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Ein Ausflug nach Globalia

Auf der Lit.Cologne eröffnet Jean-Christophe Rufin eine überfällige Debatte - Von Abu Bakr Rieger, Berlin

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(iz)Ein Handy im Saal klingelt mit Vogelmusik. Jean-Christophe Rufin lächelt über diesen Auftakt in die Welt „Globalias“. Der 53-jährige Rufin, Vorsitzender der „Aktion gegen den Hunger“ hat einen Roman über eine künftige Welt geschrieben. Es könnte eines Tages unsere sein. Während die Lit.Cologne (eine Gesellschaft mit beschränkter Haftung) ihn in Köln vor allem als Literaten und Schöngeist präsentieren will, ihn zum Lesen der – so Rufin – beschreibenden Passagen auffordert, will dieser lieber über die politischen Thesen seines Buches sprechen. Rufin tut dies mit französischem Charme und kommt dankenswerterweise ganz ohne moralischen Zeigefinger aus. Rufin sieht sein Buch als eine Fortentwicklung der Orwellschen 1984-Thematik. Doch, so Rufin, die Lage ist heute eine ganz Andere: „Es ist nicht mehr alles verboten, sondern alles erlaubt“. Rufins Analyse geht noch einen Schritt weiter. Das System, das zu Orwellschen Zeiten von Guten oder Bösen, so oder so, beherrscht werden kann, hat sich nun verselbstständigt. Die alten Kategorien von Gut und Böse sind fragwürdig geworden, da sie beidermaßen längst in das politische System integriert sind. Globalia ist ein angenehm offenes Buch, jenseits von gut und böse geschrieben. Das Thema ist die sich abzeichnende, unheimliche Integrationskraft moderner Staaten.

Globalia beschreibt das Endstadium des technologischen Projektes, das Rufin in eine faszinierende literarische Form gießt. Die totalitäre Form ist es, die sich in den „gehüteten“ Zonen der Globaliawelt durchgesetzt hat. Globalia nutzt dabei exzessiv die Rhetorik von Freiheit, Menschenrechten und vor allem absoluter Sicherheit. Die Unbefragbarkeit dieser absoluten, fast schon religiös verklärten Begriffe ist gleichzeitig das Ende jeder echten öffentlichen Debatte um die politische Substanz der Demokratie von Globalia. Man nimmt das hin. Es gibt sowieso keine Alternativen mehr. Wer sich in Globalia politisch unkorrekt äußert, bekommt keinen Besuch von dunklen Gestalten, sondern seine Karriere „wird nur ein bisschen beschleunigt“.

Sympathisch an Rufin ist, dass er nicht selbst aus einer geistigen „Non-Zone“ stammt. Das wachsame Feuilleton der „Welt“ („… ein Leben wie D’Artagnan“) konnte ihm bisher persönlich nur vorwerfen, zu viele Bücher verkauft zu haben. Um so spannender für die Debatte wird nun sein, ob die unbequeme These eines Buches endlich einmal nicht von der Debatte über den Autor verdeckt sein wird. Vorausgesetzt natürlich, es gibt diese Debatte überhaupt. In Köln waren nach dem freundlichen Auftritt Rufins, sozusagen „sicherheitshalber“, keine Fragen aus dem Publikum erlaubt. Rufin ist kein Ideologe, eher eine Art moderner Abenteurer; jemand, der sich die Non-Zonen dieser Welt erwandert, sich beispielsweise immer wieder in Brasilien aufhält. Rufin ist auch kein Theoretiker der arroganten Gutmenschen. Der „Autor ohne Grenzen“ beschäftigt sich seit Jahren mit dem modernen Gegensatz zwischen „Erster“ und „Dritter“ Welt, ohne dabei belehren zu wollen. Denken will er aber schon. „Wir haben“, so stellt Rufin fest, „inzwischen zwei Humanismen“: Einen Humanismus für den Norden, einen Humanismus für den Süden.

„Globalia“, so sagt Rufin bestimmt, „ist kein utopischer Zukunftsroman. Globalia beschreibt aktuelle Zustände, übertreibt, aber es handelt sich um konkrete Möglichkeiten“. Jedesmal wenn Rufin aus der Dritten Welt, wo das skandalöse Biopolitikum des „nackten Lebens“ sich immer klarer abzeichnet, zurückkehrt, schärft sich dabei sein Blick aufs Neue. Wir leben schon, so teilt uns der Autor mit, wenn auch unter dauerhaftem Sicherheitswahn, bereits wie in Globalia unter einer gut versorgten Glocke. Rufin beschreibt in nüchterner Direktheit die eigenartigen Effekte der Globalisierung, so zum Beispiel, dass ihm während seines Brasilienaufenthaltes aufgefallen sei, dass dort vor allem die Beerdigungsinstitute Tag und Nacht geöffnet seien. Davor standen in langen Reihen die Kindersärge. In Brasilien kann man sich eine Debatte über Ladenöffnungszeiten nicht leisten.

Natürlich prägt Rufin auch unsere aktuelle politische Landschaft. Globalia ist voller Anspielungen und wurde von Rufin in großen Teilen während der Vorbereitungen des Irakkrieges geschrieben. Es herrscht eine weltweite Stimmung der Manipulation, die Rufin, ehemaliger Staatssekretär des französischen Verteidigungsminsteriums, natürlich wahrnimmt. In Globalia wird Manipulation ein anerkanntes Mittel der medialen Machtausübung sein, Terrorakte werden zum integrierten Bestandteil der Innenpolitik, andauernde Terrorismusgefahr wird den absoluten Gehorsam rechtfertigen, politische Feinde werden vor allem zur Ausforschung der politischen Stimmungen in der eigenen Bevölkerung gebraucht. Gerade in dem heutigen „Wahn nach Sicherheit“ sieht Rufin „die existentielle Verunsicherung und Leere des modernen Menschen“ widergespiegelt. Der Terrorismus ist dabei überall und nirgends, hat nicht zufällig keine erkennbaren politischen Inhalte mehr und agiert ohne fassbare Führer.

Was tun? Es ist nicht nur eine „gewisse kritische Distanz zur Demokratie“, die Rufin in Köln leise anmahnt oder das natürliche Misstrauen des Franzosen gegen die Obrigkeit, die der erfahrene Rufin verkörpert. Rufin antwortet nicht mit dem Ruf nach Reformdebatten, sondern, wie es einem politischen Autor ansteht, mit der Forderung nach vertieftem Lesen. Bücher sind für Rufin, wie es auch ein zentrales Motiv in Globalia andeutet, wertvolle Schätze. Brücken, die in die Vergangenheit und Zukunft führen. Bücher schaffen soziale und geistige Bewegungen. „Die Leser schreiben mir nie“, seufzt Rufin aus der Einsamkeit des Dichter heraus. In den modernen „Bookstores“ mit ihren ausufernden Beständen der Literatur und Wissenschaft wird der Mensch, so Rufin, keine Orientierung mehr finden. Rufin erzählt von einem albanischen Freund, der in der Zeit des Stalinismus Bücher, die er für nur einen Tag ausleihen durfte, nachts abschrieb, um sie ganz zu besitzen.

Globalia kann kein Feind der Welt besiegen. Globalia wird allein von innen bedroht. In Globalia ist die Langeweile, der Preis und die Grundstimmung des nihilistischen Daseins. Rufin erzählt von einer Trekking-Tour in Südafrika, die ihn zu Globalia inspiriert hat. Nach einigem Fußmarsch durch die „Wildnis“ wird er dort von einem Polizisten nach der Eintrittskarte mit Strichcode gefragt. Rufin protestiert. Der Beamte klärt ihn auf, dass man ohne codierte Eintrittskarte ihn weder suchen noch finden könne. Der Anfang des Globalia-Motivs hat Rufin gefunden.

Baikal und Kate, die Helden des Romans, versuchen bei einer Trekking-Tour aus den Sicherheitszonen auszubrechen, sehnen sich nach Liebe, Abenteuer und Ausnahmeerfahrungen. Die unmittelbare soziale Begegnung mit Menschen außerhalb der künstlichen Glocke, unter der sich Globalia befindet, seien sie Feinde oder nicht, hebt sofort ihre Stimmung. Sie atmen trotz der Trostlosigkeit dieser Non-Zonen auf. Sie sind keine Terroristen, keine Politiker, mangels Nation auch keine Bürger mehr, aber immer noch schlägt in ihrem Innern hörbar ein „abenteuerliches Herz“. Das genügt.

Der Wandel ist in Globalia nicht mehr in politische Programme zu gießen. Ihre Jugend bewahren Baikal und Kate mit einer intuitiven Flucht, die zunächst ohne konkretes Ziel auskommen muss und doch im Wegcharakter, im Aufbruch neuen Sinn findet. Rufin spielt fortlaufend mit der -notwendigen – Verwandtschaft von poetischer und politischer Wahrnehmung. Kate und Baikal sind unvernünftige, unpragmatische und deswegen eigenwillige Figuren. Erst im gemeinsamen Handeln entdecken sie die Möglichkeit der Liebe. Beide wollen dabei vor allem eines, aus Globalia ausbrechen und endlich ein Schicksal haben.

Keine Frage, Globalia ist ein europäisches Buch. Es spiegelt das europäische Misstrauen gegen den Leviathan und die Skepsis gegenüber der Technik gleichermaßen wieder. „Im Gestell wird alles zum Bestand“, hat Martin Heidegger das integrative Wesen der planetarischen Technik früh und treffend beschrieben. Das „alte“ Europa mag geistig müde sein, es ist aber aufgeklärt, bleibt gefährlich und zweifelt an der irrationalen These unserer Parteien, die immer neu ewiges Wachstum und globalen Wohlstand versprechen. Aber wohin? Rufin wagt mit seinem Entwurf von Globalia vorsichtig, nach dem Sinn unseres geschichtlichen Daseins zu fragen.

Globalia zeigt, wie es enden könnte, nicht, wie es enden muss. Weil man jede Seite versteht und alle Motive des modernen Lebens in Globalia erkennen kann, scheint dieses Ende möglich. In Globalia endet sogar die Geschichte selbst. Wer könnte auch Geschichte machen? Die alten Träger der politischen Souveränität, seien es Nationen, seien es Völker, seien es Bürgerbewegungen, seien es Gewerkschaften, haben sich längst aufgelöst. Der Mensch lebt atomisiert. Globalia ist voller Überfluss und doch eine ewige, aber ziellose Baustelle.

Die Motive des Romans korrespondieren mit dem Hier und Jetzt. Es gehört zweifellos zu den Schwächen der Tagespolitik, dass sie kaum mehr Kontakt zu den zeitlosen Fragestellungen der politischen Dichtung hat. Die angeblich „richtungsweisende“ Rede des Bundespräsidenten – es ging ja vor allem um den Menschen in seiner modernen Rolle als „Arbeiter“ und als Bestand des Humankapitals – war nichts anderes als solche Tagespolitik. „Mehr arbeiten“ wegen des drohenden Untergangs – eine tragende politische Vision? Begeistern wird eine so eingeschränkte Vision des künftigen Menschen jedenfalls nicht. Noch immer treiben die drängenden Fragen der Globalisierung Politik und Wähler gleichermaßen vor sich her. Rufin will das Denken jedenfalls zu neuen Abenteuern anstiften.

Agiert Politik oder reagiert sie nur? Die politische Schlüsselfigur in Globalia ist, jenseits der Scheinwerfer, ehrlich und bekennt, nach Drängen Kates, dass Politik eben doch nur Theater ist. Fest steht, Rufin ist ein wichtiger Impulsgeber für eine überfällige Debatte um das Wesen der modernen Staaten. Staaten, die als moderne Dienstleister für das ungezügelte wirtschaftliche Projekt, politische oder religiöse Inhalte immer öfter und immer vorschneller als „gefährlich“ einstufen und zunehmend neutralisieren. Das politische Biotop verkümmert, trocknet aus. Wer Politik nicht nur konsumiert, sondern auch politisch denken will, wittert hier mit Rufin die eigentliche Gefahr, die der eigenen Entmündigung.

Rufin könnte viele spannende Debatten über die Entwicklung der „demokratischen Kultur“ in Deutschland auslösen. Mit dem Recht der geschichtlichen Erfahrung haben die Gründungsväter des Grundgesetzes die Gefahr vor allem im politischen Feld geortet und diese glücklicherweise gemeistert. So weit, so gut; nur, die neuen Gefahren, da wird man Rufin zustimmen müssen, sind eher ökonomischer Natur: Medienkonzentration, Stimmungsdemokratie, die politische Rolle der Statistik, das Verhältnis von Parteien und Ökonomie oder aber die denkwürdige, kaum diskutierte, neue Doppelrolle des Verfassungsschutzes („Gesellschaftsschutz“ in Globalia): Zum einen Wächter über die politischen Feinde des Staates, zum anderen Dienstleister für mächtige Wirtschaftsunternehmen gegenüber den Bedrohungen der Wirtschaftsspionage. Eine Doppelrolle und ein Selbstverständnis, das grundsätzliche Fragen aufwirft.

Brauchen wir neue Hüter der Verfassung? Globalias Aktualität liegt auch in der Formulierung einer der politischen Grundfragen dieser Zeit: Ist die globale Wirtschaft überhaupt noch demokratisch zu kontrollieren? Unbemerkt hat der nationale Staat, besser der Parteienstaat, die ihm durch die Verfassung eigentlich auferlegte wirtschaftspolitische Neutralität verlassen. Sieg des Kapitalismus wird mit Sieg der Demokratie immer öfter begrifflich gleichgesetzt. Ist es unser Sieg? Eine Gesellschaft, die tagtäglich die Apokalypse des drohenden wirtschaftlichen Zusammenbruches zelebriert, wird für solche kritischen Analysen aber kaum mehr die Kraft haben. Der Zusammenhalt in Deutschland beruht zunehmend auf Angst, nicht auf einer positiven politischen Vision. Globalia ist auf genau dieser Angst gebaut.

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