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Dokumentarfilm schildert den jahrelangen Konflikt um einen Moscheebau. Von Safia Bouchari, Mainz

Sehenswertes Psychogramm

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(iz). Der Dokumentarfilm „Heimvorteil“ von Jan Gabriel entstand in Kooperation mit der Filmakademie Baden-Württemberg und dem SWR und wurde von der Filmförderung Baden-Württemberg gefördert. Nun ist der Film auch auf DVD erhältlich. Der Regisseur begleitete zwei Jahre lang den Konflikt um den geplanten Bau einer Moschee in der Kleinstadt Wertheim im Norden Baden-Württembergs, der auch überregional Schlagzeilen gemacht hat, nicht zuletzt weil die Moscheebaugegner besonders vehement auftraten und sich später auch überregional mit anderen gegen Moscheen und gegen den Islam gerichteten Gruppen vernetzten, ja eine solche Vernetzung mit initiierten.

Die Hauptprotagonisten in dem Film sind der frühere Vorsitzende des türkisch geprägten Moscheevereins, der sich in seiner Amtszeit für den Moscheebau eingesetzt hatte und den Moscheeverein in der Öffentlichkeit vertrat, und auf der anderen Seite der lokale Unternehmer Schwend, der die Gegnerschaft gegen den Moscheebau organisierte und noch heute mit einem von ihm gegründeten Bürgerbund deutschlandweit gegen die vermeintliche „Islamisierung“ kämpfen will. Schnell hatte man 3.000 Unterschriften gegen die neue Moschee gesammelt. Mehrere, im Grunde auch unwürdige Standorte wurden von Schwend und dessen Mitstreitern verhindert. Schwend: „Das Baurecht bietet immer eine Chance, eine Moschee zu verhindern.“ Der damalige Moscheevorsitzende erhielt indessen Hassbriefe und Beschimpfungen. Letztlich wurde den Muslimen ein altes Gewerbegebäude verkauft, das sie ausbauten, die Neubaupläne wurden aufgegeben. Eine tragische Komponente der Geschichte ist, dass dem früheren Moscheevorsitzenden vom eigenen Vereinsvorstand der Rückhalt entzogen wurde, man machte ihn für das Scheitern der Pläne und die Probleme mit der Stadt verantwortlich, weil er zu viel gewollt habe. Mittlerweile hat der sehr gut deutsch sprechende Mann resiginiert den Verein verlassen; ein typischer, so gut wie kein Deutsch sprechender Vertreter der ersten Generation hat den Vorsitz übernommen. Wegducken und kleine Brötchen backen lautet jetzt die Devise. In einer bizarren Szene besucht Schwend die Moschee-Eröffnung und zeigt sich zufrieden mit dem Erreichten. Die Muslime sind nun wieder da, wo man sie möchte: Am Rand der Gesellschaft, aus den Augen. Zynischerweise versteht Schwend seine Initiative sogar als „Beitrag zur Integration“ der Muslime und schreibt dem früheren Moscheevorsitzenden die Schuld für die Gründung seiner bundesweiten anti-islamischen Bürgerbewegung zu.

Der Fall Wertheim ist sicher ein extremes Beispiel und nicht typisch. Er zeigt, wie ein lokaler Moschegegner seinen „Heimvorteil“ nutzt und durch zahlreiche persönliche Kontakte im Ort und zur lokalen Politik und Verwaltung so viel Einfluss nehmen kann, dass der ­Moscheeverein die Ablehnung letztlich hinnehmen musste. Den Muslimen ­hingegen gelang offenbar keine nennenswerte Solidarisierung und sie konnten zu wenig Fürsprecher im Ort für sich gewinnen.

Selbstkritisch muss leider auch angemerkt werden, dass durch eine Öffentlichkeitsarbeit, in der Islam und türkische Nationalkultur, Muslim sein und Türke sein beständig vermischt werden, wie sie auch im Film anklingt, der Islam den Deutschen weiterhin entfernt und fremd erscheinen muss und die Distanz eher noch aufrechterhalten wird.

Der Film hält sich mit Kommentierungen zurück, er lässt die Bilder und Aussagen für sich sprechen.

Webseite: www.heimvorteil-film.de

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Safia Bouchari

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