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Die Wiederbelebung des alten, traditionellen Handwerks in Syrien, in der Türkei und auf dem Balkan. Von Oscar A. M. Bergamin

Europa kommt auf den Geschmack

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(iz). Mosaik-Möbel nach alter arabischer und osmanischer Tradition sind wieder im Trend. Die Kunst der Intarsien-Einlegearbeit in Möbeln ist wieder in Mode. In jüngster Zeit haben muslimische Kunsthandwerker im Mittleren Osten die opulentesten, schimmerndsten Wirkungen erzeugt, indem sie in die Möbeloberflächen schwieriger Holz- und Perlmutt-Designs, die von komplexen strahlenförmigen bis zu delikaten Arabesken mit Blumenornamenten reichen, einarbeiteten.

„Das Osmanische Reich erobert den modernen Wohnraum“, hieß es im vergangenen Herbst auf der internationalen Journalisten-Internetplattform. Mosaik-Möbel nach alter arabischer und osmanischer Tradition sind wieder im Trend. Möbelmessen wie die „imm Cologne“ in Köln, aber auch die Ausstellungen in Mailand zeigen das deutlich. Und nachdem Istanbul im vergangenen Jahr Kulturhauptstadt Europas war ist der Trend jetzt auch dort angekommen. Schaut man sich die türkischen Fernsehsender an, die in Westeuropa empfangen werden, fällt einem sofort auf, wie die türkischen Möbelhäuser in Deutschland, Belgien, den Niederlanden und der Schweiz um Kunden werben. Mit Perlmutt oder Holz eingelegte Möbelstücke – lange Zeit von Kennern und Sammlern eifrig gesuchte Antiquitäten – sind wieder in Mode. Gefragt sind natürliche Materialien wie Holz, „ein Mix aus Alt und Neu und Kompositionen mit Kontrasten“. Alte osmanische Möbelstile erfüllen alle diese Bedingungen. „Die Wiedergeburt des alten Handwerks“ titelte das Magazin „Syria Today“ vor genau einem Jahr.

Damaskus und Istanbul als Produktionszentren
Die Möbelformen aus dem Orient entwickelten sich aus einer langen Tradition zu einer wichtigen Dekorativkunst unter dem osmanischen Patronat der Sultane im 16. und 17. Jahrhundert. Während des 19.Jahrhunderts, als Damaskus und Kairo neben Istanbul sich zu wichtigen Produktionszentren entwickelten, wurden diese blendenden und oft eleganten Einrichtungen weit verbreitet hergestellt und über die ganze Region hinaus sehr beliebt. Und dank der gegenseitigen Faszination, die sich zwischen dem Mittleren Osten und Europa während dieser Epoche entwickelte, haben sie auch Europa und Amerika mit ihrer Schönheit in den Bann gezogen.

Wenige frühere Objekte der mit Perlmutt ausgestatteten Einrichtungen haben überlebt, doch Gesandte wie Marco Polo oder solche aus dem damaligen Byzanz berichteten über mit Perlmutt ausgekleidete Throne und anderes Mobiliar an den Höfen von Zentralasien im 13. Jahrhundert. In Ägypten war Perlmutt zu dieser Zeit ein wichtiges dekoratives Element, das zur Zeit der Mamluken in das Holzgebälk eingearbeitet wurde, das vor allem Einrichtungen in den Moscheen schmückte.

Keine Tradition für ­freistehende Möbel
Während der hervorragenden Blütezeit der osmanischen Kunst im 16. und 17. Jahrhundert erreichte mit Perlmutt eingearbeitetes Mobiliar seinen Höhepunkt. Kunsthandwerker in Istanbuls imperialen Werkstätten produzierten erstaunliche Prachtwerke, wobei Perlmutt sich von Schildkrötenpanzer, Elfenbein, Ebenholz und anderen luxuriösen Materialien deutlich abhob. Da die Osmanen wie andere islamische Gesellschaften des Nahen und Mittleren Ostens vor dem 19. Jahrhundert keine Tradition für freistehende Möbel hatten, waren diese Stücke vor allem für den zeremoniellen Gebrauch oder für königliche Moscheen und Türben bestimmt.

Nach den Äußerungen von Nazan Ölçer, Direktorin des „Türk ve İslam Eserleri Müzesi“, unterstüzen Beweise die Theorie, dass Einlegearbeiten dieser Komplexität durch darauf spezialisierte Architekten ausgearbeitet wurden. In der Museumssammlung des Mausoleums des Sultan Mehmet III, trägt eine eindrückliche Qur’an-Schatulle die Unterschrift ihres Künstlers, Dalgiç Ahmet Çavus, des Chefarchitekten am osmanischen Hof in den Jahren 1598-1605. Nach dem bedeutenden Architekten Sinan war Sedefkar Mehmet Aga der bekannteste osmanische Architekt, der den blendenden mit Juwelen besetzten Thron für Ahmet I. gestaltete; seine charak­teristische Leistung war Istanbuls wunderbare Sultanahmet-Moschee oder „Blaue ­Moschee“.

Wie Inneneinrichtungen der Harems und der kleineren Pavillons des Topkapı-Palastes zeigen, gab es hinsichtlich des früh-osmanischen dekorativen Stils wenig freistehende Möbel. Ob im Palast, wo Perlmutteinarbeitungen weitgehend als dekoratives Element verwendet wurde, oder in den bescheideneren Häusern eines osmanischen Kaufmanns, standen niedrige Sofas an den Wänden entlang, und offene Schränke, Teppiche und ein gedeckter Kamin vervollständigten normalerweise das Mobiliar. Der einzige Unterschied bestand in den kostspieligen Materialien. Die Wohnräume enthielten freistehende Stücke wie vieleckige Tische, Qur’an-Gestelle mit abgewinkelten Holztafeln und Schreibtische, die oftmals großartig eingelegt waren. Als Schlussfolgerung des durchdachten Repertoires der dekorativen Motive, die in den osmanischen Nakkashanes entwickelt wurden, konnten Hofmalerei- und Kunsthandwerk-Design-Werkstätten die komplexesten Zusammenstellungen herstellen, wobei Perlmutt mit anderen Materialien in völligem Kontrast stand, wie zum Beispiel mit Goldblättern besetztem Schildpatt, Mahagoni, Elfenbein und Ebenholz.

Zusätzlich zur angewandten Einlegearbeit und der klassischen Einlegetechnik durch Einbettung des Materials in eine ausgebuchtete Fläche, beherrschten die Osmanen eine Technik, die Kunderarı genannt wurde und hauptsächlich für geometrisches Design gebraucht wurde. Dabei wurden die einzelnen Perlmutt-Tafeln sowie Holz für die Dekoration in zwei Schichten geschnitten, sodass sie sich fortwährend ineinander verschlossen ohne Verwendung von Leim, wie Bandsägen-Zusammensetzspiele mit Anschlitz-Ecken.

Die Gesellschaft der Talentierten
Einlegearbeit für den täglichen Gebrauch im osmanischen Kaiserreich wurde in einer speziellen Abteilung in Topkapı angefertigt, dem Mimarlar Ocagı, das mit Architektur und Bau beschäftigt war. Zusätzlich zu den Werkstätten des Palastes wurden auch Aufträge an in Istanbul tätige Kunsthandwerker vergeben. Kunsthandwerkergesellschaften, die den Hof des Ottomanischen Kaiserreichs belieferten, bildeten das Ehl-i Hiref, die Gesellschaft der Talentierten. Ende des 18. Jahrhunderts verstärkten die Osmanen die diplomatischen Beziehungen mit westeuropäischen Ländern. Die ins Ausland reisenden Prinzen und Gesandten brachten Neuigkeiten und Beispiele des französischen Dekorationsstils mit nach Hause, die damals in ganz Europa von höchster Bedeutung waren. Der Osmanische Hof entwickelte einen Geschmack für Barock- und Rokoko-Design, und wohlhabende Türken importierten Möbel aus Frankreich.

Sultan Abdul Hamid II. unterstützte lebhaft das Aufleben des in Einrichtungen eingelegten Perlmutts und anderer osmanischer Künste und errichtete eine Schreinerwerkstatt im Schlosspark, wo Möbel mit Einlegematerial hergestellt wurde. Tatsächlich wird weit verbreitet behauptet, dass Abdul Hamid selbst ein hochbegabter Möbelhersteller war, gemäß den Memoiren seiner Tochter, und dass er zahlreiche Tische mit Einlegearbeiten anfertigte, die jetzt in Yıldız sind, sowie dekorative Bilder, die sich im Baghdad-Kiosk in Topkapı befinden.

Europa kommt auf den Geschmack
In der Zwischenzeit wurde Europa durch einen Modetrend für orientalische und exotische Einrichtungen des Stils des Mittleren Ostens mitgerissen, der durch Berichte der Reisenden und Schriftsteller sowie entzückende Bilder von Künstlern, die die Region bereist hatten, noch stimuliert wurde. Malereien von Eugène Delacroix, Jean-Léon Gérôme und anderen Orientalisten mit luxuriösen Szenen der Harems und Portraits der Emire der Wüste ergriffen die Vorstellungen des Volks. Die Darbietung des Reichtums der dekorativen Details, ob reell oder bildlich, hatte dazu beigetragen, eine höchst romantische Vorstellung der Islamischen Kultur zu verewigen, in derselben Weise wie die Romane des französischen Schriftstellers Pierre Loti. Internationale Ausstellungen in London, Paris und anderen Städten, wo Tausende die gezeigten Stücke des Mittleren Ostens und Nordafrikas besichtigen konnten, haben Europas begeisterte Begrüßung des exotischen Stils noch angeregt.

Europas Innenausstatter
In England wie auch in Frankreich wurden zahlreiche vom Islam inspirierte Residenzen errichtet, einschliesslich des in einem maurischen Baustil gebauten Schlosses von Monte Cristo des Alexandre Dumas. Anfang der 1870er Jahre rühmten sich moderne europäische Innenausstatter der türkischen, maurischen oder arabischen Räume; die großartigste Einrichtung war die „Arab Hall“, die von Lord Leighton in Leighton House in London errichtet wurde. Romanze und Fantasie durchfluteten diese ganze Epoche. Damaskus und Kairo entwickelten sich beide durch die Begeisterung des enorm wachsenden Geschäfts mit Europa zu hauptsächlichen Zentren für Einrichtungen mit Einlegearbeiten.

Stern und Mondsichel
Bei bedeutenden internationalen Ausstellungen unter den ottomanischen Darbietungen genossen diese eleganten und mit Kunstwerken versehenen Einrichtungen eine beträchtliche Anziehungskraft. In einer reichlich illustrierten Übersicht der Columbian Exposition in Chicago in 1893 kommentiert der Schriftsteller Hubert Howe Bancroft: „Türkische Teppiche und mit Perlen eingearbeitete Möbelstücke aus Damaskus führen unter den kollektiven Darbietungen aus allen Ländern, vor allem der Osmanische ‘Stern und Mondsichel’ finden großen Absatz.“

Komplexe geometrische Einarbeitungen
Bei islamischen und europäischen Ausstattungen verwendeten die Syrer ebenfalls komplexe geometrische Einarbeitungen, die den Perlmutt vom Fruchtholz-Furnier abhoben. Im Gegensatz zu dem kleinen, eleganten islamischen vieleckigen Tisch, reflektierte das Mobiliar mit europäischem Einfluss – sorgfältig ausgearbeitete Seitentische mit wabenförmig gewölbten Schrankfächern, Konsolen und Tische – eine schnörkelhafte Schwere des spätviktorianischen Stils. So populär wie diese in Ägypten und Nordafrika auch waren, konnten diese Stücke doch oft nur schwierig einem spezifischen Ursprungsland zugeschrieben werden. Wunderbare Beispiele der syrischen eingearbeiteten Einrichtungen können im Museum des Azem-Palastes in Damaskus besichtigt werden, welches ursprünglich die Residenz eines osmanischen Paschas im 18. Jahrhundert war, und im Khaled Azem Haus sowie in der „Touma Collection“ im Huntington Museum of Art in Huntington in West Virginia in den USA.

Tausende Amerikaner wurden in der Ausstellung, die zur Hundertjahrfeier in Philadelphia 1876 stattfand, in die Ausstattungen mit Einlegearbeit eingeführt, wo der türkische Bazar eine der exotischsten Hauptattraktionen war, wie auch in der Columbia Exposition in Chicago in 1893. In den auf die Philadelphia-Ausstellung folgenden Jahren, als diese exotischen Stile schon weitgehend aufgenommen wurden, bürgte der Besitz von Tischen mit Einlegearbeit für kosmopolitischen Geschmack. Gegen Ende der 1880er Jahre rühmten sich sogar Haushalte der Mittelklasse einer türkischen „gemütlichen Ecke“, oder mit maurischen Einzelstücken in einem ihrer Räume. Um der Nachfrage genügen zu können, eröffnete das Möbelhaus „Macy’s“ eine Orientalische Abteilung.

Während der Trend für exotische Einrichtungen in Europa und Amerika kam und wieder verblasste, setzte der Nahe und Mittlere Osten seine Produktion von Perlmutt-Mobiliar fort, wenn auch in etwas geringerer Quantität.

Erneutes Interesse ausgelöst hat in den letzten paar Jahren besonders in Syrien die Wiederbelebung der Kunst der mit Perlmutt eingearbeiteten Ausstattungen, wo die Kunstgewerbler wieder Aufträge für Saudi-Arabien und die Golfstaaten ausführten. Alle Anzeichen deuten ­darauf, dass dieses frühere Kunsthandwerk heute wieder die Herzen und Heime erobert.

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