IZ News Ticker

Ein Teil ist nicht das Ganze

Die ­muslimische Selbstorganisation muss neue Wege finden, um zukünftigen Aufgaben ­gewachsen zu sein

Werbung

Foto: Pixabay, CC0 Public Domain

(iz). Ein Nachdenken über die momentane Struktur der muslimischen Selbstorganisation in Deutschland sowie ihre existenziellen Herausforderungen setzt eine Entscheidung voraus. Die jetzigen Diskursverhältnisse lassen – außer Schweigen oder der vermeintlichen Objektivität des akademischen Diskurses – oft nur eine Variation zwischen den Polen der Parteiloyalität und des freien Kritikers zu.

Nun mag Kritik die notwendige Konsequenz eines ergebnisoffenen Denkens sein. Nur, der Kritiker ist – genauso wie das Objekt der Kritik – Teil einer Versuchsanordnung, der Muslime öffentlich unterworfen sind. Man könnte Kritik, wenn sie gelingt und ihren Adressaten erreicht, im Rahmen eines gemeinschaftlichen Kontextes als Akt einer Selbstreinigung begreifen. Sie kann aber, wie das häusliche Raustragen des Mülls, in sich noch keine abendfüllende Tätigkeit sein.

Was heißt das für eine differenzierte Beschäftigung mit der muslimischen Selbstorganisation in Deutschland? Zum einen heißt es, dass „Parteisoldat“ wie „Kritiker“ im Diskurs durchaus auch eine Rolle spielen, die ihnen vom Anderen zugewiesen werden. Zum anderen wird auf beiden Seiten das Bild einer Substanz erzeugt, deren Realität – angesichts ihres Anspruchs – hinterfragt werden kann. Schlussendlich dürfen wir nicht den Fehler machen, bestehende verbandliche Strukturen mit der Sache der islamischen Lebenspraxis selbst gleichzusetzen.

Kurzum, es geht mir nicht um ein Pro oder Contra der „Verbände“, nicht einmal um spezifische Strukturen, sondern um eine Standortbestimmung, die am Ende die muslimische Existenz in Deutschland als solche betrifft. Das Ergebnis einer Analyse kann auch sein, dass die Selbstorganisation der Muslime – im Guten wie im Schlechten – keinen nennenswerten Einfluss auf das muslimische Leben nimmt. Ein weiteres Kennzeichen des Gespräches über den Islam in Deutschland – außen wie innen – ist, dass es mehrheitlich nur „im Diskurs“ zu finden ist. Eine Rückkopplung an die Basis, ob als Gemeinschaft oder lokaler Verein, findet nur in einer Minderheit von Fällen statt. Egal, von welcher Warte diskutiert wird, besteht die Gefahr eines „Islam ohne Gemeinschaft“.

Genauso wichtig wie die Nachzeichnung heutiger und zukünftiger Trends ist es, eine grundlegende Standortbestimmung vorzunehmen. Es geht bei der muslimischen Selbstorganisation, soll sie nicht bloß Selbstzweck sein, schlussendlich (wenn die Absichten stimmen) um das Höchste: Allah, Seinen Gesandten, sowie die Manifestation von Allahs Din in lokalen Gemeinschaften. Wir dürfen nicht den Fehler machen, Mittel mit Zielen zu verwechseln. Wenn die jetzigen Strukturen zu einer funktionierenden Zivilgesellschaft beitragen, den Zeitumständen gerecht werden, dann haben sie eine Existenzberechtigung. Ihr bloßes Dasein aber, der Erhalt bürokratisch-politischer Strukturen sowie ein wahrnehmbarer ­Autismus sind noch keine Legitimation für den heute fragwürdigen Anspruch, Allahs Din zu repräsentieren.

Gegenwärtig bewegen sich die Diskutanten – gerade auch in Ermangelung funktionierender Kommunikationskanäle in der muslimischen Community als Ganzer – de facto in einem öffentlichen Diskursraum. In diesem gelten die allgemeinen Herrschafts- und Definitionsregeln. Es bleibt daher oftmals unklar, wer der Sprechende ist und wer angesprochen wird. Nicht selten dominiert eine indirekte Kommunikation, und gelegentlich wird mit Verve „über Bande“ gespielt.

Darüber hinaus haben sich, als Ergebnis des anhaltenden öffentlich-politischen Drucks auf die Community, unproduktive Diskursmuster entwickelt. In den letzten 16 Jahren wurde vor allem definiert, was man nicht ist beziehungsweise sein will, und nicht, was man sein oder tun will. Muslimische Strukturen, insbesondere ihre „Talking Heads“, artikulieren sich oft passiv-aggressiv. Das heißt, das Ergebnis ist ein Sprechen, das als Mischung aus Ressentiment gegenüber dem Anderen sowie aus dem zeitgleichen Wunsch nach „Anerkennung“ durch denselben erscheint. Und es stellt sich die Frage, warum nach dem 11. September Möglichkeiten ausgelassen wurden, eine nicht-hierarchische – vertikale wie horizontale – innermuslimische Kommunikation zu erleichtern.

Ein Teil kann niemals das Ganze sein. Selbstorganisation stellt nur eine Facette der muslimischen Existenz dar. Zumal die eigentliche Lebenspraxis nicht in Strukturen stattfindet, sondern in den real existierenden Moscheegemeinden. Für eine vitale muslimische Wirklichkeit braucht es weitere Elemente, die vernachlässigt werden. Dazu gehören: Stiftungen, essenzielle Dienstleistungen (wie Medien, juristische Vertretung sowie Lobbyarbeit), freie Lehre, bisher benachteiligte Segmente (wie Frauen, Jugendliche und Konvertiten) sowie die Tariqat (die traditionell das spirituelle Leben im Blick haben).

Und schließlich stellt sich nicht erst seit dem Urteil des OVG Münster die Frage, ob sich ein lebendiger Din im Rahmen des Vereinsrechts „organisieren“ lässt. Bisher bleibt der Nachweis aus, ob Strukturen und Metastrukturen geeignet sind, heutigen und zukünftigen Fragen gerecht zu werden. Phänomenologisch entstanden Erscheinungsweisen des Politischen, die in der Tradition keine Entsprechung haben. Zum einen haben wir den Funktionär, dessen Horizont und Handlungsspielraum sich aus der Struktur selbst ergibt. Zum anderen eine neue Form von politischen Wissenseliten (die kaum „Gelehrte“ genannt werden können), bei denen die Übergänge zwischen beiden Bereichen selten klar definiert sind. Beide stehen auf den Schultern der „Mitglieder“. Diese sind bereit, durch Beiträge und ein gewisses Ehrenamt aktiv zu sein, erwarten aber, dass ihnen Dienstleistungen von Strukturen geboten werden, die sie im Gegenzug vertreten dürfen. Zum gleichen Formenkreis gehört der „Dissident“, der sich, auch in Gestalt des Kritikers, in der Abgrenzung zum Bestehenden definiert.

Nicht nur bei relevanten Einzelfragen hat es in der Community nicht viele basisdemokratische Entscheidungsfindungen gegeben. Das gilt umso mehr für die Form selbst, welche die muslimische Existenz in Deutschland auf einer repräsentativen Ebene annimmt oder annehmen soll. Dabei drängt sich die Schlussfolgerung auf, dass die Diskussion um „für“ oder „gegen“ jetzige Organisationsformen längst überholt ist. Neue Formationen klopfen bereits an die Tür…

Es gibt Trends, welche die bestehende Landschaft gehörig durcheinanderbringen können. Ungeachtet dessen, dass sie bisher nur bedingt in der innermuslimischen Diskussion angesprochen wurden, ändert das nichts an ihrem Potenzial. Insgesamt droht allen durch das Entstehen neuer Offerten an die Jugend die Gefahr der Bedeutungslosigkeit. Daran wirken Faktoren mit wie die künstliche Lebensverlängerung ethnischer Weltanschauungen oder eine fortschreitende Abtrennung von den Belangen der Basis.

Seit Jahren entstehen Projekte und Angebote inklusive finanzieller Fördermittel, die aus dem institutionell-politischen Rahmen auf Muslime einwirken. Dazu gehört eine de facto stattfindende Bildung zukünftiger Eliten. Ihr Entstehen findet nicht mehr in den Strukturen der Community statt – ungeachtet dessen, wie man deren Wirken selbst bewertet. Sie ist auch die logische Folge der Eröffnung ökonomischer Potenziale.

Eine weitere Facette des drohenden Abgleitens in die Bedeutungslosigkeit war – im Kontext des Langzeitprojekts „Anerkennung“ – der Versuch der oberen Strukturebenen, relevante Aufgaben in Kooperation mit dem Staat auszulagern beziehungsweise zu verwirklichen. Im Bereich des Religionsunterrichts, der Lehrerausbildung sowie der „Islamischen Theologie“ ist das bereits stellenweise geschehen. Schon länger wird an der Schaffung eines muslimischen „Wohlfahrtsverbands“ gearbeitet und manche Stimmen fordern eine – im Tandem mit dem Staat – Zentralisierung der Zakat. Was natürlich dazu führt, dass die Abhängigkeit vom „Staat“, der in der Moderne eine unreflektierte Größe im muslimischen Denken ist, für den Erhalt der eigenen Existenz relevant wird.

Nach außen deutet sich eine mögliche Bedeutungslosigkeit darin an, dass sich – vor allem jetzige und kommende Generationen – für andere Zugehörigkeiten entscheiden können. Darunter fällt auch, dass im jetzigen Klima solche Aussichten auch individuell attraktiver werden als die öffentlich unter Druck geratenen Strukturen. Sollte sich dieser Trend manifestieren, stellt das den Anspruch auf die repräsentative Kompetenz nach außen in Frage.

Zu diesem Kontext gehört der Aspekt der Lehrautorität, der von den Richtern am OVG Münster moniert und als ein Argument ihres Urteils benutzt wurde. Hierzu sagte der österreichische Jurist Rijad Dautovic, der die Lage in Deutschland verfolgt: „Das Problem ist immer, dass die Vereine Mitglieder des Dachverbandes sind, aber nicht die Mitglieder der Vereine selbst. Wenn dann der Dachverband den Körperschaftsstatus anstreben sollte (um rechtliche Gleichstellung mit Kirchen zu erreichen, verbunden mit einer Vielzahl von Privilegien) und behauptet, eine Religionsgemeinschaft zu sein, wird ihm die Frage nach seinen Mitgliedern (natürliche Personen, keine Vereine) gestellt werden, und in welcher Weise er für diese eine Religionsgemeinschaft darstellt, wie sich der gemeinsame religiöse Zusammenhang zwischen Dachverband und Menschen ausdrückt. (…) Zudem wird nur auf einer Ethnie aufgebauten Dachverbänden regelmäßig vorgehalten werden, dass sie keine Religionsgemeinschaft, sondern eine ethnisch-nationale Organisation sind.“

Letzterer Aspekt, der Fortbestand beinahe schon „völkischer“ Selbstverständnisse, ist in Teilen der Strukturen sowie in der breiteren Community nicht leiser, sondern lauter geworden. Eine beinahe schon paradoxe Entwicklung, da immer mehr Muslime hier geboren und aufgewachsen sind. Das zeigt sich unter anderem an der expliziten oder impliziten Anbindung von Strukturen ans Ausland. Dominant ist hierbei das deutschtürkische Verhältnis. Das manifestiert sich unter anderem im Eindruck, die eigentlichen Adressaten einer ethno-zentrierten Repräsentanz befänden sich nicht hier, sondern woanders. Es ist eine berechtigte Frage, inwieweit das fortgesetzte ethnische Selbstverständnis nicht Reflexe unter Muslimen fördert, die man ansonsten von der identitären Bewegung kennt.

Zu fragen wäre, ob sich übergeordnete vereins-politische Strukturen nicht im Prozess einer Abkopplung von den Basisgemeinden und deren Interessen befin­den. Eine der häufigeren Begründungen für die Beibehaltung des Staus Quo ist im Gespräch der seit beinahe zwei Jahrzehnten geäußerte Satz: „Unsere Leute sind noch nicht so weit.“ Abgesehen davon, dass seine Beweiskraft für den Beo­bachter schwer zu überprüfen ist, sagt er einiges über das repräsentative Denken aus. Ungeklärt bleibt, warum das der Fall sein soll. Ist diese, vermeintliche, Stag­nation auf Basisebene nicht im Umkehrschluss das Argument der „Zentralen“ zur Fortsetzung des eingeschlagenen Kurses? Und gerade bei den Dachverbänden oder gar Meta-Dachverbänden ist die Option der Gemeinden, ihre realen Inte­ressen durchzusetzen, oft nur formaler Natur. Das gilt umso mehr für Entscheidungen auf Bundesebene, wenn sie poten­ziell negative Wirkungen vor Ort haben, wie sich in den Konsequenzen der Verschlechterung des deutschtürkischen Verhältnisses gezeigt hat.

Ein Aspekt dieser Abkopplung ist der Gesamtwetterlage geschuldet. Mittlerweile dominiert in der öffentlich-poli­tischen Sphäre, soweit organisierte Muslime betroffen sind, immer weniger der bisherige Anspruch, eine bestimmte Menge zu vertreten. Zunehmend hat das „symbolische Kapital“ diese Rolle ein­genommen. Wenige oder gar einzelne können heute mehr Hebelwirkung im öffentlichen Gespräch beziehungsweise der Interaktion mit Staat, Politik und Medien ausüben, als Strukturen mit Zehntausenden, nominellen Mitgliedern es momentan können.

Vom Philosophen Nietzsche stammt der Satz: „Was fällt, das soll man auch noch stoßen.“ Es ist ein Leichtes, sich in die Sicherheit heiterer Gelassenheit zurückzuziehen und zu hoffen, dass etwas Neues entstünde. Nur, wir können nicht mit unserem Schicksal spekulieren und müssen den Anforderungen des Moments gerecht werden. Ansonsten könnten wir wie die „Schlafwandler“ (Clarke) in einer Lage enden, die noch weniger behagt als das Bestehende.

The following two tabs change content below.

Folgt uns für News auf:
https://www.facebook.com/islamischezeitungde

und:
https://twitter.com/izmedien

Noch kein IZ-Abo? Dann aber schnell!

Lade...

Wenn Sie diese Seite weiter benutzen, akzeptieren Sie die Verwendung von Cookies. mehr Informationen

Wir verwenden Cookies, um Inhalte und Anzeigen zu personalisieren, Funktionen für soziale Medien anbieten zu können und die Zugriffe auf unsere Website zu analysieren. Außerdem geben wir Informationen zu Ihrer Verwendung unserer Website an unsere Partner für soziale Medien, Werbung und Analysen weiter. Unsere Partner führen diese Informationen möglicherweise mit weiteren Daten zusammen, die Sie ihnen bereitgestellt haben oder die sie im Rahmen Ihrer Nutzung der Dienste gesammelt haben. Sie stimmen der Verwendung von Cookies zu, wenn Sie "Akzeptieren" klicken.

Schließen