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Ein Reisebericht kurz nach der gewaltsamen Räumung des Gezi Parks in Istanbul. Von Ali Özgür Özdil, Hamburg

„Vielfältig und widersprüchlich“

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(iz). Als Außenstehender und allein auf Medienberichte angewiesener Beobachter war ich in derselben Position wie die meisten Menschen in Deutschland, mit nur einem wesentlichen Unterschied: Ich konnte parallel auch türkische Medien konsumieren. Darunter waren einige regierungsfreundlich, einige regierungsfeindlich. Aber auch manche, die um Ausgeglichenheit bemüht waren.

Während mir das durch die deutschen Medien vermittelte Bild als durchweg einseitig und negativ erschien, war das Bild der türkischen Medien sehr vielfältig. Beispielsweise sah ich live im türkischen Fernsehen die über eine Stunde dauernde Rede des Ministerpräsidenten Tayyip Erdoğan und am selben Tag auf mehreren deutschen Fernsehsendern den wenige Sekunden dauernden Ausschnitt daraus mit dem Kommentar, Erdoğan habe wieder Hass gepredigt. Hier wird der deutsche Konsument manipuliert, war mein Gedanke, weil er das Original nicht kennt.

Zu meiner dreiwöchigen Türkeireise, von der ich die erste Woche für die Fortbildung von Moscheeführern in Istanbul verbrachte, baten mich viele Freunde, Informationen aus erster Hand zu holen. So nutze ich viele Gelegenheiten dazu, um mit Menschen in der Türkei zu sprechen, wie sie die ganzen Ausschreitungen bewerteten. Ich ging jedes Mal auf dieselbe Weise vor und sagte ihnen, dass meine Kenntnisse allein auf Medienberichten beruhen und ich gerne ihre persönliche Meinung erfahren würde. Aus den Gesprächen sind folgende Erzählungen hervorgegangen.

Taxifahrer 1 aus Istanbul
Als ich das erste Mal in ein Taxi steige, fällt mir ein Zitat des Literaturwissenschaftlers Noam Chomsky ein: „Ein Intellektueller zu sein ist eine Berufung für Jedermann: Es bedeutet, den eigenen Verstand zu gebrauchen, um Angelegenheiten voranzubringen, die für die Menschheit wichtig sind. Einige Leute sind privilegiert, mächtig und gewöhnlich konformistisch genug, um ihren Weg in die Öffentlichkeit zu nehmen. Das macht sie keineswegs intellektueller als einen Taxifahrer, der zufällig über die gleichen Dinge nachdenkt und das möglicherweise klüger und weniger oberflächlich als sie. Denn das ist eine Frage der Macht.“ Der ca. 50 Jahre alte Taxifahrer sagt mir: „Ich bin weder links noch rechts, aber ich muss schon sagen, dass die ganze Sache uns wirtschaftlich sehr geschadet hat. Auch dem Ansehen unseres Landes hat sie sehr geschadet.“ Er meinte auch, dass fast alle Araber (er meinte die Touristen) wegen den Ausschreitungen abgereist seien.

Taxifahrer 2 aus Istanbul
Der zweite Taxifahrer, mit dem ich spreche, war ein aus Stuttgart zurückgewanderter Rentner, der drei Töchter hat, die alle studiert haben, der dennoch weiter arbeite. Er sagt: „Das meiste Reizgas haben wir Taxifahrer abbekommen.“ Er erzählt mir, dass er eine völlig benommene und unbeteiligte Apothekerin mitnahm, die auf dem Nachhauseweg viel Reizgas abbekommen hatte. So wie er die Demonstranten kritisiert, die ihren Protest übertrieben hätten, kritisiert er zugleich das Leid vieler Unbeteiligter, die ihnen durch das Reizgas zugefügt wurde.

Der Englischdozent aus Istanbul
Ein junger Dozent, der in England studiert hat und doppelter Staatsbürger ist, engagiert sich in einem Kulturverein und in der berühmten Sultan Ahmet Moschee. Ihm ist nicht ganz klar, was das Ganze der Türkei gebracht hat. Die Lage sei jedoch Gott sei Dank wieder beruhigt. Viele freuten sich, wieder ihrer Arbeit und ihren Geschäften nachgehen zu können.

Der Journalist aus Istanbul
Ein in einer Medienstiftung arbeitender Journalist, die der Fethullah Gülen-Bewegung angehört, verfolgt auch internationale Medien und vertritt die Ansicht, dass in Deutschland weder Politik noch Medien unabhängig seien, sondern weiterhin dem Diktat der Alliierten des 2. Weltkrieges unterliegen würden und nicht anders handeln könnten, als in deren Sinne zu urteilen und zu berichten.

Ganz ruhig und gelassen sagt er, es sei nichts außergewöhnliches, wenn deutsche Medien negativ über die türkische Regierung berichteten, denn positive Entwicklungen in der Türkei könnten nicht im Sinne jener EU-Staaten sein, die gegen einen Beitritt der Türkei sind.

Der AKP Politiker aus Istanbul
Wir befinden uns beim Frühstück in einem Umkreis von mehreren politisch aktiven Menschen, die überwiegend der Fethullah Gülen-Bewegung angehören. Darunter ein in Deutschland geborener Arzt, der nun in Istanbul lebt und sich politisch im Süden Istanbuls engagiert.

Er lobt die wirtschaftlichen Entwicklungen im Lande seit den vergangenen 10 Jahren und die damit verbundenen Möglichkeiten. Er äußert sich traurig über die vergangenen Ausschreitungen im Lande, die auch seiner Meinung nach nichts anderes als Schaden gebracht haben. Um das negative Image der Türkei in Deutschland aufzubessern, müsse seiner Meinung nach in aktive Menschen in Deutschland investiert werden, damit diese vor Ort den einseitigen Medien eine Alternative bieten können, die der Vielfalt der Türkei, in der durchaus noch vieles Verbesserungsbedürftig sei (vor allem was die Verkehrslage anbetrifft), eher gerecht werde, als dies gegenwärtig der Fall sei.

Der Arzt aus Istanbul
Ein aus Deutschland ausgewanderter Professor für Krebstherapie, der in dem Reichenviertel Levent lebt, ist kein Regierungsfreund, aber noch weniger ein Freund der Regierungsgegner. Er berichtete mir, dass allein bei Pegasus Airline 276.000 Fluggäste von ihrem Flug zurückgetreten seien und der Schaden die Hotels, Taxifahrer, Händler beziehungsweise jeden, der von den Touristen profitiert, hart getroffen habe. Er sieht in dem Ganzen eigentlich einen religiösen Konflikt, ein Lagerkampf zwischen Muslimen und allen nichtmuslimischen Gruppen, die sich solidarisiert hätten.

Der Siemensangestellte aus Istanbul
Ich treffe in meinem Seminar einen jungen Mann, der nach seinem Studium für ein Jahr nach Istanbul gegangen ist, um Auslandserfahrungen zu sammeln. Er spielt nun mit dem Gedanken, für immer in der Türkei zu bleiben, obwohl er für seinen Arbeitsweg vom europäischen Teil zum asiatischen Teil Istanbuls knapp 1 ½ Stunden benötigt. Er sagt: „Die Entwicklungen hier sind überwältigend (türk. muazzam)! Ich spiele stark mit dem Gedanken, hier zu bleiben.“

Als ich ihn frage, ob auch im Stadtteil Fatih, in dem er lebt, Demonstrationen stattgefunden haben, sagt er: „Diese Leute würden sich niemals in diesen Stadtteil hineinwagen. Die Orte, wo sie ihr Unheil treiben, sind eh bekannt.“ Ich denke kurz nach und ich frage mich, ob die linke Szene in Hamburg, die sich auch regelmäßig im Schanzenviertel mit der Polizei prügelt, je in Blankenese oder an der Alster solche Auseinandersetzungen geleistet hat…

Er erzählt auch, dass sein Chef den Ministerpräsidenten als „Diktator“ bezeichnet habe, woraufhin er ihn gefragt habe, was ihn als Diktator kennzeichne? Sein Chef nannte ihm daraufhin die Debatte um die Einschränkung des Alkoholverkaufs.

Der Masseur aus Istanbul
Am Abschiedstag aus Istanbul gönne ich mir einen Aufenthalt in einem Türkischen Bad (Hamam). Mein Masseur stammt aus Malatya. Als er mir sagt: „Du bist zu einer sehr ungünstigen Zeit nach Istanbul gekommen“, frage ich ihn, was er damit meint. Er sagt übertreibend: „Alle Straßen Istanbuls waren voll mit Demonstranten. Fast 70 Prozent der Istanbuler haben protestiert.“

Der Kameramann aus Istanbul
Ich war in Istanbul, um Moscheeführer fortzubilden. Nach der Fortbildung fand ein Interview statt, das unter anderem in TRTint und Samanyolu Avrupa ausgestrahlt wurde. Der Kameramann war auch direkt in die Ausschreitungen verwickelt, vor allem vor dem Büro des Ministerpräsidenten in Istanbul-Dolmabahçe. Er sagte: „Derzeit gibt es nur zwei Plätze, an denen sich Menschen für Proteste versammeln.“

Der Rentner aus Konya
Ein aus Bremen stammender Rentner, der eigentlich mit dem Kemalismus sympathisiert, fühlt sich keiner bestimmten Partei zugehörig. Die Entwicklungen der vergangenen Jahre in Konya zwingen ihn jedoch dazu, sich positiv über den Ministerpräsidenten und die AKP zu äußern: „Der Tayyip hat schon sehr viel Gutes geschafft.“ Seine Tochter meint: „Früher waren all diese Häuser hier aus Lehm. Heute stehen hier schöne Ein- und Mehrfamilienhäuser. Ich kann meinen Augen nicht trauen. Auch der Linienverkehr hat sich enorm entwickelt.“

Der Lehrer aus Konya
Ein Grundschullehrer, der früher der AKP Regierung kritisch gegenüberstand, weil die Lehrergehälter gekürzt wurden, spricht heute nur noch in positiven Tönen. Er selbst gehört der Sülemancı Bewegung an (hier VIKZ). Sein Sohn, der als Verkäufer tätig ist, berichtet von dem Versuch von ca. 100 Personen, auch im Zentrum von Konya einen Aufstand zu starten, doch die kleine Menge habe sich, 20 Min. nach dem die Polizei angerückt sei, aufgelöst.

Der Möbelhändler aus Konya
Ein sehr erfolgreicher Geschäftsmann (48 Jahre alt), sagt auf meine Frage, wie er die Ausschreitungen in der Türkei bewertet: „Ich verstehe nicht, warum ich meine Stimme bisher immer für die MHP gegeben habe. Mein Umfeld hält mich immer noch für einen MHP-Anhänger, aber die Politik Erdoğans hat mich dermaßen überzeugt, dass ich die AKP gewählt habe.“ In der Stadt, aus der er stammt, befinde sich die drittgrößte Zuckerfabrik weltweit und sie würden einen nie gesehenen wirtschaftlichen Aufschwung erleben.

Der Sammelbusfahrer in Konya
Ich steige in eines dieser Sammelbusse (Dolmusch) ein, die zwar neun Sitzplätze haben, aber ca. 19 Fahrgäste mitnehmen. Der Preis beträgt normalerweise 1,5 Lira. In diesem Bus beträgt der Preis jedoch nur 1 Lira. Als einer der Fahrgäste nach dem Grund fragt, sagt der Fahrer: „1,5 Lira nur für die Sympathisanten von Tayyip“, woraufhin ein älterer Mann direkt hinter ihm entschieden sagt: „Kein Wort gegen unserer Ministerpräsidenten. Auch nicht gegen unseren Präsidenten Gül!“ Als aus der Menge zustimmende Reaktionen kommen, schwenkt der Fahrer ein und sagt: „Leute, machen wir bitte keine Politik hier“, als hätte er nur Spaß gemacht.

Der Rentner 1 aus Iskenderun
Der Rentner, der sich als Basketballtrainer für Kinder und Jugendliche engagiert, ist ein Kemalist. Von der AKP hält er nichts. In Iskenderun regiert traditionell zwar die CHP, aber auch von den bisherigen Regierungen in Iskenderun hält er nichts. Sie zeichneten sich durch Korruption und Unfähigkeit aus. Das Tayyip Erdoğan es geschafft habe, in jeder Provinz der Türkei einen Flughafen bauen zu lassen, rechnet er ihm aber positiv zu.

Sein Sohn, der politisch links eingestellt ist und eine Ausbildung zum Tourismuskaufmann macht, war mit seiner Schwester in Istanbul und hat an den Demonstrationen teilgenommen. Mir fällt auf, dass sich in Iskenderun vieles (Straßen, Häuser) im Verhältnis zu Städten, in denen die AKP regiert, seit 30 Jahren kaum verändert hat. Daraufhin meint er: „Klar, die AKP fördert ja auch nur Städte, in denen sie selbst regiert.“ „Wäre es dann nicht sinnvoll, auch in Iskenderun die AKP zu wählen“, sage ich leicht ironisch. Daraufhin meint er: „Lieber nehme ich all das in Kauf, statt Faschisten zu wählen.“

Der Rentner 2 aus Iskenderun
Er gehört zu den wenigen sunnitischen Türken, die in einem Stadtteil leben, wo arabische Alawiten die Mehrheit bilden. Neulich sei ein türkischer Alevit aus Deutschland in die Straße gezogen. Das erste, was er getan habe, sei gegen den Gebetsruf zu protestieren. Er störe ihn mehr als die Kirchenglocken in Deutschland. Der Rentner erzählt mir: „Was immer auch an Unheil über die Türkei kam, kam von Aleviten.“ Ich frage nach Beispielen und er berichtet, in der Türkei seien alevitische Häuser gekennzeichnet worden (wie zu Zeiten Mose der Pharao die Häuser der Israeliten markieren ließ), und es hätte sich herausgestellt, dass das eine Alevitin getan habe, um ein Aufenthalt ihrer Töchter in der Schweiz zu begründen.

Aleviten, Linke, Kurden, Türken, Muslime, Kemalisten, Nationalisten, CHP, MHP, AKP… Die Türkei ist vielfältig und widersprüchlich. Vor allem wurde ich in meinem Eindruck bestätigt, dass die Meinungsvielfalt in der Türkei viel größer ist als in Deutschland und die Menschen den Medien gegenüber viel kritischer sind als in Deutschland. Die Menschen dort scheinen mir auch nicht nur für Religion, sondern auch für Politik viel mehr übrig zu haben, als hierzulande.

Das hat sich auch daran gezeigt, dass der Militärputsch in Ägypten, der von der europäischen Politik und den Medien kaum als Putsch bezeichnet oder kritisiert wurde, in der Türkei an Platz eins kam. Mein Gesamteindruck aus den Gesprächen (ich habe hier nicht alle aufgeführt) zeigte mir jedoch auch, dass es den meisten Menschen vor allem um ihr wirtschaftliches Wohl geht.

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