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Ein Debattenbeitrag räumt mit einem weit verbreiteten Missverständnis auf. Von Dr. Sadiqu Al-Mousllie

Freiheit versus Gottesstaat?

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(iz). Es ist recht erstaunlich, wie schnell man an die Errichtung von „Gottesstaaten“ denkt, wenn es um Unruhen oder Demos in den islamischen Ländern geht. Man wird den Eindruck nicht los, dass in manchen Vorstellungen die Freiheit konträr zur islamisch geprägten Denkweise steht.

Sicherlich hat dies mit den Ereignissen in den letzten Jahren, aber auch zum Teil mit einer un­ausgewogenen Berichterstattung zu tun. Fakt ist aber, dass viele der Muslime sich einen Staat wünschen, der ihre welt­lichen Bedürfnisse mindestens genauso berücksichtigt wie ihre religiösen Bedürfnisse.

Die Glaubwürdigkeit der westlichen Welt ist in den islamisch geprägten Ländern ziemlich angekratzt, wenn nicht sogar zerstört. Gründe dafür gibt es mehr als genug. Jeder Leser oder Nachrichtenverfolger könnte auf Anhieb mit Themen wie Guantanamo, dem Irakkrieg, der Gaza-Blockade und nicht zuletzt den sehr scheuen und späten Stellungnahmen gegenüber den Protesten in Tunesien und Ägypten etwas anfangen. Sie wissen auch, wie lange die westliche Welt in den ganzen Jahren bewusst weggeschaut hat. Ja, die unmenschliche Behandlung mancher Gefangener in diesen Ländern wurde von manchen westlichen Staaten sogar genutzt.

Die Menschen im „Nahen Osten“ sind viel belesener und offener, als man in Europa denkt. Dabei geht es nicht nur um den westlichen Lebensstil im Sozialen, sondern auch um den politischen Lebensstil des Westens. Die junge Generation ist differenziert und zum größten Teil sehr aufgeklärt. Das Internet ist sicherlich nur ein Hilfsfaktor auf diesem Wege.

Freie Berichterstattung und Satellitenkanäle haben wesentlich dazu beigetragen, den Blickwinkel auf die Geschehnisse weit zu öffnen. Das demokratische Verständnis der kommenden Generation, auch wenn sie islamisch geprägt ist, unterscheidet sich nur unwesentlich von dem in den europäischen Ländern gepflegten demokratischen Verständnis. Die europäischen Staaten befinden sich zurzeit in einer undankbaren Situation. Zum einen möchten sie die Werte der Menschenrechte und Demokratie in diesen Ländern unterstützen und damit auch die Proteste als legitime Maßnahme anerkennen und sogar einen Machtwechsel „vorsichtig“ begrüßen.

Zum anderen haben sie aber die Befürchtung, den so genannten „Gottesstaat“ zu begünstigen. Ganz schwer zu übersehen, dass hier auch die eigenen Interessen eine beachtliche Rolle spielen. Das beste Beispiel dafür sind die mit höchster Begeisterung begrüßten Demonstrationen in Georgien und der Ukraine vor einiger Zeit. Wie schnell haben sich die Verantwortlichen in unseren Regierungen in Europa auf die Seite der Demonstranten bei diesen beiden Ländern gestellt?

Nun sieht man auch, wie schwer sich die amerikanische Außenpolitik tut, eine klare Haltung zu definieren. Dabei spielen auch die restlichen arabischen Staaten keine unbedeutende Rolle. Denn sie werden den USA auch mitteilen, dass diese Lawine sich durchaus auf andere Länder ausdehnen könnte. Die Öl-Quellen wären zumindest kurzweilig dadurch gefährdet!

Die Angst vor dem Bekannten und das Unwissen über die Verhältnisse in diesen Ländern führen zu einem verzehrten Bild über die Bevölkerung und die Geschehnisse. Uns allen in Europa ist besser gedient, wenn wir unsere Hausaufgaben besser machen. Denn ein uns wohlwollend eingestellter Diktator, der Jahrzehnte die Bevölkerung terrorisiert, bleibt immer noch ein Diktator.

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