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Ein Kommentar von Sulaiman Wilms

Zwischen Heuchelei und Profitinteresse

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(iz). Vor wenigen Wochen wurden die Fußballfreunde der Republik durch den Tod des Bundesliga- und Nationaltorwarts Robert Enke geschockt. Enke nahm sich am 10. November durch Schienensuizid sein Leben. Öffentlichkeit und die Fußballwelt reagierten betroffen. Und, ohne zynisch klingen zu wollen, Medien in nüchterner Professionalität brachten auf allen Sparten so schnell Berichte und umfassende Analysen zum Thema Depression und Selbstmord, dass man meinen könnte, dass sie nur auf ein solche Gelegenheit gewartet hätten.

Kritische Journalisten und Medienwissenschaftler warnten bereits, dass die massive Berichterstattung über diese individuelle Tragödie zu Nachahmungen anstiften könnte. „Selbstmord ist ansteckend. Berichterstattung über Suizide erhöht die Zahl der Suizide. Das ist der so genannte ‘Werther’-Effekt, benannt nach Goethes Roman. Nachdem er erschienen war, soll sich eine Reihe von Lesern in ähnlicher Form das Leben genommen haben wie die liebeskranke Titelfigur“, findet sich auf dem lesenswerten Blog des kritischen Medienjournalisten Stefan Niggemeier.

Aber der Suizid Enkes ist kein Einzelfall: 2007 nahmen sich nach Angaben der online-Enzyklopädie Wikipedia.de 9.402 Menschen das Leben. Die Dunkelziffer soll höher liegen. Nur, um zu zeigen, dass das Problem jeden treffen kann: Ich erwartete am vorletzten Novemberwochenende den Besuch eines Elternteils. Unser Gast kam zwei Stunden später an, weil der Zug wegen eines versuchten Schienensuizids Verspätung hatte.

An dem Vorgang lässt sich allerdings einiges lernen. Der Leistungssportler Enke, der selbst aus einer Sportlerfamilie kam, war einem enormen Leistungsdruck ausgesetzt, der sich bis auf die existenziellste Ebene fortsetzt. Als ehemaliger professioneller Trainer weiß ich aus eigener Erfahrung, wie groß dieser Druck sein kann. Kein Wunder, dass sogar Freizeitsportler mittlerweile zu illegalen, leistungsfördernden Mitteln greifen.

Klügere Köpfe als ich haben darauf hingewiesen, dass der Leistungssport ein guter Indikator für den – gelegentlich tödlichen – Wettbewerb in der gesamten Gesellschaft sei. In einer sozio-ökonomischen Lage, in welcher der gesamte Kurs an einer neoliberalen Ideologie ausgerichtet wird, darf es nicht wundern, wenn der Zwang, alles und jeden in eine ökonomisch verwertbare Größe zu verwandeln, die Seele deformiert.

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