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Die Verhältnisse wieder auf die Füße stellen

Plädoyer für eine islamische Ökologie der Transformation von Pascal Gemperli

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Foto: Pixabay.com | Lizenz: CC0 Public Domain

„Nichts wird je wieder so sein wie früher“ oder „die Welt wird ein anderer Ort sein“ – solche und ähnliche Aussagen konnten wir die letzten Monate öfters über die Folgen von Covid-19 lesen. Persönlich glaube ich das nicht.

(iz). Zugegebenermaßen befinden wir uns in einer sehr, sehr schwierigen wirtschaftlichen Phase, aber die Erholung scheint bereits im Gange. Sicher, wir werden vermehrt ­Videokonferenzen nutzen und häufiger Masken auf unseren Straßen sehen. Einige Branchen werden zwei, drei oder sogar fünf Jahre brauchen, um das Vorkrisen-Niveau wieder zu erreichen. Und nun? So hätte ich mir eine neue Welt auf alle Fälle nicht vorgestellt.

Es fühlt sich eher so an, als sei die Lage unter Kontrolle. In den nächsten Monaten werden wir wahrscheinlich einen Impfstoff haben, und das Virus wird besiegt werden, aber genau darin sehe ich das größte Risiko. Wir werden Covid-19 besiegen, wir schicken Astronauten zum Mond, und wir kommunizieren ohne zeitliche Verzögerung mit der anderen Seite der Welt.

Der moderne Mensch – Auslöser des Anthropozäns (eines hauptsächlich vom Menschen gesteuertes und beeinflusstes Zeitalter) – hält sich für unbesiegbar. Und gegenüber der Natur ist er es heute weitgehend auch. Aber paradoxerweise wird genau diese Unbesiegbarkeit sein Verderben sein; in dem Moment nämlich, in dem es diese Natur, seinetwegen, so nicht mehr geben wird. Wie kann der Mensch wieder als Teil der Natur und nicht als ihr übergeordnet erkannt ­werden? Wie können wir ihn so neu denken, damit er begreift, dass der Sieg über die Natur letztlich seine eigene Niederlage bedeutet?

In den islamischen Referenzen verfügen wir über reichlich Ressourcen, um dies zu tun. Doch so sehr der Qur’an und die Hadithe sich dem Thema annehmen, so wenig sprechen die klassischen muslimischen Gelehrten über Ökologie im heutigen Sinne. Ein wichtiger Grund ­dafür ist sicherlich der Umstand, dass die schlimme Umweltzerstörung und deren verheerenden Folgen ein Phänomen erst der letzten Jahrzehnte sind. Wir betreten islamologisches Neuland.

Ein erster Vertreter dieses Feldes ist Seyyed Hossein Nasr, ein Philosoph iranischer Herkunft, der an der George-­Washington-Universität islamische Wissenschaften lehrt. Seine Bücher „Man and Nature. The Spiritual Crisis in ­Modern Man“ (1967) sowie „Religion and the Order of Nature“ (1996) seien eine direkte Antwort auf die Thesen von Lynn Townsend White Jr., der die ­jüdisch-christliche Weltanschauung – wonach der nach dem Ebenbild Gottes geschaffene Mensch dazu berufen sei, die Natur zu beherrschen – als die grund­legende Ursache der ökologischen Krise identifiziert hatte. Für Seyyed Hossein Nasr ist die Natur heilig. Und es sei die moderne Wissenschaft, die den Menschen über seine natürliche Umgebung stellen würde.

Es waren dann Autoren wie Ibrahim Abdul-Matin, Autor von „Green Deen: What islam teaches about protecting the planet“ (2010), welche die Verbindung zwischen dieser neuen islamischen Umweltethik und aktivistischem Engagement herstellten. Sie interpretierten die prophetische Tradition nach der die ganze Erde eine Moschee sei dahingehend, dass Naturschutz für Muslime zur Pflicht wird.

Er bezieht sich unter anderem auf Faraz Khan, Autor von „Lectures on Islam and Environment“ (2010), der die folgenden sechs ethischen Prinzipien im Sinne der islamischen Ökologie formuliert: die ­Einheit Gottes und seiner Schöpfung (arab. tauhid), die Zeichen Gottes in der Natur (arab. ajat), der Mensch als Verwalter auf Erden (arab. khalifa), das Vertrauen Gottes in den Menschen (arab. amana), das Streben nach Gerechtigkeit in allen Dingen (arab. ‘adl) und das Gleichgewicht der gesamten Schöpfung (arab. mizan).

In „Signs on the Earth: Islam, Modernity and the Climate Crisis“ (2019) vertieft Fazlun Khalid diese Überlegungen und konzentriert sich dabei auf die folgenden vier Elemente der qur’anischen Schöpfungslehre (arab. ‚ilm al-khalq):

Tawhid: die Einheit Gottes und der gesamten Schöpfung, von welcher der Mensch ein wesentlicher Bestandteil ist. Alles in den Himmeln und auf der Erde gehört Gott, Gott umfasst alles (An-Nisa, Sure 4, 126). Alles ist miteinander verbunden, voneinander abhängig und Teil einer Einheit. Wir sind Teil von Etwas, das viel größer ist als wir selbst.

Fitra: die ursprüngliche Natur der Schöpfung, der natürliche Zustand des Menschen in Harmonie mit der Natur, der reine Zustand (Ar-Rum, Sure 30, 30). Es gebe etwas in uns, das uns auf natürliche Weise zum Transzendenten hinzieht. Wir wollen wissen, was der tiefe und primäre Sinn des Daseins ist. Die Antwort auf diese Frage habe der Mensch jedoch vergessen.

Mizan: das harmonische und vollkommene Gleichgewicht aller Komponenten der Schöpfung. „Die Sonne und der Mond (entwickeln sich) nach einer (sorgfältigen) Berechnung. Und das Gras und die Bäume werfen sich nieder. Und was den Himmel betrifft, so hat Er ihn hoch erhoben. Und er hat das Gleichgewicht hergestellt.“ (Ar-Rahman, Sure 55, 5-7). Dieses Gleichgewicht zu stören, bedeutet die Schöpfung zu stören.

Khalifa: Die Verantwortung des Menschen in der Beziehung Gott-Schöpfung-Mensch. Alle Menschen sind Beschützer der Schöpfung, also Kalif (Al-An’am, Sure 6, 165). Es ist dies kein Titel, der einem einzelnen Amtsträger zusteht, sondern die Verantwortung aller Menschen (Al-Ahzab, Sure 33, 72). Sie sind die Hüter der Schöpfung und der natürlichen ­Ordnung. „Gärtner der Schöpfung“, wie der christliche Soziologe Michel Maxime Egger kürzlich sagte. Es handelt sich also um eine Verantwortung mehr als um ein zustehendes Recht.

Im Orient tendiert die entsprechende Denkrichtung eher zum Normativen und Theoretischen als zum obig beschriebenen Philosophischen und Praktischen. Zu den Vertretern würden unter anderem Moustafa Abou Souwwi und Adnan Sadiq Dahir in Palästina, Mohamed Hasim al Gabouri im Irak und Mohamed Id Mahmoud as-Sahib in Jordanien gehören. Abu Souwwi käme dem westlichen Denken am nächsten, da er ebenfalls das Prinzip des istihklaf (ähnlich dem khalifa) sowie des tashir anwendet, also der ­Tatsache, dass Gott den Menschen alles gegeben hat, was sie zur Erfüllung des khalifa benötigen. Zusätzlich bezieht er sich noch auf I’mar, den göttlichen Auftrag, das Land zu bebauen. Den orientalischen Ansatz würden wir also als Naturrechtsprechung (arab. fiqh al bi’i) bezeichnen, im Gegensatz zur qur’anischen Schöpfungswissenschaft (arab. ‚ilm al-khalq) im Westen.

Eine weitere grundlegende Dimension ist wichtig, um diese Überlegungen zu nähren. Sie betrifft den Qur’an auf einer ästhetischen und emotionalen Ebene.

Die Natur ist bei der Lektüre des Qur’an’s allgegenwärtig. Viele Suren tragen Namen aus der Natur: die Kuh, die Tiere, der Donner, die Bienen, das Licht, die Ameisen, die Morgendämmerung und weitere.

Bei mehreren Stellen werden Tiere und Menschen gleichberechtigt betrachtet: „Es gibt kein Tier auf der Erde und keinen Vogel, der mit seinen Flügeln fliegt, die nicht Gemeinschaften wären, wie ihr. Wir haben im Buch nichts vernachlässigt. Hierauf werden sie zu ihrem Herrn versammelt.“ (Al-An’am, Sure 6, 38) Da nicht alles textlich im Qur’an geschrieben steht, wird Gott auf ein anderes Buch verweisen, wir werden gleich darauf zurückkommen. Das im Qur’an verwendete Wort für Offenbarung an die Menschen ist Awha; genau wie für die Bienen, wenn Gott sie lehrt, wie sie ihren Nektar ernten sollen.

Die Sterne und Bäume verneigen sich (Ar-Rahman, Sure 55, 6), die sieben Himmel und die Erde und was in ihnen ist lobpreisen Gott genauso wie die Menschen es tun, nur dass die Menschen deren Lobpreisung nicht verstehen (Al-Isra’ Sure 17, 44).

Gott ist schön und Er liebt die Schönheit, gemäß einer prophetischen Tradition. Der Qur’an erinnert uns oft an die natürliche Schönheit der Vegetation, der Gärten, der Berge, der Früchte und der Pflanzen. „Wohin man sich auch wendet, das ist Gottes Angesicht (nicht in menschenähnlicher Form sondern als Manifestierung Gottes).“ (Al-Baqara, Sure 2, 115) Daraus leite ich eine der Natur zugeschriebene göttliche Eigenschaft ab. Vielleicht ist es das, was die Vereinigung der Islamischen Organisationen in Zürich (VIOZ) dazu veranlasste Umweltschutz als einen religiösen Ritus (arab. ‘ibada), den jeder Muslim in sein tägliches Leben integrieren sollte, zu betrachten.

Aber es geht noch viel weiter. An anderer Stelle heißt es: „Im Wechsel von Nacht und Tag und auch in Allem, was Gott im Himmel und auf Erden geschaffen hat, gibt es in der Tat Zeichen für gottesfürchtige Menschen“ (Junus, Sure 10, 6) Das arabische Wort, das zur Beschreibung dieser Zeichen in der Natur verwendet wird, lautet „ajat“. Es ist dasselbe Wort, das zur Bezeichnung der geschriebenen Verse des Qur’an benutzt wird. Nichts geschieht und nichts existiert in der Natur, „was nicht in einem deutlichen Buch aufgezeichnet ist“ (Al-An’am, Sure 6, 59).

Die Natur wird also wie der Qur’an als ein mit Zeichen geschriebenes, explizites Buch betrachtet. Gott lädt uns dazu ein, das Buch der Natur zu lesen und es wie den Qur’an zu verstehen zu versuchen. Das vertiefte Betrachten der Natur wäre dann wie das Lesen des Qur’an. Einige Denker bezeichnen daher die Natur als den kosmischen Qur’an (arab. takwini), der wie der geschriebene Qu’ran (arab. tadwini) zur Offenbarung gehört.

Die Schriftquellen als auch die Natur und deren Beobachtung sind daher Quellen des islamischen Weges (arab. schar’ia). Dieser Ansatz ist eine wichtige Öffnung gegenüber einer knöchrigen und allzu wortgetreuen Lesart der Schriftquellen.

Was den Qur’an in Buchform betrifft, so sind es die Muslime gewohnt, ihn nur im Zustand der rituellen Reinheit anzufassen. Wir achten darauf, wo und wie wir ihn hinstellen. Wir geben ihm nur den besten und schönsten Platz des Hauses. Lasst uns den kosmischen Qur’an, die Natur, mit der gleichen Sorgfalt behandeln. Abfall auf den Boden zu werfen, wäre wie eine Seite aus dem Qur’an herauszureissen. Eine Mahlzeit zu verschwenden oder ein Tier zu misshandeln, wäre wie den Qur’an zu verbrennen: absolut undenkbar. Und wir sind hier noch weit weg von den Bergen an Plastikmüll, vom exzessiven Abbau natürlicher Ressourcen, der Wasserverschwendung- und Verschmutzung, etc. die wir Menschen in immer schnellerem Rhythmus praktizieren.

Natürlich erfordert die Bewältigung der ökologischen Krise politische und wirtschaftliche Antworten, aber solange wir die  Einheit der gesamten Schöpfung nicht verinnerlicht haben, solange wir die wesentliche Frage unserer Existenz nicht beantwortet haben, solange werden wir unsere Verantwortung als Hüter der Schöpfung nicht wahrnehmen und können auch deren Gleichgewicht nicht wieder herstellen. Gott ändert das Schicksal eines Volkes nicht, solange es nicht ändert, was in ihm selbst ist (Al-Anfal, Sure 8, 53 und Ar-Ra’d, Sure 13,11). Wir müssen unsere Beziehung zur Natur und zum Lebenden überdenken, wir müssen den kosmischen Qur’an neu lesen. Die ökologische Krise ist auch und vor allem eine Krise des Bewusstseins und damit eine spirituelle. Jede Veränderung beginnt mit dem affektiven Festhalten des Herzens an der Sache. „Sei die Veränderung, die du in der Welt sehen willst“, sagte Gandhi. Das ist die notwendige Grundlage, bevor das Anliegen mit Überzeugung in intellektueller Form ausgedrückt werden kann, was uns dann auch die wohlwollende Handlung erlaubt.

In einem von Muslim überlieferten Hadith heißt es: „Wer unter euch ein Übel sieht, soll es durch seine Hand ändern (wohlwollende Handlung). Wenn er es nicht kann, dann mit der Zunge (intellektuelles) und wenn er es nicht kann, dann mit dem Herzen (affektives Festhalten) und das ist die geringste Form (und damit die Basis) des Glaubens.“

Wir brauchen also eine islamische Transformationsökologie auf drei Ebenen: a) das Individuum und sein Verhältnis zur Natur und damit zu sich selbst, b) die intellektuelle Interpretation des islamischen Weges und seiner Quellen, sowie c) gesellschaftliche, politische und wirtschaftliche Transformation durch wohlwollendes Handeln.

Dafür ist es nie zu spät, denn vergessen wir nicht die prophetische Lehre nach der der Mensch, selbst wenn er den letzten Tag kommen sieht, einen Samen pflanzen soll.

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