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Ein Zwischenruf von Wolf D. Ahmed Aries

Die Langeweile des Dialogs

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(iz). Am Ende eines Abends sahen ein älterer Kollege und ich uns an und stellten fest, daß es das Übliche gewesen war. Seit vierzig Jahren werden im Dialog die gleichen Fragen gestellt, die identischen Antworten gegeben, sind die selben Unterstellungen zu hören und werden die gleichen Verallgemeinerungen mit der identischen Emotionalität geschildert.

Der einzige Unterschied ist, dass der Professor für Soziologie auf einem anderen sprachlichen Niveau fragt als die Ratsherrin, deren Worte sich stets auch an das eigene Klientel richtet. Um dieses Einerlei zu durchbrechen, richtete der ZMD (Zentralrat der Muslime in Deutschland) vor vielen Jahren mit großem Engagement eine Seite ein, auf der die am häufigsten gestellten Fragen (FAQ) gesammelt wurden, ohne dass sich die Lage änderte.

Als sich Muslime dessen bewusst ­wurden, hieß es, man müsse eben die „Vorurteile“ in der Mehrheitsgesellschaft aufarbeiten. Nun, der Gedanke hätte seinen Charme, wenn es nicht die ­umfangreiche Vorurteilsforschung gäbe. In den Jahrzehnten nach 1945 wurde intensiv nach der Entstehung, dem Aufbau, der Konstanz und der Aufklärung über Vorurteile gearbeitet.

Die schulische Pädagogik und die ­Erwachsenenbildung wurden davon ­beeinflusst. Allein das Phänomen verschwand nicht, sondern verkleinerte sich, wie die neueren Erhebungen und Umfragen der entsprechenden Institute leider zeigten.

Es mag an der Stabilität von Vorurteilen geprägten Perspektiven liegen, dass die Erfolge der muslimischen Minderheit verschattet sind. Es war wohl das Zentrum für Türkeistudiem in ­Essen, das als erstes Institut auf die wirtschaftliche Bedeutung türkischstämmiger Unternehmer hinwies. Dem ließen sich problemlos die Erfolge der Selbstorganisation der Moschee-Vereine, der Verbände usw. hinzufügen.

Das alles ging ohne steuerliche oder staatliche Hilfen vor sich. Vor Ort in den Kommunen halfen engagierte Bür­gerinnen und Bürger. Wer in Diskussionen wie bei der eingangs geschilderten darauf hinweist, der geht mit seinem Redebeitrag unter.

Schließlich verdrängt die befürchtete Wertminderung des Eigenheimes ­jeden anderen Aspekt. Der geplante ­Moscheebau muss schließlich verhindert werden beziehungsweise der „Sündenbock“ muss als Projektionsfläche der eigenen politischen oder sozialen Unzu­friedenheit erhalten bleiben.

Die einzige Abwechslung im jahrelangen Gleichklang waren Untersuchungen jüdischer Wissenschaftler wie etwa des Duisburger Salomon Ludwig Steinheim-Institutes zum Vergleich der Einberufung des Großen Sanhedrins durch Napeleon I. und der Deutschen Islamkonferenz. Und Heiner Bielefeldt wies schon vor Jahren auf die Ähnlichkeit des „Culturkampfes“ mit dem ­gegenwärtigen Diskurs hin. Solche ­Resultate beleben nicht einmal die ­sozialwissenschaftlichen Gespräche.

Die Folge dieses anhaltenden Zustandes ist einerseits Langeweile und ­andererseits der Verschleiß der Älteren beziehungsweise der Rückzug der enga­gier­­ten Jungen, denen das Studium, die Ausbildung, der Beruf wichtiger waren als diese Wiederholungen. Sie berühren die Orthopraxie der Gläubigen sowieso nicht. Die Schönheit der Rezitation wird weder im täglichen Gebet noch im Fasten gestört. So ist von vielen Muslimen zu hören, dass „die“ doch reden sollen. Der muslimische Soldat in der ­Bundeswehr und der muslimische Polizist tun weiterhin ihren Dienst. Die Pluralität unserer Gesellschaft geht ihren Gang. Für den Inte­ressierten mag der Hinwies auf die Stoa interessant sein.

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