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Die Welt neu denken

Nando-Dragan Nuruddin Augener über das neue Buch von Stefan Weidner

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Foto: Max Pixel | Lizenz: CC0 Public Domain

(iz). In Zeiten, in denen die Sarrazins dieser Republik unermessliche Erfolge feiern – bei Amazon ist das neuste Machwerk „Feindliche Übernahme“ von dem Ex-Finanzsenator von Berlin auf Platz 1 der Bestsellerliste – und den Büchermarkt fluten, haben unaufgeregte, vernunftgerechte Bücher einen schweren Stand. So auch das aktuelle Buch des Islamwissenschaftlers Stefan Weidner, der mit seinem Werk „Jenseits des Westens“, ein kleines literarisches Glanzstück erschaffen hat. Doch wird Weidner mit seinem Sachbuch in unserer Epoche der politischen und gesellschaftlichen Polarisierungen und Verwirrungen genügend Leser finden? Mit dieser Buchbesprechung möchte ich gerne meine Eindrücke – die eines deutschstämmigen Muslims – darlegen. Und vielleicht sogar zum Lesen dieser philosophischen Wanderbewegungen, die sich von der westlichen Aufklärung, über das islamische Weltverständnis, bis hin zu fernöstlichen Gedankenspielen erstrecken, animieren.

Schon vor Jahren ist mir eher per Zufall ein Buch von Weidner in die Hände gefallen. Damals, noch als Nichtmuslim, es wird wohl so im Jahre 2012 gewesen sein, las ich also sein Buch „Mohammedanische Versuchungen“, eine Art Hybrid, zusammengesetzt aus Reisebericht, Essay und Roman. In diesem Büchlein schildert Weidner eindrucksvoll seine junge Ansteckung durch die Welt des Orients und seine philosophische Anziehung zur Religion des Islam. Freilich ohne klares Bekenntnis zur Konfession. „Jenseits des Westens“ nun ist sein bisher umfangreichstes Buch, in dem er Themen wie Fundamentalkritiken am Neoliberalismus und seine philosophischen Vordenker wie Francis Fukuyama eingehend anbringt. Sein großes Ziel: Nichts weniger als ein Gegenentwurf zum jetzigen weltübergreifenden System und dem sich in ihm befindlichen, der Entfremdung anheimgefallenen westlichen Zivilisationsmenschen.

Weidners assoziative Kulturanalyse beginnt mit den philosophischen Kerngedanken der sogenannten westlichen Welt und deren über Jahrhunderte geprägtes Verständnis von der Welt. Der Westen zeichnet sich durch eine gewisse Überheblichkeit gegenüber dem Rest der Welt aus, wie es beispielsweise der in „Jenseits des Westens“ thematisierte Samuel Phillips Huntington (1927-2008) mit seiner Aussage „the West and the rest“ ausgedrückt hat. Der Autor wiederum drückt diesen Sachverhalt mit folgenden Worten aus: „Wie es für den universalistischen Zug im Westen typisch ist, übrigens auch denjenigen linker Provenienz, wird dabei das westliche Menschen- und Geschichtsbild als zu erstrebende Norm auf den Rest der Welt projiziert und für allgemeingültig erklärt. Vorläufig noch bestehende Besonderheiten einzelner Völker, Gruppen oder Kulturen werden früher oder später im Sinn des Westens überwunden.“ (S. 41)

Dieses letztlich aggressive Gebaren der anderen Weltbevölkerung gegenüber konkretisiert er etwas später wie folgt: „Der Zug des Fortschritts hingegen lässt alle, die sich nicht anpassen, zurück und droht ihnen damit, auszusterben. Statt Vielfalt und Pluralität gibt es nur noch ein sich selbst reproduzierendes, monokulturelles System, in dem ‘hochintelligente Algorithmen uns besser kennen als wir uns selbst’ Wer diese Zukunft, die in vielen Bereichen längst Gegenwart ist, wirklich will, der springe auf den Zug! Wer nicht, überlege sich rasch etwas Besseres.“ (S.117)

Die Metapher des Zuges umschreibt sehr treffend den Umstand, dass der Westen, ganz im Sinne von Hegels Progressivismus, sich auf festgelegten Bahnen bewegt und nur eine Richtung kennt: Vorwärts, ohne Kompromisse und ohne Rücksicht auf etwaige Kollateralschäden!

Als Muslim hat man, wie kann es anders sein, beim Lesen eines Buches auch eine spezifische muslimische Lesebrille auf, mit der der Inhalt aufgenommen und betrachtet wird. So natürlich auch bei „Jenseits des Westens“. Gerade hier bietet sich eine breite, auch zukünftige Rezeptionsmöglichkeit an, da Weidner selbst, als Islamwissenschaftler natürlich auch prädestiniert, dem Islam sehr viel Platz einräumt und geradezu wohlwollend auf den islamischen Glauben eingeht. Mit einem grundlegenden Vorwurf der westlichen Welt gegenüber beginnen seine Überlegungen bezüglich des Islam. Er spricht hierbei ein sehr wichtiges Thema an, und zwar die oftmalige Forderung des Westens, die islamische Welt benötige eine Art Aufklärung. Sie kenne einfach die Trennung von Religion und Politik nicht. Dabei hat die permanente Einmischung der westlichen Großmächte in die Angelegenheiten der islamischen Welt, spätestens seit der Kolonisierung, zu einschneidenden Veränderungen in Form der Grenzziehungen sowie dem Verständnis von Religion und Politik geführt. Als Gegenentwurf zum aggressiven Auftreten des Westens hätten sich die Muslime politisiert und ideologisiert. Selten hat der geneigte Leser eine klarere Herausarbeitung von kulturellen, geopolitischen und religiösen Zusammenhängen vorgefunden. Chapeau!

Neben dem schon im Islam prototypisch vorhandenen kosmopolitischen Gedanken, der durch den monolithischen Drive des Islam befördert wurde, stellt für Weidner das islamische System ein alternatives Narrativ dar, welches seinen selbstverständlichen Platz auf der Welt hat. Die Schari‘a, im öffentlichen Tenor der westlichen Welt eher ein barbarisches Rechtssystem aus dem Mittelalter, bespricht er erstaunlich differenziert und attestiert ihr sogar gewisse Vorzüge dem westlichen Rechtsverständnis gegenüber, wenn er schreibt: „Zugespitzt formuliert und wenn es auch angesichts der politischen Verwerfungen in der islamischen Welt heute wenig glaubwürdig klingt: Ein Hitler, ein Ermächtigungsgesetz und dergleichen wären in einem politischen Gemeinwesen, das nach klassischen islamischen Vorstellungen geordnet ist, nicht möglich gewesen. Die Scharia, verstanden als unverfügbares Recht mit nicht nur gesetzlichem, das heißt, bloß äußerlich regelndem, sondern auch geistig-moralischen Anspruch bildet so betrachtet eine Brandmauer gegen Willkürherrschaft. Kein Staat, kein Herrscher kann in einem solchen Gemeinwesen die Gesetze selbst schreiben, umschreiben oder außer Kraft setzen.“ (S. 233 f.)

Diese erstaunlichen Äußerungen untermauert er ein wenig später mit prägnanten und mit Verve unterfütternden Worten: „Sowohl gegen die Kolonialmächte wie gegen deren einheimische Vertreter und schließlich postkolonialen Nachfolger war den Muslimen mit der Scharia nun allerdings ein mächtigeres Instrument des zunächst inneren, dann auch äußeren Widerstands gegeben als den meisten anderen kolonisierten Gemeinschaften. Denn da es sich um eine unmittelbar mit dem Glauben verknüpfte Gesetzgebung handelt, war diese nur dort wirksam zu diskreditieren und zu delegitimieren, wo der Glaube selbst entkräftet wurde. Neue Gesetze auszurufen und andere Richter einzusetzen mochte den Kolonialmächten leichtfallen; eine Religion abzuschaffen und aus den Köpfen zu löschen war schwieriger.“ (S. 236)

Der gläubige Muslim entsinnt sich dabei auch an das Versprechen Allahs, wenn der Erhabene im edlen Qur’an sagt: „Wahrlich, Wir selbst haben diese Ermahnung herabgesandt, und sicherlich werden Wir ihr Hüter sein.“ (Al-Hijr, Sure 15, Vers 9)

Dieses Versprechen von unserem Schöpfer lässt die Religion des Islam bis zum Jüngsten Tag fortbestehen. Freilich werden im Gegensatz dazu einige dem Islam allzu vorurteilsbehaftete Leser Weidner vorwerfen, dass er den Islam idealisiere und allzu sehr mit seinem Forschungsgegenstand liebäugeln würde. Dem muss man ehrlicherweise ein Stück weit zustimmen, gerade wenn ich mich ebenfalls an sein schönes Werk „Mohammedanische Versuchungen“ erinnere, in dem er seine sehr subjektive, jugendliche Begeisterung für den Islam ausformuliert hat.

In dem letzten Drittel des Buches veranschaulicht der Autor seine Vorstellungen bezüglich eines neuartigen Kosmopolitismus. Hierbei führt er insbesondere Gedanken der fernöstlichen Spiritualität und des hinduistischen Verständnisses von dem großen friedlichen Revolutionär Gandhi (1869-1948) an. Für Weidner ist eine Verschiebung des Freiheitsbegriffs, hin zum indischen Freiheitsgedanken, zentral. Im hinduistischen Kontext stellt Freiheit eine absolute, ontologische Größe dar. Sie ist somit vielmehr losgelöst von der Welt der Erscheinungen und damit auch von der Politik. Dieses soll Potentiale freisetzen, die eingeschränkte Perspektive des Westens entgrenzen und eben ein gewichtiger Schritt in Richtung eines neuen kosmopolitischen Denkens sein.

So wohlfeil Weidners Formulierungen auch sind, so verklausuliert erscheinen seine später schon fast esoterisch anmutenden Reflexionen, wenn er die Hauptschrift der Hindus, die Bhagavad Gita, seziert. Eine weitere Schwierigkeit besteht in der Relativierung des Begriffs der Seinsdeutung, der Wahrheit. Weidner schreibt: „Die Weigerung oder Unfähigkeit, eine derartige Lehre vom Nullpunkt und damit der Begrenztheit und Relativität eines jeden Narrativs zu akzeptieren, scheint die zentrale Problematik sowohl der Ideologie des Westens wie auch vieler Religionen zu sein, sofern sie die eigenen Erzählungen von Gott als absolut setzen. Kein gebildeter Vertreter einer konkreten, positiven Religion wird um die Erkenntnis herumkommen, dass es sich auch bei der seinigen ‘nur’ um ein solches Narrativ handeln kann, jede Religion folglich eine innerweltliche Form der Seinsdeutung neben vielen anderen ist, die gleichberechtigt Sinnstiftung beanspruchen.“ (S. 312)

Dieser, für den agnostischen Weidner so zentraler Gedanke, kränkelt an seinem doch arg schwammigen Religionsbegriff. Weder wird erklärt, was er mit „positiver Religion“ meint, noch warum Vertreter eines absolutistischen Religionsverständnisses nicht „gebildet“ sein können. Weidner meint, wenn es gleichberechtigte Wahrheiten gäbe, dass es dann auch übergeordnete Gemeinsamkeiten geben würde. Dieses soll dann Weidners neues kosmopolitisches Denken auszeichnen. Folgernd ergibt sich natürlich daraus, dass ein Großteil der mehrheitlich religiösen Weltbevölkerung ihm schlussendlich nicht folgen wird oder kann. Hier, so scheint mir, ist der Autor allzu sehr dem Zeitgeist des 21. Jahrhunderts verfallen, der keine bindenden Wahrheiten mehr kennen möchte.

Das fulminante Sachbuch „Jenseits des Westens“ des Philosophen Weidner besticht durch Evidenz und ermöglicht dem Leser, sich in die entlegensten Ecken und Ebenen der Geisteswissenschaften, der Religionen und unterschiedlichsten Ideologeme maßlos zu vertiefen. Grundlegende Schwierigkeit dieses Werkes stellt dabei eben jene Verstiegenheit dar. Bei dem routinierten Jonglieren Weidners mit Begrifflichkeiten der Gnosis, des Marxismus, der diversen Paradigmen der Vergangenheit und Jetztzeit schlackern einem schon einmal die Ohren. Höchst intelligent, unterhaltsam und bereichernd, aber wieder einmal leiden auch seine Ausführungen unter der Krankheit der Geisteswissenschaften schlechthin: Theoretisch gut durchdacht, allerdings nur für wenige Menschen mit einem konkreten Realitätsbezug für ihre alltägliche Lebenswirklichkeit. Dieses wird insbesondere bei der Thematisierung der weltübergreifenden Poesie deutlich. Sie könne als kunstreligiöses Thema doch die Wunde der Säkularisierung in der westlichen Welt schließen! Aber würde der Durchschnittsbürger dieses ernsthaft in Betracht ziehen? In unseren heutigen gesellschaftlichen Unordnungen und der oftmalig pöbelhaften, stammtischhaften Entwürdigung gesamter Menschengruppen, besticht leider immer wieder die Tatsache, dass wer am lautesten schreit, sich mit kalkulierten und provokativen Thesen nach vorne katapultiert und für eine rege Öffentlichkeit sorgt, am ehesten Gehör findet. Diese sind eben jene geistigen Brandstifter in Gesellschaft und Politik. In Zeiten der ausufernden physischen und psychischen Gewalt bedarf es einer einfacheren Sprache. Die Sprache, die bestenfalls für Jedermann begreiflich sein sollte: konkrete Empathie, das unmissverständliche Eintreten gegen Ungerechtigkeiten jeglicher Couleur. Prognostisch – was auch Weidner ein Stück weit eingesteht – wird die gewissenhafte Rückbesinnung auf das Eigentliche immer dringlicher: Die Rückkehr zum Träger des ewigen Prinzips der Welten und des Jenseits – die der Religion. Dies scheint gerade im Westen notwendig zu sein. Vielleicht kann hier der Islam tatsächlich als Geburtshelfer für eine neue spirituelle Rückbindung fungieren. Die Zukunft wird es zeigen.

Stefan Weidner: Jenseits des Westens. Für ein neues kosmopolitisches Denken. Hanser Verlag, München 2018, 368 Seiten, 24 Euro

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