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„Die Weltordnung wird sich verändern“

Der US-Historiker Kyle Harper zieht eine Linie von der Justinianischen Pest vor 1.500 Jahren zur Corona-Pandemie

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Foto: Jules-Elie Delaunay, Wikimedia Commons

(iz). Kyle Harper wurde 1979 in Oklahoma City geboren und lehrt als Professor für Alte Geschichte an der University of Oklahoma. Sein neuestes Buch „Fatum. Das Klima und der Untergang des Römischen Reiches“ ist seit 16. März im Handel (C.H. Beck, 567 Seiten, zahlreiche Abb., Tabellen und Karten, 32 Euro). Der US-amerikanische Historiker Kyle Harper zieht eine Linie von der Justinianischen Pest vor 1.500 Jahren zur Corona-Pandemie. Das Gespräch führte Konstantin Sakkas

Islamische Zeitung: Professor Harper, die Welt erlebt gerade eine Pandemie von nie dagewesenen Dimensionen. In Ihrem Buch Fatum, das gerade auf Deutsch erschien, erklären Sie den Untergang des Römischen Reiches aus einer globalen Abkühlung – und aus drei schweren epidemischen Wellen. Die Parallelen zwischen der Antike und heute scheinen unübersehbar – oder nicht?

Kyle Harper: Nun, ich würde sagen, es gibt auch Parallelen in der Moderne, von den großen Cholerapandemien im 19. zu den schweren Grippeepidemien im 20. Jahrhundert. Es gibt zwar noch viele Unbekannte, aber Corona hat Ähnlichkeiten mit dem Grippeausbruch von 1957 und bis zu einem gewissen Grad auch mit der Spanischen Grippe von 1918. Die Zahl der Todesopfer wird geringer sein als bei der Spanischen Grippe, die Disruption aber könnte in mancher Hinsicht sogar größer sein, weil unsere Gesellschaft so sehr vernetzt ist. Generell denke ich, dass das Wissen um die Geschichte von Pandemien uns dabei helfen kann, die aktuelle Situation in der richtigen Größenordnung zu sehen.

Islamische Zeitung: Es heißt, Europa sei gerade das Epizentrum der Corona-Pandemie. Die Justinianische Pest, die von etwa 541 bis ins 8. Jahrhundert hinein wütete, betraf das gesamte Mittelmeerbecken und gab dem römischen Reich den Todesstoß. Europa tauchte ab in den Schatten der Geschichte und tauchte erst während der Renaissance wieder auf. Wird sich die Geschichte wiederholen?

Kyle Harper: Die Justinianische Pest war der Beginn des ersten dokumentierten Ausbruchs der Beulenpest. Sie war ein Prequel zum Schwarzen Tod des Mittelalters. Wir haben es hier zwar mit vielen Unbekannten zu tun, aber die Justinianische Pest scheint einen gewaltigen Teil der Bevölkerung ausgerottet zu ­haben, in einigen Kerngebieten des spätrömischen Reiches wohl fast die Hälfte. Ich denke nicht, dass die Corona-Pandemie derart schwere Auswüchse haben wird, aber schwerwiegend ist sie allemal. Und wenn wir eine Lektion aus der Römischen Geschichte lernen können, dann die, dass es nicht das biologische Ereignis an sich ist, das uns Angst machen sollte, sondern die Verkettung von biologischen, gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und geopolitischen Ereignissen. Pandemien sind Schocks für unsere Gesellschaftsordnung, und ihre Auswirkungen können in hohem Maße unvorhersehbar sein.

Islamische Zeitung: Ist Corona Chinas große Chance – so wie die Justinianische Pest (so wird es zumindest von einigen gesehen) eine wesentliche Chance für den Aufstieg des Islam war?

Kyle Harper: Es ist zu früh, um Aussagen über die möglichen langfristigen geopolitischen Auswüchse dieser Pandemie zu treffen, aber immer in der Geschichte haben biologische Schocks tiefere historische Dynamiken beschleunigt, manchmal auch überhaupt erst zutage gefördert. Ja, ich denke, die Weltordnung wird durch Corona verändert werden, aber wir wissen noch nicht, wie.

Islamische Zeitung: Nicht nur die Weltpolitik wurde durch die Pest verändert. Der Zivilisationsbruch der Spätantike, so heißt es, habe auch die spirituelle Erneuerung der Epoche beschleunigt, das Ergebnis war die kultische Festigung des Christentums und die Entstehung des Islams. Historiker sprechen vom Prozess der „Liturgisierung“. Mit Blick auf die Antoninische Plage sprechen Sie selber von einem „Ausbruch apollinischer Religiosität“, den diese Epidemie hervorgerufen habe. Werden wir ähnliches erleben?

Kyle Harper: Interessante Frage! In der Antike hatte man keine biologische Erklärung für die Pestilenz, jedenfalls keine, die die Leute zufriedenstellte. Also suchten sie Antworten in religiösen Erklä­rungen, und die Angst und die Traumatisierung durch die gigantische Sterblichkeit dieser Seuchen potenzierten dann die Energie, die religiöse Gedanken hatten. Ich bin nicht sicher, ob sich die gegenwärtige Pandemie genauso auswirken wird. Hoffentlich aber wird sie uns dabei helfen, zu begreifen, dass alle menschlichen Gesellschaften hochvernetzt sind und dass wo immer menschliche Gesundheit bedroht ist, sie überall bedroht ist. Vielleicht bin ich hier zu optimistisch, aber wir müssen uns eingestehen, dass die Corona-Pandemie in mancherlei Weise vorhersehbar war. Sie folgt einem bestimmten Muster. Wenn diese Pandemie vorüber sein wird, wird die nächste kommen, und auf die sollten wir offensichtlich besser vorbereitet sein.

Islamische Zeitung: Sie beschreiben drei römische Pandemien: die Anto­ninische, die Cyprianische im 3. Jahrhundert (Ihnen zufolge der erste ­Ausbruch von Ebola) und die Justinianische. Wenn man Ihr Buch liest, kann man zu dem Schluss kommen, ohne die Vernetzung des Römischen Weltreiches wären die Auswirkungen weniger katastrophal gewesen. War der Untergang von Rom eine frühe Niederlage der Globalisierung? Und erleben wir heute dasselbe?

Kyle Harper: Lassen Sie uns das epidemiologisch diskutieren, nicht politisch. Wir Menschen sind der Wirt des Virus. Je mehr es von uns gibt und je vernetzter wir sind, desto mehr Übertragungswege gibt es und desto mehr Möglichkeiten hat das Virus, uns „auszubeuten“. Globalisierung – ob in der Antike oder heute – bedroht uns, weil sie uns angreifbar macht. Was wir brauchen, ist eine ruhige Reflexion darüber, wie wir die Vorteile der Vernetzung genießen und zugleich die mit ihr verbundenen Risiken handhaben.

Islamische Zeitung: Über die Antoninische Seuche im 2. Jahrhundert schreiben Sie, sie habe „die Provin­zialisierung des Römischen Reiches ­beschleunigt“. Werden wir durch Corona eine Re-Provinzialisierung Europas erleben? Die Grenzschließungen in den letzten Wochen scheinen in diese Richtung zu weisen.

Kyle Harper: Großartige Frage! Auch wenn ich es für keine besonders rationale Reaktion halte, so wird die Pandemie die Menschen wohl dazu bringen, anders über ihre Landesgrenzen zu denken, und das wird wohl auch politische Konsequenzen haben. Es ist aber wichtig festzuhalten, dass das Virus nicht isoliert „handelt“; vielmehr verstärkt es nationalistische Tendenzen, die ohnehin schon vorhanden sind.

Islamische Zeitung: Ist die Globa­lisierung gescheitert? Oder ist sie im Gegenteil ein Segen, weil sie den weltweiten Transfer von Wissen und ­Hilfsgütern über die Grenzen hinweg ermöglicht?

Kyle Harper: Ich denke nicht, dass die Frage so polarisiert gestellt werden sollte. Die Globalisierung ist quasi unerbittlich aufgrund von Verkehr und Informationstechnologie. Die Vorteile im weltweiten Handel und im kulturellen Austausch sind massiv und mannigfaltig. Aber wir leben in einer Welt, in der auch unsere Gesundheit vernetzt ist. Erschreckend ist doch der Mangel an Ressourcen zur Vorbeugung eines solchen Ausbruchs! Aber wir werden nicht Jeannie zurück in die Flasche stopfen können, das wird nicht gehen. Wir sind schon viel zu sehr vernetzt. Aber wir müssen uns auf den nächsten Ausbruch besser vorbereiten.

Islamische Zeitung: Für Europa bedeutete die Justinianische Pest (wie auch der Schwarze Tod im 14. Jahrhundert) einen fatalen zivilisatorischen Rückschritt. Danach brauchte Europa quasi bis Mitte des 18. Jahrhunderts, um seine Rückständigkeit zu überwinden. Bis dahin waren es (abgesehen von Amerika) der Orient und der Ferne Osten, die reich und mächtig waren, während Europa das Armenhaus der Welt war. Ist es vielleicht die unbewusste Erinnerung an diese Aschenputtel-Vergangenheit, die Europa im Kampf gegen das Virus so ängstlich macht?

Kyle Harper: Ich bin nicht sicher, ob das der Grund ist. Ich denke, das Virus erschüttert deshalb unsere Gesellschaften, weil es offenlegt, wie sehr wir Risiken der Destabilisierung ausgesetzt sind.

Islamische Zeitung: Was die Epidemien angeht, sehen wir Parallelen zwischen Antike und Gegenwart, was das Klima angeht, nicht. Während die Welt heute gegen die globale Erwärmung kämpft, war die Welt Justinians mit einer abrupten globalen Abkühlung konfrontiert, die den Wohlstand des Reiches schließlich massiv einbrechen ließ und Europa in die dunklen Jahrhunderte des Frühmittelalters tauchte. Was genau führte zu dieser globalen Abkühlung?

Kyle Harper: Nun, wir haben in den letzten Jahren enorm viel über das Klima in der Antike gelernt, weil wir ja so dringend den modernen, menschengemachten Klimawandel verstehen wollten. Nicht-menschengemachten Klimawandel haben wir häufiger in der Geschichte, und eines der gewaltigsten Ereignisse ist diese Phase abrupter Abkühlung in den 530er und 540er Jahren, hervorgerufen durch eine Reihe schwerer Vulkanausbrüche: die so genannte Klimaanomalie des Jahres 535/536. Vulkane gehören zu den mächtigsten Kurzzeit-Faktoren eines schlagartigen Klimawandels. Üblicherweise führen sie zu Abkühlungen…

Islamische Zeitung: …weil die durch ihre Eruptionen aufgewirbelte Asche sich in der Stratosphäre sammelt und dort die Sonneneinstrahlung auf dem ganzen Planeten verringert…

Kyle Harper: …richtig. Wir müssen uns vorstellen: Kaiser Justinian hatte auf einmal mit der brutalsten globalen Abkühlung der letzten paar Tausend Jahre zu tun! Für die antiken Gesellschaften, die direkt von landwirtschaftlicher Produktion abhingen, war das ein fürchterlicher Schlag.

Islamische Zeitung: Nun, heute wäre solch eine abrupte Abkühlung doch ein Segen! Immerhin haben wir nun das Virus, das ja bereits abmildernd auf die Erderwärmung wirkt, wie sich etwa in der Region von Wuhan zeigt, wo die Treibhausemissionen durch den Ausbruch von Corona offenbar deutlich zurückgingen. Sollten wir am Ende dem Virus dankbar sein?

Kyle Harper: Um Gottes Willen, nein! Der Klimawandel ist das Ergebnis unserer Unfähigkeit und unseres Unwillens als Menschheit, ein grundlegendes Problem kollektiven Handelns zu lösen. Und das Virus ist das Ergebnis unserer unerbittlichen Eingriffe in die Natur und unserer extremen Kurzsichtigkeit. Das eine kann nicht die Lösung des anderen sein.

Islamische Zeitung: Professor Harper, Ihr Buch ist ein gigantisches Stück „Big History“. Sie ziehen große Linien vom Beginn des Holozäns zur Gegenwart. Die Erde nennen Sie „eine schwankende Plattform für menschliche Angelegenheiten, instabil wie ein Schiffsdeck in einem schweren Sturm“, und die menschliche Zivilisation „nur eine Funktion jenes irregulären Splitters der Klimageschichte, den wir als Holozän kennen“ – irregulär deshalb, weil die Erde bis zum Holozän weitgehend vereist war. Könnte die ganze Party schneller vorbei sein, als wir denken?

Kyle Harper: Ich glaube, Geschichte kann uns dabei helfen, uns selbst und unseren Platz in der Welt in einem tieferen Sinn zu verstehen. „Kompakte“ Lektionen hält sie für uns nur selten bereit, aber sie gibt uns Perspektiven. Wir sind tief verbunden mit der Natur, was eigentlich nichts Neues ist.

Islamische Zeitung: Zu guter Letzt ein Wort zu den USA. Während Corona wütet, wählt Amerika einen neuen Präsidenten. Wird Donald Trump vom Amtsbonus profitieren? Oder wird ihn ein mögliches Missmanagement die zweite Amtszeit kosten?

Kyle Harper: Nun, meine Vorhersagen bezüglich Präsident Trumps waren notorisch unzuverlässig! Ich erinnere mich lebhaft, wie ich einem deutschen Freund – es war ein wunderschöner Winterabend in Freiburg – während der Wahlen 2016 erzählte, dass das amerikanische System zwar am Anfang oft absurde Kandidaten hervorbringe, am Ende aber wieder für Klarheit sorge, und dass Trump sich am Ende einfach als schlechter Scherz entpuppen würde. Und nun schauen Sie sich um. Also: ich bleibe lieber bei der Geschichte, als in die Zukunft zu schauen!

Islamische Zeitung: Professor Harper, danke für dieses Gespräch!

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Konstantin Sakkas

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