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Eine Antwort auf den Terror finden

Der Beitrag: Was wir benötigen, ist Zusammenarbeit gegen den islamisch verbrämten Terrorismus

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Foto: Freepik.com

„Als Muslim, Islamwissenschaftler und verbandsunabhängiger muslimischer Akteur verweigere ich mich der gesellschaftlichen Erwartungshaltung, muslimische Gewalttäter in die Nähe meiner Religion und damit auch in meine Nähe zu rücken.“

(iz). Der abscheuliche islamisch verbrämte Terror hat sich durch die barbarischen Gewaltakte in der Nähe von Paris und Nizza wieder in unser Bewusstsein gedrängt. Wir alle sind es leid, solche Nachrichten zu hören. Was kann man nun auf solche Gräueltaten hin sagen oder schreiben? Wie soll das unbeschreiblich Schreckliche in beschreibende Worte gekleidet werden?

Dann aber wird einem bewusst, dass man genau weiß, was man sagen oder schreiben kann. Es ist bereits zu oft zu hören und zu oft zu lesen gewesen. Seit gut zehn Jahren vernehmen wir von den verschiedensten Seiten die gleichen Sätze. Politiker drücken ihre Bestürzung und ihr Mitgefühl aus. Muslimische Vertreter und Verbände distanzieren sich. Muslimische und nichtmuslimische Verbandskritiker wiederum unterstellen den Verbänden, sich nicht genügend zu distanzieren oder zu tun.

Die Verbände wiederum weisen darauf hin, dass die Extremisten nicht aus den Moscheen kommen und somit auch ihrer Handlungsreichweite Grenzen gesetzt sind. Währenddessen verbreiten rechtsradikale Stimmen freudig ihre seit langen in den Startlöchern stehenden Hassbotschaften gegen Muslime und rufen zur Wehrhaftigkeit gegen den Islam auf. Jeder hat sein Drehbuch. Jeder wartet auf seinen Auftritt. Ändern tut sich nichts. Gleich einem Theaterstück wird auf die nächste Vorstellung gewartet. Jeder kennt seinen Einsatz.

Die Genese des islamisch verbrämten Terrors wurde, auch von diesem Autor, bereits ausführlich abgehandelt. Gleiches gilt für mögliche Handlungsmaßnahmen gegen diese Form von Extremismus. Sicherlich könnte man auch jetzt über die spezifischen Probleme des französischen Staates schreiben, die gerade das Nachbarland für diesen Terrorismus so anfällig machen: die nicht aufgearbeitete Kolonialgeschichte, der Assimilationsdruck der französischen Gesellschaft und die damit verbundene Muslimfeindlichkeit, das Fehlen einer akademischen islamischen Theologie aufgrund des Laizismus oder die sozialen Probleme und ökonomischen Versäumnisse der Grande Nation, die zu einer Ghettoisierung der Vororte geführt haben.

Im gleichen Atemzug müsste auch über die Defizite der muslimischen Community in Frankreich gesprochen werden: das Etablieren von Inseln des Versagens, indem man die sozialen Strukturen der alten Heimat kopierte, das mangelnde Verständnis von Meinungsfreiheit in der westlichen Hemisphäre, die gerade gegen die Unterdrückung durch und den Widerstand gegen die Kirche erkämpft werden musste, aber auch die fehlende Intellektualität zwischen Karikaturen und dem Propheten Muhammad zu differenzieren oder auf gefühlten Provokationen geistreich zu antworten.

Man könnte auch darauf hinweisen, dass Deutschland in seiner Integrations- und Religionspolitik Vieles besser gemacht hat als der Nachbar Frankreich, weshalb wir hierzulande keine permanente Ausgrenzung von Bürgern muslimischen Glaubens haben, die reaktionäre Gewalt befördert. Aber zahlreiche andere Autoren tun dies bereits und auch dies geschieht nach Drehbuch. Ändern tut sich nichts – außer für die Angehörigen und Familien der Opfer. Für sie wird es nie wieder so sein, wie es einmal war.

Rechte, linke und religiös motivierte Terroranschläge nehmen in Europa zu, sie dürfen aber nicht zunehmend als eine Selbstverständlichkeit hingenommen werden. Diese Hoffnungslosigkeit ermutigt und bestärkt Gewalttäter nur weiter.

Meine Religionsgemeinschaft unter Pauschalverdacht zu stellen ist ebenso wenig eine Lösung. Es ist zutiefst falsch und beschert dem Extremismus lediglich neue Jünger. Niemand würde auf die Idee kommen nach den zahlreichen rechtsterroristischen Anschlägen in Deutschland die Mehrheitsbevölkerung unter Generalverdacht zu stellen. Niemanden würde in den Sinn kommen nach dem christlich verbrämten Anschlag des Terroristen Anders Breivik das Christentum unter Generalverdacht zu stellen.

Was wir stattdessen benötigen, ist Zusammenarbeit gegen den islamisch verbrämten Terrorismus und da braucht es muslimische Gelehrte, Moscheen und Verbände als zivilgesellschaftliche Partner und einen langen Atem. Kriminalisieren wir in unserer Gesellschaft aber weiterhin die Weltreligion Islam und unsere Mitbürger muslimischen Glaubens, verlieren wir deren dringend benötigte Unterstützung im Kampf gegen den islamisch verbrämten Terror.

Was es für diesen Kampf übrigens nicht braucht ist das Drehbuch der Distanzierungsbekundungen. Als Muslim, Islamwissenschaftler und verbandsunabhängiger muslimischer Akteur verweigere ich mich der gesellschaftlichen Erwartungshaltung, muslimische Gewalttäter in die Nähe meiner Religion und damit auch in meine Nähe zu rücken. Dies aus zweierlei Gründen: Zum einen werde ich den Gewalttäter und seine Handlungen nicht aufwerten, indem ich ihn als Vertreter meiner Religion adele. Aus Sicht der muslimischen Gemeinschaft hat dieser Muslim mit dem Ethos seiner Religion gebrochen. Dies bedeutet selbstverständlich nicht, dass die Tat nichts mit dem Islam zu tun hat und sie nimmt uns Muslime auch nicht aus der Pflicht, stärker daran zu arbeiten, dass unsere Religion nicht für Gewalttaten pervertiert wird.

Zum anderen verbirgt sich hinter den Distanzierungsaufforderungen letztendlich eine Botschaft des Misstrauens und der damit verbundenen Loyalitätsbekundung. Letzteres ist aber Ausdruck von Höherwertigkeits-Minderwertigkeits-Vorstellungen, denen kein Bürger muslimischen Glaubens nachgeben darf. Andernfalls heben wir die Gleichheit zwischen uns Bürgern auf. Navid Kermani schrieb einmal: „In dem Augenblick, in dem ich mich distanziere, billige ich dem Gegenüber das Recht zu, mich zu verdächtigen.“

Wenn also nicht Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit, wenn nicht den Vorurteilen und dem Hass nachgegeben werden soll, was also dann tun? Was kann gesagt werden, was vielleicht noch nicht gesagt wurde?

Als religiöser Mensch kann ich nur mit einem Wort antworten: Nächstenliebe. Nächstenliebe ist die stärkste Antwort auf diese satanischen Taten. Nächstenliebe gibt dem Einzelnen die Kraft zu handeln. Nächstenliebe gibt uns die Hoffnung, dass Veränderung möglich ist. Nächstenliebe ist eine transformative Kraft, die eine ganze Gesellschaft verändern kann. Nächstenliebe schafft ein friedliches Zusammenleben unterschiedlichster Menschen. Nächstenliebe entzieht der Polarisierung, der Spaltung und dem Hass die Grundlage. Nächstenliebe ist der Gegner jeglicher Extremisten. Nächstenliebe kann das Drehbuch verändern.

Nächstenliebe aber ist im Judentum, Christentum und im Islam nichts Abstraktes, sondern eine konkrete Handlung. Hass gebiert nicht in den Wolken und Nebeln, sondern hier unten auf der Erde, in unserem Umfeld. Hass ist nicht schwer zu erkennen. Nächstenliebe bedeutet auch Zurechtweisung. Als Individuen kann jeder seinen gesellschaftlichen Beitrag gegen Hass, egal aus welcher Ecke, egal gegen wen, leisten. Nächstenliebe scheint auf den ersten Blick eine seichte Antwort zu sein, aber sie befähigt uns alle zum Handeln, wo die großen Antworten nichts bewirkt haben.

Dieser Beitrag wurde am 2.11.2020 auf der Webseite des Online-Magazins MiGAZIN veröffentlicht. Verwendung mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.

Muhammad Sameer Murtaza ist Islam- und Politikwissenschaftler, islamischer Philosoph und Buchautor. Er arbeitet für die Stiftung Weltethos und ist Gutachter bei der renommierten in Pakistan herausgegebenen islamwissenschaftlichen Fachzeitschrift „Hamdard Islamicus“. Er ist gefragter Vortragsredner, Lehrbeauftragter bei diversen Standorten der islamischenIslamischen Theologie und publiziert in verschiedenen Magazinen und Tageszeitungen. Zuletzt erschien von ihm: „Worte für ein inklusives Wir: Klartext zur „Muslimfrage“.

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