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Ein Kommentar von Sulaiman Wilms

Leiden wir an ADS?

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(iz). Jedes Zeitalter hat seine Krankheiten. Vor dem 1. Weltkrieg neigten Psychiater dazu, Frauen der „Hysterie“ zu beschuldigen und auch die 1960er Jahre hatten ihre Hitliste der psychichen Störungen. Heute ist es die Aufmerksamkeits­defizitstörung (ADS), die oft diagnostiziert und medikamentiert wird. Als indirekt Beteiligter weiß ich, dass es bei ADS keinen Fall von „Schuld“ gibt. Die Betroffenen sind nicht einmal krank, sie leiden vielmehr an einem Missverhältnis von Neuro­transmittern. Ihnen fällt das Fokussieren schwer, sie haben Konzentra­tionsprobleme und lassen sich leicht ablenken.

Wenn dies individuelle Symptome sind, kann es dann nicht sein, dass sie als Gleichnis für die Schwierigkeiten der muslimischen Community dienen können? Werfen wir einen Blick: Deutschlands Muslime haben (als Kollektiv) Probleme bei der Fokussierung auf das Entscheidende. Bei Schülern mit ADS ist es häufig so, dass sie zu viel (alle Bäume, statt des Waldes) auf einmal sehen.

Gleichermaßen gelingt es innerhalb dieser Community nur selten, sich kollektiv auf ­etwas zu konzentrieren, das Wesentliche zu identifi­zieren und dementsprechend zu handeln. Kommt es zu einer essenziellen Debatte, geschieht es nicht selten, dass sekundäre ­Fragen vom Wesentlichen ablenken.

Als Anschauung mag der Aggregatzustand des jugendlichen Islams in Deutschland dienen. Die muslimische Jugend ist alles andere als passiv, langweilig oder banal. Ein oberflächli­cher Blick genügt: An allen Orten und in ­jeder Form ist sie aktiv und kreativ. Sie kommt in Netzwerken zusammen, schreibt und publiziert lesenswerte Dinge, dreht witzige ­Videos und begeistert sich und andere. Kurz gesagt: Es mangelt weder an Dynamik, noch an ­guten Ideen.

„Ja, reicht das nicht?“, mag sich mancher ­fragen oder „oder warum so negativ?“ Gewiss, die übersprühende Lebensenergie ist bewundernswert, aber es muss gefragt werden, was aus ihr Bleibendes erwächst. Wenn, wie es bei ADS der Fall, alles als gleichwertig wahrgenommen wird, dann bekommt eine Facebook-Debatte darüber, in welcher Richtung ein Kopftuch gebunden wird, den gleichen Stellenwert wie die Frage nach der Zakat.

Was im kindlichen Gehirn die steuernde Hand von Eltern, Lehrern und – wenn ­nötig – der Einsatz der Chemie leistet, muss von der muslimischen Community substituiert werden. Solange es keine aktive Setzung von Prioritä­ten gibt und niemand Wertigkeiten definiert, besteht die Gefahr, dass die ­bewundernswerte jugendliche Energie verpufft.

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Sulaiman Wilms

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