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Ein kurzer Streifzug durch die Baugeschichte der Türme. Ahmed Kreusch

Punkte der Orientierung (2)

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Türme sind im wahrsten Sinne hervorragende Bauwerke der Menschen, oft nicht nur aufragend, sondern auch aufregend, wie wir an der Mina­rett-Diskussion sehen. Interessant ist, dass echte Turmbauten erst relativ spät in der Architekturgeschichte der Mensch­heit auftauchen.

(iz). Die meisten der nichtrömischen und nicht-katholischen Chris­ten Nordafrikas waren Arianer, als die Muslime kamen. Sie waren Nachfahren jener Wandalen, die unter ihrem König Geiserich in der zweiten Hälfte des 5. Jahrhunderts praktisch die ganze westliche Hälfte der afrikanischen Kolonien des alten „Impe­rium Romanum“ und alle westlichen Mit­telmeerinseln unter ihre Macht gebracht hatten. Aber sie kamen nicht als Kolonialherren, sondern hatten sich mit einigen der großen einheimischen ­­Ber­ber­völkern verbündet, indem sie ihre Kinder miteinander verheirateten. Ge­meinsam hatten sie die römischen ­Be­satzer im Lande verjagt und ihre Flotten auf dem Meer besiegt.

Für die Römer waren sie nicht nur germanische Barbaren, sie galten auch als unbelehrbare Ketzer und wurden diskriminiert und unterdrückt, weil sie sich nach der Rückeroberung ihrer Länder durch Rom/Byzanz um die Mitte des 6. Jahrhunderts standhaft weigerten, die vorgeschriebene römisch-katholi­sche Staatsreligion anzunehmen. Mehr als hundert Jahre lang mussten sie dieses Joch aushalten.Mit dem ­Islam kam die Erlösung. Sie erkannten schnell, dass diese ­Religion nicht neu oder fremd war, ­sondern mit ihrem arianischen, nicht-trinitarischen Glauben übereinstimmte. Sie wussten, dass der Prophet Muhammad der von Jesus angekün­digte sehnsüchtig erwartete Tröster und Erneuerer war, der „nicht von sich aus spricht, sondern wie ihm eingegeben wird“ (Joh. 16,13). Jesus (arab. ‘Isa) war für sie ein Prophet und nicht „Sohn Gottes“ oder gar „Gott“.

So wurden vor allem die Nachfahren der arianischen Vandalen, Goten und anderer germanischer Stämme Nordaf­­ri­kas, Südfrankreichs, Spaniens und der Mittelmeerinseln Muslime und damit Glaubensbrüder der Araber. Es gab und gibt keine Zwangsbekehrungen im ­Islam. Andere christliche und jüdische Gemeinden blieben jetzt nicht nur unbehelligt, sondern waren „Schutz­be­fohlene“, die in der neuen Gesellschaft ihren wichtigen Platz hatten, weil sie beispielsweise handwerkliche Traditionen besaßen, die jetzt eine neue Blüte erlebten. Dadurch entwickelte sich trotz aller Anleihen aus den lokalen Kulturen ein eigener islamischer Baustil.

Die großen Moscheen demonstrier­ten daher auch nicht die Macht der neuen Herrscher. Sie wurden als Zweck­­bauten nach dem Vorbild der Prophetenmoschee in Medina entworfen. Ihre nach außen schmucklosen Mauern sind kaum höher als die umlie­genden Häuser. Ihr multifunktionaler Innenraum und Innenhof ist ein echter Platz des Friedens und wurde gerne als solcher von jedermann benutzt. Seine Wände und Pfeiler waren oft ­reich geschmückt, die Böden sind mit Teppi­chen ausgelegt, die Schuhe lässt man an den Eingängen zurück.

Schon im 8. Jahrhundert ersetzte man die vielen Holzstützen, die das flache Dach des Betsaales trugen, durch anti­ke Steinsäulen aus den zahlreichen Tempel- und Palastruinen der Umgebung. Bald auch baute man Rundbögen und konnte dadurch die Säulenabstände vergrößern. Zum Inneren der Moschee gehörte der große Hof mit seinen plätschernden Brunnen zum Trinken und für die rituelle Waschung.

Es gibt keine monumentalen Treppenanlagen mit riesigen Freitreppen wie bei antiken Palästen und Tempeln. Durch mehrere Eingänge, die immer offen stehen, betritt man ebenerdig den Innenraum der Moschee, der auch als Schule und Universität, für Feste und Versammlungen, sogar als Herberge für Reisende und in Kriegszeiten als Zufluchtsort für die Bevölkerung dient.

Viele der großen nordafrikanischen Moscheen haben deshalb hohe Mauern mit runden Wehrtürmen. Denn es waren keineswegs friedliche Zeiten. Zwar waren inzwischen viele der Ber­ber­stämme mit den germanischen Wan­dalen zu einem Volk verschmolzen und hatten als arianische Christen den Islam angenommen. Es gab aber Ber­bervölker, die vom Handel mit Gold, Elfenbein und Sklaven lebten, mit denen sie die Römer schon seit Jahrhunderten versorgten. Auch wilde Tiere aus dem Inneren Afrikas für die Kampfspiele kamen durch sie in die Amphitheater der großen Städte.

Mit dieser lukrativen Existenz war es jetzt vorbei. Deshalb versuchten sie, manchmal verbündet mit byzantinischen Truppen, die neuen „Herrscher“ zu vertreiben, ihre Städte zu erobern und die alten Machtverhältnisse wiederherzustellen. Es ging dabei nicht um Religion.

Aber nicht nur vom äußeren, auch vom „inneren“ Feind drohte Gefahr. Aus Macht entsteht seit jeher die größte Verführung für das menschliche Ego. Die Muslime bildeten da keine Ausnahme. Rivalisierende Familienclans, Überfälle und Raubzüge (arab. „Ghaz­wa“, daraus entstand das Wort „Raz­zia“), die wiederum Vergeltungsmaßnahmen nach sich zogen, waren ein ständiger Gefahrenherd für die neue Gesellschaft und eine harte Prüfung für den Herrscher. Wenn dieser durch ­Intrigen und Korruption selbst seine Macht missbrauchte, passierte es häufig, dass er und seine Dynastie von ei­nem „Retter aus dem Volke“, einem einfachen „Mamluk“, einem Söldner­offizier, vertrieben wurde, der dann die Macht übernahm. Eine Zeit lang herr­schte Gerechtigkeit, bis unter den Nachfahren des neuen Herrschers er­neut die gleichen Unsitten auftraten.

Es waren selten größere Kriege, aber Grund genug, sich zu schützen. Des­halb umgaben sich zunächst die Mo­scheen, in denen die Menschen Zuflucht suchten, später auch die Städte, mit Mauern und runden Türmen. Ho­he Minarette dienten der Orientierung im dichten Häusergewimmel der Stadt, der Medina, und konnten als Wach­türme dienen, wenn sie am Stadt­rand standen.

Runde Türme wurden bereits in der Antike als Wehrtürme bei Stadtbefestigungen gebaut, allerdings nur wenig höher als die flankierende Stadtmauer. Im 8. Jahrhunderte nahmen die ‘Ab­ba­s­i­­den diese Bauform auf und bauten in Syrien Wüstenschlösser mit charakteristischen Rundtürmen an den vier Ecken. In Nordafrika entstand später daraus der festungsähnliche Bautyp des „Ribat“ mit hohen fensterlosen Außenmauern auf einem viereckigen Grund­riss und runden Türmen an den vier Ecken.

Meist außerhalb der größeren Städte in ländlicher Einsamkeit gebaut, waren sie eine Art „Kloster“ für die muslimi­schen Orden, die Sufis, die sich in feindlicher Umgebung zu behaupten hatten. Dieser Bautyp, der auch in den Ländern nördlich des Mittelmeeres, in Spanien und Südfrankreich Verbreitung fand, in flachen Gegenden oft noch mit einem Wassergraben umgeben, wurde in Europa das Vorbild für die Wasserburgen des Mittelalters.

Auch das Ideal der islamischen ­“Rit­terlichkeit“, die „Futuwwa“, die hier ­­ge­lehrt, gelernt und gelebt wurde, ­ver­breitete sich, ausgehend vom islami­schen Spanien, über Südfrankreich durch die Troubadoure überall in den christlichen Monarchien Europas. Aber hier blieb es meist bei einem rein litera­rischen, höfischen Ideal. Die raue Wirklichkeit war hier seit Karl dem Großen eine feudale Klassengesellschaft, bei der sich die herrschende Aristokratie unge­straft alles erlauben durfte und auf Kos­ten der leibeigenen, fast rechtlosen Untertanen lebte.

Von den islamischen Idealen der ­Fu­tuwwa, „selbstlose Hilfe für die Schwa­chen, Schutz für Frauen und Kinder, Befreiung der Unterdrückten, Gerech­tigkeit für alle, absolute Treue bei Verträgen, und Gehorsam gegen­über dem Meister“, von den islamischen Rittern – den damaligen „Mura­bi­tun“ – real ge­­lebt und verteidigt, blieben im christlich-­abendländischen Feudalismus der „Minnesang“ und Ritterturniere übrig.

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