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Eine etwas andere Mondsichtung

Unser Himmelsnachbar ist eine zeitliche und eine räumliche Verortung. Von Hiba Zemzemi

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Foto: NPR | Lizenz: Public Domain

(iz). Pünktlich zum Ramadan entbrennt alljährlich der berühmte Mondstreit. „Gesichtet oder nicht gesichtet?“ ist die allramadanische Frage, die Muslime auf der ganzen Welt jährlich in zwei Gruppen spaltet. Mit der Geburt des Neumondes entflammt eine Schlacht, die mit Teleskopen, Kalkulations- und Sichtungsmethoden ausgefochten wird und dabei nicht selten einen politischen Beigeschmack hat.

Dieser Text ist ein Versuch, inmitten dieser Mondsichtungszwietracht den Mond in seiner Bedeutung, Symbolkraft und Anmut zu würdigen. Er ist eine Hommage an den geduldigen Mond, der jährlich unsere Streitigkeiten erträgt und unseren Ramadanhimmel nach wie vor mit Licht und Schönheit ziert. Inmitten der Mondsichtungscholerik versucht dieser Artikel, einen melancholischen Blick auf unseren Himmelsnachbarn zu werfen und in diesen Tagen auf eine andere Weise über den ihn zu sprechen.


Der Mond als zeitliche Verortung

Für Muslime ist der Mond vor allem als Element der Zeitrechnung von besonderer Bedeutung. Anders als der gregorianische Kalender richtet sich die muslimische Zeitrechnung nach den Phasen des Mondes. Jedoch, was ist besonders am Mond als Element der Zeitrechnung?
Aus dem Nichts des Dunkeln erhebt sich ein kleiner Lichtfleck. Ein Neumond, klein, von nahezu unbedeutender Größe wird im Stillen geboren und kündigt einen Beginn an. Nun wird er fortan wachsen und mit jedem Mondaufgang an Größe und Schönheit zunehmen. Als himmlischer Verwandter erinnert er uns damit an das Zyklische allen Seins, vor allem an das des unsrigen.
Anfangs unbedeutend, schwach und übersehbar, erreicht er seinen Höhepunkt in der Mitte, wo er die Fülle seiner Leuchtkraft und Schönheit entfaltet, um gleich im nächsten Moment seine Reise der Regression anzutreten, und erneut in der Unsichtbarkeit zu verschwinden.

Die Mondgestalt und ihre Bewegung verorten uns immer im Zeitkontinuum. Ähnlich wie die Himmelsfarbe Auskunft über den Sonnenstand und die Tageszeit gibt, so gibt der Mond Auskunft darüber, wo wir uns im Ramadan befinden. Die Lichtgestalt des Mondes erscheint somit wie eine himmlische Wanduhr. Schweigsam ziert sie die Himmelsdecke und erinnert uns daran, wie viele wertvolle Fastentage schon verstrichen sind und wie viele von ihnen uns noch bevorstehen. Der Mond ist somit nicht nur für den Beginn des Ramadans relevant, sondern vor allem für seinen Verlauf. Anmutig lehrt er uns von dort oben Wachstum und anspruchslose Schönheit und warnt vor Stillstand und Regression. „Er ist es, Der die Sonne zur Leuchte und den Mond zu einem Schimmer machte und ihm Stationen bestimmte, auf dass ihr die Anzahl der Jahre und die Berechnung kennen möget. Allah hat dies nicht anders denn in Weisheit geschaffen. Er legt die Zeichen einem Volke dar, das Wissen besitzt.“ (Junus, 5)

Der Mond als räumliche Verortung
Der Blick zum Mond ist neben der zeitlichen auch eine räumliche Verortung. Der menschliche, kontemplative Blick in den Himmel stellt seit jeher den Versuch dar, uns in der Weite des Multiversums zu positionieren und unseren Platz in dieser entgrenzten Sphäre schwimmender Körper einzunehmen.

Als Teil des Himmelsrätsels scheint der Mond fern und unberührbar zu sein, und doch verbindet uns mit ihm eine ganz persönliche und intime Beziehung. Eine solche Bindung zum Mond als Verbündeten und Begleiter entwickeln wir bereits als Kinder. Etwa während langer nächtlicher Autofahrten, in denen wir mit kindlicher Faszination die Mondsichel aus dem Autofenster beobachten und mit Gewissheit glauben, sie verfolge uns und reise mit uns mit.

Als kosmischer Nachbar stellt er unsere erste Berührung und Begegnung mit dem unergründbaren Himmelsreich dar. Mit seiner Umkreisung umklammert und umarmt er unseren Planeten, und ist dabei ein Anker in einem überwältigenden Kosmos von Unbekanntem. Er spendet somit nicht nur Licht im Dunkeln, sondern gewährt auch einen Hauch von Sichtbarkeit in einem Meer von Unsichtbarem.

Mit seiner wechselnden und wachsenden Gestalt ist er ein permanentes Spiel zwischen dem was wir sehen können und was nicht. Wir zeichnen ihn immer als Sichel, wohl wissend, dass er eigentlich kugelförmig ist. Die Sichel ist der beleuchtete, sichtbare Teil von einem versteckten Ganzen. Sie verweist damit immer über sich selbst hinaus und erinnert an die vielen Dinge, die uns abwesend und nicht existent erscheinen. Dies aber nur, weil sie in einem Schleier von Unsichtbarkeit eingehüllt sind und es uns an Erleuchtung bedarf, um ihrer gewahr zu werden. „Nein, Ich schwöre bei dem, was ihr seht. Und bei dem, was ihr nicht seht.“ (Al-Haqq, 38-39)

Der Monat als Vermittler

Seit jeher wird der Mond in all seinen Gestalten und Erscheinungen in vielen Poesien als Inbegriff unnahbarer, vollkommener Schönheit und als Licht- und Erleuchtungsquelle besungen. Dies scheint paradox zu sein, denn als lichtloser Körper zehrt der Mond seine Leuchtkraft aus der fernen Sonne, welche die tatsächliche Lichtquelle darstellt. Die aber wird in besagter Poesie seltener als Symbol kosmischer Schönheit und Vollkommenheit gepriesen.

Mystiker sehen in dieser Unnahbarkeit der ersten Lichtquelle eine Metapher für das Göttliche Licht, das alles beleuchtet und durchdringt, an sich aber nicht sichtbar ist und erst durch Reflexion und Manifestation wahrnehmbar wird. Der Mond also ist ein Vermittler und Mediator zwischen der entgrenzten Sphäre des Kosmos und einem begrenzten erdlichen Sein. Er reflektiert fernes, unergründbares Licht und transformiert es in ein mildes, behagliches, das vom Dunkel der Nacht umrahmt umso klarer und sichtbarer erscheint. „Allah ist Das Licht der Himmel und der Erde. Das Gleichnis Seines Lichts ist wie eine Nische, worin sich eine Lampe befindet. Die Lampe ist in einem Glas. Das Glas ist gleichsam ein glitzernder Stern – angezündet von einem gesegneten Baum, einem Ölbaum, weder vom Osten noch vom Westen, dessen Öl beinah leuchten würde, auch wenn das Feuer es nicht berührte. Licht über Licht. Allah leitet zu Seinem Licht, wen Er will. Und Allah prägt Gleichnisse für die Menschen, denn Allah kennt alle Dinge.“ (An-Nur, 35)

Der Mond ist also eine Verortung in Zeit, eine Verortung in Raum, ein Nachbar, Verbündeter und Reisebegleiter, ein Mittler und Mediator.
Und er ist weit mehr als das! Dies waren einige von vielen Wegen und Arten, über den Mond als Gegenstand von Eintracht statt von Zwietracht zu sprechen. Sie sollten zeigen, wie kurzsichtig unsere Mondsichten zuweilen sind und dass er weit mehr ist als ein Startschuss für Zerstreuung, Streit und Spaltung.

Die gute Nachricht im Mondstreit ist: So sehr sich die Mond(an)sichten unterscheiden und sich die Geister über ihn scheiden, so eint uns doch die Freude am Ramadan, die Vorfreude auf den ’Id und vor allem die Freude auf das Iftar. In diesem Sinne: Möge Allah Ihr Fasten annehmen!

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