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Ein Reisebericht aus Aceh, Indonesien

Die „Veranda Mekkas“

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(iz). Fast drei Stunden dauert der Flug von Indonesiens Hauptstadt Jakarta nach Banda Aceh. Während des Landeanfluges sehe ich nur stahlblaues Meer und irgendwann ein weites Land durchzogen von Bergen. Ich bin aufgeregt. Aceh. Die Indonesier nennen es „Serambi Mekka“, die Veranda Mekkas. Schon während meiner ersten Indonesienreise im Januar 2004 spürte ich eine Anziehungskraft, als ich den Namen Aceh hörte.

Doch damals war es Ausländern verboten, in diesen Teil Indonesiens zu reisen. Der Bürgerkrieg zwischen der militanten Unabhängigkeitsbewegung Gerakan Aceh Merdeka (kurz GAM, Bewegung für ein unabhängiges Aceh) und dem indonesischen Militär war auf seinem Höhepunkt. Jahrzehntelang (seit 1976) tobte der bewaffnete Konflikt um die Unabhängigkeit der Provinz. Noch heute leidet die lokale Bevölkerung unter den Auswirkungen des Konflikts. Tausende Frauen wurden zu Witwen, tausende Kinder zu Halbwaisen oder Vollwaisen gemacht.

Dann, fünf Tage vor Ende des Jahres 2004, am 26. Dezember, zerstörte ein gewaltiger Tsunami große Gebiete, um die Provinzhauptstadt Banda Aceh herum. Mit dem Tsunami endete auch der Bürgerkrieg. Die GAM rief einen Waffenstillstand aus; im Gegenzug zog die Regierung Beschränkungen für ausländische Hilfsorganisationen und Journalisten zurück. Aceh erhielt einen besonderen Status – den einer speziellen Provinz mit dem offiziellem Namen Nanggroe Aceh Darussalam. Mit diesem Status erfüllte sich der Ruf nach Unabhängigkeit nicht vollständig, doch zumindest hat die Provinzregierung jetzt mehr Selbstbestimmung als vorher. Viele der ehemaligen Rebellen sind heute Teil der lokalen Regierung. In der Provinz leben ungefähr 4,5 Millionen Menschen.

Sieben Jahre nach den tragischen Er­eignissen des Tsunamis sehe ich aus dem Flugzeug viele große Siedlungen mit kleinen, identischen Häusern an Ausläufern der Berge. Später lerne ich, dass diese Häuser die neue Heimat für die Tsunamisüberlebenden geworden sind, die vorher landlos waren. Eine dieser Siedlungen werde ich besuchen, hoffe ich.

Einer der Gründe, warum ich nach Aceh gekommen bin, ist, um die Projekte der muslimischen, humanitären Hilfsorganisation Islamic Relief zu besuchen. Doch bevor ich weiterdenken kann, setzt das Flugzeug zu einer eher unsanften Landung auf, und alle atmen hörbar auf, als das Flugzeug zu einem sicheren Halt kommt. Aceh ist bekannt für seine Moscheen und Madrassen. Die größte Moschee ist die Mesjid Raya ­Baiturrahman im Zentrum von Banda Aceh. Während des Tsunamis fanden Menschen hier Schutz, denn Allah hat diese Moschee vor Zerstörung bewahrt. Einige Menschen sind aufgrund der Wunder, die sie an diesem Tag rund um die Moschee sahen, sogar Muslime geworden.

Die Waisenkoordinatorin von Islamic Relief Aceh, Cut Mutia, holte mich vom Flughafen ab. Ich habe kaum Zeit durchzuatmen, denn sie möchte, dass ich so viele Islamic Relief-Waisen wie möglich treffe. Sie hat den Waisen schon von meinem Besuch erzählt, und viele warten und sind gespannt, mich zu treffen. Auch Islamic Relief Deutschland vermittelt Waisenpatenschaften in dieser indonesischen Provinz.

Die Waisen, die ich treffen werde, werden alle von Paten aus Deutschland unterstützt. Cut Mutia stellte mich als Vertreterin der Waisenpaten vor, denn die meisten Waisen wünschen sich sehr, ihre „deutschen Eltern“, wie sie die Waisenpaten nennen, einmal persönlich kennenzulernen oder einmal ein Foto von ihren Paten sehen. Viele der Kinder wünschen sich auch einen regelmäßigen Kontakt zu ihren Paten. Mirnawati Abdurrahman, oder kurz Mirna, hat Glück.

Sie weiß wie ihre Pateneltern aus Deutschland aussehen und zeigt mir glücklich die Fotos, die ihre Pateneltern an Islamic Relief geschickt haben. Die Waisenkoordinatorin hat sie für Mirna ausgedruckt. Mirna erzählt, dass ihr „neuer Vater“ ihr schon oft Briefe geschrieben hat. „Ich habe meinen ‘neuen’ Vater zwar noch nie persönlich getroffen, doch er schreibt mir immer schöne Briefe und gibt mir gute Ratschläge“, erzählt sie.

Mirna stammt von einer kleinen Insel vor Banda Aceh, die von dem Tsunami fast vollständig überflutet wurde. Beide Elternteile Minnas kamen dabei ums Leben beziehungsweise sind seither als vermisst gemeldet. Mirna rettete sich zusammen mit anderen Kindern auf einen Berg und wartete dort mehrere Tage, bevor sie von Rettungsteams gefunden wurde. Seitdem wird sie von einem Islamic Relief-Waisenpaten unterstützt, ihre Schulausbildung und ihr täglicher Bedarf finanziert. Wie viele andere Kinder, die ich auf meiner Reise nach Aceh kennengelernt habe, möchte Mirna ­Ärztin werden, und kranken Menschen helfen.

Die Auswirkungen des Tsunamis sind für das ungeschulte Auge kaum noch zu erkennen, doch die vielen kleinen neugebauten Häuser und Siedlungen, die ich schon vom Flugzeug aus gesehen habe, wurden alle erst nach der Naturkatastrophe, die mehr als 200.000 Menschen in den Tod riss, gebaut. Ich wohne bei Freunden, in einer Gegend, die vor dem Tsunami als „Elitesiedlung“ bekannt war. Das Haus meiner Freunde ist eines von fünf Häusern, dien nach dem Tsunami noch standen. Nicht etwa, weil es das größte oder stabilste gewesen wäre. Unsichtbare Kräfte haben da gewirkt, ähnlich wie bei der Mesjid Raya Baiturrahman.

Die Geschichte zweier Häuser hat mich besonders zum Nachdenken gebracht. Eines der beiden Häuser, mit drei Etagen, wurde von dem Tsunami gänzlich hinweggespült. Nicht ein einziger Stein war mehr zu sehen, der von der Existenz dieses Hauses hätte zeugen können. Selbst der Asphalt unter dem Haus wurde durch die Flut angehoben, das Haus sozusagen entwurzelt. Das Haus direkt nebenan erlitt hingegen fast gar keinen Schaden. Nur der Steinzaun wurde ein bisschen beschädigt. Meine Freundin erzählte mir, dass der Besitzer des zweiten Hauses oft und viel an die Moschee gespendet habe.

Nach dem verheerenden Tsunami, der nicht nur Hunderttausende das Leben kostete, sondern auch zahllose Menschen obdachlos zurückließ, waren Islamic Relief die ersten, die eine Siedlung für landlose Menschen bauten. Diesem Beispiel folgten andere internationale Hilfsorganisationen. Heute hat sich in den Siedlungen eine zivilgesellschaftliche Infrastruktur entwickelt, kleine Läden und Imbisse, eine Moped-Werkstatt, ein Friseur und andere kleine Unternehmen, die das tägliche Leben erleichtern. Normalität ist eingekehrt. Nur der unablässig kräftig wehende Wind erinnert an die Tragödie, denn es gibt noch immer keine Bäume und Palmen, die die Meereswinde vorher abgefangen haben.

Erst vor wenigen Monaten hat Cut Mutia zusammen mit der lokalen Regierung mehrere hundert Waisen, Opfer des bewaffneten Konflikts, ausfindig gemacht, die unbedingt finanzieller Unterstützung bedürfen. Ihre Eltern wurden – manchmal vor den Augen der Kinder – ermordet. Um die Ausbildung und Zukunft der Kinder zu sichern, werden dringend Waisenpaten gesucht. Für die Halbwaise Nur Afiani wurden schon Paten gefunden, eine deutsche Familie. Ich habe Nur besucht, in einem kleinen Dorf, weit abgelegen auf einem Berg. Hinter und vor diesem Dorf ist nur Wald. Die Fahrt vom Fuße des Berges dauert fast eineinhalb Stunden. Nach unserer Ankunft in Nurs Dorf war ich vollkommen durchgeschüttelt. Nur lebt zusammen mit ihrer Mutter in einem Holzhaus ohne Elektrizität und sanitäre Einrichtungen. Sie ist ein aufgewecktes Mädchen und hütet das Haus, wenn ihre Mutter als Tagelöhnerin in der Plantage arbeitet.

Allein in Nurs Dorf leben noch mehr als hundert andere Waisen. Während des Bürgerkrieges war dieses abgelegene Dorf einer der Orte, wo sich die GAM-Rebellen versteckten und das indonesische Militär sie suchte. Die lokale Bevölkerung litt sehr unter diesem Zustand. „Die Menschen hier waren wie Chilischoten, die gerade zermalmt werden“, erklärt mir unser netter Fahrer. „von unten wurden sie zerquetscht und von oben wurden sie zerstoßen.“ Aus diesem Grund sind die Menschen in den Bergen Achs noch heute misstrauisch und vertrauen fremden Menschen nur schwer. Das sei einer der Gründe, warum sie in dieser relativ schwer zugänglichen Region arbeite, sagt Cut Mutia, denn die Menschen hier vertrauen einer muslimischen Hilfsorganisation eher als einer internationalen, nicht-muslimischen.

Ein anderes interessantes Projekt von Islamic Relief in Aceh ist die Unterstützung der Fischereiindustrie und der damit verbundenen Kleinstunternehmen für Frauen, die die Fischereiprodukte verarbeiten und dann verkaufen. Hier wird die lokale Wirtschaft nachhaltig gestärkt. Menschen in Aceh können dadurch ein regelmäßiges Einkommen erzielen. Die Waisen werden zusätzlich mit beruflichen Kurzzeittraining unterstützt. Für Mädchen wurde ein Näh- und Stickkurs angeboten, die Jungen lernen Fischzucht. Ein Computerkurs wird sowohl von Mädchen als auch Jungen besucht. Dadurch soll jungen Waisen die Möglichkeit gegeben werden, nach Beendigung ihrer Schulzeit Arbeit zu finden.

Die Tage in Aceh waren voller neuer Eindrücke, voll Traurigkeit und Freude, voll menschlicher Wärme und Gottesnähe. Man hat mich mit offenen Armen empfangen und aufgenommen. Die Kultur und die Menschen haben mich beeindruckt und ich wäre gerne noch länger geblieben, um diesen faszinierenden Teil Indonesiens besser kennenzulernen.

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