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Ein Beitrag von Ahmet Inam über die Auslegung eines Koranverses und was sich daraus über die ISIS im heutigen Nahen Osten ableiten lässt

„Es gibt keinen Zwang in der Religion“

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(iz). Es gibt mehrere Überlieferungen zu diesem Koranvers (Sure al-Baqara 2/256), die uns allesamt veranschaulichen sollen, aus welchen Anlässen dieser Koranvers offenbart wurde. Diese finden sich in den Werken der früheren Gelehrten wie in dem Sunan-Werk von Abu Dawud, in dem koranexegetischen Werk Dschami al-Bayan von at-Tabari oder in dem berühmten Werk von Al-Wahidi über die Sammlung der Offenbarungsanlässe (Asbab an-Nuzul) und wurden bis heute in allen Bereichen der islamischen Literatur immer wieder zitiert, aufgearbeitet und weitervermittelt. So ist denn auch nicht verwunderlich, dass nahezu alle Muslime auf der Welt diesen Vers – wenn auch nicht immer das arabische Original – oder die inhaltliche Botschaft doch sehr gut kennen und entsprechend mit Stolz verkünden und agieren. Leider nahezu und nicht alle Muslime, denn manche Gruppen und Kultanhänger anscheinend nicht!

Die Offenbarungsanlässe zu diesem Vers summieren sich auf drei verschiedene Geschichten in denen wiederum drei verschiedene Religionsgruppen thematisiert werden: Juden, Christen und (eventuell) Polytheisten. Die Frage, welche dieser Anlässe richtig ist, stellt sich nicht bzw. kann nur für die Einzelperson verbindlich sein. Spätestens seit Thomas Bauers Buch „Kultur der Ambiguität“ und davor schon in vielen Grundlagewerken über den Koran (Ulum al-Qur’an), wie die von Subhi as-Salih (Mabahith fi Ulum al-Qur’an, 1968), wissen wir, dass es nahezu unmöglich ist, zu garantieren, welche der Überlieferungen zu den Koranversen die authentische(re) ist. Somit ist es dem muslimischen Leser quasi freigestellt, sich von einen oder mehreren Anlässen zu bedienen.

Eine Ernsthaftigkeit bei der Suche nach der richtigen Variante (für die, die es unbedingt wissen wollen!) oder eine wohl- und ernst gemeinte Auseinandersetzung/Anstrengung mit den verschiedenen Inhalten sollte wiederum vorhanden sein, um es nicht in die Absurdität zu führen. Thomas Bauer verdeutlicht darüber hinaus in seinem Buch, wer sich in der islamischen Geschichte mit dieser Variantenvielfalt beschäftigte, diese befürwortete und zu einer Ambiguitätstoleranz entwickelte und wer nicht. Denn selbst, wenn Subhi as-Salih in seinem Buch über die „Wissenschaften des Koran“ diese Vielfalt positiv erwähnt, so hat man dennoch bei ihm (und nicht nur bei ihm!) das Gefühl, dass er es eher als eine Nebensächlichkeit betrachtet, statt als einen grundlegenden Aspekt der islamischen Wissenschaftsgeschichte und Kultur.

Dieses Problem hatten und haben die Gelehrten in der Moderne immer noch, während die klassischen Gelehrten bis zur Moderne nicht darauf aus waren, die einzige richtige authentische wahre Wahrheit „für alle Muslime zu beanspruchen“.

Der erste Offenbarungsanlass spricht über einen Brauch der Medinenser vor der Einkunft des Propheten in Medina. Hiernach sollen einige arabische Mütter ihre Kinder den jüdischen Familien in Medina übergeben haben, mit der Hoffnung sie würden bei ihnen länger leben (weitere Version: oder weil sie den Judentum als die richtige Religion betrachteten). Als der Prophet in Medina ankam, wurde dieser Brauch aufgegeben und einige Eltern machten sich nun Sorgen über ihre Kinder, die nun dem jüdischen Glauben angehörten. Sie wollten vom Propheten erfahren, ob man sie wieder zurückbekommen und zu Muslime bekehren könnte, wo doch der Islam die richtige Religion sei. Daraufhin wurde dieser Koranvers offenbart und die Entscheidung wurde den Kindern (zu diesem Zeitpunkt wohl mehrheitlich Erwachsenen oder Jugendlichen) der Betroffenen selbst überlassen. Es gibt zu dieser Geschichte noch die Variante, dass die jüdischen Mütter als Milchmütter beauftragt wurden. Als dann zwei jüdische Stämme wegen Vertragsbruch die Stadt verlassen mussten, sollen einige Kinder den Wunsch geäußert haben, lieber mit ihren Milchmüttern zusammen zu leben. Die biologischen Mütter sollen versucht haben sie davon abzuhalten, woraufhin dieser Koranvers herabgesandt wurde.

Die zweite Geschichte beschäftigt sich mit zwei Kindern die vor der Prophetie des Propheten Muhammads durch die Mission von christlichen Händlern in Medina zu Christen wurden und die Stadt mit ihnen zusammen verließen. Nach vielen Jahren kamen diese beiden geschäftlich nach Medina zurück, woraufhin die Eltern und Verwandten dieser Beiden versucht hätten sie zum Islam zu bekehren. Als kein Erfolg beschieden war, gingen sie zum Propheten und fragten ihn um Rat. Dabei soll der Vater gesagt haben: „Sollen denn vor meinen Augen ein Teil von mir in die Hölle gehen?“ Dieser Satz ist umso interessanter, da viele muslimische (und verallgemeinert sicherlich nicht nur(!) muslimische) Eltern auch heute noch genau aus dieser Befürchtung heraus versuchen, ihre elterliche Verantwortung ernst zu nehmen, ihre Kinder nach ihrer Überzeugung der richtigen Religion aufzuziehen und das dürfte bei diesem erwähnten Vater nicht anders gewesen sein (man bedenke hier auch die Trauer und Wut der Eltern, derer Kinder Muslime wurden). Und doch wurde durch die Offenbarung dieses Verses dem Vater und seiner väterlichen Fürsorge eine Absage erteilt.

Die dritte Geschichte befasst sich mit einem schwarzen Sklaven, dessen Herr versucht hätte, ihn zum Islam zu bekehren. Die religiöse Zugehörigkeit des Sklaven wird nicht genannt. Dagegen gibt es Überlieferungen, die auf schwarzhäutige Christen (aus Abessinien als Beispiel) verweisen, aber auch schwarzhäutige Ungläubige (Polytheisten etc.) erwähnen, weshalb auch hier beide (vielleicht auch noch weitere?) Varianten ihre Gültigkeit besitzen.

Einige Gelehrte waren der Auffassung, dass dieser oben genannte Koranvers abrogiert (deren Gültigkeit aufgehoben) wurde. Diesen Gelehrten zufolge durften die muslimischen Eroberer die Andersgläubigen entweder bekriegen oder zur Zahlung einer Steuer (dschizya) zwingen. Doch selbst bei dieser Auffassung war ein direkter Zwang zum Glauben nicht vorhanden, sondern mehr ein in dieser Zeit weitverbreitete Kriegshandlung und Politik war das Ausschlaggebende. Andersgläubige haben in Großreichen einer bestimmten Staatsreligion oder Staatskult ebenfalls durch eine für sie spezielle Steuer weiterleben dürfen, wenn auch, so die Geschichtsschreibung, nicht so frei und mit vielen Rechten versehen als unter der muslimischen Herrschaft (zum Beispiel die von der Taliban zerstörten Buddha-Statuen wurden Jahrhunderte unter muslimischer Herrschaft nicht angerührt!).

Gegen den Entscheidungszwang zwischen Krieg oder Steuerabgabe gibt es wiederum zur Genüge Beispiele aus dem Leben des Propheten und seiner Vertreter/Nachfolger (besonders bei dem Kalifen Umar), die unter anderem mit polytheistischen Stämmen Bündnisse eingingen ohne diese beiden Optionen. Weshalb auch der Gelehrte Ibn Taymiyya und viele weitere Gelehrte eine solche Praxis durchaus befürworteten und diesen oben erwähnten Koranvers nicht als aufgehoben betrachteten. Darüber hinaus sind zwar Beispiele von Eroberungen auch zur Zeit des Propheten bekannt, in denen den Kriegsgegnern die Entscheidung zwischen Krieg oder Steuern überlassen wurden, doch zeigen diese Beispiele wiederum auf, dass es sich hierbei nicht um willkürliche Eroberungen handelte, sondern diese Optionen an feindlich gesinnte und militärisch angreifende Stämme oder Reiche vorgelegt wurden.

Der Gelehrte Ibn Taymiyya wurde nicht umsonst namentlich genannt und hervorgehoben. Diese Person wird durch manche Sufi-Orden insbesondere der Nakschibandi, durch viele muslimische Theologen und den Orientalisten als der Vater des Wahhabismus bzw. der heutigen Salafismus genannt. Dabei waren Ibn Taymiyya und sein wichtigster Schüler, Ibn Qayyim al-Dschawziyya, selber Mitglieder eines Sufi-Ordens, nämlich der Qadiriya. Heute einen Salafisten mit dem Begriff Sufi oder Sufismus in Beziehung zu setzen, dürfte nahezu unmöglich sein. Die Sufi-Orden und ihre Rituale sind für die Salafisten eine zu bekämpfende Erneuerung (bid’a) und wird nicht selten mit Unglaube gleichgesetzt.

Einen interessanten Einblick in das sufische Leben des Ibn Taymiyya bietet der Sufismus-Experte Süleyman Uludag in mehreren Artikeln über ihn u.a. in der Zeitschrift Islamiyat und verdeutlicht sogar, wie sehr Ibn Taymiyya sich mit den sufischen Lehren anfreundete. Darüber hinaus soll er die Zeremonie zum Geburt des Propheten (Maulid/Mawlid) befürwortet haben, was den Wahhabiten ein Dorn im Auge ist (Vgl. Ibn Taymiyya -Sirat al-Mustaqim). Als Vater dieser radikalen Ideologie des Wahhabismus wird er deshalb geahndet, weil dieser manche sufische Gelehrte wie den bekannten und von der Nakschibandi verehrten Ibn Arabi auf Grund seines Pantheismus der Unglauben bezichtigte.

Doch gibt es wiederum Schriften von ihm, in denen er ausdrücklich die Verunglimpfung eines Muslims als Ungläubigen tadelt. Ob es sich hierbei um eine frühere Erscheinung oder um eine spätere Entwicklung bei ihm handelt, ist nicht gewiss. Seine strikte und auch radikale Haltung gegenüber den Praktiken an den Grabesstätten, wo sicherlich auch viel Volksglaube mitspielte und ihn hierbei beeinflusste, war ein weiterer willkommener Aspekt für den Wahhabismus. Und doch müsste man hier wiederum unterscheiden, dass Ibn Taymiyya die Verherrlichung der Gräber als Unglaube betrachtete und dagegen radikal anging, ohne dabei es genau zu differenzieren, aber zugleich die Besuche zu den Grabstätten begrüßte. So können wir sagen, dass er nicht so radikal wie die Wahhabiten oder die ISIS-Anhänger war, welche die Gräber in Tausend Stücke bombardierten! Wichtig für diesen Artikel ist, dass der vermeintliche Vater des Wahhabismus beziehungsweise Salafismus in keiner Weise den Zwang zum Glauben befürwortet hat und eine solche Radikalität wie die der heutigen Salafisten den Sufis gegenüber nicht begrüßte. Das Phänomen der ISIS-Brutalität andersgläubigen und andersdenkenden Menschen gegenüber mit der Lehre des Ibn Taymiyya zu erklären, ist – wenn auch Einflüsse vorhanden sind – nicht besonders haltbar.

Die ISIS mit dem Wahhabismus zu vergleichen ist, wenn auch hier deutliche Berührungspunkte vorhanden sind, ebenfalls nicht passend, da der Wahhabismus die Christen und Juden als „Ahl al-kitab – Leute der Schrift“ betrachtet, diese somit unter Schutz stehen und nicht als vogelfrei angesehen werden. Man könnte diese Gruppe eventuell mit den so genannten Kharidschiten gleichsetzen, die ebenfalls eine Spur der Brutalität und Verwüstung in der Geschichte hinterlassen haben und sich auch nicht davon abhalten ließen, einen geschätzten Gefährten des Propheten zusammen mit seiner Familie zu ermorden. Allerdings waren diese – ähnlich wie die viele Jahrhunderte später auftretenden Wahhabiten – interessanterweise nur den andersdenkenden Muslimen gegenüber feindlich gesinnt und hielten diese als Apostaten, während andersgläubige Menschen wie Christen in Schutz genommen wurden. Die ISIS hält sich auch daran nicht.

Mit wem oder was die ISIS aus der Geschichte zu vergleichen wäre, oder wer oder was sie genau ist, dürfte auf Grund von Informationsmangel über diese Gruppe erheblich schwer sein, um aktuell etwas sagen zu können. Das diese Gruppe sich weder an die Botschaft des Korans, noch an die Sunna (Lebensweise) des Propheten hält und auch nicht an die Lehren der Gelehrten (welcher Rechts- oder theologischen Schule auch immer), das können wir mit Sicherheit sagen! Sie bilden vielmehr eine Art Symbiose oder eine weitere Stufe aller radikalen Ideen aus der Geschichte. Dabei blenden sie bewusst Gegenargumente gegenüber ihrer Praktiken aus, auch wenn es sich hierbei um Argumente der eigenen als Vorbild akzeptierten Gelehrten handelt.

Sie benehmen sich vielmehr wie Anhänger eines Sektenkults, mit der ihnen speziellen Ritualen. Sie verehren ihren Führer abgöttisch, weshalb sie in keiner Weise andere Gelehrte akzeptieren, den erbarmungslosen Befehl ihrer Führer folgen und den Tod als „Märtyrer“ gerne in Kauf nehmen! Sie haben ihr Kultobjekt, die Waffe, mit der sie stets verehrend trotzen! Und sie haben ihre kultischen Rituale: Das Massaker an Unschuldigen, mit dem sie im Internet posieren und ihrem weltlichen Ziel näher kommen, dem Aufbau eines Kultstaates! Wenn also unbedingt ein Vergleich gewollt ist, um einigermaßen zu erfahren, wie die ISIS tickt und agiert, so dürfte ein Vergleich mit den Assassinen eher passend sein. Diese Gruppe bekam seitens ihres Führers das Paradies versprochen, sie verübte deswegen für ihren unbestreitbaren Führer mehrere politische Morde, nahm dabei den eigenen Tod stets in Kauf und taten all dies für den von ihrem Führer erträumten weltlichen Ziel: dem Gottesstaat. Und wie auch in der Geschichte, so dürfte gewiss sein, dass die überwältigende Mehrheit der Muslime diese Kultanhänger und ihre Ideologie ablehnen werden und es schon längst tun!

Zum Autor: Ahmet Inam ist wissenschaftlicher Mitarbeiter für Islamische Theologie und ihre Didaktik an der Justus-Liebig-Universität Gießen.

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