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Eine Dossier von Muhammad Sameer Murtaza zur Genealogie der HAMAS

Die simple Einteilung in Gut und Böse

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(iz). Kann man objektiv über den Nahost-Konflikt schreiben? Jeder Autor weiß, er sitzt unter dem Vergrößerungsglas der Leserschaft, das jede Äußerung aufmerksam registriert und begierig darauf aus ist, den Autor einzuordnen, um ihn dann entweder auf die Schulter zu klopfen oder zu verdammen.

Nahost-Konflikt – das ist hinsichtlich der weltweiten Aufmerksamkeit, die ihm zuteilwird, kein Konflikt wie jeder andere. Es ist ein schmerzvoller Konflikt zweier traumatisierter Seiten. Die Juden – als Volk wie auch als Religionsgemeinschaft – haben im christlichen Europa Judenpogrome und den unfassbaren Holocaust erlitten. Die arabischen Einwohner Palästinas – überwiegend Muslime, aber auch Christen – wurden durch die britische und französische Kolonialpolitik wie auch später durch die UNO ihres Selbstbestimmungsrechts beraubt und erfuhren dann im Zuge des ersten israelisch-arabischen Krieges 1948 Vertreibung und Pogrome durch den neugegründeten israelischen Staat.

Beide sind geprägt durch Katastrophen, die jüdische Seite nennt sie Shoah, die palästinensische Seite Nakba. Um jedem Missverständnis vorzubeugen, der Holocaust soll hier nicht relativiert werden in seiner historischen Dimension, aber auf der persönlichen Ebene der Betroffenen ist Verfolgung Verfolgung, ist Unrecht Unrecht, ist Leid Leid. Beide Traumata stiften uns zum mitleiden an und machen diesen Konflikt weit über seine Grenzen hinaus zu einem dermaßen emotional geladenen Konflikt, sodass wir andere Konfliktherde bedauerlicherweise gar nicht mehr wahrnehmen, wie aktuell etwa die Pogrome gegen die Volksgruppe der Rohingya in Myanmar – die laut UNO am meisten verfolgte Minderheit weltweit.

Wie soll oder kann da ein Autor dem Thema gerecht werden? Nur indem er keine Rücksicht auf seine Leserschaft und deren emotionalen Befindlichkeiten nimmt. Wer objektiv, sachlich, an Fakten orientiert und als ehrlicher Makler über einen Konflikt schreiben will, der muss dies nüchtern und emotionslos tun und seine Leserschaft bitten, diesen Schritt mitzugehen.

Der gegenwärtige Nahost-Konflikt ist nicht nur ein religiöser Konflikt – vielmehr haben sich in ihm unterschiedlichste Konfliktfelder miteinander verstrickt und verheddert. Entstanden ist ein gordischer Knoten und so gibt es auf die eine Frage, worum es in dem Konflikt eigentlich geht, auch nicht die eine Antwort. Der Nahost-Konflikt ist ein:

•territorialer Konflikt, bei dem unterschiedliche Akteure unterschiedliche Grenzvorstellungen haben. Um welches Land wird also gestritten? Etwa um das muslimische Palästina oder um das biblische Land Israel (Eretz Israel)? Um einen säkularen israelischen Nationalstaat in den Grenzen von 1967 und einen säkularen palästinensischen Nationalstaat, der den Gazastreifen, die Westbank und Ostjerusalem umfasst, oder geht es um das Nebeneinander eines jüdischen und eines muslimischen Staates in gänzlich neugezogenen Grenzen? Ist nach der Machtübernahme der HAMAS im Juni 2007 im Gazastreifen überhaupt noch ein einziger palästinensischer Staat ein realistisches Unterfangen oder skizziert die de facto Zweiteilung des palästinensischen Gebietes auch möglicherweise das Entstehen zweier palästinensischer Staaten ab, eines islamisch-ideologischen und eines säkular-nationalistischen? Geht es überhaupt noch real-politisch betrachtet um eine Zwei-Staaten-Lösung oder bewegen wir uns auf eine Ein-Staaten-Lösung zu?
Verbunden hiermit stellt sich die Frage, wer denn überhaupt die Akteure dieses Konfliktes sind. Wer streitet da? Sind es Muslime und Juden? Araber beziehungsweise Palästinenser und Israelis? Säkulare Nationalisten oder religiöse Ideologen?

•ökonomischer Konflikt, bei dem es um Ressourcenknappheit und die Aneignung fremder Ressourcen geht. Der Gazastreifen, die Westbank wie auch Israel verzeichnen eine enorm hohe Wachstumsrate der Bevölkerung. Beide Seiten sind hierdurch mit knappen Wohnraum und einem Erschöpfen der vorhandenen landwirtschaftlichen Nutzfläche konfrontiert.
Diese Lage fördert die Gründung israelischer Siedlungen in der Westbank wie auch früher im Gazastreifen und somit die Enteignung der Palästinenser. Dies wiederum schränkt die Siedlungs- und landwirtschaftliche Nutzfläche der Palästinenser in dem ihnen verbliebenen Land weiter ein.
Zudem wird durch die Bevölkerungsentwicklung die kostbare Ressource Wasser für alle Konfliktparteien immer knapper. Schon heute ist der israelische Staat auf das Grundwasser der Westbank existentiell angewiesen, während die dort lebende arabische Bevölkerung bereits jetzt unter einer unregelmäßigen Wasserversorgung leidet.
Längst ist der Gazastreifen auch zu einem Testgebiet neuester Waffen des israelischen Militärs geworden, die hierdurch im Werbematerial als kampferprobt angepriesen werden können, was auf dem internationalen Markt für bessere Verkaufszahlen sorgt. So haben sich die israelischen Militärexporte durch diesen Umstand in den letzten zehn Jahren verdreifacht. Gegenwärtig ist Israel der viertgrößte Waffenexporteur der Welt.

•ideologischer Konflikt, der die beiden Religionen, den Islam und das Judentum, in ihrer gegenwärtigen geschichtlichen Realisierung verändert hat.
Im Zentrum des ideologischen Islam und des Zionismus steht die Raumbeherrschung. Beide Ideologien setzen sich über die einstige religiös begründete Lebenspraxis der friedlichen Koexistenz von Juden und Muslimen in Palästina hinweg und nehmen die jeweils andere Seite nur noch als Feindbild wahr.
Das Feindbild eint die eigene Seite, presst alles in ein Freund-Feind-Schema, rechtfertigt das Hinwegsetzen über die eigenen religiös begründeten ethischen Werte und Rechtsauffassungen, und mobilisiert für die Auslöschung des Feindes, gleichgültig ob es sich dabei um Kombattanten oder Nicht-Kombattanten handelt.
Hier berühren sich also zwei Extreme, zwei Ideologien, die zugunsten ihres Idols dem Land, die universale Botschaft der Thora und des Qur’an hinter sich gelassen haben, zugunsten des Primat der Raumbeherrschung und einer damit verbundenen pragmatischen Politik, die alles rechtfertigt, um das angestrebte Ziel zu erreichen.

•regionaler Konflikt, da nur zwei arabische Staaten, Ägypten und Jordanien, Israel anerkennen. Darüber hinaus gesteht auch nur eine verschwindend geringe Minderheit muslimischer Staaten (Türkei, Tadschikistan, die Turkstaaten und Senegal) Israel das Existenzrecht zu. Während der Iran offen mit der Auslöschung Israels droht.
Dieser Umstand kann sich nur mit der Gründung eines palästinensischen Staates und Wiedergutmachungsleistungen seitens Israels ändern. Bereits 2002 und abermals 2006 hatte Saudi-Arabien im Namen von 22 arabischen Staaten Israel den Vorschlag unterbreitet, dass die arabischen Staaten es anerkennen, wenn im Gegenzug die Gründung eines palästinensischen Staates in Gaza und Westbank mitsamt Ostjerusalem in den Grenzen von 1967 zugelassen wird.
Des Weiteren besteht zwischen Israel und Syrien ein Konflikt um die von Israel besetzten Golanhöhen und das Ostufer des Sees Genezareth, wodurch der syrische Zugriff auf das Wasser des Sees verhindert wird.

Jedes dieser Konfliktfelder, die wir soeben nur gestreift haben, verdient ein Dossier für sich, um den Nahost-Konflikt in all seinen Facetten zu verstehen. Aber jetzt schon sollte deutlich sein: die Gemengelage dieses Konfliktes, die eine umfassende Friedenslösung erfordert, macht ihn möglicherweise zu einem unlösbare Konflikt.

Verwundern dürfte auch, dass die Religionen nicht als eigenständiges Konfliktfeld aufgeführt wurden. Vielmehr müsste aber die Frage lauten, was mit den beiden Religionen, dem Islam und dem Judentum geschehen ist, die zuvor in diesem Landstrich friedlich nebeneinander lebten. Noch provokanter dürfte die Frage sein, ob nicht gerade die Religionen in ihrer entideologisierten Form Frieden zwischen den abrahamischen Geschwistern stiften können.

Grundlagen I: Die ideologische Salafiyya
Der Islam ist kein Monolith. Unterschiedliche Interpretationen der religiösen Quellen führen auch zu unterschiedlichen geschichtlichen Realisierungen des Islam, die in der Regel friedlich nebeneinander koexistieren.

Die Lage der islamischen Religionsgemeinschaft und Zivilisation in den vergangenen zweihundert Jahren zu beschreiben, ist kein einfaches Unterfangen. Ein Gemisch gewoben aus intellektueller Stagnation beginnend ab dem 13. Jahrhundert, entzog dem islamischen Boden nach und nach jegliche Kreativität des Lebens, jegliche Dynamik in Technik und Wissenschaft, jeglichen materiellen Fortschritt und jegliche Ambiguitätstoleranz.

Eine ermüdete islamische Zivilisation sah sich schließlich einem wiedergeborenen Europa ausgesetzt, dessen Imperialismus und Moderne sie nichts entgegenzusetzen wusste.

Diese Situation hätte eine Ouvertüre für eine eigenständige islamische Erneuerung und Moderne darstellen können; und so verwundert es nicht, dass unzählige solcher Bewegungen, die wir heute unter der Bezeichnung Salafiyya zusammenfassen können, ab dem 18. Jahrhundert allerorts in der muslimischen Welt geboren werden.

Der arabische Ausdruck al-Salaf al-Salih bezeichnet die frommen Altvorderen. Gemeint sind damit die ersten drei Generationen der Muslime. Aus dieser Frühgemeinde hat sich der Islam entwickelt. Sie ist folglich eine wichtige Instanz, wenn es um die Botschaft des Propheten Muhammad geht. Die Salafiyya ist allgemein gesprochen eine Rückbesinnung auf diese Gemeinde zwecks der Erneuerung. Aber inhaltlich könnten ihre Zweige nicht unterschiedlicher sein. Vereinfacht lassen sich vier Strömungen innerhalb der Salafiyya ausmachen: die literalistische Salafiyya, die reformistische Salafiyya, die ideologische Salafiyya und die literalistisch-politische Salafiyya. Für den Kontext dieses Dossiers konzentrieren wir uns auf die ideologische Salafiyya.

Als sich Anfang des 20. Jahrhunderts Ost und West allmählich als Ideologien zu verfestigen begannen und die kolonisierten Länder sich gegen den europäischen Imperialismus erhoben, drohte dem Islam die Bedeutungslosigkeit – der Sozialismus wurde in der arabischen Welt populär und der religionskritische Ton immer schärfer.

In diesem geistigen und politischen Klima war es für den ägyptischen Volksschullehrer Hasan Al-Banna selbstverständlich, den Islam ebenfalls als Ideologie zu deuten. Der Islam wurde in seinem Denken zur dritten Ideologie, die dem Kapitalismus und dem Kommunismus nicht nur ebenbürtig, sondern überlegen ist. Der Slogan der Muslimbrüder „Der Islam ist die Lösung“ wurde zu einem messianischen Versprechen, das die Massen der Muslime anzog und überzeugte. Der Islam erhielt somit eine ein- und überdimensionale Rolle. Hinter diesem Denken steht der Anspruch, eine eigene Identität zu schaffen, die sich von der westlichen unterscheidet, um nach der langen Zeit des Kolonialismus und der Bevormundung wirklich autark zu sein.

Als bid‘a – nun als politischer Begriff verstanden – wurde daher der Import fremder Einflüsse betrachtet, da der Islam als System selber in der Lage sei, eine Antwort auf alle Probleme zu geben. Man unterscheidet somit zwischen al-wafid (importierten Fremden) und al-mauruth (ererbten und authentischen).

Der Qur’an und die Biographie des Propheten (sira) wurden auf eine politische Gebrauchsanweisung reduziert, um das islamische System zu realisieren. In der Heilserwartung eines islamischen Systems lag natürlich der Wunsch nach Unabhängigkeit und wahrer Autarkie, doch muss kritisch gefragt werden, ob diese vorgegebene Restauration islamischer Legitimität von politischer Macht und Gesetz sich tatsächlich vom Qur’an ableiten lässt oder ob es sich lediglich um eine Verzerrung und Überstrapazierung der Religion handelt.

Schlagwörter wie „islamischer Sozialismus“ und „islamische Demokratie“ machen deutlich, dass es sich bei dem islamischen System vielmehr um eine Übernahme formaler Praktiken, die im Westen entstanden sind, handelt, die jedoch abgeschnitten sind von der Philosophie, vor deren Hintergrund sie entstanden. Werden hier also aus einem Gefühl der Unterlegenheit politische und wirtschaftliche Produkte der Säkularisierung im Nachhinein sakralisiert? Vollends zum Durchbruch gelangte der ideologische Islam durch die iranische Revolution 1979. Mehr als jedes andere Ereignis nährte es die Hoffnung einer enttäuschten muslimischen umma. Mohammed Arkoun schreibt hierzu:

„Während der Westen, nachdem er zur Aufgabe der kolonialen Herrschaft gezwungen worden war, seit den sechziger Jahren eine Suche nach neuen Ausdrucksformen der Moderne in Gang gesetzt hat, hat die muslimische Welt sich von der Moderne losgesagt, um ihr ein ‘islamisches’ Modell entgegenzustellen, das sich jeder wissenschaftlichen Untersuchung entzieht. Dabei handelt es sich um den Triumph eines sozialen Imaginären, das wohl als ‘Islam’ bezeichnet wird, aber in Wirklichkeit nur das irreversible Wirken politischer, wirtschaftlicher, sozialer und kultureller Säkularisierung sakralisiert.“

Durch die Erhebung des Islam zur sakralen Ideologie kann und darf diese nicht hinterfragt werden. Hier wird der Bruch mit dem wissenschaftlichen und kulturellen Vermächtnis der Muslime besonders deutlich. Somit ist der ideologische Islam nicht mehr als Romantik und nostalgische Beschwörung der Vergangenheit, die einer wissenschaftlichen, kritischen und konstruktiven Betrachtungsweise keinen Raum schenkt, anzusehen.

Musterbeispiele islamisch-ideologischer Bewegungen sind die arabische Muslimbruderschaft und die indo-pakistanische Jamaat-e-Islami.

So unterschiedlich diese Reformer und ihre Bewegungen sind, so sehr eint sie die Radikalität nach mehr als 1.000 Jahren islamischer Theologie-, Rechts- und Exegesegeschichte, sowie den daraus gewachsenen etablierten Strukturen erneut nach dem Ursprung, dem ursprünglich islamischen, der qur’anischen Botschaft zu fragen. Dieses Zurückgehen auf die Offenbarung des Gesandten Gottes Muhammad ist die Klammer, die diese unterschiedlichen Strömungen verbindet, gleichwohl sie durch eine unterschiedliche Hermeneutik auch zu unterschiedlichen Antworten gelangten.

Im Zentrum der Salafiyya stehen also die Kritik an den mittelalterlichen Strukturen und Ansichten der muslimischen Gelehrsamkeit und ein Maßnehmen mittels des Qur’an. Durch die Kritik an den Traditionen erhofften sie sich Wandel durch eine eigene, authentische und im Islam verankerte Erneuerung und wenn man so sagen will, eine eigenständige islamische Moderne.

Aber auch für die verschiedenen Erneuerungsbewegungen im Islam gilt, dass sie keinen Alleinanspruch auf die Religion besitzen, dass sie nicht mit dem Islam gleichgesetzt werden dürfen, und dass auch sie sich vor der Botschaft des Qur’an zu verantworten haben. Die zentrale Frage an die einzelnen Strömungen der Salafiyya lautet daher: Haben sie in ihrem religiösen Verständnis das islamische Ur-Zeugnis hinter sich? Oder vertreten sie im Ganzen oder in bestimmten Punkten ein religiöses Verständnis, das nicht vom Qur’an gedeckt wird?

Grundlagen II: Der Zionismus und das zweimal verheißene Land
Der Zionismus, begründet durch den ungarischen Juden Theodor Herzl (1860-1904), verfolgte das Ziel, einen jüdischen Staat in Palästina zu gründen, der allen Juden als Zufluchtsort vor den periodischen antijüdischen Pogromen in Europa dienen sollte. Er war also ein radikaler Lösungsversuch für die zentralen Fragen nach der jüdischen Identität und nach dem Ort der Juden in der Welt. So diagnostizierte der russische Jude und Arzt Leon Pinsker im 19. Jahrhundert: „Die Juden bilden im Schoße der Völker, unter denen sie leben, tatsächlich ein heterogenes Element, welches von keiner Nation assimiliert zu werden vermag, demgemäß auch von keiner Nation gut vertragen werden kann.“

Nach Pinsker würden die Juden stets und überall dem Antisemitismus ausgesetzt sein, da sie bestenfalls Gäste seien, somit nie ebenbürtig, ewig verachtet. Daher müsse das jüdische Volk eine Heimat finden, wo sie ihre eigenen Herren und somit sicher vor Verfolgung wären.

Kritiker des Zionismus weisen daraufhin, dass dieser im Grunde die geistigen Grundlagen und die Sprache des Antisemitismus übernahm. Der Zionismus als Reaktion auf den Antisemitismus sei ein Zugeständnis an ersteren, dass in der Tat das Judentum ein fremdartiges und nicht integrierbares Element sei. Die zionistische Lösung, nämlich die Massenemigration, sei auch den Antisemiten nicht fremd gewesen.

Die wechselhafte Situation der Juden in Europa führte bereits 1882 (-1903) zu einer ersten Einwanderungswelle von 25.000 – 30.000 Juden nach Palästina, die sogenannte erste Aliya. So entstanden die ersten jüdischen Siedlungen in Palästina wie etwa Sichron, Ja’akov, Nes Ziona, Ekron, Jesod HaMa’ala, Gedera, Rechovot, Hadera, Mischmar Hajarden, Ain Seitun und Moza.

Auf dem ersten Zionistischen Weltkongress 1897 in Basel wurde schließlich beschlossen, dass die neue jüdische Heimstätte in Palästina liegen sollte. Um dies zu verwirklichen, sollte die Besiedlung dieses Gebietes mit Ackerbauern, Handwerkern und Gewerbetreibenden zur Schaffung einer Infrastruktur gefördert werden. Weiter wurde beschlossen, Einfluss auf Regierungen zu nehmen, die hilfreich sein könnten, das Ziel des Zionismus zu erreichen.

Vor dem Ersten Weltkrieg bemühten sich die Zionisten erfolglos, dem osmanischen Sultan die Erlaubnis einer Kolonialisierung des Heiligen Landes abzuringen, war doch Palästina damals ein infrastrukturell vernachlässigtes Armenhaus, das einzig aus Dörfern bestand. Als sich während des Ersten Weltkrieges abzeichnete, dass Großbritannien und/oder Frankreich die neuen Herren Jerusalems sein würden, begannen die Zionisten auf England und Frankreich einzuwirken. Mit Erfolgt: am 2. November 1917 gab der britische Außenminister Balfour bekannt: „Die Regierung Seiner Majestät betrachtet mit Wohlwollen die Errichtung einer nationalen Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina und wird sich nach Kräften bemühen, die Verwirklichung dieses Zieles zu erleichtern, unter der ausdrücklichen Voraussetzung, dass nichts geschehen darf, was die zivilen oder religiösen Rechte bestehender nichtjüdischer Gemeinschaften in Palästina oder die Rechte und den politischen Status, derer die Juden sich in anderen Ländern erfreuen, beeinträchtigen könnten.“

Mit der inhaltlich unklar formulierten Balfour-Deklaration begab sich Großbritannien aber in Widerspruch mit seinen Versprechungen, die es zuvor den Arabern gemacht hatte, wenn sie sich im Ersten Weltkrieg gegen das Osmanische Reich wenden würden.

In der Hussain-McMahon-Korrespondenz wurde dem Scherifen Hussain am 24. Oktober 1915 versprochen, dass Großbritannien unter Voraussetzung eines arabischen Aufstandes die Unabhängigkeit der Araber anerkennen würde, und zwar südlich vom 37. Breitengrad, abgesehen von den Provinzen Bagdad und Basra sowie von den Gebieten, wo Großbritannien nicht unabhängig von Frankreich entscheiden könne.

Trotz dieser Verlautbarung schlossen am 16. Mai 1916 die Regierungen Großbritanniens und Frankreichs eine geheime Übereinkunft, in dem ihre Einflusssphären im Nahen Osten nach dem Ersten Weltkrieg festgelegt wurden. Nach dem Sykes-Picot-Abkommen wurde Arabien in fünf Zonen aufgeteilt:

a) Palästina vom Jordan bis zum Mittelmeer sollte einer internationalen Verwaltung unterstellt werden.
b) Haifa und Mesopotamien von der Gegend Tikrit bis zum Golf sollten britisch werden.
c) Die syrische Küste von Tyrus (Sur) bis nach Alexandretta (heute: Iskenderun), Cilicien und die Hauptteile von Südarmenien, von Sivas bis Diyarbakir, sollten französisch werden.
d) Das Landesinnere sollte unabhängig arabisch unter zweierlei Arten von Einfluss werden:
1) Zwischen den Linien Al-Aqaba-Kuwait und Haifa-Tikrit sollte Großbritannien wirtschaftliche und politische Priorität haben.
2) Zwischen den Linien Haifa-Tikrit und der Südecke Französisch-Armeniens oder Kurdistan sollte Frankreich wirtschaftliche und politische Priorität haben.

Später wurden dann noch Russland und Italien in das Abkommen eingebunden. Im Zuge der Oktoberrevolution jedoch veröffentlichte die neugegründete Sowjetunion das Sykes-Picot-Abkommen. Das Osmanische Reich hatte nun ein wirksames Propagandamittel und ließ es augenblicklich in arabischen Zeitungen abdrucken. Großbritannien fürchtete die Folgen und versicherte überstürzt einer Gruppe von sieben syrischen Nationalisten am 11. Juni 1917, dass jene arabischen Territorien, die vor dem Krieg frei und unabhängig waren oder durch militärische Operationen ihrer Bewohner befreit wurden, nach dem Krieg unabhängig sein würden.

Damit wurde Palästina das „zweimal verheißene Land“. Der Theologe Hans Küng gibt bezüglich der Balfour-Deklaration zu bedenken: „Diese so genannte ‘Balfour-Declaration’ scheint eindeutig und doch enthält sie einen Zusatz, den man nicht unterschlagen sollte. Denn in dieser Erklärung heißt es zugleich, dass ‘selbstverständlich nichts unternommen werden soll, was die bürgerlichen und religiösen Rechte existenter nichtjüdischer Gemeinschaften in Palästina oder die Rechte und den politischen Status, wie sie die Juden in irgendeinem anderen Land innehaben, präjudiziert’. Und genau hier sollte der Konflikt sich zuspitzen: bei den ‘bürgerlichen und religiösen Rechten existenter nichtjüdischer Gemeinschaften in Palästina’! Denn nicht wenige der führenden Zionisten dachten von Anfang an nur an die eigenen Rechte, die der jüdischen Einwanderer, nicht aber an die der anderen, die Rechte, der seit weit mehr als einem Jahrtausend ansässigen arabischen Bevölkerung.“

Und der Theologe Vierweger schreibt über dieses fatale Gestrick an Zusagen und Versprechungen: „Wie die Araber den Brief von Sir Henry McMahon, so haben auch die Juden die Balfour-Erklärung offensiver ausgelegt als die Briten selbst. Was wurde ihnen wirklich versprochen? Was ist eine »nationale Heimstätte«? Welche Grenzen sollte ihr Gebiet in Palästina haben? Hierüber gingen die Vorstellungen weit auseinander.“

Auch der Zionist Asher Hirsch Ginsberg warnte vor der Ignoranz seiner Mitstreiter gegenüber den palästinensischen Arabern: „Wir neigen gern zu dem Glauben, dass Palästina in diesen Tagen beinahe vollständig unbewohnt und eine unkultivierte Wildnis ist, in der jeder so viel Land erwerben kann, wie er möchte. Aber dies ist in Wirklichkeit nicht der Fall. Es ist schwer, irgendwo in diesem Land arabischen Grundbesitz zu finden, der brach liegt … Wir neigen gern zu dem Glauben, dass alle Araber Wüstenbarbaren sind – ein Volk von Eseln, das nicht erkennt oder versteht, was um es herum vorgeht. Dies ist ein grundlegender Fehler … Die Araber, und hier vor allem die Bewohner der Städte, verstehen sehr wohl, was wir wollen und was wir in diesem Land vorhaben; aber sie verhalten sich so, als ob sie es nicht bemerken, da sie im Augenblick keine Gefahr für sich oder die Zukunft in dem erblicken, was wir tun. Deshalb versuchen sie den besten Nutzen aus diesen neuen Gästen zu ziehen (…) Aber wenn der Tag kommt, an dem der Lebensstandard unseres Volkes im Lande Israel eine derartig hohe Stufe erreicht, dass die örtliche Bevölkerung mehr oder minder verdrängt wird, dann wird diese nicht so einfach ihren Wohnsitz aufgeben.“

Dies wohlwissend hatte Herzl in seinen Tagebüchern festgehalten: „Die arme Bevölkerung trachten wir unbemerkt über die Grenze zu schaffen, indem wir ihnen in den Durchgangsländern Arbeit verschaffen, aber in unserem eigenen Lande jederlei Arbeit verweigern.“

Damit war ein Grundkonflikt geschaffen, der die Identität des späteren demokratischen Staates Israel bis heute belastet, da er als zugleich jüdischer Staat nicht auf diesen fundamentalen Vorbehalt verzichten kann. Denn weil das Land bereits von einem anderen Volk besetzt war, dass hier seit Jahrhunderten seine Heimat hat, nämlich die arabischen Palästinenser, Muslime und Christen, konnte nur durch den Rückgriff auf die biblische Verheißung, dass das Land Israel dem jüdischen Volk vorbehalten sei, die Existenz des Staates Israel legitimiert werden. Der Zionismus betonte den religiösen Aspekt des Landes und erhob ihn zum Staatsfundament. Hierdurch, wenn auch zunächst unter Protest, entwickelte sich ein religiöser Zionismus, der in der Existenz Israels die Antwort sah auf die jahrhundertalte Sehnsucht nach Erlösung und der Rückkehr ins Land der Väter. Und je mehr die Errungenschaften und die Erfolgsgeschichte dieses Staates zunahmen, desto mehr ließen sich die progressiven und orthodoxen jüdischen Richtungen hiervon anstecken und desto mehr nahmen die einstigen theologischen Vorbehalte ab. Scheinbar rückte damit auch der universelle Horizont des Tanach immer weiter in den Hintergrund, was anhand der immer stärker werdenden Siedlungsbewegung zum Ausdruck kommt, deren Vorgehen eine Verweigerung der palästinensischen Existenzberechtigung gleichkommt zugunsten des ideologischen Primats der Raumbeherrschung.

Auf der Pariser Friedenskonferenz nach dem Ersten Weltkrieg sollte der schwelende Konflikt zwischen Arabern und Juden im Sinne des 14-Punkte-Programms des amerikanischen Präsidenten Wilson, das unter anderem das Selbstbestimmungsrecht für alle Völker vorsah, entschärft werden.

Hier bemühte sich Thomas Edward Lawrence (gest. 1935), besser bekannt als Lawrence von Arabien, den von den Briten erkorenen arabischen Führer Faisal (gest. 1933) davon zu überzeugen, eine politische Allianz mit den Zionisten einzugehen. Auch Sykes versicherte Faisal, dass die Zionisten keinen jüdischen Staat ausrufen würden. Dies war Sykes von Chaim Weizmann (gest. 1952) versichert worden, damals einflussreiches Mitglied der jüdischen Gemeinde in Großbritannien, später Präsident des Staates Israel, der noch am 26. April 1918 einer Gruppe Jerusalemer Bürgern entgegnete: „Glaubt denen nicht, die unterstellen, dass wir die politische Macht in diesem Lande am Ende des Krieges in unsere Hände nehmen wollen.“

Zur Jahreswende 1918/1919 kam es schließlich zu einem Treffen zwischen Faisal und Weizmann, im Londoner Carlton-Hotel. Lawrence sollte als Übersetzer fungieren. T.E., der die beiden zusammenführte, war der Überzeugung, dass eine öffentliche Unterstützung des Zionismus seitens der Araber eine gute Politik sei und das Wohlwollen der amerikanischen und britischen Delegation erwirken würde. Bereits 1918 hatte Weizmann Faisal in Al-Aqaba aufgesucht und ihm gesagt: „Wenn er ein starkes und blühendes Araberreich aufbauen will, sind es wir, die Juden, und wir allein, die ihm dabei behilflich sein können. Wir können ihm die erforderliche finanzielle und organisatorische Hilfe leisten. Wir werden seine Nachbarn sein und keine Gefahr für ihn darstellen, da wir keine Großmacht sind und es nie sein werden.“

Faisal schrieb anschließend seinem Vater dem Scherifen Hussain, dass die Zionisten nicht daran interessiert seien, einen Staat zu gründen, sondern als Bürger in Palästina leben und zum Aufbau der Infrastruktur beitragen wollen. Doch hinter den Kulissen stellten die Vertreter des Zionismus andere Forderungen, so schreibt Küng: „Schon 1919 hatte die Zionistische Weltorganisation – die Balfour-Erklärung als ihre Magna Charta benutzend – auf der Pariser Friedenskonferenz eine Landkarte vorgelegt. In ihr umfasste die ‘Heimstätte’ der Juden ganz Palästina, inklusive Transjordanien – also weit mehr als die seit 1967 besetzten Gebiete eines ‘Groß-Israel’. Dies blieb, wie der Altzionist und Historiker Simcha Flapan (1954-1981 Sekretär der Mapai-Partei und Leiter des Referats für Arabische Angelegenheiten) erst neuerdings herausgearbeitet hat, die mehr geheim als offen propagierte Zielvorstellung der maßgebenden zionistischen Führer, wobei man untereinander nur über die Methoden – ob mehr diplomatisch und evolutiv oder mehr gewaltsam-militärisch – im Streite lagen. 1937 etwa hat der 20. Zionistische Kongress mit Unterstützung aller Fraktionen bestätigt, die Juden hätten ein unveräußerliches Recht, in allen Teilen Palästinas zu siedeln – auf beiden Seiten des Jordans! (…) Schon lange hatte sich freilich gezeigt: Mit der Balfour-Erklärung war im Grunde eine widersprüchliche Position formuliert worden. Sie trug entscheidend mit dazu bei, dass Palästina zu einem der umkämpftesten Länder der Erde wurde. Denn das eine war den Kennern der Lage und auch den führenden Zionisten von vornherein bekannt, was freilich von vielen, die im Geist des europäischen Nationalismus und Kolonialismus auftraten, unterschätzt wurde: Palästina war eben gerade nicht das ‘Land ohne Volk’, in welches das ‘Volk ohne Land’ so einfach einziehen konnte.“

Trotz Faisals Annäherung an die Zionisten verlief die Konferenz nicht zu Gunsten der Araber. Der Vorschlag Präsident Wilsons, eine interalliierte Kommission nach Syrien zu entsenden, um den Willen des Volkes zu ermitteln, brachte Frankreich ebenfalls dazu, eine solche Kommission nach Mesopotamien und Palästina entsenden zu wollen. Dies konnte aber nicht im Interesse Großbritanniens und der Zionisten sein. So lehnte Großbritannien die Entsendung einer solchen Kommission ab, und auch die Zionisten übten massiven Druck auf amerikanische Politiker aus, sodass dieses Vorhaben scheiterte. Schließlich gingen Frankreich und England einen Handel ein, bei dem die Engländer trotz des Sykes-Picot-Abkommens das erdölreiche Mossul erhalten und im Gegenzug dafür Faisal und Syrien fallen lassen sollten. Damit war jede Aussicht gescheitert, das Sykes-Picot-Abkommen aufzuheben: „Die Erdölspekulanten hatten begriffen, dass man mit einer Reihe rivalisierender Araberstaaten, denen jedes Einigkeitsgefühl fehlt, leichter um Konzessionen und Ertragsanteile feilschen könne als mit einem großen, unabhängigen Araberstaat im Nahen Osten.“

Zwischen den Arabern und den zionistischen Kolonialisten kam es nun zu immer heftigeren Auseinandersetzungen. Schießereien waren an der Tagesordnung. Der britische Versuch einer gemeinsamen Verfassung scheiterte 1922 am arabischen und 1935 am zionistischen Widerstand. In der Folge brach ein Bürgerkrieg aus, verbunden mit Terroraktionen beider Seiten. Küng schildert die Geschehnisse wie folgt: „Schon 1920 organisierte der Rechtszionist Jabotinsky deshalb die Hagana, jene jüdische Untergrundarmee (…). Ostern 1920 wagte sie in Jerusalem die erste offene Konfrontation mit den hocherregten arabischen Massen. Jabotinsky wurde samt der Führung der Hagana von den Briten verhaftet, aber wieder freigelassen. 1925 gründete er, jetzt in offenen Zwist mit dem gemäßigten Weizmann, seine eigene aggressive New Zionist Organisation mit faschistischen und terroristischen Zügen, die auf ‘einen jüdischen Staat auf beiden Seiten des Jordans’ und auf ‘soziale Gerechtigkeit ohne Klassenkampf’ (…) hinarbeitete. Die Araber Palästinas, meinte Jabotinsky, könnten sich ja schließlich in anderen arabischen Ländern ansiedeln, die Juden nicht. Aber nicht nur er, auch Ben-Gurion, dessen gesamte Politik von Anfang an auf eine größtmögliche territoriale Ausdehnung der jüdischen ‘Heimstatt’ ausgerichtet war, rechnete mit sogenannten ‘Umsiedlungen’ (‚Transfers’) der arabischen Bevölkerung’: Im Zeitalter des Nationalismus, Imperialismus und Kolonialismus (von den Umsiedlungsaktionen Stalins und Hitlers zu schweigen) waren sie ja als Mittel der Politik weithin akzeptiert; England und Frankreich hatten ja gerade eben auch – entgegen der britischen Zusage an die Araber! – den ganzen Nahen und Mittleren Osten mit zum Teil willkürlichen Grenzen und ‘Einflusszonen’ aufgeteilt (…). (…) Schon längst hatte so jener endlose Kreis von Gewalt und Gegengewalt begonnen, der in den Jahren 1936-1939 einen ersten Höhepunkt erreichte und der bis heute Israel und die Welt in Atem hält. Jabotinsky war seit 1937 Kommandeur der seit 1931 von der Hagana abgespaltenen terroristischen Untergrundbewegung Irgun (…). Die Irgun wollte durch geplante Provokationen und willkürlichen Bombenattentate bewusst Hass und Feindschaft säen und versuchen, die Araber mit jenen terroristischen Methoden und Praktiken zu bekämpfen, die dann dreißig Jahre später der Al-Fatah, der palästinensischen Terrororganisation unter der Leitung von Jasir Arafat, als Vorbild dienen sollten.“

Einen weiteren Teilungsplan 1937 lehnten die Araber ab, der aber „von Ben-Gurion, dem Führer der Arbeiterpartei, der stärksten Kraft innerhalb des Zionismus, jedoch aus klugen taktischen Erwägungen akzeptiert wird. Doch das eine scheint für die Briten klar: Die Errichtung eines jüdischen Staates gegen den Willen der Araber kommt nicht in Frage (so noch in einem Weißbuch 1939).“

Nach dem Zweiten Weltkrieg versuchte Großbritannien die jüdische Einwanderung zu beschränken. Die Antwort der Zionisten war ein Guerillakrieg gegen die Briten. Küng fasst die Ereignisse wie folgt zusammen: „[Die Irgun] (zusammen mit der LEHI) trägt die Verantwortung für terroristische Anschläge in den arabischen Märkten von Jerusalem und Haifa, für die Ermordung des britischen Nahost-Bevollmächtigten Lord Moyne (1944), für die teilweise Sprengung des von der britischen Regierung benutzten Hotels King David in Jerusalem mit 91 Todesopfern (1946) sowie für die überall auf der Welt mit Empörung zur Kenntnis genommene Ermordung (durch die LEHI) auch des UNO-Vermittlers Graf Folke Bernadottes (1948), nachdem er einen neuen Teilungsplan vorgelegt hatte: terroristische Anschläge, die von der Jewish Agency (ihre Residenz war 1948 von den Arabern gesprengt worden) und der Hagana offiziell stets verurteilt, aber faktisch toleriert wurden.“

Trotz dieser Gewaltakte erhielt das zionistische Vorhaben durch die Shoah, der Vernichtung des europäischen Judentums, neue und verstärkte Akzeptanz und Unterstützung in der westlichen Welt.

Die Muslimbruderschaft und Palästina
Der Totalanspruch der zionistischen Ideologie mit dem die muslimischen Einwohner Palästinas konfrontiert waren, lud zum Import eines andernorts gewachsenen ideologischen Islam ein: nämlich der ägyptischen Muslimbruderschaft unter Führung Hasan Al-Bannas (gest. 1949).

Durch den Konflikt zwischen zionistischen Kolonialisten und ansässigen Arabern in Palästina sah auch Hasan Al-Banna sich gezwungen, eine Position zu den Geschehnissen einzunehmen. Grundsätzlich war ihm an einem guten Verhältnis zum Judentum gelegen. So äußerte er tiefe Betroffenheit darüber, dass die Juden in Europa wiederholt Verfolgung und Unrecht ausgesetzt waren, allerdings könne Gerechtigkeit nicht darin bestehen, dass man nun den Arabern in Palästina das Gleiche antue.

Andere Muslimbrüder schlugen einen schärferen Ton an und bezeichneten die Juden als die historischen Feinde der Muslime. So äußerte Salih Al-Aschmawi: „Jeder Jude ist ein Zionist. Diese Tatsache wird bekräftigt durch vergangene Zwischenfälle und Experimente. Diese Tatsache ist so klar wie die Mittagssonne und kann nicht verändert oder geleugnet werden.“ und „Es ist die Wahrheit und ihre Essenz, dass die zionistische Frage nichts anderes ist, als eine jüdische Frage mit alledem, was das Wort beinhaltet.“

Zunehmend wurde in den Reihen der Muslimbruderschaft der Zionismus mit dem Judentum gleichgesetzt, womit jeder Jude als ein Feind des Islam angesehen wurde.

Hasan Al-Banna behielt dagegen lange Zeit seine differenzierte Sichtweise bei. Er störte sich nicht daran, dass Menschen jüdischen Glaubens sich in Palästina niederlassen, aber er lehnte die Etablierung eines jüdischen Staates ab und zwar aus folgenden Gründen: 1) Jerusalem war die erste Gebetsrichtung des Islam und ist der drittheiligste Ort im Islam, 2) es ist die Wirkungsstätte vieler Propheten, 3) die Himmelsreise des Propheten Muhammad habe in Jerusalem stattgefunden, 4) Palästina beherberge zahlreiche Gräber von Prophetengefährten, 5) ein jüdischer Staat stelle eine Gefahr für die nationale Sicherheit Ägyptens dar, da er als ein Bollwerk des westlichen Imperialismus dienen würde und 6) eine geographische Unterbrechung zwischen den arabischen Ländern Nordafrikas und Asiens darstelle, und 7) ein jüdischer Staat, der vom Westen massiv unterstützt werden würde, könnte die ägyptische Wirtschaft bedrohen.

Wohl unter dem Eindruck, dass die jüdischen Siedlungen, die Kibbuzim und die Moschavim zunehmend zu Wehrdörfern ausgebaut wurden, glaubte auch Al-Banna, dass der Konflikt nun nicht mehr diplomatisch, sondern nur noch durch Gewalt gelöst werden könne. Salih Al-Aschmawis Blatt al-nadir druckte am 26. Dezember 1938 folgende Stellungnahme des Obersten Führers der Muslimbruderschaft ab: „Die Muslimbrüder werden ihr Leben und ihr Vermögen opfern, um jeden Winkel Palästinas mitsamt seiner arabischen und islamischen Identität bis zum Jüngsten Tag zu sichern.“

Gegenüber dem ägyptischen Premier Muhammad Mahmud äußerte er im Mai 1939: „(…) die Briten und die Juden werden nur eine Sprache verstehen, die Sprache der Revolution, Stärke und des Blutes.“

Und die Charta der später gegründeten HAMAS vom 18. August 1988 schmückt sich mit der Aussage Al-Bannas: „Israel wird bestehen und so lange bestehen bleiben, bis der Islam es annulliert, so wie er davor Bestehendes annulliert hat.“

Hinsichtlich der zunehmend militanteren Position Al-Bannas darf nicht unberücksichtigt bleiben, dass Großbritannien eigenmächtig und ohne Hinzuziehung der arabischen wie auch der jüdischen Seite, quasi über den Köpfen der Betroffenen hinweg, Kommissionen ins Leben rief, die Teilungspläne erstellten ohne diese hinzuzuziehen. Die Hinwendung zur Gewalt war auf beiden Seiten auch in Teilen Ausdruck der eigenen Ohnmacht.

Mit einem Bündel an Aktionen und Maßnahmen waren es nun die Muslimbrüder, die das Thema Palästina in den Fokus der arabischen Öffentlichkeit rückten. Noch 1938 konnten arabische Politiker wie der ägyptische Premierminister Muhammad Mahmud desinteressiert äußern: „Ich bin der Premierminister von Ägypten, nicht von Palästina.“ Dies änderte sich nun durch die Muslimbrüder. Das Spektrum ihrer jahrelang andauernden Protestaktionen soll im Folgenden angerissen werden:

• Wiederholte Telegramme an die UNO, an die britische Regierung und die politischen Führer der arabischen Welt mit der Bitte, der christlichen und muslimischen Bevölkerung in Palästina beizustehen.

• Veröffentlichungen von Publikationen und Zeitungsartikeln, die auf die Situation in Palästina aufmerksam machten. Seit 1933 war der Palästinakonflikt fester Bestandteil in ihrer Wochenzeitung jarida al-ikhwan al-muslimin und al-nadir. Bücher wie Feuer und Zerstörung in Palästina dokumentierten auf 80 Seiten und mit 50 Abbildungen Gewalthandlungen seitens der britischen Armee gegenüber den Palästinensern. Prompt wurde das Buch verboten und die Polizei bemühte sich fieberhaft, die Druckstätte zu finden. Als dies nicht gelang, wurde Hasan Al-Banna verhaftet. Der Führer der Muslimbruderschaft erklärte sich ad hoc zum Autor der Schrift und verlangte, vor Gericht gestellt zu werden. Doch auf britischer Seite befürchtete man, dass Al-Banna den Prozess als Plattform nutzen könnte, um die breite Öffentlichkeit über den Inhalt des Buches zu informieren, und so ordnete der britische Botschafter die Freilassung Al-Bannas an.

• Seit 1935 organisierten die Muslimbrüder Spendenaufrufe für Palästina. Nach den Freitagsgebeten informierten sie die Moscheebesucher über die aktuellen Geschehnisse und riefen zu Spenden auf.

• Die Muslimbrüder gingen dazu über, die Juden in Ägypten als Fünfte Kolonne des Zionismus zu betrachten und riefen dazu auf, die ägyptischen Juden wirtschaftlich zu boykottieren. Hierzu erstellten sie Listen mit den Adressen von Geschäften mit jüdischen Inhabern. Unterhalb der Liste stand geschrieben: „Die Piastre, die du an diese Geschäfte bezahlst, steckst du eigentlich in die Hosentasche eines Juden in Palästina, der davon Waffen kauft und deine muslimischen Brüder in Palästina tötet.“

• Wiederholt forderte die Muslimbruderschaft von den ägyptischen Juden ein klares Bekenntnis zur arabischen Welt, und damit zu einem arabischen Staat in Palästina, sowie die Verurteilung des Zionismus. Andernfalls würden sie ihnen als Kollaborateure gelten, denen man den Jihad erklären müsse. Die Stimmung wurde noch verschärft, als ans Tageslicht kam, dass ägyptische Juden wöchentlich Geldsummen und Waffen von Ägypten nach Palästina schmuggelten. Ägyptische Juden wie Leon Castro, die sich dem Zionismus verpflichtet fühlten, nutzten die Synagogen als Propagandaplattform, um Unterstützung für die Juden in Palästina zu organisieren. Für den Muslimbruder Umar Al-Tilmisani war dies der Beweis, dass alle ägyptischen Juden Zionisten sind und Ägypten bedrohen. Er warnte sie, dass man entsprechende Maßnahmen gegen sie ergreifen würde.

• Zudem organisierten die Muslimbrüder landesweite Demonstrationen. Bei einer solchen Protestbekundung am 2. November 1945 kam es zu Gewaltausbrüchen gegen jüdische Geschäfte, bei denen fünf Menschen starben und ca. 200 verletzt wurden. Während Hasan Al-Banna diese Ausschreitungen verurteilte, äußerte der Musimbruder Salih Al-Aschmawi, dass die Juden selbst die Brandsätze gelegt hätten.

• Ab 1935 nahm die Muslimbruderschaft Kontakt zu den islamischen Gruppen in Palästina auf. Damit wurde der Grundstein für eine enge Zusammenarbeit gelegt und die Muslimbruderschaft begann die Palästinenser mit Waffen zu versorgen.

Im Kairoer Hauptquartier der Organisation nahm ein 29-köpfiges Palästina-Komitee, angeführt von Hasan Al-Banna, seine Arbeit auf.

Der 20-jährige Said Ramadan wurde im Oktober 1945 beauftragt, die islamischen Führer Palästinas zu bewegen, Teil der Muslimbruderschaft zu werden. Insbesondere die Fürsprache des palästinensischen Großmufti Muhammad Amin Al-Husaini sollte hierbei ausschlaggebend sein, dass sich die ersten Zweigstellen der Muslimbruderschaft in Jerusalem etablierten, die sich aus Gelehrten, Anwälten, Händlern und Schaikhs zusammensetzten. Es folgten innerhalb von drei Wochen weitere Zweigstellen in Haifa, Hebron, Jaffa sowie Gaza und erste Ansätze zeigten sich in Ramallah, Lydda, Ramla und Jericho.

Die Muslimbruderschaft in Palästina sah als ihre zentrale Aufgabe, die 1) Übermittlung islamischer Verhaltens- und Moralprinzipien, 2) die Verbreitung der Werte des Qur’an, um ein modernes Leben auf der Grundlage des Islam zu führen, 3) das Streben nach einem höheren Lebensstandard für die Bevölkerung, 4) den Kampf gegen die Armut und den Analphabetismus und 5) die Bewahrung und Verteidigung der Rechte der Muslime zu gewährleisten.

Die palästinensische Muslimbruderschaft soll im Februar 1946 über 15.000 Mitglieder gehabt haben. Im darauf folgenden Jahr sollen die Zahlen sogar auf 20.000 Muslimbrüder angestiegen sein, bei lediglich 20 bis 25 Zweigstellen. Man kann davon ausgehen, dass diese Zahlen maßlos übertrieben sind, würde dies doch bedeuten, dass jede Zweigstelle über 800 Mitglieder verfügte.

• Schließlich versuchten die Muslimbrüder auch durch militante Drohgebärden Druck auf die ägyptische Regierung auszuüben, aber auch entsprechende Warnsignale an die britische Besatzungsmacht auszusenden, wenn man beispielsweise im Anschluss an die Konferenz in Zagazig am 5. September 1938 öffentlichkeitswirksam polterte, die ägyptische Jugend sei bereit, die heiligen Stätten der Christen und Muslime gegen die Aggressionen der Kolonialmächte und Zionisten zu verteidigen.

Wie viele der politischen Parteien Ägyptens in der damaligen Zeit, verfügte auch die Muslimbruderschaft über einen militärischen Geheimapparat, seine Existenz war nur den wenigsten Muslimbrüdern selber bekannt, hatte Al-Banna doch gelehrt: „Geheimhaltung ist notwendig zu Beginn jeder Bewegung für die Sicherheit und Selbsterhaltung dieser Bewegung.“ Ursprünglich gegründet worden, um das Land notfalls auch mittels Gewalt von der britischen Besatzungsmacht zu befreien, zog man nun auch in Erwägung, den Geheimapparat für eine militärische Auseinandersetzung mit den jüdischen Kolonialisten einzusetzen.

Diese Überlegungen entwickelten sich nicht im luftleeren Raum. Die jüdischen Siedler hatten im britischen Mandatsgebiet mit der Hagana selber eine schlagkräftige Untergrundarmee aufgebaut, die die jüdischen Siedlungen und politischen Ziele des Zionismus verteidigen sollte. Zunehmend bediente sich die zionistische Seite – wie bereits erwähnt – hierzu Terroranschläge, um ihre Gegner auszuschalten.

Der britische Premierminister Churchill (gest. 1965) äußerte desillusioniert über das zunehmende Primat der Gewalt: „Wenn unsere Träume vom Zionismus im Rauch einer Attentäter-Pistole enden und die Arbeiten für seine Zukunft eine neue Gruppe von Gangstern hervorbringt, schlimmer als Nazi-Deutschland, dann müssen viele – auch ich – unsere Position überdenken, die wir so konsequent und lange in der Vergangenheit eingenommen haben.“

Im Februar 1947 fassten die Briten den Entschluss, das kostspielige Engagement in Palästina auf- und das Mandat an die UNO abzugeben. Eine UNO-Kommission empfahl das Mandatsgebiet in einen jüdischen und einen arabischen Staat aufzuteilen und eine separate Enklave Jerusalem zu bilden unter Verwaltung der UNO. Der Plan sah vor, 56,5 Prozent des Gebietes den 650.000 Juden und 43,5 Prozent den 1.135.000 arabischen Einwohnern zu zusprechen. Dieser Teilungsplan wurde schließlich am 29. November 1947 von der UNO-Generalversammlung mit der Resolution 181 mit 33 gegen 13 Stimmen und 10 Enthaltungen angenommen. Zu den ablehnenden Stimmen gehörten Afghanistan, Ägypten, Griechenland, Indien, Irak, Iran, Jemen, Kuba, Libanon, Pakistan, Saudi-Arabien, Syrien und die Türkei, also vor allem die muslimische und die unmittelbar betroffene arabische Staatenwelt. Umso mehr musste für die muslimische Welt der Staat Israel als ein unnatürliches, künstliches Konstrukt erscheinen, eine westliche Kolonie.

Am 14. Mai 1948 proklamierte David Ben-Gurion den Staat Israel, einen Tag später erklärte die neu gegründete Arabische Liga diesem den Krieg. Dies löste eine Massenflucht der arabischen Bevölkerung aus, die Pogrome fürchtete. Und wo die arabischen Einwohner nicht weichen wollten, verübten die Israelis, so der Historiker Benny Morris, auch Massaker, willkürliche Tötungen wie etwa in Sahila (70-80 Ermordete), Deir Yassin (100-110 Ermordete), Lod (250 Ermordete), und Dawayima (mehrere hundert Ermordete). Morris rechtfertigt dieses Vorgehen der israelischen Seite, da ansonsten „kein Staat entstanden [wäre]. Das muss klar sein. Das lässt sich nicht vermeiden. Ohne die Vertreibung der Palästinenser, wäre hier kein jüdischer Staat entstanden.“ Nach dem Historiker Pappe begannen aber die Vertreibungen und Pogrome bereits vor dem 15. Mai und wären somit auch ohne den Krieg fester Bestandteil der Politik Israels gewesen. Um die Geisteshaltung, die hinter diesen Gräuel steckt zu verstehen, sagt Pappe über die ersten Zionisten in Palästina: „Aber dann kam die zweite, die wichtige Einwanderergruppe. Das waren die Zionisten des 20. Jahrhunderts, jene, aus denen die zionistische Führung hervorging, Männer wie Ben Gurion und viele andere. Sie kamen 1905/1906. Sie waren sehr arm und hatten keinen Ort zum leben. Und wer half ihnen? Die Palästinenser. Es existiert dort eine traditionelle Gastfreundschaft, das ist eine jahrtausendealte Kultur. Man gibt Fremden Nahrung und Unterkunft. Man brachte ihnen bei, das Land zu bestellen. Und was schrieben Leute wie Ben Gurion in ihre Tagebücher? >Dieser Platz ist voll von Ausländern.< Die Menschen, die sie aufnahmen, waren für sie die Ausländer. Wenn man das versteht, versteht man die zionistische Mentalität. Dahinter verbirgt sich die Einstellung: Ich will diese Leute nicht sehen, weil sie Ausländer sind, die sich etwas angeeignet haben, was mir gehört. Die Palästinenser sind Fremde und Eindringlinge, und wir werden sie hinauswerfen.“

Nachdem Israel den ersten israelisch-arabischen Krieg gewonnen hatte, annektierte es weitere Gebiete, sodass es eine territoriale Erweiterung von 56 auf 77 Prozent erfuhr. Auf dem verlassenen Land der Araber entstanden so 186 neue jüdische Siedlungen.

Die Muslimbruderschaft hatte bereits im Oktober 1947, also schon vor der Abstimmung der UNO im November über die Teilung Palästinas, damit begonnen, Kämpfer zu rekrutieren, die dann mit Zustimmung der ägyptischen Regierung durch Militäroffiziere ausgebildet wurden. Am 18. Oktober war dann das erste Bataillon zusammengestellt, das zweite folgte am 6. März 1948 und das dritte erreichte Palästina im Mai 1948. Die syrische und die trans-jordanische Muslimbruderschaft entsendeten ebenfalls jeweils ein Bataillon. Insgesamt sollen schätzungsweise 1.500 Muslimbrüder in Palästina gekämpft haben. Al-Banna war gerade mit der Zusammenstellung eines vierten Bataillons beschäftigt, das er selber anführen wollte, als die Muslimbruderschaft am 8. Dezember 1948 aufgrund innerpolitischer Querelen in Ägypten verboten und die ägyptische Armee aufgefordert wurde, die Muslimbrüder festzunehmen.

Der islamisch verbrämte Antisemitismus
Der Konflikt zwischen dem ideologischen Islam und dem ideologischen Zionismus brachte auf Seiten der Muslime etwas neues hervor, dass vorher nicht da war: einen islamisch verbrämten Antisemitismus.

Rabbi Mark Cohen, Professor an der Princeton University, referierte auf der dritten Konferenz für religiösen Dialog in Doha 2005, dass die Beziehungen zwischen Juden und Muslimen in der islamischen Frühzeit in Medina eine feindselige Konfrontation war, deren Ursache jedoch nicht religiösen, sondern politischen Ursprungs war.

Ein Teil der jüdischen Stämme in Medina fühlte sich durch die zahlenmäßige Überlegenheit der Muslime entscheidend bedroht, war doch das eingependelte Machtgefüge in der landwirtschaftlich prosperierenden Oase nun empfindlich gestört. Mehr noch, sie fühlten sich übergangen, denn es waren die beiden arabischen und vormals polytheistischen Stämme der Aus und der Khazradsch, die in Eigeninitiative Muhammad und seine Anhänger nach Medina eingeladen und ihm zunächst die Rolle eines Schlichters zugeteilt hatten. Doch Muhammads Bedeutung und damit auch sein Einfluss wuchsen exponentiell und veränderten Medina grundlegend.

Diese anfängliche Konfliktsituation galt den nachkommenden Generationen von muslimischen Gelehrten aber nicht als essentieller Urkonflikt, sondern wurde in seinem damaligen Kontext verstanden und darin eingeschlossen. Anders ausgedrückt: aus den Erfahrungen der muslimischen Frühgemeinde mit ein paar jüdischen Stämmen konnten keine Schlüsse für spätere Beziehungen zum Judentum an sich gezogen werden. Das Gemisch an positiven wie negativen Aussagen über Juden im Qur’an musste folglich ebenfalls differenziert betrachtet werden. Die positiven Verse galten den Gelehrten als fundamentaler als die negativen, die im Rahmen des medinensischen Konfliktes verstanden wurden. Diese Interpretation wurde durch einen Vers, der zu den letzten Offenbarungen gehörte, die dem Gesandten Gottes Muhammad zuteil wurden, be- und gestärkt:

„Heute sind euch alle guten Dinge erlaubt.
Auch die Speise derer, denen die Schrift gegeben wurde, ist euch erlaubt, so wie eure Speisen ihnen erlaubt sind.
Und (erlaubt sind euch zu heiraten) tugendhafte Frauen, die gläubige sind, und tugendhafte Frauen von denen, welchen die Schrift vor euch gegeben wurde, sofern ihr ihnen ihr Brautgeld gegeben habt und tugendhaft mit ihnen lebt, ohne Unzucht, und keine Geliebten nehmt. Wer den Glauben verleugnet, dessen Werk ist fruchtlos, und im Jenseits ist er einer der Verlorenen.“
(5:5)

Trotz aller erfahrenen Unterschiede und Konflikte zwischen Juden und Muslimen, unterstreicht dieser Vers, so der verstorbene Professor Falaturi, dass Juden (und auch Christen) aufgrund ihrer monotheistischen Ausrichtung gesellschaftlich voll akzeptiert werden sollen, indem zu einer Tisch- und Ehegemeinschaft mit Juden eingeladen wird. Letzteres bedeutete in der arabischen Gesellschaft des 7. Jahrhunderts nicht nur eine Verbindung zwischen zwei Personen, sondern zugleich einen Vergesellschaftlichungsprozess von zwei Großfamilien oder sogar zwei Stämmen. Dies steht im Einklang mit den universellen Prinzipien des Islam, die in Versen, wie dem nachstehenden formuliert sind: „Siehe, die da glauben, auch die Juden und die Christen und die Sabäer – wer immer an Gott glaubt und an den Jüngsten Tag und das Rechte tut, die haben ihren Lohn bei ihrem Herrn. Keine Furcht kommt über sie, und sie werden nicht traurig sein.“ (2:62)

Der Exeget Muhammad Asad sah in diesen Passagen eine grundsätzliche Lehre des Islam: „Mit einem aufgeschlossenen Weitblick ohnegleichen in irgendeinem anderen religiösen Glauben wird hier die Vorstellung von >Rettung und Heil< von nur drei Bedingungen abhängig gemacht: Glaube an Gott, Glaube an den Tag des Gerichts und rechtschaffenes Handeln im Leben.“

Im Mittelalter war es, so Rabbi Cohen, eher die Regel als die Ausnahme, dass Juden als geschützte Leute, von den muslimischen Herrschenden hinsichtlich ihres Lebens, ihrer Religionsausübung, ihrer wirtschaftlichen Freiheit und ihrer Bewegungsfreiheit Schutz erfuhren – natürlich waren Muslime und Juden in der damaligen Zeit nicht gleichgestellt. Aber sie wurden nicht zur Konversion gezwungen, ihre Gemeinden waren autonom und im Geschäftsleben waren sie mit den Muslimen gleichberechtigt. Cohen spricht zwar nicht von einem Goldenen Zeitalter jüdisch-muslimischen Zusammenlebens, aber doch von einem harmonischeren Nebeneinander als es die jüdischen Geschwister im christlichen Europa erfuhren.

In diesem Zusammenhang machte Rabbi Cohen in seinem Beitrag eine interessante Bemerkung hinsichtlich der Abwesenheit eines jüdisch-muslimischen Dialogs im Mittelalter: Dieser sei gar nicht von Nöten gewesen, denn über was hätte man diskutieren sollen. Beide glaubten sie an den einen Gott, sahen in Jesus nicht Gottes Sohn, glaubten an ein offenbartes Gesetz, und sahen Glaube und Tat als die zwei Seite einer Medaille an. Juden und Muslime, so Cohen, fühlten sich einander nicht fremd. Deswegen seien muslimische Polemiken gegen Juden und das Judentum im Mittelalter verglichen mit der Masse anti-jüdischer Polemiken in der christlichen Welt eine Seltenheit geblieben. Ausschreitungen gegen Juden als Juden habe es so gut wie nie gegeben.

Das Verhältnis zum Judentum begann sich erst ab dem 19. Jahrhundert zu verändern. Auf muslimischer Seite verlor man das Bewusstsein für eine Unterscheidung zwischen dem eigenen Wahrheitsanspruch und der Existenz mehrerer Heilswege als Ausdruck von Gottes Barmherzigkeit. Damit verbunden fielen die Muslime hinter die islamische Toleranzkonzeption des Mittelalters zurück, statt sie notwendigerweise weiterzuentwickeln. Hinzu kamen der schwelende Palästinakonflikt und die Begegnung der Araber mit dem europäischen Antisemitismus.

Es waren arabische Christen, die als Erstes europäische antisemitische Traktate ins Arabische übersetzten. Das erste Werk dieser Art erschien 1869 in Beirut, das die angeblichen Bekenntnisse eines zum Christentum konvertierten Rabbiners über die Grausamkeiten der jüdischen Religion beinhaltete. Die erste Übersetzung der Protokolle der Weisen von Zion wurde am 15. Januar 1926 in der Zeitschrift raqib sahyun (Beobachter Zions) veröffentlicht, die in Jerusalem von der römisch-katholischen Gemeinde herausgegeben wurde. Eine weitere Übersetzung aus dem Französischen, erneut angefertigt von einem arabischen Christen, erschien etwa zwei Jahre später in Buchform in Kairo. Eine Übersetzung aus dem Englischen, erstmals aus muslimischer Feder, erfolgte dann 1951. Bald schon stand dem arabischen Leser eine Flut antisemitischer Lektüre zur Verfügung, die ausnahmslos christlichen, europäischen und amerikanischen Ursprung waren.

In dieser ersten Phase wurden antisemitische Anklagen einfach wiederholt – allerdings unter Ausschluss des Rassengedankens und der säkular-messianischen Vorstellung einer Endlösung, wie es der Antisemitismus der Nazis kannte. Dadurch, dass Juden zu den Leuten der Schrift gehören und somit eine von Gott anerkannte Gemeinschaft sind, kann der islamisch verbrämte Antisemitismus den Gedanken einer Endlösung überhaupt nicht aufnehmen und integrieren. Islamische Antisemiten wollen den Staat Israel auslöschen, nicht aber das jüdische Volk.

Die Muslime wurden also mit dem Bild des Juden als Freimaurer, als Großkapitalist, als Kommunist, als Umstürzler und als Verschwörer mit dem Ziel der Weltherrschaft vertraut gemacht. Diese Bilder dienten dann als eine plausible Erklärung, weshalb der israelische Staat im ersten israelisch-arabischen Krieg den Sieg davontrug und weshalb die Zionisten die Unterstützung der jeweils führenden Macht – zuerst Großbritannien, dann die USA – erlangen konnten.

In einer zweiten Phase, wurden diese Vorstellungen verinnerlicht, assimiliert und islamisiert. Dieser islamisch verbrämte Antisemitismus zieht sich durch die meisten Werke des Muslimbruders Sayyid Qutb (gest. 1966) und erhält durch seine sechsbändige Exegese des Qur’an fi zilal al-Qur’an (Im Schatten des Qur’an) eine “heilige” Legitimation. Nach Qutb beginnt die Feindschaft zwischen Juden und Muslimen mit ihrer Auflehnung gegen den Prophet Muhammad in Medina. Seit die Juden militärisch geschlagen wurden, würden sie sich ununterbrochen bemühen aus dem Schatten heraus mit ihren Eigenschaften der List und der Verschlagenheit den Islam zu zerstören. So stände hinter den christlichen Kreuzzügen, die mit dem europäischen Kolonialismus ihre Fortsetzung fänden, und dem Kommunismus, der nach Qutb eine jüdische Erfindung ist, das Weltjudentum. Ziel der Juden sei die Weltherrschaft, an deren Ende nur das Judentum selber überleben soll. Der Kampf gegen die Juden sei daher zum Wohle der gesamten Menschheit.

Eine Differenzierung der Juden von damals und heute sei nicht nötig, da die jüdische Psyche und Verhaltensweise in jeder Generation gleich bleibe. Damit dienen antisemitische Verschwörungstheorien im islamischen Gewand Qutb zur hinreichenden Welterklärung für den Niedergang der Muslime. Das Bündnis der Juden mit den anderen Feinden des Islam, nach Qutbs Weltanschauung waren dies die Christen, sei daher eine Selbstverständlichkeit. Eindringlich warnt Qutb seine Leser, dass niemand sich täuschen lassen solle, es handle sich bei den Konflikten der Gegenwart um politische oder wirtschaftliche Auseinandersetzungen. Als naive und verwirrte Muslime verhöhnt er jene, die nicht sehen könnten, dass der Konflikt zwischen der jüdisch-christlichen und der muslimischen Welt ein religiöser und ideologischer sei.

Nach Benz ist die zentrale Botschaft von Verschwörungstheorien stets die angebliche Feindschaft einer Minderheit gegen die Mehrheit. Auch bei Qutb wird aus der zahlenmäßig bedeutend kleineren jüdischen Religionsgemeinschaft ein monolithischer globaler Weltverschwörer. Gänzlich unreflektiert greift Qutb politische Schlagwörter seiner Zeit auf, wenn er vom Weltzionismus, von den kreuzfahrenden Kirchen und dem Weltkommunismus schreibt, die gemeinsam den Islam bekämpfen.

Qutbs geschlossenes Feindbild “des” Juden, das von einer konstitutionellen Schlechtigkeit aller Juden ausgeht, erfährt auch keine Veränderung durch die positiven jüdischen Gestalten des Qur’an, wie z. B. den Herrscher Saul und den Propheten-Königen David und Salomon. Stattdessen werden Fehlverhalten von Juden überbetont und dienen dazu, die Unveränderbarkeit des jüdischen Charakters zu belegen.

Der jüdische Gelehrte Moses Mendelsohn (gest. 1786) hatte einst prägnant festgehalten, dass Antisemiten den jetzt lebenden Juden die Fehler ihrer Vorfahren vorhalten, „ohne zu bedenken, dass aller der gerügten Untugenden ungeachtet, der gesetzgebende Gott unserer Väter (…) es gleichwohl möglich gefunden, diesen rohen Haufen zu einer ordentlichen, blühenden Nation umzubilden, die erhabene Gesetze und Verfassung, weise Regenten, Feldherren, Richter und glückliche Bürger aufzuweisen hat“.

Es ist wichtig festzuhalten, dass diese Form des Antisemitismus nicht im Islam selber wurzelt, sondern gänzlich ein Produkt unserer Zeit ist. Dies wird deutlich, wenn man aktuell die Situation der Juden auf dem Balkan betrachtet. Während in Kroatien, Serbien und Griechenland antisemitische Literatur den Büchermarkt derzeit überschwemmt, Synagogen wie jene in Dubrovnik wiederholt mit antisemitischen Schmierereien verunstaltet werden, griechische Tageszeiten ungeniert antisemitische Karikaturen abdrucken, Juden wie jene in der Stadt Osijek anonyme Drohbriefe erhalten, serbische Faschisten Todeslisten mit jüdischen Namen online stellen, und Juden in Griechenland angegriffen werden, treten antisemitische Tendenzen in Bosnien und Kosovo am schwächsten auf. Was die Gesellschaft dort, von jener des übrigen Balkans wesentlich unterscheidet und prägt, ist dass sie mehrheitlich muslimisch ist. Daher schreibt Cohen: „Die meisten wissen nichts mehr von den Freundschaften, die Juden im “alten Land” mit den Muslimen pflegten. Sie haben vergessen, dass bis zum 20. Jahrhundert – und in einigen Fällen bis in die 1940er-Jahre hinein – viele Mitglieder der Arabisch sprechenden jüdischen Mittelklasse tief in die arabische Gesellschaft und Kultur verwurzelt waren, wie ihre mittelalterlichen Vorfahren, die die arabische und islamische Kultur mit ganzem Herzen angenommen hatten: Philosophie, Naturwissenschaft, Medizin, Schriftgelehrsamkeit und Poesie. Diese Vorfahren lebten in keiner interreligiösen Utopie, aber in einem Zeitalter der Koexistenz, das wie ein ferner Spiegel dessen wirkt, was in unserer Gegenwart immer noch möglich wäre.“

Die Muslimbruderschaft in Palästina
Nach Ende des ersten israelisch-arabischen Krieges benötigte die Muslimbruderschaft in Palästina vor allem Zeit, um sich zu reorganisieren und sich auf die veränderte Lage einzustellen.

Daher konzentrierte man sich wieder auf die ursprüngliche Programmatik, nämlich der Vermittlung des Islam, um eine rechtschaffene Generation hervorzubringen.

Finanzielle Unterstützung erhielten sie hierbei seitens der Mutterorganisation in Ägypten und von Muslimbrüdern aus der Golfregion. Denn die Realität – insbesondere im Gazastreifen – war nach dem Krieg geprägt durch extreme Armut, Flüchtlingen, die notdürftig in Lagern untergebracht worden waren, und dem Zusammenbrechen der traditionellen Sozialstruktur. Trotz einiger militanter Töne war der Befreiungskampf auf unbestimmte Zeit verlegt worden. Und so widmeten sich die Muslimbrüder in den kommenden Jahrzehnten dem Aufbau einer Infrastruktur für die palästinensische Bevölkerung. Dabei standen zwei Projekte im Mittelpunkt:

– Moscheebau. Von 1967 bis 1987 stieg die Zahl der Moscheen in der Westbank von 400 auf 750, im Gazastreifen von 200 auf 600 – mitfinanziert vom israelischen Militär.

Der israelische Militärgouvernor in Gaza, Brigadier General Yitzhak Segev erklärte, es sei das Ziel gewesen, die Muslimbruderschaft als Gegengewicht zur PLO aufzubauen: „Die israelische Regierung gab mir ein Budget und die Militärregierung gibt es an die Moscheen.“ Auch Brigadegeneral a. D. Benjamin Ben Eliezer, der von 1983 bis 1984 Koordinator der israelischen Politik in den besetzten Palästinensergebieten war, erklärte: „Hinsichtlich der [Palästinenser] Gebiete hat es noch nie ein klares, langfristig angelegtes politisches Konzept gegeben, weil es keine nationale Einigung über die dort zu verfolgenden Ziele gab. Niemand machte sich die Mühe, in die Zukunft zu schauen. (…) Alle betrachteten die Lage durch die Sicherheitsbrille: Was zählte, war, politische Subversion zu verhindern und Prozesse zu blockieren, die zu Terrorakten führen könnten. In diesem Zusammenhang sagte man damals, lasst uns als Gegengewicht zur PLO den Islam gedeihen lassen. Sie [die Palästinenser] sollten sich lieber mit Gott als mit Terrorismus beschäftigen.“

Ähnlich äußerte sich auch Moshe Arens, Israels Verteidigungsminister von 1982 bis 1984: „Zweifelsohne sah man darin (in den Aktivitäten der Islamisten) ein gesundes Phänomen, das die PLO stoppen könnte. Von Seiten des Militärs und des Inlandgeheimdienstes Schabak gab es wohl auch den Versuch, die Fundamentalisten als Gegengewicht zur PLO zu fördern. So hatte man mir bei Amtsantritt mitgeteilt. De facto wurde jedenfalls nichts unternommen, um sie aufzuhalten.“

Die Muslimbruderschaft bestreitet natürlich jede Kooperation mit der israelischen Besatzungsmacht und sieht in solchen Verlautbarungen vielmehr einen Versuch ihrer Diskreditierung.

– Sozialeinrichtungen. Ein Beispiel für eine Sozialeinrichtung der Muslimbruderschaft ist das Islamische Zentrum in Gaza, das eine Moschee, eine Poliklinik, eine Jugendsporthalle, einen Kindergarten, eine Festhalle, ein Frauenzentrum und ein Almosen-Komitee beherbergt. 1978 erhielt es eine offizielle Lizenz von der israelischen Besatzung und fungiert als Hauptquartier der palästinensischen Muslimbruderschaft.

Daneben wurden in den Palästinensergebieten Kindergärten, Schulen, Bibliotheken, Sportclubs, Wohltätigkeitsorganisationen und die Islamische Universität Gaza gebaut.

Als der Muslimbruder Khalil Al-Wazir (1935-1988) 1957 einen Plan vorlegte, der zum Ziel hatte, eine neue militante Organisation zu schaffen, die aber keinerlei offizielle Verbindung zur Muslimbruderschaft besaß, um so deren Infrastruktur vor israelischer Vergeltung zu schützen, und die auch kein islamisches Programm besitzen sollte, um so auch nichtreligiöse Palästinenser anzusprechen, winkte die Führung der Muslimbruderschaft ab. Al-Wazir trat daraufhin aus und gründete mit Yasir Arafat (1929-2004) die FATAH. Als Reaktion hierauf distanzierten sich die Muslimbrüder von der neuen Bewegung und lehnten jede Teilnahme am bewaffneten Widerstand kategorisch ab – zumindest bis zur Gründung der HAMAS 1987.

Diese passive Haltung wurde von vielen Palästinensern als Duldung der Besatzung empfunden, während es die säkularen, nationalistischen Gruppierungen waren, die aktiven bewaffneten Widerstand gegen die israelische Besatzungsmacht für die palästinensische Sache leisteten. Hierdurch geriet die islamisch-ideologische Bewegung zunehmend in die Kritik und wurde geradezu verhöhnt, wann denn das spezifische Datum sei, an dem die Erziehung einer neuen Generation von Muslimen abgeschlossen sei, sodass man auf die Unterstützung der Muslimbruderschaft hoffen dürfe.

Aber auch innerhalb der Organisation waren insbesondere junge Mitglieder frustriert über diese Situation. Schließlich verließen 1980 islamische Aktivisten, aufgeputscht durch die islamische Revolution im Iran 1979, die Muslimbruderschaft, um den Islamischen Jihad zu gründen. Während 1984 eine Gruppe junger Muslimbrüder auf Eigeninitiative hin versuchten eine bewaffnete Zelle zu gründen. Das Unterfangen wurde zu einem Fehlschlag, die israelische Besatzungsmacht erfuhr davon und nahm alle 13 Mitglieder fest. Dieser stümperhafte Aktionismus lässt erahnen, wie sehr die jugendlichen islamischen Aktivisten frustriert waren und wie groß der Druck auf die Führung der Bruderschaft gewesen sein muss, diese Stimmung schleunigst zu kanalisieren.

Denn immer stärker geriet die Muslimbruderschaft in eine Glaubwürdigkeitskrise. Der Islamische Jihad kritisierte, dass man verwundert sei, wie eine Organisation, die sich dem Jihad verschrieben habe, sich diesem nun enthalte. Die Muslimbruderschaft sei von ihrem klaren Weg abgekommen. Und FATAH-Mitglied As‘ad Al-Saftawi meinte 1988, dass die Jugend sich nicht mehr länger von der islamischen Organisation vertrösten lasse. Dies und die Weigerung mit palästinensischen Organisationen zusammenzuarbeiten, die sich nicht auf den Islam beziehen, isolierte die Muslimbruderschaft zunehmend und verhinderte, dass sie in Palästina zu einer Massenbewegung wurde.

Die Geburt der HAMAS
Die erste Intifada 1987 zwang schließlich die Muslimbruderschaft zum Handeln.

Auslöser war ein schwerer Verkehrsunfall am 8. Dezember, bei dem ein israelischer Lastwagen mit zwei Sammeltaxis zusammenstieß, deren Fahrgäste palästinensische Tagelöhner waren, auf dem Weg zurück in ihre Flüchtlingslager. Die Folge: vier Tote. Dieses Ereignis war der Tropfen, der das Fass angestauter Wut über das menschenunwürdige Leben unter israelischer Besatzung und die Ohnmacht gegenüber der israelischen kolonialistischen Siedlungspolitik zum Überlaufen brachte. Allerorts in den besetzen Gebieten fanden in der Regel friedliche, manchmal aber auch von gewalttätigen Ausschreitungen begleitete Massendemonstrationen statt, die auf ein Ende der Besatzung pochten.

Tags darauf versammelten sich die Führer der palästinensischen Muslimbruderschaft, um ihr Vorgehen in dieser Krise zu besprechen. Man befand sich in einem ideologischen Dilemma. Die Intifada kam für die Muslimbrüder völlig überraschend. Nicht an ihr zu partizipieren, hätte der islamischen Bewegung einen Großteil ihres Nachwuchses gekostet und ihr Ansehen nachhaltig in der palästinensischen Bevölkerung beschädigt. Aber wie sollte man diesen Wandel kommunizieren, wenn man noch kurz zuvor proklamiert hatte, die Zeit des Jihad sei noch nicht gekommen und dass man zunächst eine rechtschaffene Generation erziehen müsse?

Der Ausweg stellte die Gründung der HAMAS dar, ein Akronym für harakat al-muqawama al-islamiya (Bewegung des islamischen Widerstandes), zugleich bedeutet das Wort Eifer.

Im Grunde griffen die Muslimbrüder in Teilen die Idee von Al-Wazir auf. Die HAMAS war als eigenständige Organisation gedacht zum Schutz der institutionellen Struktur der Muslimbruderschaft.

Erst Monate später, als sich abzeichnete, dass die Intifada von Dauer sein würde, nämlich bis 1993, gab man sich in einem Flugblatt als Arm der Muslimbruderschaft zu erkennen: „Die Bewegung des Islamischen Widerstandes, der mächtige Arm der Gesellschaft der Muslimbrüder, die ihren ersten Imam um die Jahreszeit 1949 als Märtyrer in Ägypten geopfert und die Märtyrer auf der gesegneten Erde Palästinas gestellt hat, würdigt die Durchhaltekraft unserer Anhänger und Aktivisten (…) und überhaupt unseres gesamten Volkes in unserem besetzten Land, seine Opfer und seine außergewöhnliche brüderliche Solidarität. Sie ruft es auf, die Intifada fortzusetzen.“

In der HAMAS findet der religiöse Zionismus schließlich seinen ideologischen Wiederpart, der für das Primat der Raumbeherrschung den universellen Horizont des Qur’an und seine ethischen Werte unterordnet und mittels des islamisch verbrämten Antisemitismus den Anderen zum Feindbild erklärt, gegen das jedes Mittel legitim ist, selbst die unislamischen Selbstmordattentate. Die Extremen berühren sich. So heißt es in der HAMAS-Charta (Hervorhebungen durch den Autor): „Die Islamische Widerstandsbewegung ist einer der Flügel der Muslimbrüder in Palästina. Die Bewegung der Muslimbrüder ist eine internationale Organisation, und sie ist die bedeutendste der islamischen Bewegungen in der modernen Zeit. Sie zeichnet sich aus durch tiefes Verständnis, präzise Vorstellung und vollkommene Ganzheitlichkeit aller islamischen Konzepte auf den verschiedensten Gebieten des Lebens: in Denken und Glauben, in Politik und Wirtschaft, in Erziehungs- und Sozialwesen, in Rechts- und Regierungswesen, in [religiöser] Unterweisung und Bildung, in Kunst und Medien, in Mysterium und Martyrium und auf den anderen Gebieten des Lebens.“ (Artikel 2)

„Die Feinde haben seit langer Zeit geplant und ihre Planung präzisiert, umso zu erreichen, was sie erreicht haben. (…) Sie strebten danach, gewaltige und mächtige materielle Reichtümer anzuhäufen und sich ihrer zur Verwirklichung ihres Traumes zu bedienen. So erlangten sie durch das Vermögen die Kontrolle über die internationalen Medien- und Nachrichtenagenturen, Presse, Verlage, Rundfunk und andere. Durch das Vermögen lösten sie Revolutionen in verschiedenen Teilen der Welt aus, um ihre Interessen zu verwirklichen und Gewinne zu erzielen. Sie standen hinter der Französischen Revolution und den meisten Revolutionen hier und da, von denen wir gehört haben und hören. Mit dem Vermögen bildeten sie die Geheimorganisationen, die in den verschiedenen Teilen der Welt verbreitet sind, um die Gesellschaften zu zerstören und die Interessen des Zionismus zu verwirklichen, wie die Freimaurerei, die »Rotary« und »Lion Clubs«, die »Söhne des Bundes« und andere. Es sind allesamt subversive Spionageorganisationen. Mit dem Vermögen konnten sie die Kontrolle über die kolonialistischen Staaten erlangen und sie zur Kolonisierung vieler Länder veranlassen, um die Reichtümer jener Länder abzuschöpfen und dort ihre Unmoral zu verbreiten (…). Sie standen hinter dem Ersten Weltkrieg, wo sie es schafften, den Staat des islamischen Kalifats zu beseitigen, und wo sie (…) die Balfour-Erklärung erhielten und den Völkerbund schufen, um die Welt mittels dieser Organisation zu beherrschen. Und sie standen hinter dem Zweiten Weltkrieg, wo sie (…) die Errichtung ihres Staates anbahnten und wo die Bildung der Organisation der Vereinten Nationen und des Sicherheitsrates anstelle des Völkerbundes anregten, um damit die Welt zu beherrschen. Es gibt keinen Krieg, der hier oder da im Gang ist, ohne dass sie ihre Finger dahinter im Spiel haben. (…) So unterstützten die kolonialistischen Kräfte im kapitalistischen Westen und im kommunistischen Osten den Feind mit aller verfügbaren Kraft, materiell und menschlich, wobei sie sich in den Rollen untereinander abwechseln. Sobald der Islam in Erscheinung tritt, schließen sich ihm gegenüber die Kräfte des Unglaubens zusammen, denn die Gemeinschaft des Unglaubens ist ein und dieselbe.“ (Artikel 22)

„Die Islamische Widerstandsbewegung ist ein Glied in der Kette des Dschihad in der Konfrontation mit der zionistischen Invasion.“ (Artikel 7)

„Die Initiativen und die so genannten Friedenslösungen sowie die internationalen Konferenzen zur Lösung der Palästina-Frage stehen im Widerspruch zum Bekenntnis der Islamischen Widerstandsbewegung, denn die Aufgabe irgendeines Teiles von Palästina bedeutet einen Teil der Religion aufzugeben.“ (Artikel 13)

Schlusswort
Es ist zu simpel, zu realitätsfern den Nahost-Konflikt, die Israelis und die Palästinenser, die Juden und die Muslime, den Zionismus und die HAMAS in ein Gut-Böse-Schema zu pressen. Beide Seiten sind Opfer, beide Seiten sind Täter. Sinnlos ist für die Gegenwart und die Zukunft die Diskussion, wer als erstes mit dem Unrecht begann, wichtiger und konstruktiver wäre eine Debatte darüber, wie weiteres Unrecht verhindert und der blutige Streit zwischen den abrahamischen Geschwistern beendet werden kann. Kann er dies überhaupt noch? Wer ist Freiheitskämpfer? Wer ist Terrorist? Wer ist Aggressor? Wer ist Verteidiger? Bedienen sich nicht beider Seiten unmenschlicher Methoden, um die eigenen ideologischen Ziele zu erreichen? Beide Seiten sind verstrickt in Unschuld und Schuld, in einen Kreislauf der Gewalt und Gegengewalt aus dem es kein Entrinnen gibt, solange man sich nicht von den eigenen Ideologien lösen kann und zum eigenen religiösen Ethos zurückkehrt. Denn die geistigen Wurzeln des Zionismus und des ideologischen Islam liegen nicht in den religiösen Quellen von Judentum und Islam, sondern sie sind im Europa des frühen 20. Jahrhunderts zu finden.

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Muhammad Sameer Murtaza M.A. ist Islamwissenschaftler bei der Stiftung Weltethos (http://www.weltethos.de/). Seit 2010 setzt er sich mit der Vortragsreihe Gemeinsames Kernethos von Judentum und Islam für ein besseres Verständnis zwischen den beiden Religionen ein.

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