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Ein faszinierendes Konzept beginnt, Wirklichkeit zu werden

Sind die Moscheen der Zukunft grün?

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(iz). Ökologisch ausgerichtete Moscheen sind ein interessanter neuer Ansatz, der zur Zeit vor allem im englischsprachigen Raum beginnt, sich auch in praktischen Beispielen zu verwirklichen. Wir sprachen darüber mit Mounir Azzaoui, der sich mit dem Thema befasst. Mounir Azzaoui ist Politikwissenschaftler und Politikberater. Er ist ehemaliger Sprecher des Zentralrats der Muslime (ZMD) und engagiert sich heute unter anderem beim Arbeitskreis Grüne MuslimInnen innerhalb der Partei Bündnis90/Die Grünen in NRW.

Islamische Zeitung: Lieber Mounir Azzaoui, was war Ihre erste Berührung mit „Green Mosques“ oder „Eco Mosques“? Mounir Azzaoui: In den USA habe ich gesehen, dass sich die Moscheen dort in den letzten Jahren sehr stark professionalisiert haben und sich auch mit ­Themen auseinandersetzen, welche die ge­samte Gesellschaft, das Gemeinwohl, betreffen. In Deutschland beschäftige ich mich mit der Frage, wie man die Moscheen für das 21. Jahrhundert fit machen kann. Umweltschutz ist ein wichtiges Zukunftsthema, da lag die Frage, was Moscheen zum Umweltschutz beitragen können, auf der Hand.

Islamische Zeitung: Was ist unter einer „Grünen Moschee“ zu verstehen?

Mounir Azzaoui: Bisher gibt es noch keine breit anerkannte Definition darüber, doch es geht um drei Bereiche in und um Moscheen: Energieeffizienz, der Einsatz von erneuerbaren Energien und Umweltbildung. Zur Umweltbildung gehört etwa, dass das Thema Umweltschutz in den Freitagspredigten thematisiert und im Islam-Unterricht verankert wird.

Islamische Zeitung: Welche Beispiele gibt es bisher dafür? Mounir Azzaoui: Auch wenn die erste Grüne Moschee 2009 in Singapur eröffnet wurde, ist es vor allem ein Trend aus den USA und Großbritannien. Etwa die Mosque Foundation in Chicago und das Adams-Center in Sterling/Virginia. In Großbritannien hat sich die Markaz Al-Najmi Moschee in Manchester mit Umweltthemen einen Namen gemacht. In der historischen Stadt Cambridge plant der britische Muslim Timothy Winter, der auch als Abdulhakim Murad bekannt ist, eine neue „Eco-Mosque“ für 15 Millionen Euro. Mit der innovativen Architektur und dem starken Akzent auf Umweltschutz und Nachhaltigkeit wird diese sicherlich zu einem Leuchtturmprojekt in Europa werden.

Islamische Zeitung: Wie können Moscheen in Deutschland sich in diese Richtung entwickeln?

Mounir Azzaoui: Ohne großen Aufwand kann man in einem ersten Schritt versuchen, mit dem Verbrauch von Energie sparsam umzugehen. Dazu gehören etwa Bewegungsmelder bei der Beleuchtung, Energiesparlampen, eine gute Isolierung des Gebäudes zur Vorbeugung von Energieverlust, aber auch ein durchdachtes Lüftungsverhalten hilft dabei, Energie zu sparen. Zur Energieeffizienz gehören auch Wasser sparende Systeme in den Toilettenspülungen und Wasserhähnen. Gerade Wasser zu sparen hat hinsichtlich der Gebetswaschung und Reinheits-Konzepten im Islam schon immer eine besondere Rolle in den Moscheen gespielt. Dies lässt sich ausbauen, indem man Regenwasser für die sanitären Anlagen nutzt. Mit Blick auf die erneuerbaren Energien können Solaranlagen zur Erwärmung des Wassers eingesetzt werden oder auch die geothermale Beheizung, indem man natürliche Wärme aus dem Boden nutzt. Moscheen haben zudem oft große Dachflächen, auf denen sich gut Photovoltaik Anlagen installieren lassen, mit denen man dann Sonnenenergie ins Stromnetz einspeisen kann. Hier gibt es übrigens auch ein Projekt von einer Gruppe von Muslimen in Darmstadt, die sich unter dem Namen Nour-Energie zusammengeschlossen haben und im Jahr 2011 die erste durch Spenden finanzierte Photovoltaik-Anlage auf einer Moschee in Deutschland installieren werden.

Islamische Zeitung: Was kann darüber hinaus getan werden? Mounir Azzaoui: Die Sensibilisierung für das Thema Umweltschutz bei Freitagspredigten und die Verankerung im Islam-Unterricht in den Moscheen und dann auch beim Islamischen Religionsunterricht in den öffentlichen Schulen, der sich ja gerade entwickelt, ist auch ein wichtiger Aspekt. Es könnte aber auch Programmwochen geben; zum Beispiel gibt es in den USA den „Green Ramadan“, wo anlässlich des Fastenmonats ein Schwerpunkt auf dieses Thema gelegt wird. Bisher stand beim Umweltschutzgedanken vor allem das Ökonomische und Ökologische im Mittelpunkt, die ethischen und religiösen Aspekte sind hingegen bisher wenig genutzt worden. Ich sehe darin aber ein sehr großes Potenzial, da die überwältigende Mehrheit der Menschen weltweit einen engen Bezug zur Religion haben und man sie auf diesem Weg erreichen könnte.

Islamische Zeitung: Sie haben im Zusammenhang mit Grünen Mo­scheen kürzlich auch den Begriff „soziale Nachhaltigkeit“ erwähnt. Was bedeutet dies im Hinblick auf Moscheen?

Mounir Azzaoui: Mir ist es wichtig, deutlich zu machen, dass wir im Hinblick auf die Moscheen über die ökologi­sche Nachhaltigkeit hinaus einen umfassenderen Ansatz brauchen. Mo­scheen sind heute oftmals etwa von der Funktionalität her nicht auf dem erforderlichen Niveau. Die Frauenbereiche sind sehr klein und oft in unwürdigen Teilen des Gebäudes untergebracht; die Klassenräume für die Kinder sind nicht angemessen ausgestattet. Die Innenarchitektur ist nicht selten unästhetisch, und auch die Außenarchitektur ist oft zu stark auf die Herkunftsländer fixiert. Moschee-Architektur sollte meiner Meinung nach innovativ und gesellschaftlich relevant sein und nicht einen romantischen Orient spiegeln. Für mich bedeutet soziale Nachhaltigkeit Partizipation für alle, das heißt auch Jugendliche und Frauen sollten das Recht haben, auf Augenhöhe zu partizipieren und ihre Bedürfnisse zu decken. Dies gilt auch mit Blick auf die nachkommenden Generationen. Wie können wir unsere Moscheen und Institutionen so aufstellen, dass auch die neuen Generationen von Muslimen in Deutschland den Islam erlernen und leben können?

Islamische Zeitung: Wo sehen Sie Chancen oder auch Hindernisse, das Konzept einer Grünen Moschee oder Öko-Moschee auch in Deutschland umzusetzen?

Mounir Azzaoui: Eine Herausforderung ist, dass es bisher kaum eine Organisationsentwicklung in den Moscheen in Deutschland gibt. In vielen Bereichen arbeiten die Moscheen noch wie vor 20 oder 30 Jahren. Dies wird in den letzten Jahren auch noch durch einen „Brain Drain“ verschärft, dass heißt das gut ausgebildete Muslime sich von den Moscheen zurückziehen. Sie gehen zwar weiterhin zum Freitags­gebet, doch haben kein Interesse mehr daran, Füh­rungspositionen im Verein zu übernehmen. Dies resultiert vor allem aus der Erfahrung, dass neue Ideen der Jugendlichen kaum Chancen auf eine Umsetzung haben. Die ältere, ohne Frage wohlverdiente Generation sollte das Ruder an die jungen Muslime in den Moscheen übergeben und sie dabei begleiten und unterstützen. Zudem brauchen wir einen stärkeren Austausch über die Herausforderungen an die Moscheen im 21. Jahrhundert und eine Vernetzung, um von erfolgreichen Organisationsentwicklungen gegenseitig zu lernen. Eine Chance ist, dass das Konzept der Grünen Moschee, wenn es weiterentwickelt und konkrete Projekte umgesetzt werden, globalisiert werden kann. Man könnte es nutzen, um auch in der muslimischen Welt über die Moscheen für Umweltschutz zu sensibilisieren und deutlich zu machen, dass die Bewahrung der Schöpfung auch ein dem Islam inhärentes Gebot ist.

Islamische Zeitung: Lieber Mounir Azzaoui, vielen Dank für das Gespräch.

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