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Dormitio-Sprecher: Friedensprozess ist um Jahre zurückgeworfen. Ein Interview von Andrea Krogmann

«Moderate Stimmen gelten als Nestbeschmutzer»

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Jerusalem (KNA). Die andauernde Gewalt im Heiligen Land hat den Friedensprozess zwischen Israelis und Palästinensern nach Einschätzung des Jerusalemer Benediktiners Nikodemus Schnabel um Jahre zurückgeworfen. Der Sprecher der deutschen Benediktinerabtei Dormitio warnte im Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) zugleich vor der Gefahr einer verkürzenden Sicht des Konflikts und einseitigen Schuldzuweisungen.

KNA: Pater Nikodemus, wie erleben Sie die gegenwärtige Lage im Heiligen Land?

Schnabel: Ich bin traurig und ernüchtert. Es herrscht eine Katerstimmung wie nach einem Fest. Das Jahr 2014, das erst zur Hälfte um ist, hatte hier mit dem Papstbesuch und der darauffolgenden Begegnung von Israels Staatspräsident Schimon Peres und Palästinenserpräsident Mahmud Abbas im Vatikan bewegende Bilder gebracht, die um die Welt gingen. Was US-Außenminister John Kerry vorbereitet hat, hat durch diese Initiativen einen Schub erhalten und eine freudig-feierliche Stimmung erzeugt. Nun sind wir zurückgeworfen in die Zeit der Gazakriege 2012, 2008/09 und 2006. Die Muster sind gut eingeübt, die Mittel dieselben wie in früheren Gaza-Offensiven: Die Hamas feuert Raketen auf Israel, Israel versucht die Extremisten militärisch zurückzudrängen. Erschreckend ist die Visionslosigkeit auf beiden Seiten. Man beschränkt sich auf kurzfristige Ziele und wartet auf die nächste Runde.

KNA: Wie muss man die Ereignisse im Heiligen Land in die Gesamtlage im Nahen Osten einordnen?

Schnabel: Man muss vor allem aufpassen, dass man sich nicht zu einem Schwarz-Weiß-Denken hinreißen lässt. Gewisse Leute neigen dazu, die gesamte Region mit einem Satz zu erklären. Hier ist Vorsicht geboten. Zwar machen diese verkürzten Sätze die Welt einfacher, weil sie Opfer und Täter klar zuweisen, aber dafür ist die Region zu kompliziert und sind zu viele Akteure am Werk.

KNA: Zum Beispiel?

Schnabel: Es ist gefährlich, von einer dezidierten Christenverfolgung im Nahen Osten zu sprechen. Diese Rede wird unter anderem gern von der israelischen Rechten benutzt, um zu betonen, dass Israel das einzige sichere Land für Christen in der Region sei. Dazu gibt es zwei Dinge zu sagen: Auch in Israel gibt es Übergriffe jüdischer Extremisten auf Christen. Und die Gewalt etwa der IS-Milizen im Irak richtet sich nicht gezielt gegen Christen, sondern gegen alle Minderheiten.

KNA: Was sind die möglichen Szenarios für die kommende Zeit? Gibt es einen Weg aus der Gewalt?

Schnabel: Als John Kerry seine Friedensgespräche initiierte, gab es den üblichen Spott, es werde nur geredet. Die Alternative sehen wir jetzt. Vielleicht sieht jetzt jeder, dass Reden nicht die schlechteste Alternative ist. Denn es gibt nur diese beiden Optionen: Man kann sich in den Zyklen der Gewalt einrichten oder sich mutig an eine Lösung wagen. Nur bräuchte es dafür auf beiden Seiten jemanden, der seinem Volk die bittere Pille verabreicht. Auf israelischer Seite müssen der Stopp des Siedlungsbaus und die Räumung der meisten Siedlungen durchgesetzt werden. Auf palästinensischer Seite muss man sich von der Forderung nach dem Rückkehrrecht aller Flüchtlinge verabschieden. Das sind die beiden unpopulären Schritte, die es benötigt – und zugleich die größten Hindernisse für einen Frieden. Bislang traut sich niemand an diese Punkte, weil sie zu angst- und emotionsbesetzt sind.

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