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Ein Dorf kämpft gegen den Grenzzaun Von Indra Kley

Gallien im Westjordanland

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Bil'in/Tel Aviv (dpa) – Abdullah Abu Rahme schaut hinauf in den blauen Himmel. «Heute ist ein schöner Frühlingstag, eigentlich würde ich mit meinen Töchtern ein Picknick draußen im Olivenhain machen», sagt der 37-jährige Palästinenser. Stattdessen demonstriert er, wie jede Woche. Gegen die israelische Sperranlage, die die Bewohner des palästinensischen Dorfes Bil'in von ihren Ländereien und Abu Rahme von seinen Olivenhainen trennt.

«60 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche Bil'ins liegen jenseits des israelischen Grenzzauns», sagt Abu Rahme. Seit drei Jahren kämpft die bäuerlich geprägte 1800-Seelen-Gemeinde nordwestlich von Ramallah im Westjordanland gegen diesen «Landraub» vor den Gerichten Israels und auf den Straßen Bil'ins. Jeden Freitag marschieren mehrere hundert Palästinenser gemeinsam mit israelischen und internationalen Friedensaktivisten durch das Dorf bis zum umstrittenen Zaun.

Israel hatte 2003 mit dem Bau der rund 730 Kilometer langen Sperranlage zwischen Israel und dem Westjordanland begonnen, um seine Bürger vor palästinensischen Terroranschlägen zu schützen. Im Jahr davor waren nach einer Zählung des Außenministeriums 238 Israelis bei Anschlägen ums Leben gekommen. Obwohl erst etwa 57 Prozent des «Sicherheitszauns» fertiggestellt sind, zeigt er bereits Wirkung: Laut Inlandsgeheimdienst Schin Bet ist die Anzahl der Attentate «drastisch zurückgegangen». Der Anschlag auf eine jüdische Religionsschule am vergangenen Donnerstag in Jerusalem war der erste größere Anschlag militanter Palästinenser seit April 2006.

«Die Mauer zerstört unser Leben», sagt hingegen Abdullah Abu Rahme, der die Demonstrationen in Bil'in koordiniert. «80 Prozent der Dorfbewohner sind wirtschaftlich ruiniert.» Im September hatte der Oberste Gerichtshof entschieden, dass Israel einen Abschnitt seiner Sperranlage um Bil'in verlegen muss, wodurch das Dorf zumindest einen Teil seines Agrarlandes zurückbekommen würde. «Aber bis heute hat sich der Zaun nicht bewegt», sagt Einwohner Nasir Samarra. «Wir werden gewaltfrei und kontinuierlich demonstrieren, bis die Mauer weg ist.»

Doch ohne Gewalt läuft der Protest auch an diesem Tag nicht ab: Als einige Dorfbewohner ein Stück des Grenzzaunes herausreißen, reagieren die israelischen Soldaten auf der anderen Seite mit Schüssen und Tränengas. Einige Demonstranten ziehen sich hinter die Olivenbäume zurück, andere bleiben vorne am Zaun, werfen mit Steinen. «Die Mauer wird fallen», ruft ein junger Palästinenser und schleudert wie zur Bekräftigung seiner Aussage einen Steinbrocken in Richtung der Soldaten.

Lymor Goldstein beobachtet das Treiben aus einiger Entfernung. Im August 2006 wurde der 29-jährige Deutsch-Israeli in Bil'in von einem Gummigeschoss der israelischen Armee im Kopf getroffen – einer von mehr als 900 Verletzten, die es in den drei Jahren des Protests nach Auskunft des Bil'iner Dorfkomitees bereits gegeben hat. «Die Folgen spüre ich heute noch», sagt der in Tel Aviv lebende Goldstein, der als Rechtsanwalt die Bewohner Bil'ins vertritt. Besonders Konzentrations- und Sprachstörungen machen ihm zu schaffen. Zur Demonstration gegen die Sperranlage fährt Goldstein jedoch immer noch regelmäßig. «Ich will einfach nicht in einer Militärdiktatur, in Apartheid leben», sagt er. Gemeinsam mit den Palästinensern will er die Trennung im Land überwinden.

Davon träumt auch Abdullah Abu Rahme: «Meine Töchter sollen eines Tages in Frieden, ohne Probleme, ohne Kontrollpunkte, ohne Schranken ein schönes Leben führen.» Ein Leben, in dem an einem schönen Frühlingstag auch ein einfaches Picknick im Olivenhain möglich ist.

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Indra Kley

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