücksichtslosigkeit des Konfliktes getrennt wurde.

Wir müssen eindeutig die verderbliche und durchdringende Natur dieser ideologischen Seuche verstehen und erkennen, dass sie für die Ausbreitung von Chaos und Terror verantwortlich ist – sogar in der Stadt des Propheten, Allahs Frieden und Segen auf ihm, in all ihrer Unverletzlichkeit. Ihr verletzlichstes Opfer ist unsere enttäuschte Jugend. Oft lebt sie in elenden Umständen ohne große Hoffnung für ihre Zukunft.

Versprechen des Paradieses und einfache Auswege aus den Mühen dieser Welt haben diese selbstmörderische Jugend angelockt, ihre Pathologien zugunsten der dämonisch überzeugenden Sache des „islamischen“ Radikalismus zu manifestieren. Das von ihnen hinterlassene Bild – das hochmütige Lächeln auf ihren Gesichtern, selbst wenn sie im Westen produzierte Sturmgewehre in ihren unglückseligen Händen halten – ist ein Zeugnis für die effektive Gehirnwäsche, die sie durchliefen.

Der angerichtete Schaden betrifft nicht nur den Islam selbst, sondern auch sein Ansehen in den Augen der Welt. Diese heute täglichen Vorkommnisse der zerstörerischen, hasserfüllten Gewalt lassen langsam die Stimmen des normativen Islam verstummen. Damit kultivieren sie einen echten Hass in den Herzen derjenigen außerhalb unserer Gemeinschaften. Islam, der einstmals als eine große Weltreligion galt, wird auf eine abscheuliche politische Ideologie reduziert, welche die weltweite Sicherheit bedroht. Das wirkt sich desaströs auf jene muslimischen Gemeinschaften in der Minderheit aus. Sie befinden sich in zunehmend feindlichen Umgebungen in säkularen Gesellschaften.

Um dieser Seuche zu begegnen, brauchen wir die Stimmen von Gelehrten, aber auch von Graswurzelaktivisten. Sie können damit beginnen, die wahren Schuldigen hinter dieser fanatischen Ideologie zu identifizieren. Was wir nicht mehr brauchen, sind Stimmen, die das Problem mit leeren, hohlen und geistlosen Argumenten behübschen, wonach diese Militanz wenig mit Religion zu tun habe. Sie hat alles mit Religion zu tun. Es ist die Religion des Ressentiments, Neids, der Machtlosigkeit und des Nihilismus.

Sie hat jedoch nichts mit den barmherzigen Lehren unseres Propheten zu tun, Allahs Frieden und Segen auf ihm. Ohne Widerstand werden wir sehen, dass diese Seuche solch Gewalt erzeugt, bis es ihren hassenden und elenden Anhängern gelingt, dass sie – Gott bewahre! – eine Atomwaffe erlangen werden. Deren Gebrauch wurde bereits von ihren „Gelehrten“ erlaubt. Darunter von einem, der gegenwärtig in Saudi-Arabien inhaftiert ist. Sollte sich solch ein Szenario entfalten, dann ist es hoch wahrscheinlich, dass der ganze Zorn der westlichen Mächte auf eine hilflose muslimische Welt losgelassen wird. Dieser würde sogar die erschreckende mongolische Invasion des 13. Jahrhunderts wie einen Spaziergang im Park erscheinen lassen.

Unausweichlich werden einige anmerken, dass Furcht vor westlicher Vergeltung ein Zeichen für einen Feigling sei. Diesen Eiferern empfehle ich den Rückgriff auf den Qur’an. Spezifisch sollten sie über den unbestreitbar mutigen Propheten Moses, Friede sei auf ihm, nachdenken. Dieser tötete unbeabsichtigt einen Ägypter, als er diesen mit einem mächtigen Hieb schlug – nur, weil er als Feind galt. Dann bat er um Allahs Vergebung und „ging furchtsam fort“ (Al-Qasas, 21). Das ist ein warnendes Beispiel. Es ist eine Lehre darin, was nicht zu tun ist, wenn man unterdrückt wird. Das gilt umso mehr, da wir ohne politische Autorität sind oder ohne die Mittel, unsere Sorgen zu beheben. Imam As-Suhrawadi sagte: „Vor dem Elend zu fliehen, ist eine Sunna der Propheten.“ Es ist das Beste für uns, wenn wir nicht zulassen, dass unser niedriges Selbst, oder unsere Rachegelüste, überwinden. (was überwinden?)

Wir müssen anerkennen, dass viele der Geschehnisse in der muslimischen Welt und in den muslimischen Gemeinschaften im Westen das Werk unserer eigenen Hände ist. Muslime leben seit Langem im Westen, haben aber wenig getan, um die Menschen über unseren Glauben zu informieren. Zu viele von uns befassen sich mit unseren weltlichen Angelegenheiten. Gleichzeitig wurden einige unserer Moscheen und Schulen zu Brutstätten für einen ideologischen „Islamismus“ und nicht für Islam. Im Qur’an werden wir eindeutig unterwiesen, was zu tun ist, wenn wir vor Schwierigkeiten stehen. Wir müssen zuerst hinschauen, was wir zu ihrem Entstehen beigetragen haben. Selbstprüfung ist eine qur’anische Anweisung. Solange wir diese qur’anische Wahrheit nicht akzeptieren, bleiben wir der Illusion der Leugnung verhaftet und zeigen mit dem Finger in jede Richtung, aber nicht auf uns. „Allah ändert nicht den Zustand eines Volkes, bis es das ändert, was in ihm selbst ist.“ (Ar-Rad, 11)

Lasst uns für die Unterdrückten beten und für die Rechtleitung der Unterdrücker, für die Getöteten und für diejenigen, die geliebte Menschen verloren haben. Und, am wichtigsten, dass wir den Aufruf des Propheten begreifen und Barmherzigkeit für alle wollen.

Folgt uns für News auf:
https://www.facebook.com/islamischezeitungde

und:
https://twitter.com/izmedien

Noch kein IZ-Abo? Dann aber schnell!

Lade...

Wenn Sie diese Seite weiter benutzen, akzeptieren Sie die Verwendung von Cookies. mehr Informationen

Wir verwenden Cookies, um Inhalte und Anzeigen zu personalisieren, Funktionen für soziale Medien anbieten zu können und die Zugriffe auf unsere Website zu analysieren. Außerdem geben wir Informationen zu Ihrer Verwendung unserer Website an unsere Partner für soziale Medien, Werbung und Analysen weiter. Unsere Partner führen diese Informationen möglicherweise mit weiteren Daten zusammen, die Sie ihnen bereitgestellt haben oder die sie im Rahmen Ihrer Nutzung der Dienste gesammelt haben. Sie stimmen der Verwendung von Cookies zu, wenn Sie "Akzeptieren" klicken.

Schließen