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Ein- und Ausblicke aus 60 Jahren Deutscher Muslim-Liga. Sulaiman Wilms und Massouda Khan würdigen die Leistungen einer traditionsreichen Institution

„Eine besondere Verantwortung“

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Entgegen landläufiger Mythen fand der Islam in Deutschland seinen Beginn nicht mit der Migration von „Gastarbeitern“. Die traditionsreiche Deutsche Muslim-Liga begreift ihr Vorsitzender dabei als eine „kleine Ideenfabrik“.

(iz). Am 8. Februar feierte die Deutsche Muslim Liga e.V. (DML) ihr 60-jähriges Bestehen in Hamburg. Als älteste bestehende muslimische Einrichtung in Deutschland kann der Verein als Beweis dafür gelten, dass der Islam schon länger zu Deutschland gehört, als es Integrationsdebatten vermuten lassen. Lange war sie wegweisend bei der Selbstorganisation der hiesigen Community und spielte eine wichtige Rolle für die Entwicklung einer einheimischen muslimischen Identität sowie die Gemeinschaftlichkeit neuer Muslime. Der Verein ist unter anderem auch dem Lebenswerk von „Veteranen“ wie Fatima Grimm oder Mohammed Aman Hobohm verpflichtet. Wenige Tage vor der Feierstunde sprach die IZ-Redaktion mit dem aktuellen Vorsitzenden, Mohammed Belal El-Mogaddedi (Volltext auf IZ-online).

Obwohl die Anfänge des Vereins ins Jahr 1949 zurückreichen, wurde er 1954 als religiöse Vereinigung ins Hamburger Vereinsregister eingetragen. Sich selbst versteht die Deutsche Muslim-Liga laut ihrer Selbstdarstellung „als Interessenvertretung deutscher Muslime“. Der Verein bietet „den deutschstämmigen und deutschsprachigen Muslimen eine Plattform“. Nach einem Text des langjährigen DML-Mitglieds Abdullah Borek aus dem Jahre 2004 sei das wichtig für die Entwicklung eines „eigenständigen Gesichts“ für die deutschen (und europäischen) Muslime. Denn, im Gegensatz zur landläufigen Meinung, seien die Muslime „nicht erst (…) in den sechziger Jahren“ nach Deutschland gekommen.

„Nach dem zweiten Weltkrieg“, erinnerte sich Borek, „fanden immer mehr Deutsche den Weg zum Islam und zunehmend kristallisierte sich um das Jahr 1948 herum der Wunsch heraus, eine Organisation zu haben, die Sachwalterin der Muslime deutscher Staatsangehörigkeit sein könnte und somit nützlich und hilfreich bei der Entwicklung eines kulturell eigenständig geprägten Islam in Deutschland sein würde“. Von Anfang an habe mann immer großen Wert darauf gelegt, „ein Gemeinschaftsgefühl unter den Mitgliedern zu entwickeln, „die damals zumeist in Hamburg lebten. Man kümmerte sich umeinander, es gab ein gemeinsames Leben, gemeinsame Feiern, Übertritte und auch immer wieder Versuche, Dinge auf den Weg zu bringen“.

Der amtierende DML-Vorsitzende El-Mogaddedi bekräftigt diesen Aspekt im Gespräch mit der IZ ebenfalls und erinnert gleichzeitig an den Beitrag seines Vereines zur Schaffung einer einheimischen muslimischen Identität: „Jubiläen sind ja nicht Jedermanns Sache, aber 60 Jahre DML zu feiern, das ist dann doch schon ein ganz besonderer Anlass. Unsere 60-Jahr-Feier steht unter dem Motto ‘Der Islam gehört zu Deutschland’. (…) Mit der Gründung der DML wurde ein ganz bewusstes Zeichen in die deutsche Gesellschaft hineingesetzt: Schaut her wir sind Muslime und Deutsche, und das ist kein Widerspruch.“

Der Zusammenschluss deutscher Muslime (trotz seiner Größe laut El-Mogaddedi ein „Wegbereiter für die Organisation muslimischen Lebens in Deutschland“) war seit Beginn auch an den Bemühungen um einen rechtlichen Status beteiligt. Und er hatte als Einrichtung eine nicht zu unterschätzende Wirkung auf die Entwicklung der muslimischen Community in Deutschland. „Die Gründer der DML haben schon früh erkannt, dass man nur in einer Gemeinschaft etwas erreichen kann“, berichtet Mohammed Belal El-Mogaddedi. Der Verein versuche jenseits aller „ethnischen, konfessionellen und interpretatorischen Unterschiede, die die in Deutschland lebende muslimische Gemeinschaft auszeichnet“, immer auf die Gemeinsamkeit muslimischen Handelns hinzuweisen. El-Mogaddedi will nicht zu hoch greifen, aber er versteht seinen Verein „auch als eine kleine Ideenfabrik innerhalb der muslimischen Gemeinschaft Deutschlands“.

Über einen langen Zeitraum hinweg werden in Deutschlands Islamdebatten eigentliche Aspekte der religiösen Lebensweise mit sachfremden Fragen oder, häufiger, Problemen vermengt, die sich aus Zuwanderung und kulturellen beziehungsweise sozioökonomischen Problemen ergeben. Das erschwert nach Ansicht vieler Muslime ein authentisches Verständnis ihres spirituellen Alltags. Obwohl sich in der Deutschen Muslim-Liga Menschen unterschiedlichster Herkunft finden lassen, verbindet sie ihre Religion „als tragende Brücke“. Das ist ein wichtiger Aspekt, denn in Medien und Öffentlichkeit werden Muslime (positiv wie negativ) allzu oft vor allem als Fremde wahrgenommen.

In dieser Hinsicht ist die Gründungsgeschichte des Geburtstagskindes einen genaueren Blick wert – gerade auch für eine zukünftige Formation der muslimischen Gemeinschaft. „Unser Verein wurde von deutschen Muslimen gegründet“, erläutert El-Mogaddedi, „Ethno-Deutschen, wenn man das einmal so bezeichnen will, also eindeutig keine Migranten“. Wie wichtig sich das für heutige Debatten erweist, zeigt „eine leidige Diskussion, die von Ewiggestrigen befördert wird“, ob denn der Islam beziehungsweise Muslime ein Teil Deutschlands seien. Die Geschichte der DML macht deutlich, dass die muslimische Community Deutschlands dies nach dem Krieg in ihrem Gründungsakt längst vorwegnahm.

El-Mogaddedi hat klare Vorstellungen zur teils lähmenden Islamdebatte: „Muslime leben in bunter Vielfalt in Deutschland. Muslime sind Teil der Geschichte, der Gegenwart und Zukunft Deutschlands. Punkt. Diese Selbstverständlichkeit und dieses Denken versuchen die Mitglieder der DML in die Öffentlichkeit zu transportieren. Sie tun dies unter anderem, indem sie in einer vollkommenen Normalität ihre Religion leben und sich der Dialogarbeit widmen.“

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Massouda Khan

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