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Das andere Afghanistan

Ein Blick auf Afghanistan, mit dem viele kaum mehr als Armut, Taliban und Tod verbinden. Doch es ist viel mehr als die Bilder, die wir aus den Fernsehnachrichten kennen. Von Nasreen Ahmadi

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(iz). Schon aus dem Flugzeug bewundere ich die imposante und wunderschöne Berglandschaft. Die dramatischen Gipfel ragen in den blauen Himmel empor. Gerade ist die Sonne aufgegangen und auf den ersten Blick beschleicht mich das Gefühl, dass den Gipfeln etwas Mystisches innewohnt. Die Szenerie ist atemberaubend. Wie von einem anderen Planeten wirken die Gebirgszüge aus der Luftansicht. Im Winter ist es bestimmt noch hübscher anzusehen; dann, wenn der Schnee die felsigen Gipfel wie Puderzucker überzieht, denke ich mir.

Das also ist Afghanistan. Das Land, das ich im Grunde nur aus den Erzählungen meiner Eltern und aus den Bildern und Nachrichten im Fernsehen kenne. Das Land, das viele als ein zerbrochenes und zerrissenes Land sehen. Das Land, mit dem viele kaum mehr als Armut, Trauer und Tod verbinden. Afghanistan, dessen Geschichte in einem gewissen Sinn immer wieder die Ge­schichte anderer Völker und die von Kriegen widerspiegelt. Doch Afghanistan ist nicht nur das, was uns in den Nachrichtensendern präsentiert wird; sie zeigen das Land als gefährliche Kampfzone. Begriffe wie Nato, Bundeswehr, Soldaten und Taliban fallen den Menschen als Erstes ein, wenn sie Afghanistan hören.

Doch Afghanistan, das Herz Asiens, ist viel mehr als das. Es verkörpert das Sinnbild für legendäre, abenteuerreiche Routen, faszinierende Landschaften und eine reiche Kultur, was die Fantasien aller Asienreisenden beflügelt. Von Wüsten bis hin zu vergletscherten Hochgebirgen, von unbesiedelten Hochlandregionen bis hin zu fruchtbaren grünen Tälern. Afghanistan hat alles und doch scheint es immer so, als ob es nichts hätte. Schon Marco Polo machte die Seidenstraße zu den Sehnsuchtsträumen vieler Abenteurer und Abenteuerlustigen, ein Vermächtnis seiner legendären Asienreise. Was er zu berichten hatte, klang so unglaublich, dass seine Freude noch auf seinem Sterbebett in ihn drang.

Auch mein Eindruck ist gefärbt von dieser Wirkung. Mein Herz ist beflügelt. Afghanistan erwacht. Im Streiflicht der Sonne, die aus dem Gebirge aufsteigt, beginnt die Stadt zu leuchten; Kabul, die Hauptstadt , eine unbeschreiblich lebendige Stadt. Überall sprudelt es vor Leben, überall sind die Leute geschäftig, sie quatschen, laden zum Tee ein, essen in Gemeinschaft. Die Afghanen machen viele Witze und sind unfassbar herzlich. Es ist besonders die Gastfreundschaft, die das afghanische Volk auszeichnet.

In der Stadt fallen sofort die wunderschönen und reichlich verzierten Busse und Lastwagen auf, wahre Meisterwerke der Volkskunst, verziert mit den Träumen und Sehnsüchten der Afghanen: Kalenderlandschaften, Blumen, legendäre Helden, Themen, Schriften und Gestalten der islamischen Tradition. Alles findet Platz auf den bemalten Karosserien. Und der Bazar erst! Er ist eine Welt für sich. In den bedeutenderen Zentren wird der traditionelle und belebte Markt in der Stadtmitte, um die Hauptstraße herum, abgehalten. In den Straßen und Gassen findet man die schönsten Tücher, glänzenden Schmuck, reich verzierte Gewänder, kunstvolle Teppiche und farbenfrohe Wandgemälde. Duftende Gewürze und getrocknete Früchte bilden ein zauberhaftes Mosaik. In einigen Läden hängen an den Decken Käfige mit Singvögeln oder Kampfrebhühner in kegelförmigen Weidenkäfigen. In kleinen Handwagen werden Messer aus Tschaikar, Spiegel aus Pakistan oder Gebetsketten verkauft. Jeder ruft laut aus, was er anzubieten hat und was er dafür fordert, man feilscht unermüdlich, bis man sich auf einen annehmbaren Preis geeinigt hat. Nach dem abgeschlossenen Geschäft bringt der Händler selbst bei größter Last die neu erstandenen Güter bis zum Haus des Kunden.

In den Restaurants und an den Straßenständen werden kühle Getränke, gelbe Erbsen in Essig und geröstete Maiskolben angeboten. Der unverkennbare Duft von Kabab breitet sich aus. Viele dutzende Spieße, Curry und Pfeffer und geschnittene Zwiebeln stehen in Glasschälchen bereit. Morgens und abends liefert der Bäcker ganze Berge von knusprigem Brot, eingeschlagen in einem Tuch, damit es warm und wohlschmeckend bleibt. Je nach Jahreszeit verkauft der Ackerbauer, Viehzüchter oder Gärtner im Bazar sein Getreide, seine Wolle oder sein Obst, das unvorstellbar frisch und reif ist. In großen Mengen stapeln sich Melonen aufeinander. Die afghanischen Melonen sind nicht vergleichbar mit dem, was in Europa als Melone verkauft wird. Ihr Fleisch ist so zart und saftig, ihr Geschmack so fruchtig, dass die stolze Behauptung der Afghanen, ihre Melonen seien die besten der Welt, nur als wahr durchgehen kann. Doch nicht nur Melonen finden sich in Afghanistan. Trotz der Kriege und all der Unbill hat das Land an seiner reichen Gartentradition festgehalten. Der Obstanbau reicht bis in die Hochgebirgstäler. Selbst in den oberen Lagen trifft man noch auf Aprikosen, Maulbeeren und Walnussbäume. Großer Beliebtheit erfreuen sich auch die afghanischen Trauben. In manchen Gegenden, wie in den Oasen von Kandahar, werden sie zu Rosinen verarbeitet oder als Frischtrauben bis in die Städte Pakistans oder Nordindiens verkauft. Andere Obstbäume liefern unter anderem Kirschen, Granatäpfel, Quitten, Feigen, Pfirsiche, Birnen, Äpfel und vieles mehr. Vor etwa 200 Jahren wurde eine Vielzahl an Saatgut aus Afghanistan und Mittelasien in den Westen – Europa und Nordamerika – ex­portiert. Kirschbäume gelangten ursprünglich aus Afghanistan nach Deutschland, wo sie dann veredelt wurden.

Im Frühling, wenn der letzte Regen gefallen ist und die Fluten der Schneeschmelze versiegt sind, überziehen sich die Steppen mit einem bunten Blütenteppich von Zwiebel- und Knollengewächsen, insbesondere wilden Tulpen und Lilien. Im Umkreis von Kabul gedeiht der Judasbaum, dessen violett-rote Blüten zu dem Zauberhaftesten gehört, was das Frühjahr zu bieten hat. Die Natur in Afghanistan ist so rau und doch so wunderschön. Zu den atemberaubendsten Orten dieser Welt gehört der Band-e Amir: sechs kristallklare Seen, deren Mineralgehalt das Wasser strahlend blau aussehen lässt und die durch natürliche Dämme mit zahlreichen Wasserfällen voneinander getrennt sind, im Hintergrund die schneebedeckten Berggipfel des Hindukusch. Die Seen haben ein so eigentümliches Blau, dass es fast schon surreal wirkt. Für die tiefblauen Seen des Band-e-Amir-Gebietes im Hindukusch hat die Regierung den Antrag auf Anerkennung als Nationalpark gestellt. Bereits seit April 2009 schmückt sich die Region mit diesem Status. Für Einheimische ist das Naturidyll in der Region Bamiyan schon lange ein beliebtes Ausflugsziel. Boote laden zum Schippern über die Seen ein, an den Ufern wird dann und wann gepicknickt und gegrillt. Wem es nicht zu kalt ist, der wagt sich sogar zum Baden in die herrlichen Fluten.

Genauso schön wie der Band-e Amir ist die Gegend um Badachschan. Über den violetten Bergketten leuchten die Sterne und in der Luft liegt das Rauschen des nahen Flusses. Das Licht der Mondsichel erhellt die kahlen Berglandschaften. Wie eine langgezogene Wolke sind die Umrisse von Pistazienbäumen zu erkennen. In reicher Zahl ziehen Sternschnuppen wie ein Feuerwerk über den Nachthimmel. Abends sitzen die Einheimischen im Schein einer schwachen Lichtquelle beisammen und trinken ungesüßten grünen Tee und erzählen sich Ge­schichten von Geistern und Dämonen, die in den Bergen wohnen. Die Süße holt man sich von honigfarbenen, süßen Brocken, die zum Tee gekaut werden. Dazu gibt es „Tut“, die süße Universalkost, die aus getrockneten Maulbeeren gewonnen wird. Das Darren von Obst hat eine lange Tradition in Afghanistan. Das Volk lebt asketisch, muss asketisch leben. Mit dem Wenigen, was sie haben, sind die Menschen jedoch zufrieden, sie sind dankbar und machen einem so bewusst, dass man für ein glückliches Leben nicht viel braucht. Brot und Tee sind die Grundlage der Ernährung. Palau, das beliebte Reisgericht mit Fleisch, ist für viele ein Festessen, desgleichen der berühmte Kabab. Die afghanische Küche ist trotz aller Entbehrungen reich an schmackhaften Gerichten. Wem das Glück zuteil wird, Gast bei Afghanen sein zu können, sollte niemals, wirklich niemals ablehnen.

Wie eine Oase des Friedens steht in einem blühenden Park im Zentrum von Mazar-i-Sharif die märchenhafte Blaue Moschee. Die Fassade ist mit Tausenden von bunten und gemusterten Fliesen verkleidet, sodass sie in der Sonne wie eine Fata Morgana schimmert. Alle Wege führen zu ihr, und fast jeder, der in den Park kommt, besucht die Moschee. Gefangen genommen von den Farben und Designs der Fliesen, vergisst der Betrachter die solide Struktur. Das Gebäude wirkt schwerelos, wundersam schwebt es über der Erde. Das Lachen der Kinder und das Gurren der Tauben dringen ans Ohr. Dutzende von Kindern mit ihren Eltern und Hunderte, nein Tausende von schneeweißen Tauben tapsen über die von Rosen gesäumten Wege. Der Legende nach soll der Schwiegersohn des Propheten Muhammad, Allahs Segen und Frieden auf ihm, in Masar-i-Scharif begraben liegen. Das macht den Ort zu einer ganz besonderen Stätte für viele Afghanen.

Für einige ist Afghanistan nur ein Land des Krieges, des Leides und der Trauer. Wer jedoch einmal in Afghanistan war, wird erkennen, dass dieses Land so viel mehr ist. Für mich und für viele andere ist es das Land der atemberaubenden Aussichten, der unberührten Naturidylle und der herzlichen Menschen, die ihr Weniges ohne zu zögern mit jedem teilen, der sich ihnen öffnet. In seiner rauen Schönheit findet man Sehnsüchte, Wünsche und Träume. Jeder, der einmal in Afghanistan war, wird ein kleines Stückchen seines Herzens dort lassen.

Nasreen Ahmadi hat einen afghanischen Migrationshintergrund. Sie studiert Wirtschaftswissenschaften und Islamische Studien an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main. Den Text hat sie unserer Redaktion freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

 

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