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Ein Kommentar von Aiman A. Mazyek

Warum der Islam zu Deutschland gehört

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(iz). Niemand kann das ernsthaft leugnen: Heute sind die über 4 Millionen Muslime in Deutschland eine nicht mehr wegzudenkende gesellschaftliche Gruppe. Deswegen ist die Aussage des Bundespräsidenten richtig. Die eigentliche Frage ist doch: Ist Deutschland bereit, seinen deutschen Muslimen eine Chance zu geben, oder verweist es – wie die Sarrazin-Thesen es deutlich machen – sie direkt auf die Anklagebank und geht damit einem konstruktiven Dialog aus dem Wege?

Ein arabisches Sprichwort besagt: „Die Liebe zum Vaterland kommt vom Glauben.“ Längst ist Deutschland im Herzen vieler Muslime Teil ihres Denkens, ­dessen sind wir alle Zeuge, nicht zuletzt bei unserer Fußballnationalmannschaft, geworden. Aber auch im Bezug auf die Geschichte des Islam bleibt die Aussage des Bundespräsidenten korrekt. In der gegenwärtigen Islamdebatte sollte man deshalb einmal mehr auf Wahlkampf-Getöse verzichten und die historischen Fakten sprechen lassen.

Wer übersieht, dass Europa, gar Deutschland, und den Islam eine lange Geschichte verbindet, möge den „West-­östlichen Divan“ unseres Nationaldichters Johann Wolfgang von Goethe wieder einmal lesen, die großen Universalgelehrten Ibn Sina (Avicenna) und Ibn Ruschd (Averroes) zur Kenntnis nehmen oder wenigstens die sieben-­hun­dertjährige Geschichte des Islam in Spanien berücksichtigen.

Und auch das bis heute euro-arabische ­Malta, den europäisch-muslimischen Balkan, das vom Orient kulturell durchdrungene Sizilien und die über 500-jährige Enklave der muslimischen Tataren in Polen sind ein beredetes Zeugnis muslimischer Präsenz in Europa.

Schließlich bargen Muslime die griechischen-hellenistischen Fundamente der europäischen Zivilisation, vor allem Aristoteles, vor der Versenkung, indem sie sie ins Arabische übersetzten.

Die griechischen Wissenschaften – als maßgebliches Erbe Europas – wanderten vom Griechischen über das Arabische ins Lateinische. Wir stehen also im Abendland auch auf morgenländischen Beinen.

Von Kindesbeinen an kennen wir  Wörter wie Marzipan, Zucker, Ingwer und Zimt, Tarif, Schach, Scheck, Scheriff, Mütze, Jacke, Kabel und Watte und auch die Laute aus Ebenholz, die wie eine Gitarre klingt. Und als Schüler ­lernen wir Chemie und Algebra, also auch mit Ziffern umzugehen.

Unzweifelhaft prägte das Christentum die europäische Geistesgeschichte seit dem frühen Mittelalter, man denke auch an die Reformation, die Aufklärung (als Reaktion auf den christlichen Absolutismus) oder die christliche Soziallehre. Das Europäische Abendland hat selbstverständlich maßgebende christ­liche Wurzeln; keiner sollte das in ­Abrede stellen. Die griechischen, jüdischen und muslimischen Wurzeln sollte man jedoch ebenfalls nicht verschweigen.

Eine große Kulturnation, zu der ich Deutschland zähle – und da tun auch die Aussagen unseren neuen Innenministers keinen Abbruch – zeichnet sich durch Offenheit und Respekt gegenüber anderen Kulturen aus. Das hält sie lebendig und frisch. Das wusste der bibelfeste Goethe genauso wie sein Kollege Herder und der Aufklärer Lessing. Sie waren sich bewusst, dass die drei monotheistischen Religionen gleichen Ursprungs sind und allesamt nicht aus Brandenburg, sondern aus dem Morgenland stammen.

Dieser Text wurde zeitgleich zum Erscheinen auf der Webseite der Islamischen Zeitung am 9. März in der „WELT“ veröffentlicht.

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