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Eine ­Frage des ­Charakters

Europas Muslime müssen sich der Pflicht einer positiven Einladung zum Islam bewusst werden, meint Abdussamad Benedetti

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Foto: Archiv

(iz). Seit den 1970er Jahren hat sich die Demographie Europas drastisch verändert. Als ich 1972 Muslim wurde, gab es in der deutschen Schweiz relativ wenig Muslime. Heute haben wir einen bedeutenden Bevölkerungsanteil an Muslimen in allen wichtigeren Städten der Schweiz, und sie stammen aus nahezu allen Ländern der Welt. Jedoch hat die Mehrheit der Nichtmuslime im besten Fall ein sehr minimales Wissen vom Din des Islam. Und das Wenige, das sie ­wissen, haben sie hauptsächlich aus ­Medien, die zum Teil sehr schlecht informieren. Die meisten Nichtmuslime haben keine Ahnung von dem, was wir glauben, wie wir leben und vom Segen des Muslimseins.

Wir können den Medien – mit ihrer sensationshungrigen, und nicht immer großmütigen Art – nicht die Schuld geben. Diese Aufgabe, andere über den Islam zu informieren und dazu einzuladen, ist eine, die nur wir erfüllen können.

Allah hat die Da’wa zu einer gemeinschaftlichen Verpflichtung (Fard Kifaja) für die Muslime gemacht. Fard Kifaja heißt, dass sie obligatorisch für die Gemeinschaft ist, aber nicht für jeden Einzelnen. Das ist die Regel in allen Rechtsschulen. Da’wa heißt wortwörtlich „Einladung“ oder „Aufruf“. Es gibt mehrere Quellen dazu, eine davon befindet sich in der Sure Al ‘Imran, Vers 104: „Und es soll unter euch eine Gemeinschaft sein, die zum Guten aufruft, das Rechte gebietet und das Verwerfliche verbietet. Sie sind die Erfolgreichen.“

Laut Imam As-Sujuti und anderen bedeutet „zum Guten aufrufen“, zum Islam einzuladen. Mein Schaikh hat uns gelehrt, dass der „Status der Minderheit“ in keiner der vier Rechtsschulen anerkannt ist. Folglich ist es nicht akzeptabel, dass die ganze muslimische Gemeinschaft ein abgeschottetes Leben führt, sondern zusätzlich zur Verrichtung des Gebetes und der Zahlung der Zakat, auch von uns erwartet wird, die Menschen um uns herum zum Din einzuladen, wo immer dies möglich ist. Die Frage ist nur: Wie?

Alles beginnt mit der zweifachen Schahada: „La ilaha il Allah, Muhammadan Rasullullah (Es gibt keinen Gott, außer Allah. Muhammad ist der Gesandte Allahs).“ Wir erkennen darin, dass der Gesandte Allahs ein Prophet der Gnade ist, den Allah zur Menschheit entsandte.

Er ist es, dem Allah das größte Wissen und die besten Eigenschaften gab, die einem Menschen innewohnen können. Sein Verhalten ist die Grundlage unseres Tuns. Es ist für uns notwendig, den Gesandten zu lieben, weil er die höchste Form des Guten verkörpert. Dies ist ersichtlich durch seinen beispielhaften Adab. In unserem Leben werden wir ermutigt, diese Perfektion des Charakters anzustreben, indem wir nach unseren besten Fähigkeiten sein Verhaltensmuster – seine Sunna – anwenden. Es ist sein Adab, welcher der Schlüssel zu unserer Da’wa ist.

Die zweite Bedingung, um auf kluge Art zum Din einzuladen, ist, die Lage der Nichtmuslime um uns herum zu verstehen, mit denen wir in Verbindung stehen, sei es am Arbeitsplatz, in der Schule, oder als Nachbarn. Gegenwärtig sind wir Zeugen vieler sozialer Phänomene in unserer heutigen Gesellschaft. Als Muslime wissen wir, dass solche Erscheinungen nicht neu sind. Unserer ‘Aqida zufolge sind sie das Ergebnis eines Mangels am Festhalten an die Gebote Allahs und Seiner Propheten. Dies war bezeichnend für den Zerfall früherer Zivilisationen. Wenn man die Folge der gegenwärtigen Ereignisse analysiert, stellt man fest, dass antisoziales Verhalten auf zwei Überzeugungen zurückzuführen ist – auf ein Überlegenheitsgefühl des Einzelnen gegenüber anderen und auf den Unglauben an die Konsequenzen unserer Taten im Jenseits.

Damit ist die Verantwortung gegenüber Allah, dem Allmächtigen, gemeint, denn Er ist Zeuge unserer Handlungen. Klar wissen wir, dass es den Tag des Jüngsten Gerichts (Jaum Al-Qijama) geben wird, der uns alle erwartet. Aber der Gedanke, dass die Handlungen eines Menschen sein innerliches, spirituelles Wesen dauerhaft prägen, wird oft abgelehnt. Die Folge ist, dass es weder eine innere Stimme gibt, die „Halt!“ oder „Stopp!“ ruft, bevor einem falsche Handlungen unterlaufen, noch Reue danach folgt. Dieses Verhaltensmuster wurde oft in Fällen von Tätlichkeiten bei Jugendlichen festgestellt.

Diese zwei Dinge wurzeln tief im Versagen, Kindern in frühen Jahren Adab beizubringen. In den Mittelklassen unserer heutigen Konsumgesellschaft bringt dieses Versagen oft Charakterzüge hervor, die von gefühlloser Eigennützigkeit oder Selbstverherrlichung geprägt sind. Am schlimmsten aber ist der oft unterdrückte Hass auf die ältere Generation, die in Bezug auf das Benehmen keine klaren Grenzen gesetzt hat.

Hier ist es, wo Islam Erkenntnis wie auch Heilung für unsere Gesellschaft bringt. Konzentrieren wir uns auf den Gesandten Allahs, mit seiner souveränen, gottgegebenen Kenntnis aller Belange der Menschen, ihrer spirituellen Verfassung und ihrem Befinden. Er wurde uns von Allah gesandt, als Gnade für die Menschheit, um uns aus der Dunkelheit und Unwissenheit herauszubringen – hinein in die Erkenntnis und ins Licht.

Im Edlen Qur’an hat uns Allah die Grenzen in grundlegenden Belangen gegeben, die – wenn sie befolgt werden – das Fundament für eine gesunde, gerechte Gesellschaft bilden. In einem bekannten Hadith sagte der Prophet Muhammad: „Ich wurde gesandt, um guten Charakter zu perfektionieren.“

In der Sure Al-Qalam, Vers 4, sagt Allah über Seinen Gesandten: „Und du bist wahrlich von großartiger Wesensart.“

Und in Sure Al ‘Imran, Vers 31, wurde dem Propheten befohlen, den Gläubigern mitzuteilen: „Sprich: ‘Wenn ihr Allah liebt, dann folgt mir. So liebt euch Allah und vergibt euch eure Sünden. Allah ist Allvergebend und Barmherzig.’“

Das bedeutet, dass wir darauf angewiesen sind, ihm und seiner Sunna zu folgen. Denn seine Art, die Dinge zu tun, basiert auf einer vorherbestimmten Kenntnis, die ihm von Allah gegeben wurde.

Die zunehmenden sozialen Probleme unserer Gesellschaft sind eine gute Gelegenheit für Da’wa, um auf Basis dieser Erkenntnis, die in der Sunna enthalten ist, über Islam zu sprechen.

Ein wichtiges Thema wäre dabei die Erziehung. Wer gebildete Muslime persönlich kennt, wird ihre Zuvorkommenheit, Aufrichtigkeit, Rechtschaffenheit, Vertrauenswürdigkeit und Hilfsbereitschaft bezeugen. Die Strategie ist im Grunde einfach: Wir brauchen einen Austausch auf Gemeindeebene wie auch auf persönlicher Ebene. Wir müssen Erkenntnisse und Wissen anbieten, mit dem Ziel zu helfen. Dadurch werden wir Muslime als aufgeschlossene, tatkräftige Mitglieder der Gesellschaft angesehen, die etwas Wichtiges beizutragen haben.

Zum Schluss möchte ich gerne von einem Ereignis berichten, das mich tief beeindruckte. In der Moschee von Granada begegnete ich eines Morgens beim Frühgebet einem Mann aus den USA. Wir fingen an, über die zunehmend schwierige wirtschaftliche Lage in den USA zu reden. Er erzählte mir, dass die Mehrheit der Suppenküchen durch das ganze Land hindurch von Muslimen betrieben würde. Für mich stellt dieses Ausmaß an Bemühung den echten Sinn vom Sadaqa dar, für die der Din des Islam vor nicht allzu langer Zeit bekannt war.

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