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Ein vergessenes Volk: Einführung in Kambodscha und seine Muslime. Von Azizah Seise, Berlin

Neues Leben auf den „Killing fields”

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(iz). Kambodscha, das südostasiatische Land zwischen Thailand und Vietnam, ist vor allem durch seine gewaltige Tempelanlage Angkor in der Nähe von Siem Reape bekannt. Auch wehende orangefarbene Mönchsroben, „Geisterhäuser” und weiße Strände sind ein Symbol für dieses durch eines der inhumansten kommunistischen Regierungssysteme unter Pol Pot (1975 – 1979) und dem folgenden 20-jährigen Bürgerkrieg noch immer belastete Land.

Kambodscha scheint auf den ersten Blick keinen Platz für den Islam zu bieten; eine Religion, die von der Mehrheitsreligion des Theravada-Buddhismus grundverschieden ist. Doch dieser Blick täuscht. Neue Moscheen, Frauen mit Kopftuch und der regelmäßige, sanfte Klang des Gebetsrufes, der über den Fluss Tonle Sap in der Hauptstadt Phnom Penh zu den Touristen auf der Flaniermeile hinüber schwingt, verweisen auf islamische Werte. Die Anzahl der kambodschanischen Muslime (Cham) wird offiziell mit zwei Prozent der Bevölkerung (von insgesamt ca. 15 Millionen) beziffert. Doch inoffizielle Angaben gehen von bis zu zehn Prozent aus.

Die Anwesenheit der Muslime reicht weit zurück in die Vergangenheit – noch viele Jahre vor die grausamen Taten des Regimes von Pol Pot. Dieses kostete vielen Muslimen in Kambodscha aufgrund ihrer religiösen Standfestigkeit das Leben.

Der Großteil stammt vom ehemaligen Königreich Champa (seit dem 7. Jahrhundert n. Chr.) ab. Es lag im heutigen Vietnam. Sie werden daher auch als Cham bezeichnet. Aufgrund historisch-politischer Umstände waren sie gezwungen, ihr Heimatland in vier großen Auswanderungswellen zu verlassen. Die königliche Familie und mehr als 5.000 Menschen baten 1692 um Asyl im Nachbarkönigreich; beim Khmer-König Preah Chez Choetta (Jayajettha III, 1677-1709).

Als Zeichen seiner Gastfreundschaft und Verbundenheit gegenüber den Cham schenkte er ihnen in der damaligen Hauptstadt Oudong Land, wo sie sich seit Ende des 17. Jahrhunderts niederlassen durften. Dieses Land wird noch heute von den Cham bewohnt, und eine kleine Moschee steht auf einem der Nachbarhügel neben buddhistischen Tempelanlagen (Pagoden) der Khmer.

Heute wohnen die Cham über ganz Kambodscha verteilt, jedoch hauptsächlich an Flüssen, da sie oft als Fischer leben. Bis auf eine kleine Gruppe, die noch immer an den synkretistischen Überlieferungen des Islams ihrer Vorfahren festhält, die unter anderem nicht das fünfmalige Gebet am Tag vorsehen sondern aufgrund eines angeblichen Dauerzustands in Meditation nur das Freitagsgebet befolgen, sind die meisten mittlerweile zu den Grundsäulen des Islams zurückgekehrt.

Nach dem fast 30-jährigen Bürgerkrieg und der Öffnung des Landes hin zum Rest der Welt ab Anfang der 1990er Jahre ist viel Hilfe aus der islamischen Welt gekommen. Der Bau von Moscheen, Ausbildung von Imamen, Stipendien für die junge Generation zum Studium in arabischen Ländern, Bau von Brunnen oder Spenden zum alljährlichen Opferfest sind nur einige Maßnahmen zur Unterstützung der Cham. Und diese Hilfe ist auch dringend notwendig, denn der Großteil der Muslime in Kambodscha lebt in großer Armut.

Auch ehemalige Flüchtlinge, die während des Pol Pot – Regimes vor allem in die USA emigrierten, sind nach Kambodscha heimgekehrt, um ihren muslimischen Brüdern und Schwestern zu helfen. Einer von ihnen ist Ahmad Yahya, ein engagierter Mann mittleren Alters, der nicht nur finanzielle Unterstützung und Bildung vermittelt, sondern auch die muslimische Radiostation „Sap Cham” gründete.

Die Cham gelten offiziell als integrativer Bestandteil der kambodschanischen Bevölkerung, und obwohl sich Khmer- und Chamdörfer in der Regel nicht vermischen, besteht doch gegenseitige Toleranz. Wenn man nach einer Moschee fragt, erntet man zwar häufig nur verständnislose Blicke, fragt man jedoch nach „Pagoda Islam” oder „Pagoda Cham”, hellen sich die Blicke auf und der Befragte weiß zumindest, von was der andere redet, auch wenn er möglicherweise den Weg nicht beschreiben kann.

Es wird allgemein verstanden, dass die Cham kein Schweinefleisch essen. Heiraten zwischen ihnen und Khmer sind eher selten. Manche Muslime, wie Ahmad Yahya, haben Regierungsämter inne; eine Tradition, die auch geschichtlich nachvollzogen werden kann. Solange der politischen Linie treu geblieben wird, gibt es keine Probleme. Im Gegenteil; vor einigen Monaten wurde durch die Initiative von Ahmad Yahya ein Gebetsraum für Muslime auf dem internationalen Flughafen Phnom Penh eingerichtet. Baugenehmigungen für Moscheen scheinen kein Hindernis zu sein, wenn man die stetig wachsende Anzahl neuer Moscheen beobachtet.

Mit der Hilfe aus muslimischen Ländern wurde nicht nur der Cham-Islam gereinigt, sondern es sind auch verschiedene islamische Organisationen zu den Cham gelangt. Handelsbeziehungen mit und Unterstützung aus Malaysia bringen, was oft als „gemäßigter Islam” bezeichnet wird. Terrorgefahr geht nach Angaben verschiedener Quellen von den Cham nicht aus.

Generell wird der muslimische Reisende die angenehme Gastfreundschaft und Freundlichkeit der Cham zu schätzen wissen. Obwohl die Verständigung häufig ein Problem darstellt, so sind doch das regelmäßige Gebet, Begrüßungsformeln und die islamischen Essensgewohnheiten sowie islamische Begriffe wie in allen islamischen Gemeinschaften eine verbindende Kraft. Die steigende Anzahl von Studenten ermöglicht immer öfter die Konversation in Englisch oder Arabisch. Auch die Sprachverwandtschaft des Cham mit dem Malaysischen überbrückt zumindest teilweise Verständigungsschwierigkeiten.

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