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Durch die Klassiker zum bewussten Muslim

Der Student Ahmet Aydin im Gespräch über Gedichte und seine Begeisterung für Sprache

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Foto: Wikimedia Commons | Gemeinfrei

(iz). Trotz einer langen Geschichte der Migration und Integration ist es noch immer eine Minderheit muslimischer Studenten, die sich mit dem kulturellen und literarischen Erbe der deutschen Kultur beschäftigt. Noch scheinen „handfestere“ Studiengänge attraktiver zu sein. Das ist umso bedauerlicher, da sich in der deutschen Dichtung und Sprache vieles finden lässt, mit dem sich auch Muslime identifizieren können.

Einer derjenigen Studierenden, die sich im „Steinbruch der Sprache“ mühen, ist der türkischstämmige Ahmet Aydin. Derzeit lebt er in Göttingen, wo er unter anderem Germanistik an der renommierten Universität studiert. Mit ihm sprachen wir über die Liebe zur Lyrik, den Wert von Sprache und das Schreiben von Gedichten.

Nicht kam ich hier her um zu streiten,
Zum Friedenstiften bin ich hier!
Um echte Liebe zu verbreiten,
Zum Herzenmachen bin ich hier!
Um unsern Horizont zu weiten,
Zum Liebenlernen bin ich hier!
Zur Nächstenliebe zu verleiten,
Zum Kennenlernen bin ich hier!
Zum Finden von Gemeinsamkeiten,
Zum Stiften eines großen Wir!

Islamische Zeitung: Wieso schreiben Sie Gedichte?

Ahmet Aydin: Damals, im Alter von 14-15, gehörte ich zu der Sorte Mensch, die andere dafür auslachte, wenn diese sagten, dass sie aus Interesse lesen würden. Als ich im Alter von 16 aufs Gymnasium wechselte, hat mir meine Deutschlehrerin empfohlen, dass ich doch Goethes „Faust“ lesen solle. Das habe ich mit Verwunderung zur Kenntnis genommen.

So nahm ich es mir zur Hand. Es war eine Zeit, in der ich, frisch auf dem Gymnasium, von einigen meiner Mitschüler für mein schlechtes Deutsch ausgelacht wurde. Ich wusste mich nicht verbal zu wehren und habe zuweilen zugeschlagen, da ich dachte, mir so Respekt zu verschaffen. Und eben dieser Junge las nun Goethes „Faust“. Ich habe absolut nichts verstanden. Und dennoch: Es hatte Wirkung auf mich. Plötzlich begann ich in Gedanken zu reimen, und ich fand Gefallen daran. Und habe dann auch mein erstes Gedicht geschrieben. Ich habe es „Bunte Menge“ genannt.

Islamische Zeitung: Wie haben Ihre Mitmenschen darauf reagiert?

Ahmet Aydin: Viele lachten mich aus. „Was bringt Dir das?“ Die Frage wurde mir häufig gestellt. Ich fand Erfüllung darin. Die Realität enttäuschte mich. In Deutschland wurde Sarrazins Buch gerade zum Bestseller. Ich habe einfach weitergelesen. „Lesen, Bücher verschlingen, um all die Leben zu leben, die ich nie leben werde“, sagt Eric-Emmanuel Schmitt in seinem Werk „Hotel zu den zwei Welten“. Das tat ich.

Es gab Tage, an denen ich drei Dramen auf einmal las. Vor allem Goethe faszinierte mich, Schiller ebenso. Sie erst brachten mich darauf, mich der islamischen Lektüre zu widmen. Ich muss gestehen: Erst durch Goethe und Schiller wurde ich zu einem bewussten Muslim. In den Medien wurden und werden junge Türken und Araber, also das, was als Muslim wahrgenommen wird, als nicht aufgeklärt bezeichnet. Ich habe gelesen, unter anderem auch Kant.

Das Reclam-Buch „Was ist Aufklärung?“ Habe ich verschlungen, doch gerade dafür wurde ich von meinen deutschstämmigen Mitschülern ausgelacht …  „Das verstehst du doch nicht!“ Medial angeklagt, privat dafür ausgelacht, dass ich lese … Da begriff ich: Pfeif’ darauf, was die Menschen sagen!

Islamische Zeitung: Was können Gedichte bewirken?

Ahmet Aydin: Gedichte helfen der Besinnung. Es fällt den Menschen oft schwer, Hoffnung zu haben. Osman Nuri Topbas Efendi, ein zeitgenössischer islamischer Gelehrter, sagt sinngemäß: „Der größte Dienst dieser Zeit ist es, den Mut der Menschen zu wecken. Den Mut dazu, an das Gute zu glauben.“

Es gibt zwei Wege: den Weg Muhammeds, Allah segne ihn und schenke ihm Frieden, und den Weg des Egoismus. Sunna ist es, Menschen ohne Erwartung einer Gegenleistung zu helfen. Der Weg des Egoismus, andere Menschen zu beneiden und ihnen ihr Glück zu missgönnen. Anderen dabei zu helfen, Großes zu leisten, ist wahre Größe. Das versuche ich durch das Dichten.

Menschen sagen mir oft, dass meine Gedichte ihnen Mut machen, sie auf Ideen bringen. Das ist mein weltlicher Lohn. Das macht mich glücklich. Gedichte machen Menschen glücklich, spenden Mut. So wie unser Körper Nahrung braucht, braucht auch unsere Seele Nahrung. Goethe sagt, man solle alle Tage ein gutes Gedicht lesen und vernünftige Worte sprechen. Der Prophet, möge Allah ihn segnen und ihm Friedengeben, sagte: „Sprich Schönes oder schweig, wenn Du an Allah und an den Jüngsten Tag glaubst.“ Wie soll man schön sprechen, wenn man nicht schön denkt? Wie soll man schön denken, wenn man nichts Schönes konsumiert?

Islamische Zeitung: Um auf hohem Niveau zu dichten, muss man die Sprache sehr gut beherrschen. Konnten Sie schon immer so gut Deutsch?

Ahmet Aydin: Wie bereits angedeutet: Ich wurde auf dem Gymnasium für meine schlechten Deutschkenntnisse ausgelacht. Im Rückblick sehe ich die Weisheit darin, die Hermann Scherer treffend formuliert: „Es ist immer ein Trotzdem, das die Menschen weitergebracht hat.“ Ich wollte Deutsch lernen. Nicht einfach nur lernen. Ich wollte besser Deutsch sprechen als deutsche Muttersprachler.

Vor Kurzem nahm ich an einem Test an der Uni für deutsche Muttersprachler teil, schrieb in einer Hausarbeit eine 1,0. Von einem Jungen, der ausgelacht wurde, weil er schlecht Deutsch spricht, zu einem, der deutsche Muttersprachler selbst sprachlich verbessern kann und eben dichten kann. Es liegen sprachlich Welten zwischen meinen damaligen und heutigen Gedichten.

Immer dann, wenn meine deutschstämmigen Mitmenschen hören, dass ich auf hohem Niveau Deutsch spreche, ja rhetorisch stark bin, so habe ich Ruhe vor Menschen, die von negativen Vorurteilen geprägt sind. Imam Schafi’is Wort habe ich bestätigt gefunden: „Wer vor allen Schlechtigkeiten einer Nation geschützt sein möchte, muss ihre Sprache lernen.“

Islamische Zeitung: Viele Muslime klagen Missstände an …

Ahmet Aydin: Selbst wenn diese Missstände vorhanden sind, die waren auch zu Zeiten des Propheten vorhanden. Ich habe irgendwo den Ausspruch eines Gefährten, möge Allah zufrieden mit ihm sein, gelesen: „Sollen wir uns über Allah beklagen, nur weil wir ein paar Schicksalsschläge ertragen müssen?“ Allah, der Erhabene, sagt in einem Hadith Qudsi: „Wer sich Meinem Schicksal nicht anvertraut, nicht geduldig mit von Mir gegebenen Schwierigkeiten, nicht dankbar für Meine Gaben und nicht zufrieden mit Meinem Willen ist, der soll sich einen anderen Gott außer Mir suchen.“

Jede Klage über das Verhalten anderer Menschen ist eine Klage über Allah. Denn Allah ist es, der die Herzen dreht und wendet, wie Er möchte. Jeder Mensch ist entweder Prüfung oder Gabe Allahs. Und ganz wichtig: Jeder Mensch muss sich die Frage stellen: Bin ich eine Gabe oder eine Prüfung für andere? Wir sagen immer: Die Menschen sind verdorben, früher war alles besser.

Allah sagt nur: „Sei!“, und es ist. Wenn man auf Allah vertraut, dann läuft es. Das bedeutet nicht Nichtstun, im Gegenteil: „Wer auf Allah vertraut, der vertraut auf die Arbeit“, sagt Mevlana im Mesnevi. Wer damit beschäftigt ist, die Medien anzuklagen, Journalisten zu verfluchen, die eine Prüfung Allahs sind, der kann nicht produktiv sein. Er stellt sich selbst das Bein.

Islamische Zeitung: Was also, glauben Sie, muss man mitbringen, um Gedichte zu schreiben?

Ahmet Aydin: Das hängt davon ab, was man bezweckt. Wenn ich meine Gefühle verarbeiten möchte, muss ich den Mut haben, meine Gefühle zu offenbaren. Wenn ich bewusst die Gesellschaft verbessern möchte, so sollte ich mir viel Wissen um die Dichtkunst aneignen und sehr, sehr viel lesen. In der türkischen Serie „Yunus Emre – Die Reise der Liebe“ heißt es: „Was du auch bezweckst zu erreichen, trete die Reise mit der nötigen Sitte an. Ohne Sitte kann kein Ziel erreicht werden.“

Es heißt immer: Folge deinem Herzen – nur leider verwechseln viele ihr Herz mit ihren Trieben, mit ihrem Ego. Sitte bedeutet, sich vom Egoismus zu befreien und den Dienst für die Menschheit in den Vordergrund zu stellen. Es geht nicht darum, es allen Recht zu machen. Das geht nicht. Es geht darum, der Wahrheit zu dienen und dies geht nur, wenn man sein Ego hinten anstellt. Die höchste Aufgabe des Dichters ist es, sein Ego aufzugeben und sein Herz zu erkennen. Das liebende Herz ist dann am glücklichsten, wenn es seine Liebe zufrieden stellt.

Islamische Zeitung: Wie stellen Sie sich eine ausgefüllte Jugend(zeit) vor?

Ahmet Aydin: Input, Input, Input. Der Prophet sagt, dass der beste Jugendliche der sei, der denen im Greisenalter gleicht und der schlechteste Greis der sei, der den Jugendlichen gleicht. Das heißt, wer bloß seinen Begierden folgt, ist der schlechteste und dümmste Mensch der Welt.

Aber das darf nicht dazu führen, ständig Angst zu haben, einen Fehler zu machen. Der größte Fehler ist es, keine Fehler zu machen. Denn wer keine Fehler macht, macht überhaupt nichts. Es sollten jedoch Fehler aus Tapferkeit sein, keine Fehler aus mangelnder Liebe, mangelnder Sitte. Liebe führt immer zur Sitte. Wer liebt, achtet seinen Geliebten. Wer das nicht tut, liebt nicht. Die Jugend soll lieben – denn in der Jugend machen wir Fehler, deshalb sagte der Prophet: „Wer unsere Jüngeren nicht liebt, […] gehört nicht zu uns.“

Und die Jugend, das ist ihre wichtigste Aufgabe, soll Respekt vor älteren Menschen haben. Ihre Erfahrung ist zu kostbar, auch wenn wir als Jugend das nicht verstehen; auch dann, wenn es uns hinterwäldlerisch vorkommt, müssen wir sie wertschätzen und dürfen uns nicht über unsere Älteren stellen. Deshalb fügte der Prophet hinzu: „Wer […] unsere Älteren nicht respektiert, gehört nicht zu uns.“ Liebe erzeugt Nachsicht, Respekt erzeugt Anerkennung.

Islamische Zeitung: In welcher Pflicht stehen im Besonderen junge Muslime?

Ahmet Aydin: Wir haben die Pflicht, zu wissen, was es bedeutet, Muslim zu sein. Ob wir wollen oder nicht, die Menschen werden das, was wir tun, mit dem Islam in Verbindung bringen. Deshalb sollten wir überall, wo wir sind, ein Beispiel der Sunna sein. Sunna ist es nicht, beständig zu diskutieren. Wir sind keine Großgelehrten.

Muslime dürfen sich nicht reizen lassen. Denn wer sich reizen lässt, mit dem spielen schlechte Menschen so einfach, wie das Kind mit dem Ball spielt. Wissen, Wissen, Wissen! Nichts ist so heilig wie Wissen. Und die Anzeichen dieses Wissens sind der Anstand und die Sitte. Der Prophet pflegte das Bittgebet zu sprechen: „Oh Allah! Ich nehme meine Zuflucht zu Dir vor unnützem Wissen!“

Es gibt Jugendliche, die haben Langeweile. Wie kann man Langeweile haben? Wer Langeweile hat, in dessen Herz brennt das Feuer der Liebe noch nicht: Liebe zur Wahrheit, zur Gerechtigkeit, also zu Allah! Denn wer Ihn liebt, wird alles Erdenkliche tun, um Ihn zufrieden zu stellen.

Das heißt: Wer Allah liebt, wird alles Erdenkliche tun, um Seinen Geschöpfen nützlich zu sein und ihnen Gutes tun. Ein Jugendlicher muss brennen im Feuer der Liebe zu Ihm. Das wird ihn und alle Menschen in seiner Umgebung glücklich machen. In einem Gedicht schrieb ich: „Der Verstand, der nicht zur Liebe führt, Hat sich lebenslang umsonst gerührt.“

Mit Wissen fängt es an, doch wer aufgrund dieses Wissens hochmütig wird, hat nicht verstanden, worum es geht. Eine Blume, die reift, senkt den Kopf, sagt Saadi Schirazi. Und genauso ist es. Demut, die dem Wissen entspringt, das ist es, was wir als Jüngere begreifen müssen. Wir sind hier, um die Menschen glücklich zu machen, um „Herzen zu machen“, wie orientalische Dichter sagen. Recht haben bringt nichts, wenn es Liebe und Sympathie auslöscht.

Egal was wir zu wissen meinen, wir müssen versuchen, der Sunna zu folgen. Das bedeutet, herzlich zu sein, nicht auf sein Recht zu beharren. Im Alltag dürfen wir uns nicht als Politiker aufführen. Das zerstört Liebe. Wir müssen Mensch sein und was das bedeutet, fasst Saadi Schirazi zusammen: „Wenn dir der Schmerz von andern nicht im Herzen brennt, verdienst du nicht, dass man noch Mensch dich nennt.“ Daraus ziehe ich als türkischstämmiger Muslim, dass ich hier bin, in Deutschland, um Liebe zu verbreiten, um das Beste aus Kulturen zu vereinen – um Herzen zu machen, was möglich ist, indem ich beständig versuche, Gutes über meine Mitmenschen zu denken. So werden Herzen gemacht.

Islamische Zeitung: Lieber Ahmet Aydin, wir bedanken uns für das ­Interview.

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