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Ein Groß-Imam auf Reisen

Kommentar: Der Deutschlandbesuch des ägyptischen Würdenträgers Al-Tayeb lässt viele Fragen unbeantwortet

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Foto: Deutscher Bundestag | Achim Melde

‘Abdullah ibn Al-Mubarak sagte: „Der Anfang des Wissens ist Absicht, dann Zuhören, dann Verstehen, dann Handlung, dann Bewahrung und dann Verbreitung.“ (zitiert nach Qadi ‘Ijad, Tartib Al-Madarik)

(iz). In einem Buch über „Die Generationen der Qadis von Ägypten“ von ‘Umar Al-Kindi finden sich biografische Notizen über Al-Harith ibn Miskin. Dieser wurde vom ‘abbasidischen Khalifen Al-Mutawakkil zum ägyptischen Mufti ernannt. Ibn Miskin sollte eine schwarze Amtstracht anlegen. Nach Erhalt des Bestallungsschreibens weigerte er sich, dem Folge zu leisten. Auch massive Androhungen von Repressionsmaßnahmen durch die Amire des Khalifen konnten Al-Harith ibn Miskin nicht umstimmen. Er wollte nicht durch eine quasi-kirchliche Robe zum Angehörigen einer Elite gemacht werden und war nicht gewillt, sich so von den Leuten trennen zu lassen.

Schließlich wurde ein Kompromiss gefunden. Ibn Miskin war ein rigoroser Qadi, der den Weg der Leute von Medina verteidigte, Korruptionen bekämpfte und das Leben der Leute durch Kanalisation, Wasserleitungen usw. zu verbessern half. „Er besucht die Gouverneure des Landes nicht und sandte ihnen nicht einmal Grüße“, heißt es in einem Bericht von Muhammad ibn Al-Warith. Es ist kein Zufall, dass die weiterführende, traditionelle Erziehung auch die Biografien von Gelehrten wie Ibn Miskin beinhaltete.

Al-Tayeb in Deutschland
In diesen Tagen besuchte nun Scheich Ahmad Mohammad al-Tayeb Deutschland auf Einladung der Universität Münster und des dortigen Leiters des Zentrums für Islamische Theologie (ZIT). Der sogenannte Groß-Imam sprach am Dienstag, den 15. März, vorm Bundestag und wollte unter anderem am 16. März an der Universität Münster „eine globale Friedensbotschaft verkünden“ (Deutschlandradio Kultur).

Es sei dahingestellt, ob die medial so beschriebene Al-Azhar überhaupt noch zentrale Lehrautorität für Muslime in aller Welt sein kann, als die sie gewohnheitsmäßig kolportiert wird. Diese schlichte Sichtweise übersieht die Verwerfungen und Veränderungen der letzten hundert Jahre – wie die Jahrzehnte des Nasserismus sowie die unendlichen Jahre des Ausnahmezustands und die Neigung der Machthaber am Nil, diese altehrwürdige Institution in den Dienst ihrer Machtausübung zu stellen.

Auch ohne jegliche Sympathien für die – gescheiterte – politische Ideologie der Muslimbruderschaft darf bezweifelt werden, dass sich die derzeitigen Al-Azhar-Gelehrten am Vorbild Ibn Miskins orientieren – oder es überhaupt können.

Al-Tayeb wollte laut Presseberichten „persönlich eine Friedensbotschaft überbringen“ sowie um Gerechtigkeit für den Islam bitten. Denn dieser sei eine „Religion der Toleranz und der Barmherzigkeit“. Zurecht wandte er sich an die Muslime Deutschlands, die „ein integraler Bestandteil dieser Gesellschaft“ geworden seien, den ethischen Werten Deutschlands Rechnung zu tragen.

Foto: Deutscher Bundestag | Achim Melde

Foto: Deutscher Bundestag | Achim Melde

Offene Fragen
Bemerkenswert ist – angesichts einer ansonsten hyperkritischen Medien- und Bloggerszene – doch, wie still und passiv der Besuch aufgenommen wurde. Und wie affirmativ er – in Massenmedien und im muslimischen online-Journalismus – bisher reflektiert wurde. Wo bleibt bei dieser Oberflächlichkeit der gewohnt kritische Qualitätsjournalismus deutscher Medien?

Vorrangige Frage sollte doch wohl sein, wie ein „Groß-Imam“ (den die NZZ in einem interessanten Bericht eher kritisch beschrieb) als oberste Autorität einer angeblich „sunnitischen“ Lehranstalt sich zu einer Diktatur positioniert – samt ihres berüchtigten Ausnahmerechts.

Ist es nicht auch „politischer Islam“, wenn zu offenkundiger Repression geschwiegen wird? Wenn die Dominanz der ökonomischen Verhältnisse durch die Oligarchen Ägyptens nun gar nicht thematisiert werden? Niemand wird von einem Gelehrten verlangen können, dass er Leib und Leben riskiert. Aber muss er dergleichen legitimieren und in „Friedensbotschaften“ hüllen?

Zum Standardrepertoire der an Deutschlands Muslime gestellten Forderungen gehört die oft wiederholte Forderung nach einer Trennung von Staat und Kirche beziehungsweise Religion. Auch hier muss gefragt werden, wo dieser Topos bleibt, wenn es um den Gast vom Nil geht.

Auch die Vertreter unserer muslimischen Gemeinschaften, „Theologen“ und der muslimische online-Journalismus müssen sich Fragen gefallen lassen. Wie sieht es mit muslimischen Repräsentanten aus, die in Berlin oder in Münster waren; haben sie ihre Stimme erhoben, sich geäußert?

Und – wie verhält sich die Barmherzigkeits-Theologie zum vorliegenden Paradox? Was will sie uns mit der Einladung an Al-Tayeb sagen? Darf „Reform“, wenn nötig, auch schon mal gewaltsam sein, wenn sich ihre Empfänger als unwillig erweisen? Wo bleibt die Barmherzigkeit in Ägypten, wo tausende Oppositionelle – auch „liberale“ und „säkulare“ – getötet, gefoltert und inhaftiert wurden und werden?

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