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Ein Gastbeitrag von Dr. Markus Fiedler

Können Muslime Antisemiten sein?

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(iz). Seit geraumer Zeit mehren sich die Stimmen, die von einem wachsenden „muslimischen Anti­semitismus“ sprechen. Manche Autoren, wie zum Beispiel der extrem islamfeindlich auftretende Orientalist Hans-Peter Raddatz, führen einen angeblich bei Muslimen weit verbreiteten Antisemitismus gar auf den Propheten Muhammad, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, selbst zurück. So wurde Muhammads Verhalten gegenüber den Juden Raddatz zufolge „zum Vorbild für die Muslime“1 und der Islam auf diesem Wege zu einer „antisemitischen Heilsgemeinschaft“.2 Dies alles passt gut in das heutzutage vom Islam verbreitete Bild und man kann dem Islam in Verbindung mit dem Nahostkonflikt unserer Tage einen schon von Anfang an vorhandenen Judenhass vorwerfen. Doch wie verhält es sich tatsächlich?

Qur’an und Sunna

Im Hinblick auf die Handlungsweise des gesegneten Gesandten, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, gibt es zahlreiche Überlieferungen, die den unsinnigen Vorwürfen entgegenstehen.3

So berichtet beispielsweise Dschabir ibn Abdullah, dass sich der Prophet erhoben hat, als der Leichnam eines Juden vorbeigetragen wurde. Auf den kritischen Einwand eines Mitstreiters, dass es sich dabei doch um einen Juden handele, antwortete der Gesandte, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, demnach wie folgt: „Ist er nicht ebenso ein Mensch?“4 Auch im Verlauf von Kampfhandlungen hat Muhammad der jüdischen Religion seinen Respekt nicht versagt. So befahl er nach der Einnahme Khaibars und der Kapitulation der jüdischen Bevölkerung, alle während des Kampfes erbeuteten Thora­rollen an die Juden zurückzugeben.5

Entscheidend aber ist, dass nach dem Qur’an jede Form des Rassismus als unvereinbar mit dem Islam angesehen werden kann. So macht beispielsweise die Sure 49,13 deutlich, dass vor Gott nicht Geschlecht, Nation oder Rasse den Wert eines Menschen ausmachen.

Des weiteren gilt Abraham als der gemeinsame Stammvater der Juden (durch Isaak) und der Araber (durch Ismail). In Sure 2,135 heißt es, dass „die Religion Abrahams … unsere [d.h. der Muslime] Religion“ ist. Die Bedeutung der jüdischen Propheten geht aus dem Qur’an hervor, und die Thora gilt auch den Muslimen als heilige Schrift. Auch aus diesen Gründen kann ein Muslim eigentlich kein „Judenfeind“ sein.

Zum Begriff des Antisemitismus

Ich warne hier davor, die hierzulande „herrschenden“ Begrifflichkeiten einfach kritiklos zu übernehmen, denn diese werden politisch instrumentalisiert.

Zunächst einmal handelt es sich ja sowohl bei den Juden als auch bei den Arabern um „Semiten“. Der deutsche Historiker August Ludwig von Schlözer prägte 1781 das erste Mal den Begriff „Semiten“ (unter Bezugnahme auf die Völkertafel der Genesis). Demnach gehören auch die Araber zu den Semiten. Mit dem Terminus „Antisemitismus“ ist eine feindselige Haltung beziehungsweise Ablehnung gegenüber den „Semiten“ – also auch gegenüber den Arabern – gemeint. So bezeichnete etwa der französische Orientalist Ernest Renan den Islam als eine arabische Religion und er behauptete, dass die Araber aufgrund ihrer Zugehörigkeit zur semitischen Rasse zur philosophischen Synthese unfähig seien.6 Das Arabische wird heutzutage ganz selbstverständlich als „semitische Sprache“ bezeichnet. Eine feindselige Haltung eines Muslims gegenüber der Sprache des Qur’ans oder dem Volk des gesegneten Gesandten Muhammad erscheint allerdings völlig ausgeschlossen.

Beziehungen zwischen Juden und Muslimen

Es erscheint höchst bedenklich, den Begriff des Antisemitismus aus seinem historischen Kontext herauszureißen und einfach auf einen anderen Kulturkreis zu übertragen. Der 1879 von Wilhelm Marr geprägte Begriff des „Antisemitismus“ ist im abendländischen Kulturkreis entstanden und mit ihm ist die Assoziation zu den zahlreichen in Europa vorgefallenen Pogromen verbunden. Im Gegensatz zum christlichen Europa hat es jedoch in der islamischen Welt keine vergleichbaren Judenverfolgungen gegeben. So wurden zum Beispiel in Spanien nach dem Ende der islamischen Herrschaft (beziehungsweise nach der Vollendung der „Reconquista“ 1492) die verbleibenden Juden zwangsgetauft und auch nur bei geringstem Verdacht auf die weitere Ausübung ihrer Religion getötet. Die Juden hatten während der „islamischen Regierungszeit“ in Spanien ihre Religion bewahren können, was ihnen danach aber unmöglich gemacht wurde. Daraufhin gewährte das Osmanische Reich (beziehungsweise der islamische Kalif) etwa 300.000 aus dem christlichen Europa fliehenden Juden Zuflucht in seinem Herrschaftsbereich. Der deutsche Rabbiner Prof. Dr. Walter Homolka spricht angesichts dieser Vergangenheit denn auch von „Jahrhunderten der guten Nachbarschaft zwischen Juden und Muslimen“. Homolka steht neuen Begriffskonstruktionen, wie dem einer „judeo-christlichen Kultur“, ablehnend gegenüber: „Als Jude macht mich das stutzig. Denn über viele Jahrhunderte hinweg wurden Juden von Christen auf das Grausamste verfolgt, ausgegrenzt, verhöhnt und ermordet.“7

Die Probleme zwischen Juden und Arabern sind neueren Datums und es handelt sich dabei um einen Streit um das Eigentumsrecht am Land der ehemaligen britischen Kolonie Palästina. Es sollte dabei ausdrücklich festgehalten werden, dass dieser Konflikt ursprünglich keinen religiösen Charakter hatte. Sowohl innerhalb des Zionismus wie auch beim ursprünglichen palästinensischen Widerstand waren säkulare Kräfte tonangebend. Religiös ausgerichtete Widerstandsbewegungen (wie die Hamas oder der Islamische Dschihad) haben erst in jüngerer Zeit bei den Palästinensern Zuspruch gefunden. Die seit jahrzehnten ungelöste Palästinafrage, das erlittene Unrecht und die Vielzahl der Opfer in den verschiedenen Kriegen haben gar bei manchen zu einer feindseligen Haltung gegenüber den Juden überhaupt geführt.

Um es hier auch ganz klar zu sagen: Ein solcher Judenhass und ein Leben als gläubiger Muslim sind nicht miteinander vereinbar!

Bekannterweise wurde die These aufgestellt, dass es innerhalb Israels keine Zivilisten gäbe, da dort doch jeder Militärdienst leiste. So wurden und werden von manchen auch Selbstmord­attentate auf Zivilisten (längst auch außerhalb Israels) legitimiert. Eine solche Praxis steht jedoch in eklatantem Widerspruch zur Handlungsweise des Gesandten, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, und zu den göttlichen Geboten! Wer sich auf diesen Weg begibt, der verlässt den geraden Weg und zählt zu „den Gefährten der Linken. Über ihnen schlägt ein Feuer zusammen.“ (Sure 90, 19 f.)

Bedingungslose Solida­ri­tät als Staatsräson?

Mit dem Begriff des „muslimischen Antisemitismus“ wird auch suggeriert, dass zwischen der Judenvernichtung im Dritten Reich und der Haltung der arabischen Welt bzw. vieler Muslime gegenüber der israelischen Politik irgendwelche Gemeinsamkeiten bestünden.

Schon während des Libanon-Krieges 1982 wurden die Muslime mit den Nazis gleichgesetzt, um dadurch das Vorgehen der israelischen Armee zu legitimieren.8 Der Staat Israel hat die Verbrechen während des 2. Weltkrieges auch immer wieder als ideologische Waffe benutzt, mit deren Einsatz er sich in die Rolle eines Opfer-Staates versetzt hat.

Zu hinterfragen ist auch eine Staatsräson, welche die bedingungslose Solidarität mit einem Staat einfordert. Was geschieht, wenn der Staat, mit dem bedingungslose Solidarität gefordert wird, selbst eine faschistische Regierung besitzt? Nach Einschätzung des früheren Knessetpräsidenten Avraham Burg stellt der derzeitige israelische Außenminister Lieberman eine „Bedrohung für die israelische Demokratie“ dar, denn er sei „rassistisch und ausländerfeindlich“. Für Uri Avnery vom israelischen Friedensblock Gush Shalom ist Lieberman ein „Prediger der ethnischen Säuberung“.9 Soll man sich hier auch noch uneingeschränkt solidarisch zeigen? Macht man sich denn dann nicht schon wieder schuldig, wenn man ethnische Säuberungen deckt? Die richtige Konsequenz aus den Verbrechen des 3. Reiches ist es daher, jeder Art von ethnischen Säuberungen beziehungsweise dem Unrecht überhaupt entgegenzutreten. Daher muss es auch (deutschen und nicht-deutschen) Muslimen erlaubt sein, die Politik des israelischen Staates kritisieren zu dürfen, noch dazu wenn dieser gegen die Menschenrechte verstößt. Sie sollten sich dabei nicht einer nicht konsequent zu Ende gedachten deutschen Staatsräson verpflichtet fühlen. Dies hat nichts mit Integration oder Extremismus zu tun. Man muss allerdings auch wissen, wo die Grenzen einer solchen Kritik liegen. ­Diese Grenzen werden von der islamischen Religion gezogen: Die Kritik am Zionismus oder an der Politik des Staates Israel darf nicht zu einer Judenfeindlichkeit an sich führen, denn jede Form des Rassismus kann (wie bereits aufgezeigt) als unvereinbar mit dem Islam angesehen werden.

Fußnoten:
1 Raddatz, Allah und die Juden 2007, S. 54
2 Raddatz, Allah und die Juden 2007, S. 229
3 Hier kann die Handlungsweise des Propheten aus Platzgründen nicht ausführlich diskutiert werden. In meinem Buch „Mohammed und die abendländische Kritik“ habe ich dieses Thema ausführlicher behandelt und auch den Feldzug gegen die Banu Quraiza dargestellt. Vgl. Fiedler, Markus: Mohammed und die abendländische Kritik 2008
4 Bukhari, Janaiz 50; Muslim; Janaiz 81
5 Vgl. Ramadan, Das islamische Recht, S. 156
6 Vgl. Ernst, Mohammed folgen, 2007, S. 45
7 Homolka, Walter: „Als Jude hat mich das bestürzt“ vom 17.11.2007. Druckversion auf der Internet-Seite des Zentralrats der Muslime in Deutschland.
8 Vgl. Finkelstein, Die Holocaust-Industrie 2000, S. 70 ff.
9 Die Zitate von Avraham Burg und Uri Avnery erfolgten nach der „jungen welt“ vom 5. Mai 2009, S. 3

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