IZ News Ticker

Eine europäische Institution

Der Fotograf Ahmad Krausen bildet die Moscheen des Kontinents ab

Werbung

Alle Fotos: Ahmad Eckhart Krausen

(iz). Der 10. Juli 2003 war ein historisches Datum für Europas Muslime – 511 Jahre, nachdem die Muslime gezwungen waren, Spanien zu verlassen. An diesem Tag wurde die erste Moschee, die von spanischstämmigen Muslimen in Granada gebaut wurde, mit Rezitationen des Qur’ans, dem Gebetsruf und vielen wichtigen Ansprachen eröffnet. Die neue Moschee Granadas war die erste Moschee dieser Bedeutung, die von neuen Muslimen Europas gebaut und geleitet wird. Das von der Moschee kommende Gebet symbolisiert die Wiedergeburt einer mus­limischen Gemeinschaft, Zivilisation und Kultur, die einmal viele Jahrhunderte in diesem Land und einem Teil des Kon­tinents anwesend war.

Ahmed Eckhart Krausen gehört zu den Muslimen, die ich seit langer Zeit kenne, und doch immer wieder von ihrer Kreativität beeindruckt. Der Fotograf und Autor, der sich seit langer Zeit um die Bergung und Verbreitung des islamischen Erbes in der europäischen Tradition, insbesondere um Moscheen, verdient gemacht hat, veröffentlichte in diesem Jahr den englisch-polnischen Bildband „Mosques – Islamic Architecture in Europe“. Darin leistet er einen wichtigen Beitrag zur Aufklärung und zur Behebung des Missverständnisses, islamische Lebenspraxis und europäische Kultur seien ­prinzipielle Gegensätze. Umso beeindruckender ist, dass er lange Jahre Überzeugungsarbeit unter muslimischen Institutionen machen musste, um sie von der Relevanz dieses Themas zu überzeugen.

Alle Fotos: Ahmad Eckhart Krausen

Krausen, der seit Jahrzehnten in Dänemark lebt und arbeitet, wurde 1955 als Kind einer protestantischen Familie im rheinischen Aachen geboren. Mehr als seine Herkunft hätten ihn die kulturellen und politischen Umwälzungen Europas in den 1960er und 1970er Jahren beeinflusst, heißt es in der Einführung des vorliegenden Bandes. Nach der Umsiedlung in die jetzige Heimat Dänemark zum Ende der 1970er begann er eine umfangreiche Reisetätigkeit. „Auf meinen Reisen suchte ich nach den größten Fragen im Leben – insbesondere in Ägypten und dem Sudan. Hier traf ich Menschen, welche die Richtung meines Lebens änderten. Ihre Antworten führten mich dazu, schließlich zum Islam zu ­konvertieren.“

Ernsthafter beschäftigte sich Ahmad Eckhart Krausen in den 1990er Jahren mit der Fotografie. Das habe nicht nur zu einer Professionalisierung bei ihm geführt. Die Konzentration auf die Kameralinse habe ihn zum Islam geführt. „Ich entdeckte, dass mein Interesse an Licht und Verschlusszeiten, am Bildausschnitt und an Belichtung zu Elementen meiner eigenen Entdeckung des Islam wurden. Die Arbeit mit der Arbeit wurde meine Brücke zur Religion.“ 1992 bezeugte der Fotograf seinen Islam und heiratete drei Jahre später.

Seitdem ging es Ahmad Eckhart Krausen darum, die Differenzen zwischen Muslimen sowie zwischen Europa und dem Nahen Osten zu überwinden. Als Mittel dazu suchte er sich die Abbildung steinerner Zeugen des Islam sowie seiner unterschiedlichen ästhetischen Ausdrucksformen aus, mit denen er in Europa ­gegenwärtig ist.

Alle Fotos: Ahmad Eckhart Krausen

Ein deutscher Muslim habe ihm einmal gesagt, dass Vielfalt wie das Salz im Essen sei – ohne schmeckt es fade. Darüber hinaus ist es Krausen wichtig, dass eine Moschee die lokale Gemeinschaft reflektiert, in der sie sich befindet. „Ein Moschee in Europa muss nicht wie eine Moschee in Ägypten aussehen. Und eine Moschee in Deutschland muss keiner türkischen ähneln.“

Das ist keine neue Erscheinung in Europa. Seine Gegenwart im westlichen Teil unseres Kontinents reicht bis in den Beginn des 8. Jahrhunderts christlicher Zeitrechnung zurück und im östlichen bis ins frühe 9. und er hinterließ nachweisbare Spuren in Wissenschaft, Kultur und Lebensweise Europas. Heute schreiben Muslime – Europäer unterschiedlichster Herkunft – ein neues Kapitel. Neue Moscheen sind Zeugnis ihrer Gegenwart und werden zu bleibenden Elementen in vielen unserer Großstädte. Die Fülle und Vielfalt ihrer architektonischen Formen, die bescheidenen und doch subtilen Elemente und die Demut gegenüber dem Herrn der Welten sind einige ihrer Eigenschaften. Dank des vorliegenden Bandes haben wir die Möglichkeit zu sehen, wie diese Bauten die besten Möglich­keiten alter und moderner Architektur verkörpern – dazu gehören Gebäude wie die Holzmoscheen im Osten des heutigen Polen genauso wie ambitionierte Neubauten in vielen Teilen Europas.

Alle Fotos: Ahmad Eckhart Krausen

Abdul Hakim Murad weist in seiner Erläuterung zur Moschee neben vielen anderen Aspekten auf eine Facette der Moschee hin, die insbesondere im heutigen Europa wichtig ist. Eine bekannte arabische Bezeichnung für Moschee sei das Wort „Dschami’“. Im wörtlichen Sinne benenne es „das, was enthalten“ sei. Die großen europäischen Moscheen der Vergangenheit wie in Cordoba hätten Araber, Berber, Goten, Keltiberer, Slawen, Afrikaner und andere Bürger dieser großen mittelalterlichen Stadt Europas aufgenommen. Und in Istanbul seien die Moscheen ebenso voller diverser Gesichter aus der Welt des osmanischen Europas und darüber hinaus gewesen.

Die Qualität der europäischen Moscheen und ihrer Anwesenheit kann auch als Indikator für den jeweiligen Stand der Beziehungen gegenüber den Muslimen zu einem spezifischen Zeitpunkt gelesen werden. Je nachdem, wie diese aussah, konnten Moscheen aufblühen, überleben oder wurden radikal dekonstruiert. Die italienischen Städte Palermo, Foggia, weite Teile des heutigen Ungarns, Rumäniens, der Ukraine usw. verfügten einst über eine relevante Infrastruktur mus­limischer Gebäude. Von diesen ist heute nur noch im Ausnahmefall etwas zu ­sehen.

Die Beziehung zwischen Islam und Europa, schreibt die Theologin und Schwester des Fotografen, Halima Krausen, ist wesentlich komplexer, als sie heute dargestellt wird. Häufig sei es hier auch die verzerrte geografische Perspektive aus Sicht Westeuropas, die ihr Verständnis beeinflusse. Das geografische Europa, so die Theologin, erstrecke sich vom Atlantik bis zum Ural und vom Polarkreis bis zum Mittelmeer.

Krausen verweist damit auf einen Fakt, der in vielen Kulturdebatten von allen Seiten übersehen wird. Aufgrund seiner geografischen und historischen Vielfalt hat Europa ein sehr diverses Gewebe aus Sprachen, Kulturen und religiösen Überzeugungen hervorgebracht. Viele führen ihren Ursprung auf die Zeit der Völkerwanderung (vom 4. bis zum 6. Jahrhundert christlicher Zeitrechnung) zurück. Germanen, Hunnen, Slawen und viele andere verließen ihre bisherigen Siedlungsgebiete und ließen sich an neuen Orten nieder – unter anderem auf dem Gebiet des fallenden Römischen Reiches. Im 9. Jahrhundert seien, so Halima Krausen, die Expansionen der Ungarn (Magyaren) und Wikinger hinzugekommen. Auch diese hätten einen bleibenden Einfluss hinterlassen. Als Folge dessen war Europa seit seinem Beginn alles andere als ein monolithischer Block. Auch davon zeugen die historischen wie modernen Moscheegebäude von Schottland, über Litauen bis nach Kreta.

Alle Fotos: Ahmad Eckhart Krausen

„Die oben genannten Fakten und Zahlen, die mit der Entstehung des Gefüges europäischer Gesellschaften verbunden sind, sind viel einfacher zu rekonstruieren als die daraus resultierende kulturelle ­Dynamik und die gegenseitigen Einflüsse der beteiligten Akteure“, schreibt die Theologin Halima Krausen in ihrem ­Essay. Das gelte insbesondere für Osteuropa, das aus westeuropäischer Sicht seit Langem als „jenseits des Eisernen Vorhangs“ angesehen werde. „Die Bruchlinie zwischen Ost- und Westeuropa, die die heutigen Perspektiven bestimmt, scheint jedoch viel älter zu sein.“ Sie folge der historischen Grenzen zwischen den westlichen und östlichen Kirchen und ihren unterschiedlichen Beziehungen zu anderen Glaubensgemeinschaften wie den Muslimen Europas. Dabei gab es, wie die Erkenntnisse der Hamburger Theologin zeigen, historische Beispiele im Osten und Südosten des Kontinents, wie unterschiedliche Religionsgemeinschaften auf europäischem Gebiet neben- und miteinander bestehen konnten.

Angesichts ständig wieder aufflammender Debatten über Moscheebauten und dem Vorwurf, sie seien Fremdkörper in Europa, aber auch angesichts des beständigen Missverständnisses auf mehreren Seiten, Islam und Europa seien Gegensätze, ist „Mosques – Islamic Architecture in Europe“ ein wichtiger Beitrag zur Versachlichung und Aufklärung. Und für uns Muslime ist der Band eine greifbare Erinnerung, dass unsere Lebenspraxis keine festgelegte kulturelle Form hat, sondern sich immer auch aus dem Umfeld speist, in dem wir leben.

Informationen: Eckhard Ahmed Krausen, Mosques – Islamic Architecture in Europe, 2020, Preis: EUR 25.-, zu beziehen über: eck@youmail.dk

The following two tabs change content below.
Sulaiman Wilms

Sulaiman Wilms

Sulaiman Wilms

Neueste Artikel von Sulaiman Wilms (alle ansehen)

Euch gefällt der Artikel? Hier könnt ihr ihn teilen!

Facebook
Twitter
Instagram
Lade...

Wenn Sie diese Seite weiter benutzen, akzeptieren Sie die Verwendung von Cookies. mehr Informationen

Wir verwenden Cookies, um Inhalte und Anzeigen zu personalisieren, Funktionen für soziale Medien anbieten zu können und die Zugriffe auf unsere Website zu analysieren. Außerdem geben wir Informationen zu Ihrer Verwendung unserer Website an unsere Partner für soziale Medien, Werbung und Analysen weiter. Unsere Partner führen diese Informationen möglicherweise mit weiteren Daten zusammen, die Sie ihnen bereitgestellt haben oder die sie im Rahmen Ihrer Nutzung der Dienste gesammelt haben. Sie stimmen der Verwendung von Cookies zu, wenn Sie "Akzeptieren" klicken.

Schließen