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Dieses Mal: An die FOCUS-Redaktion

"Briefe, die abzuschicken wir uns nicht getrauten"

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Liebe FOCUS-Kollegen,

sagt mal, habt ihr jetzt völlig vergessen, ­immer an die Leser zu denken? Anders lässt sich der Unsinn, den ihr auf einem aktuellen ­Cover zum Thema Ägypten verzapft habt, und der leicht neben der Spur wirkende Anti-Islam-Kreuzzug eures Chefs wohl kaum erklären. Man muss den seligen Helmut M. vielleicht nicht mögen müssen, aber derarti­ges hätte er wohl kaum zu Stande gebracht. Beinahe vermisst man seine alles umfassende physische Präsenz. Habt ihr ­seinen Befehl nach „Fakten, Fakten, Fakten (…)“ (ich weiß, ich mache jetzt keine Witze, weil ich nicht so viel Geld wie die „taz”-Kollegen habe) außer Acht gelassen? Vor allem bei so essenziellen Themen?

Hhmm … diese Vergesslichkeit könnte so manches erklären. Seit der Herr Weimer bei euch das Ruder übernahm, gehen die Verkaufszahlen eures einstmals interessanten Magazin nach unten (dies vermeldeten zumindest die Kollegen von der „Süddeutschen“ nicht ohne Häme). „Vorsichtig formuliert“ gehe es dem Magazin „nicht so gut“. Und zum „Lesermangel“ komme „Mitarbeiterschwund“ hinzu. Die Hamburger Konkurrenz scheint euch nicht nur bei Qualität, sondern auch offenkundig bei Quantität (heute leider im Medienbetrieb die entscheidende Größe) weit voraus zu sein.

Weimer ist (für den Fall, dass ihr das nicht über euren Chef wisst) Teil eines journalistischen Freundeskreises (vorsichtig formuliert), der sich aus unterschiedlichen Motiven der „Islamkritik“ verschrieben hat. Als Mitglied der „Achse der Guten“ ist Herr W. also ­gewissermaßen eine Achsenmacht. Es ist schon erstaunlich, dass von euch und dem Rest der Kollegen so gar nicht reflektiert wird, dass banale wie heftige Angriffe auf Deutschlands Muslime und ihren Glauben nicht nur der Feder eines individuellen Schreibers ­entstammen, sondern bei einigen Ergebnis einer konzertierten Aktion sind. Ein so ­genanntes „Netzwerk“ also…

In seiner offenkundigen Wut auf den ­Islam (oder das, was Herr W. dafür hält) vergisst er, dass „Fakten, Fakten, Fakten!“ des sel. Markwort und wärmt längst widerlegte Schmonzetten von Sparschweinen auf, die von Banken und Sparkassen nach Druck von Muslimen abgeschafft worden sein sollen. Außerdem gebe es nach Ansicht seiner Gnaden einen „kulturellen Dschihad“, der nicht nur in Kairo(!) drohe, sondern „auch uns“. Man wird schon fragen dürfen, in ­welcher Welt El Jefe eigentlich lebt.

Wirklich? Die kleine, und beinahe einflusslose muslimische Gemeinschaft (ver­gleichen wir sie doch mit einem ­Indus­trie­verband oder einer anderen Lobby­gruppe!) soll einen „kulturellen Dschihad“ betreiben? So kann nur ein Mensch schreiben, der von Angst getrieben wird. Aber vielleicht ist das ja berechtigt, wenn eurem Blatt unter seiner Ägide nicht schnell etwas Schlaues gegen den großen Bruder aus Hamburg einfällt.

Den Höhepunkt seiner Führung stellt der Titel eures Magazins über den ägyptischen Aufstand „Kann der Islam Freiheit?“ dar. Auch wenn der grundlegende Satzbau ­(Subjekt, Objekt, Prädikat) im Wesentlichen eingehalten wurde, kann man eure Headline auch nach mehrmaligem Lesen nicht ­verstehen. Diese vier Worte („Kann“, „der“, „Islam“ und „Freiheit?“) sind in dieser ­Kombination komplett sinnfrei.

Erstens, ­Religionen können gar nichts, da sie keine handelnden Subjekte sind. ­Zweitens, „DER Islam ist ein abstraktes Konstrukt. Drittens ist angesichts jener nahöstlichen Hungeraufstände die Kombination von ­“Islam“ und „Freiheit“ Schwach­sinn, da hier ja gar nicht „DER Islam“ demons­­trierte, ­sondern Menschen, die nicht länger unter der Knute unserer Verbündeten ­Hosni ­Mubarak und Ben Ali leben wollen.

Euer Sulaiman Wilms

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