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Ein Kommentar von Khalil Breuer über die Enthüllungen von Wikileaks und warum ein Leben heute nicht mehr viel zählt

Leben und Recht

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(iz). Die neuen Veröffentlichungen der Internetbewegung „Wikileaks“ beschreiben nichts anderes als die bekannten Teilaspekte der modernen Krise des Rechts. Die Dokumente sind allerdings nur eine sehr eingeschränkte Bedrohung für den militärischen Apparat Amerikas. So werden akribisch Vergehen aufgelistet, ohne aber in auch nur einem einzigen Fall eine konkrete Verantwortung zuzuordnen. Auch für herbe Verbrechen wird sich letztlich niemand verantworten müssen. Nebenbei wird der Iran in den Dokumenten als Kriegspartei in dem unübersichtlichen Geschehen angeschwärzt. Zufall oder bereits eine Vorlage für neue Kriege in der Region?

Die Flut der Dokumente dient so in erster Linie der grundsätzlichen Betrachtung über die moderne Kriegsführung unsere Tage. Der Soldat und der Terrorist schaffen immer wieder den rechtsfreien Raum, Orte ohne Ordnung. Es ist dabei eine ­kleine Sensation, dass die moderne Kriegsfüh­rung für menschliche Standards keinen Raum ­lässt. Die Frage ist auch, wie Terror und ­Gegenterror die heimische Bevölkerung an den Bildschirmen verändert. Durch die ­Medien und diverse Internetseiten nimmt der Zuschauer am Kriegsgeschehen teil und wird immer wieder selbst zum Zielobjekt entsprechender Propaganda.

Nach beinahe zehn Jahren Krieg gegen den Terror wird eine Folge deutlich: Die meisten BürgerInnen des Westens haben sich ­innerlich von dem Geschehen und seinen moralischen Fragen entkoppelt. Der Aufschrei über den Notwehrexzess mit seinen hunderttausenden zivilen Opfern nach dem 11.9.2001 hält sich in Grenzen und deutet darauf hin, dass „man“ unter dem alltäglichen Eindruck des Terrorismus sich längst an den „Ausnahmezustand“ gewöhnt hat.

Aber auch die irakische Bevölkerung selbst, zu Hause an den alten Stätten berühmter Zivilisationen, leidet, wie die Wikileaks-Dokumente zeigen, unter einem dras­tischen Wertezerfall. Heute blicken junge Iraker­Innen ratlos auf eine herrschende Schicht prinzipienfreier Nihilisten.

Das Wort „Menschenrecht“ gehört zu den meistbenutzten Anrufungen der Nachkriegszeit und löst sich in seiner Bedeutung als moralische Orientierung im Praxistest gleichzeitig auf. Auch unter dem – mit dem ironisch nachwirkenden Titel „Friedensnobelpreisträger“ ausgestatteten – Präsidenten Obama hat sich daran nichts geändert.

Die Veröffentlichungen tausender Wikileaks-Seiten folgen indirekt der Logik der Zensur, denn eine ungeheure Flut von Information lässt den Otto-Normal-Verbraucher ratlos zurück. Strategischer Einsatz von Folter, Drohnenangriffe, Angriffskriege im Namen von Menschenrechten sind jedenfalls alltägliche Maßnahmen, die die alten Maßstäbe des Rechts brechen.

Giorgio Agamben behält Recht, wenn er dem modernen Nomos vorgeworfen hatte, auch das Lager und den Terror als akzeptierte Ordnungsform zu integrieren. Die Trennung des „nackten Lebens“ vom Recht bleibt ein Symbol des Nihilismus.

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