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Selbstorganisation: Der Berliner Verein Camp One gibt Geflüchteten ein neues Zuhause

Im Gespräch mit dem Initiator des Projektes Oliver Schmidt

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Foto: Camp One

(iz). Zum Höhepunkt des Flüchtlingszuzugs 2015 öffnete in Berlin-Spandau das Heim für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. Der Unternehmensberater Oliver Schmidt erklärte sich kurzerhand bereit, es zu leiten. Daraus folgten Freundschaften und eine beachtenswerte Initiative.  Wir sprachen mit ihm über den Verein Camp One.

Islamische Zeitung: Wofür steht Camp One?

Antwort: Camp One e.V. geht auf die Einrichtung zurück, in der wir – Menschen mit und ohne Fluchterfahrung – uns vor zwei Jahren kennengelernt haben. Unbegleitete und damals minderjährige Jungs kamen damals am 6. Januar abends in das neue Wohnheim, frierend, ängstlich und müde. Wir waren mindestens ebenso ängstlich, haben aber versucht, uns das nicht anmerken zu lassen. Camp One war bald der selbstgewählte Spitzname.

Als der Senat die Jugendeinrichtung eineinhalb Jahre später schloss und inzwischen viele Jungs auch schon in ganz unterschiedlichen Berliner Bezirken lebten, brauchten wir einen Ort – den wir in Kreuzberg am Heinrichplatz fanden. Bis heute treffen wir uns dort mit Freunden und Gästen und freuen uns über jeden Besuch.

Islamische Zeitung: Zurückblickend, wie haben sich die Jungs entwickelt?

Antwort: Aus ängstlichen Geflüchteten sind junge Männer geworden, die ihr Leben selbst in die Hand nehmen. Das ist natürlich nicht nur unserem Verein geschuldet. Die Hilfsbereitschaft in Berlin war überwältigend, über Generationen und Konfessionen hinweg. Wer offen und hilfsbereit ist, der findet Identifikationspunkte. Ich habe Alte erlebt, die sich an ihre Vertreibung und Flucht nach dem zweiten Weltkrieg erinnert fühlten und sagten: „Den Jungs geht es nicht besser als mir damals.“ Muslimische Vereine unterstützten uns und die Jungs mit Besuchen, Live-Musik und Essen im Ramadan und drüber hinaus. Menschen haben die Fähigkeit, sich selbst in anderen zu erkennen. Empathie – eigentlich banal, aber ein Wunder, wenn man es selbst erlebt.

Heute sind die Geflüchteten selbstbewusst, gehen zur Schule, schöpfen ihre sehr unterschiedlichen Potentiale aus und orientieren sich – was in einer Stadt wie Berlin nicht immer einfach ist. Schließlich ist das Angebot an Menschen, Möglichkeiten und Weltanschauungen unerschöpflich.


Islamische Zeitung: Was macht Camp One aus und womit konnte ein solcher Verein konkret helfen?

Antwort: Wie organisiert man sich in Deutschland selbst? Man gründet einen Verein, das haben wir getan. Ein Verein ist eine Möglichkeit, sich selbst Gestaltungsmacht zu verleihen: Nicht durch Waffen, nicht mit Geld, sondern durch Gemeinschaft. Dieser Prozess ist sehr konkret erfahrbar, wenn man den Einkauf organisieren muss, die Vereinsversammlungen und die Eintragung ins Vereinsregister. Vereinsmeierei ist ein hervorragendes Integrationsmodul.

Die Geflüchteten stellen die Mehrheit der Mitglieder und sind im Vorstand vertreten. Alles wird gemeinsam diskutiert und entschieden. Mir ist wichtig zu sagen, dass wir ein Selbsthilfeverein sind, kein Sozialprojekt. Die wesentlichen Impulse kommen von den Geflüchteten: Wir wollen während des Ramadan in eine Moschee. Wir wollen eine Kirche besuchen. Wir wollen verstehen, was die Wahl in Deutschland bedeutet – all das wurde mit unserer Hilfe umgesetzt: Workshops, Ausflüge, interreligiöse Begegnungen. Wir haben aber, neben all der Arbeit, vor allem Spaß, das ist die Grundlage von allem. Unser Wochenende am Müggelsee war für einige der erste Urlaub ihres Lebens.


Islamische Zeitung: Besucht man euch, erfährt man viel von diesem Spaß und auch dem ernsthaften Angebot. Wohin möchte Camp One sich zukünftig entwickeln?

Antwort: Einige geflüchtete Mitglieder arbeiten bereits ehrenamtlich für Kinder und sozial benachteiligte Familien, wir wollen aber noch stärker auch in die Gesellschaft hineinwirken. Über unsere eigenen Interessen hinaus. Hierfür wollen wir wachsen, sowohl in Berlin, als auch darüber hinaus. Unser Konzept, unser Know-How und unsere Erfahrungen stellen wir Geflüchteten und Ehrenamtlichen in anderen Städten gerne zur Verfügung. Camp One soll eines Tages die Interessenvertretung für alle Geflüchteten in Deutschland sein.


Islamische Zeitung: Sie wirken wie eine Ersatzfamilie, wie wichtig ist Familie bei der Integration von Flüchtlingen und wie ist dabei die Debatte um Familiennachzug zu bewerten?

Antwort: Unsere jungen erwachsenen Mitglieder beobachten die politische Landschaft in Deutschland sehr genau: Welcher Partei ist Familie wichtig? Welche Partei kämpft für den Familiennachzug? Dass man die erste Frage mit CDU, die zweite mit DIE GRÜNEN beantworten könnte (ich zitiere hier, wenn auch nicht wörtlich, unsere Mitglieder), zeigt, wie komplex Politik ist.

Heimweh und Sehnsucht nach der eigenen Familie sind schlicht riesengroß. Die meisten haben täglich Kontakt nach Hause. Das ist nicht immer einfach, nicht wenige Familien haben sehr genaue Erwartungen an denjenigen, der jetzt in Deutschland ist: Schnell Geld verdienen, Familie nachholen. Dass das alles nicht so schnell und nicht so einfach, vielleicht auch niemals möglich ist, muss der Jugendliche erst verstehen und dann übermitteln.

Ich finde, jeder hat ein Recht auf Familie. Das laut und wahrnehmbar zu sagen, erscheint uns in Deutschland selbstverständlich, tatsächlich geht es bei der Integration aber genau darum, solche Vorgänge zu üben.

Eine weitere himmelschreiende Ungerechtigkeit ist die sogenannte Bleibeperspektive. Gut, dass junge Menschen aus Syrien inzwischen relativ sicher sein können, hier bleiben zu können. Aber warum muss ein junger Mann aus dem Iran, der nach zwei Jahren perfekt Deutsch spricht, seinen Führerschein macht und sich ehrenamtlich engagiert, täglich seine Abschiebung fürchten? Unter diesem Druck bald das Abitur zu machen, das nötigt mir großen Respekt ab. Deutschland hat für Geflüchtete viel getan, und doch zweifle ich manchmal an unserer Gesetzgebung.


Islamische Zeitung: Haben die jungen Geflüchteten eigentlich Angst vor dem erstarkten Rechtsextremismus?

Antwort: Wir haben kein einziges Mitglied, das noch nicht angegriffen wurde, verbal und körperlich. Das fängt bei dümmlichen Pöbeleien weit unterhalb dessen, was ich als Rechtsextremismus bezeichnen würde an, und geht bis zu tätlichen Angriffen mit klar gegen Minderheiten gerichteten Beschimpfungen. „Nach Dresden können wir niemals fahren“, da sind sich unsere Mitglieder mit Fluchterfahrung einig. Mich macht das sehr traurig, ich sehe mein Land mit anderen Augen, seit ich von solchen Erlebnissen erfahre.

Ich bin aber auch stolz, dass sie differenzieren können und sich nicht entmutigen lassen. Im Grunde sind sie patriotisch: Spielt die deutsche Fußballnationalmannschaft, gibt es kaum treuere (und lautere) Fans als unsere Jungs.


Islamische Zeitung: Fühlen sich die Jugendlichen durch Camp One und auch allgemein in Deutschland angenommen?

Antwort: Wer sich selbst engagiert, für sich und für andere, darf wohl für sich in Anspruch nehmen, angekommen zu sein. Teilhabe an der Gesellschaft ist im Grunde nicht schwer: Künstler können ihre Bilder ausstellen, wir können Filme auf YouTube hochladen, wir können mit Freunden diskutieren, streiten, Lösungen finden, man kann ehrenamtlich oder im Job, später im Beruf, sinnvolle Dinge tun – es gibt unendlich viele Wege, in die Gesellschaft hineinzuwirken. Camp One e.V. tut dies und dabei unterstützen wir – also Menschen von hier – diejenigen, die diese Prozesse noch lernen.

Deutschland hat eine Leistungsgesellschaft und die Leistung der Geflüchteten, wenn wir sie „leisten“ lassen, also Verantwortung tragen lassen für sich und für andere, wird das tatsächlich anerkannt. Natürlich können wir von unseren Mitgliedern, die eine Ablehnung ihres Asylantrages erhalten und dagegen klagen, nicht erwarten, sich vollkommen angenommen zu fühlen. Anerkennung und Ablehnung finden hier leider auf unterschiedlichen Ebenen gleichzeitig statt.

Camp One e.V. möchte als starke Interessenvertretung  junger Geflüchteter wachsen und benötigt dafür Unterstützung im echten und im digitalen Leben: Eure Likes auf Facebook, Euer Besuch im Camp One Café und Eure Spende für unsere Arbeit ist uns sehr willkommen: Facebook: @CampOneCafe Spendenkonto: CAMP ONE EV, IBAN: DE83 1001 1001 2627 4694 27, Bank: N26

Zurzeit läuft auch eine Crowdfunding-Aktion, durch die sich Camp One für den Deutschen Integrationspreis qualifizieren kann: https://www.startnext.com/camp-one/

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