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Die westliche Gesellschaft brütet in ihrer Mitte Selbstmordattentäter aus. Von Jürgen Elsässer

Killing Field Winnenden

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(iz). Wer war dieser Junge? Was ist schiefgelaufen in seinem Leben? Dass er ein unauffälliger, durchschnittlicher Schüler gewesen sei, behaupten die Lehrer, die ihn unterrichtet haben. Dass er ein ruhiger, freundlicher Junge gewesen sei, erzählen die Nachbarn, die ihn von klein auf kannten. Dass er nicht einmal seltsame Musik gehört habe, meinen seine Mitspieler im Tischtennisverein. Dass sie ihm nie so eine Bluttat zugetraut hätten, sagen die ehemaligen Freunde, die noch am Tag zuvor mit ihm im Bus zur Schule fuhren.“

Das schreibt die „Zeit“ vom 19. März über Tim K., der in der Woche zuvor in Winnenden bei Stuttgart 15 Menschen erschossen hat. Mit anderen Worten: Ein ganz normaler schwäbischer Bub. Es fehlte ihm an nichts, materiell gesehen. Vater Unternehmer. Schönes Häuschen. Kinderzimmer mit allen Spielen dieser Welt. Konfirmand. In der Schule brav. Tim, berichtet die Lehrerin, habe nie offen rebelliert. „Pünktlich war er, einer der wenigen, die kaum eine Unterrichtsstunde versäumten.“ Er war still, meint die Pädagogin, „aber andere waren noch stiller“.

Bei dem Amokläufer damals in Erfurt war es nicht anders. Und auch nicht bei den meisten der insgesamt 27 Killer-Kids, die die „Zeit“ in ihrer Schwerpunktausgabe auflistet. Alle diese Schießwütigen stammen aus den USA und Westeuropa, aus den Metropolen des Spätkapitalismus. Soll heißen: Diese Gesellschaft brütet in ihrer Mitte Killer aus. Diese Gesellschaft heißt: die westliche. In der Mitte heißt: nicht an den Rändern. Damit sind die Analysen von Rechts- wie Linksextremen gleichermaßen blamiert. Die Rechten – und in diesem Fall steht Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble an ihrer Spitze – wollen uns seit Jahr und Tag erzählen, die muslimischen Teenager in unseren Städten seien wandelnde Zeitbomben, die auf Massenmord sinnen. Die Linken verkünden gebetsmühlenartig, die Nazi-Kids seien eine tödliche Gefahr. Aber Tim war weder Muslim noch Nazi, und sein Erfurter Vorläufer auch nicht. Wird Zeit, dass die politischen Analysten jedweder Couleur diese ganz neuartige Gefahr registrieren, anstatt immer nur die Geister der Vergangenheit zu jagen. Als Einstieg empfehle ich den Hollywood-Film „Fight Club“.

„Fight Club“
Im Film „Fight Club“ zeigt Regisseur David Fincher halb voyeuristisch, halb erschreckt den postmodernen Faschismus. Es ist eine Massenbewegung ohne Ideologie: ohne Volk, ohne Reich, ohne Führer. Der namenlose Ich-Erzähler, gespielt vom erprobten Psycho-Killer Edward Norton, ist zu Beginn ein seelisches Wrack, der noch die deformiertesten Bedürfnisse dem genuss- und besinnungslosen Vegetieren als Konsummonade geopfert hat: Statt in Pornoheften liest er jetzt in Ikea-Katalogen, mit dessen Angeboten er sein Leben möbliert. Am Ende eines jeden seiner öden Arbeitstage in einer Versicherungs-Agentur wartet das Nichts: keine Frau, kein Freund, kein Schlaf.

Eines Tages zerschlägt der Tief­gefrorene das Eis um sich. Das ist ­wörtlich zu verstehen: Er poliert sich die Fresse und lernt zum ersten Mal ein schönes Gefühl kennen: das, wenn der Schmerz nachlässt. Er findet Gleich­gesinnte: In einem illegalen Club ­schlagen sich Männer jeden Alters und Standes in ritualisierten Faustkämpfen, bis roter Rotz über den Beton schliert. Bald begegnen sich überall in der Stadt Typen mit verschwollenen Augen oder Stützkorsetten und blinzeln sich ­verschworen zu – Hämatome und ­Wunden sind ihre geheimen Erkennungszeichen.

Als Staat und Polizei sich der Ausweitung der Fight Clubs entgegenstellen, kulminiert der Film in einem Terrorfeldzug der mittlerweile zur kontinentalen Geheimarmee formierten Desperados gegen die verHasste Ordnung: Die Skyline einer Metropole bricht unter den Detonationen von Megabomben zusammen, der tödlich verwundete Held betrachtet das farbenprächtige Schauspiel Hand in Hand mit seiner endlich wiedergefundenen Geliebten. Endsieg für die Feinde der Zivilisation? Geradezu unheimlich, wie der Film, der 1999 in die Kinos kam, das Inferno der einstürzenden Twin Towers von 9/11 vorwegnahm.

Postfaschistische Massenmörder
Das Beispiel Winnenden, das Beispiel Erfurt und viele andere zeigen: Frustrierte junge Männer aus der Mittelschicht, die in den 30er Jahren Adolf nachgelaufen wären, sind heutzutage kaum noch anfällig für Faschismus, sondern praktizieren lieber Nihilismus. Nicht Hass auf „die anderen“ treibt sie, sondern Hass auf alle.

Am Anfang steht in beiden Fällen Hass auf sich selbst. Die These, Nazismus sei Narzissmus, war nämlich noch nie richtig, da der Narzissmus mit dem Beginn des bürgerlichen Zeitalters verschwunden war. Theodor W. Adorno faßte in „Minima Moralia“ zusammen: „Der Narzißmus, dem mit dem Zerfall des Ich sein libidinöses Objekt entzogen ist, wird ersetzt durch das masochistische Vergnügen, kein Ich mehr zu sein…“ Die ausgelöschten Ichs waren die Elementarteilchen des Faschismus. Aus ihnen formten die Nazis ihre Todesschwadronen.

Doch in der hyper-individualisierten Welt lassen sich die walhallasüchtigen Ichschwächlinge nicht mehr in Kollektiven zusammenbinden: Tim und Co. hatten keinen Bock auf HJ und SS, das war ihnen zuviel Gemeinschaft; statt Mitglied einer Todesschwadron wollt en sie ganz für sich allein der Todesengel sein. Finchers Film macht ein Szenario auf, wie sich dennoch eine Bewegung konstituieren könnte: In seinem multikulturellen Fight Club ist es gerade der Selbsthass, der die Schläger zusammenführt, da der im Rudel mehr Spaß macht als alleine zu Hause. Wehe uns, wenn die Trittbrettfahrer, die in den Tagen „nach Winnenden“ Dutzende von Schulen zwischen Bodensee und Kraichgau in Atem hielten, ihre Macht erkennen und sich in Echtzeit vernetzen. Die Technologie dafür ist da.

Wie das zu verhindern ist? Gemeinschaft und Familie sind elementar. Tim, der unscheinbare Brillenträger aus Winnenden, konnte erst von den elektronischen Lemuren in den Cyberspace gezogen und dort zum Mörder trainiert werden, als Vater und Mutter sich nicht mehr genügend um ihn kümmerten. Zugang zu Killerspielen und zu Waffen muss, so gut es geht, vom Gesetzgeber blockiert werden – aber die beste Vorsorge gegen die Enthumanisierung unserer Jugend ist das humane Miteinander. Wenn das im eigenen Haus nicht gelingt, gelingt es schwerlich anderswo.

Mir scheint, bei der Wiedergewinnung der Jugend könnten wir Deutschen von unseren muslimischen Mitbürgern lernen. Der Zusammenhalt der Familien, die Liebe zu den Kindern, der Respekt vor Eltern und Großeltern ist selbstverständlicher Teil ihrer Kultur und wird viel stärker gepflegt als bei Christen oder gar Atheisten. Die westlichen Medien beschwören die Gefahren, die dem Individuum vom kontrollierenden Kollektiv – also zum Beispiel von der Familie und ihren Moralvorstellungen – drohen. Diese sollen nicht bagatellisiert werden. Doch die Blutspur durch unsere Schulen zeigt, dass nicht Kollektiv und Kontrolle, sondern Vereinzelung und Enthemmung zum Massenmord führen. Die neue Barbarei droht nicht, wie die alte, aus der ideologischen, rassistischen oder religiösen Massenformierung, sondern von ideologiefreien Serial Killers, die an der Wertewüste des Konsumismus irre geworden sind.

An den Gräbern in Winnenden haben Eltern, Lehrer und Kinder, aber auch Christen, Juden und Muslime gemeinsam gebetet und geweint. Das ist ein Anfang, aber ein trauriger. Braucht es erst den Schrecken, bis wir zusammenfinden?

Von Jürgen Elsässer erschien zuletzt: Terrorziel Europa. Das gefährliche Doppelspiel der Geheimdienste (Residenz Verlag). Mitte April erschien: Nationalstaat und Globalisierung (Verlag Manuscriptum).
Kontakt zum Autor:
www.juergen-elsaesser.de
info@juergen-elsaesser.de

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