IZ News Ticker

Ein kurzer Überblick über die Architekturgeschichte muslimischer Gebetsstätten und verschiedene Baustile in Deutschland. Von Yasin Alder, Bonn

Die Traditionen des Moschebaus

Werbung

Von der einfachen Art, wie die Moschee des Propheten, Allah segne ihn und schenke ihm Frieden, es war, bis zu den vielfältigen Bauweisen von heute hat die Architektur der muslimischen Gebetsstätten eine Vielzahl von Formen und Entwicklungen durchlaufen. Die Moschee des Propheten bestand lediglich aus einem ummauerten Hof, der teilweise mit Palmzweigen abgedeckt war, die auf einer Holzpfeilerkonstruktion ruhten. Ein eigenes Minarett gab es noch nicht.

Klassische Bauformen

Später bildeten sich drei wesentliche klassische, regionale Formen heraus, nämlich die Stützen- oder Säulenmoschee, vor allem in den arabischen Ländern, in Nordafrika und Andalusien, die Vier-Iwan-(Hof-)Moschee in Persien, Afghanistan und Zentralasien, und etwas später die typisch osmanische Zentralkuppelmoschee. Teilweise werden auch noch die Moscheen Moghul-Indiens als besonderer Typus gesehen, allerdings weniger aufgrund ihres Grundrisses sondern eher wegen ihrer charakteristischen Gestaltungsformen.

Als frühe Beispiele für die „arabische“ Stützenmoschee gelten beispielsweise die heute nicht mehr bestehenden Moscheen von Kufa und Basra. Sie orientieren sich an der Moschee des Propheten in Medina, bestehen also aus einem flach gedeckten Dach und einer von Säulen, welche das Dach tragen, durchsetzten Gebetshalle. Diese ist rechteckig und in der Regel quer liegend, das heißt die Qibla-Seite (die Seite der Gebetsrichtung) bildet die längere Seite des Rechtecks. Meist ist dieser Halle ein Hof (Sahn) vorgelagert, der von umlaufenden Arkaden umgeben ist. Auch die Umaijaden-Moschee in Damaskus gilt als ein frühes Beispiel für diesen Typus; weitere Beispiele sind die Ibn Tulun-Moschee in Kairo, die Große Moschee von Cordoba oder die große Moschee von Kairouan. Bei diesem Moscheetypus dominiert beim Raumeindruck die horizontale Weite, während die Höhe meist nicht so groß ist und demgegenüber in den Hintergrund tritt. Dieser Moscheebaustil war in den ersten vier bis fünf Jahrhunderten des Islam der vorherrschende. Heute sind in den meisten arabischen Ländern verschiedene, oft eher eklektische Bauformen zu finden; in einigen Ländern wie Marokko ist dieser Stil jedoch nach wie vor der allgemein übliche.

Die „persische“ Vier-Iwan-Moschee entstand im 11. Jahrhundert (n. Chr.). Sie nimmt das Bauelement der Torhalle (Iwan) auf, das aus der vorislamischen Palastarchitektur stammt. Das erste Beispiel einer Moschee dieses Typs war die alte Freitagsmoschee von Isfahan zur Zeit der Seldschukenherrschaft, noch lange vor der Schiitisierung Persiens. In der idealtypischen Form sind es vier Iwane, die sich in axialer Anordnung zum Innenhof hin öffnen. Dieses Schema wurde oft auch für Madrassen verwendet. Die Bethalle ist nicht unbedingt architektonisch mit dem Hof verbunden. Sie verfügt in der Regel auch über eine Kuppel, die aber nur den Raum um das Mihrab umfasst, während der Rest des Gebetsraums den Stützenmoscheen ähnelt. Nach außen hin ist das Eingangsportal der Schauseite sowie die Kuppel prägend für den optischen Eindruck. Der Innenhof mit den vier Iwanen nimmt hier, anders als bei der Säulenmoschee oder der Kuppelmoschee, die zentrale Stellung ein, und nicht der Gebetsraum. Die Vier-Iwan-Moschee vebreitete sich vor allem in den zwei Jahrhunderten der Seldschukenherrschaft in den genannten Regionen, aber auch bis nach Ägypten, wo dieses Bauschema von den Ajjubiden und Mamluken übernommen und abgewandelt wurde.

Die türkisch-osmanische Kuppelmoschee dürfte wohl fast jedem Leser auf Anhieb bekannt sein, ist es doch die nach wie vor in der Türkei und auf dem Balkan am meisten verbreitete Moscheebauform. Sie verbreitete sich aber auch im syrischen Raum und in geringerem Maße auch in anderen Teilen des osmanischen Khalifats, teils in abgewandelter Form. Die Kuppelmoschee entstand seit dem Beginn der osmanischen Herrschaft ab dem 15. Jahrhundert und beruht auf geometrischen Grundformen – ein quadratrischer Grundriss mit einem annähernd würfelförmigen Innenraum, der von einer halbkugelförmigen Kuppel überwölbt wird. Der Innenraum wirkt dadurch stärker als bei den beiden anderen klassischen Bauformen als eine abgegrenzte, in sich ruhende, richtungslose Einheit, wie Sabine Kraft es in ihrem Buch über Moscheebauarchitektur formuliert hat. Kuppelwölbungen traten verinzelt auch schon beim Typus der Stützenmoschee auf und erhielten bei der Vier-Iwan-Moschee eine größere Rolle. Bei der osmanischen Moschee hat die Kuppel aber einen noch zentraleren Stellenwert. Viele Autoren vermuten, dass die Architektur der byzantinischen Hagia Sophia in Istanbul eine wesentliche Inspiration für diesen Stil darstellte. Doch schon die frühosmanischen Moscheen und die seldschukischen Moscheen in Anatolien wiesen den Weg in Richtung dieses Stils, denn schon bei ihnen verloren die Pfeiler- und Bogenreihen an Bedeutung, während die Außenwände und Kuppeln mehr in den Vordergrund traten. Den Höhepunkt erreichte der Kuppelbaustil mit dem berühmten Architekten Sinan im 16. Jahrhundert, der als Baumeister des Sultans Süleyman II. (genannt „der Gesetzgeber“, im Westen auch „der Prächtige“ genannt) tätig war. Die berühmteste Moschee Sinans ist die Süleymaniye-Moschee in Istanbul; als sein Meisterwerk gilt die Selimiye-Moschee in Edirne. Auch die Sokullu-Mehmet-Pascha-Moschee und die Mihrimah-Moschee, beide in Istanbul, gehören zu seinen herausragendsten Moscheebauten. Der Zentralkuppel sind bei diesem Stil Halbkuppeln im Wechsel mit Schildwänden untergeordnet, die zu einem kristallartigen Raumeindruck führen. Auch die osmanischen Kuppelmoscheen haben häufig einen Vorhof. Und auch die Minarette haben bei dieser Bauform, die gewissermaßen in standardisierter Form auch heute noch gebaut wird und auch Vorbild für viele Moscheebauten der türkischen Muslime in Deutschland ist, fast immer eine bestimmte, typische Form: sehr schlank, rund und mit kleinen, spitzen Dächern.

Moscheebauten in Deutschland

Moscheen sind hierzulande mehr als Gebetsräume, sie sind auch soziale Zentren, denen Unterrichts- und Aufenthaltsräume (Café- oder Teestuben), Läden (vor allem Lebensmittel und Bücher) und Dienstleistungen wie zum Beispiel Frisördienstleistungen angegliedert sind. Es gibt einige frühe Bauten aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg, die von wenigen Ausnahmen (wie der Moschee in Berlin-Wilmersdorf oder der aus Holz gebauten Moschee im Kriegsgefangenenlager Wünsdorf) abgesehen jedoch keine wirklichen Moscheen waren, sondern lediglich so genannte orientalisierende Bauten, die mehr oder weniger einer Moschee ähnelten (etwa das Pumpwerk in Potsdam oder die Yenidze-Zigarettenfabrik in Dresden). Nachdem im Zuge der Arbeitsmigration seit den 1950er und 60er Jahren verstärkt Muslime nach Deutschland kamen, richteten sie sich nach und nach Gebetsräume ein, die allerdings fast nie nach außen hin als solche erkennbar waren und später unter der etwas negativ klingenden Bezeichnung „Hinterhofmoscheen“ bekannt wurden. Sie waren und sind in Lagerhallen, ehemals gewerblich genutzten Räumlichkeiten aller Art, ehemaligen Ladenlokalen und dergleichen untergebracht. Erst seit den späten 80er und vor allem seit den frühen 90er Jahren werden zunehmend auch sichtbare Moscheen gebaut, für die die Gemeinden oft jahrelang Geld gespart und gesammelt haben. Es gibt allerdings auch einige Ausnahmen von sichtbaren Moscheebauten, die schon in den 60er und 70er Jahren entstanden.

Bekannte Beispiele dafür sind das Islamische Zentrum Aachen (Bilal-Moschee) – übrigens von einem nichtmuslimischen deutschen Architekten entworfen-, das Islamische Zentrum München oder das schiitische Islamische Zentrum Hamburg (Imam-Ali-Moschee). Diese Bauten stellen Mischformen aus traditionellen und modernen Elementen dar, die jeweils besondere Originalität besitzen.

Die meisten Moscheebauten seit den 80er Jahren hingegen gingen überwiegend aus türkisch-muslimischen Gemeinden hervor und sind fast aussschließlich an den türkisch-osmanischen Stil angelehnt. Dieser wird mal mehr, mal weniger gelungen umgesetzt – von der Art eines simplen schuhkartonähnlichen Betonkastens mit einer völlig aufgesetzt wirkenden Kuppel bis hin zu gelungenen Beispielen wie der 1995 eröffneten Mannheimer Yavuz-Sultan-Selim-Moschee, welche auch moderne Einflüsse hat.

Dass nichtmuslimische Architekten Moscheen planen oder in Kooperation mit muslimischen Architekten mit entwerfen, ist übrigens durchaus keine Seltenheit. Anders als bei den eher innovativen Entwürfen der 60er und 70er Jahre scheinen sie sich dabei oft weitgehend nach den Wünschen der Moscheevereine zu richten, die wohl vor allem aus emotionalen Gründen eine Moschee wünschen, die dem aus der Heimat bekannten Stil entspricht. Beispiele für solche Moscheen finden sich in Lauingen, Pforzheim, Wesseling, Niederkassel, Marl, Darmstadt und vielen weiteren Orten.

Das vielleicht herausragendste Beispiel ist die neue Sehitlik-Moschee in Berlin, 2004 fertiggestellt, die noch mehr als die anderen dieses Stils in Deutschland eine perfekte Kopie einer klassischen türkisch-osmanischen Moschee darstellt und bei der man sich in die Türkei versetzt fühlt. Wenn schon Kopie, dann richtig, würde man hier sagen wollen. Die Sehitlik-Moschee ist sozusagen das Paradebeispiel der an der klassisch-osmanischen Bauweise orientierten Moschee, das wohl kaum zu übertreffen sein dürfte. Nun wäre es an der Zeit, einmal neue Wege zu gehen.

Ein weiteres, von der Dimension her noch größeres Beispiel ist die noch im Bau befindliche Moschee in Duisburg-Marxloh, die allerdings leider ziemlich isoliert, umgeben von Freiflächen und degradierten Wohngebieten, gelegen ist und damit alles andere als ein dynamisches, lebendiges Umfeld besitzt. Auch der Entwurf der neuen Moschee am Ort der Verbandszentrale der DITIB in Köln-Ehrenfeld, ebenfalls von einem nichtmuslimischen Architekten, orientiert sich im wesentlichen am klassischen Stil, auch wenn er in stärkerem Maße moderne Elemente mit einbezieht.

„Kuppel und Minarett“ sind auch für viele nichtmuslimische Deutsche untrennbar mit dem Bild, das man sich von einer Moschee macht, verbunden. Interessant ist, dass manchmal selbst Moscheevereine, deren Mitglieder nicht aus dem türkisch-osmanischen Einflussgebiet kommen, von diesem Stil beeinflusst sind. So hat die von marokkanischstämmigen Muslimen errichtete Moschee von Bergheim einen sehr schön gestalteten, an marokkanischen Vorbildern orientierten Innenraum, verfügt allerdings auch über eine – in Marokko völlig unübliche – Kuppel, die durch ihre blaue Farbe von Außen sogar an persische oder zentralasiatische Moscheen erinnert.

Nur wenige Moscheen, wie etwa die von Mosbach, greifen hingegen ortstypische Bauformen (in diesem Fall bayrisch-alpenländische Einflüsse) auf oder orientieren sich mehr an moderner Architektur (wie die sehr gelungene neue Moschee von Penzberg). In anderen Ländern, insbesondere in den USA, ist man bezüglich innovativer und auch orstangepasster Moscheebauformen schon viel weiter. Auch in Südeuropa finden sich einige herausragende Beispiele dafür, wie die von dem Stararchitekten Portoghesi entworfene neue Moschee von Rom aus den 90er Jahren oder die 2003 eröffnete neue Moschee von Granada, die sich hervorragend in den traditionellen andalusischen Baustil des Albaicin-Viertels einfügt. Es ist sehr zu wünschen, dass künftig mehr Moscheevereine den Mut und die Weitsicht haben, eine innovative, dem Stil der Umgebung besser angepasste Architektur zu wagen. Eine Moschee muss nicht unbedingt eine Kuppel haben, und auch kein Minarett – insbesondere, wenn dies wie in Deutschland ohnehin nur eine symbolische Funktion hat.

Nicht nur, dass solche Moscheen sicherlich leichter von der nichtmuslimischen Bevölkerung akzeptiert werden würden – sie würden vor allem deutlich machen, dass der Islam keine orientalische Kultur ist und nichts mit Fremdheit und Exotik zu tun hat, sondern eine universale Botschaft, die sich an alle Menschen richtet.

Euch gefällt der Artikel? Hier könnt ihr ihn teilen!

Facebook
Twitter
Instagram
Lade...

Wenn Sie diese Seite weiter benutzen, akzeptieren Sie die Verwendung von Cookies. mehr Informationen

Wir verwenden Cookies, um Inhalte und Anzeigen zu personalisieren, Funktionen für soziale Medien anbieten zu können und die Zugriffe auf unsere Website zu analysieren. Außerdem geben wir Informationen zu Ihrer Verwendung unserer Website an unsere Partner für soziale Medien, Werbung und Analysen weiter. Unsere Partner führen diese Informationen möglicherweise mit weiteren Daten zusammen, die Sie ihnen bereitgestellt haben oder die sie im Rahmen Ihrer Nutzung der Dienste gesammelt haben. Sie stimmen der Verwendung von Cookies zu, wenn Sie "Akzeptieren" klicken.

Schließen