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Eine interreligiöse Summer School in Sarajevo. Bericht von Esnaf Begic & Jörg Ballnus

Recht, Religion und Minderheit

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(iz). Das Institut für Islamische Theologie der Universität Osnabrück (IIT) hat in Kooperation mit der Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg (HSJS) und der Fakultät der Islamischen Wissenschaften der Universität Sarajevo (FIN) eine Summer School zum Thema „Recht, Religion und Minderheit“ veranstaltet. Die Veranstaltung fand in Sarajevo im Zeitraum vom 05.07.2013 bis 10.07.2013 statt. Teilnehmer waren Wissenschaftler aus den beteiligten Hochschulstandorten und Studierende. An einem geschichtlichen Ort, der von 1992 – 1995 ein Ort der Trennung, des ethnischen wie auch religiösen Konflikts war, sind Muslime und Juden zusammengekommen, um miteinander grundsätzliche Fragen aus Recht und Gesellschaft zu diskutieren.

Zugleich markiert Sarajevo eine authentische Präsenz muslimischen Lebens in Europa. Bosnien-Herzegowina ist mit seinem großen Anteil von Muslimen ein Beweis dafür, dass Moderne und Islam in Europa miteinander in Einklang zu bringen sind, auch wenn die jüngste Geschichte am Beispiel Jugoslawiens und seines letztlich gewaltsamen Untergangs eine große Herausforderung für alle Bewohner dieses Landes gewesen ist und es auch heute noch teilweise ist. Nicht zuletzt stellt auch die Präsenz der jüdischen Gemeinde in Sarajevo ein Konzept gelebter Pluralität dar, das Höhen und Tiefen erlebt und auch überlebt hat. Geleitet wurde die Summerschool von Prof. Dr. Bülent Ucar (IIT), Prof. Dr. Ronen Reichmann (HSJS), Prof. Dr. Ismet Bušatlić (FIN) und PD Dr. Benjamin Jokisch (FU Berlin).

Zur fachlichen Diskussion
Die Intention der Summerschool lag darin, miteinander über das jeweils Eigene ins Gespräch zu kommen und Perspektiven für gemeinsame Fragestellungen und Forschungsgebiete zu erkunden. Grundsätzlich finden wir im Judentum wie im Islam Strukturen, die einen relativ fixen Korpus aus religiösen Normen und Vorschriften abbilden. Im ersten Panel erläuterte Ronen Reichmann (Heidelberg) das Verständnis des Verhältnisses zwischen Religion und Staat aus jüdischer Perspektive.

Während es in der Diasporasituation bis zur Gründung des Staates Israel grundsätzlich eine andere Dimension besaß, war die Gestaltung des Verhältnisses zur jeweiligen Aufnahmegesellschaft in der Diaspora von entscheidender Bedeutung. Alexander Dubrau (Heidelberg) ging dann der Frage nach, inwieweit das Verhältnis zwischen Glaube und Praxis eine Rolle für die jüdischen Betrachter am Beispiel der Begrifflichkeit des Götzendiensts spielt. Relevante Fragestellungen im Umgang mit den benachbarten Religionen spielten hier eine wesentliche Rolle, da es für Juden wichtig war, die Grenzen hin zum Götzendienst abzuklären.

Benjamin Jokisch (Berlin) ging dem Wandel des islamischen Minderheitenrechts in der Vormoderne nach. Prinzipiell habe es zwar theoretische Diskussionen über muslimische Minderheitensituationen gegeben, was allerdings erst bei direkten Erfahrungen nach dem Rückzug der Muslime aus al-Andalus oder Sizilien eine wesentliche Rolle in entsprechenden Rechtsgutachten gespielt habe. Daran schloss sich die Betrachtung der in al-Andalus neu entstandenen Minderheitensituation durch Bacem Dziri (Osnabrück) an, der insgesamt bis nach 1606 – also weit über den Fall von Granada hinaus – von einer islamischen Prägung Andalusiens gesprochen hat. Besonders die Zeit nach 1492 stellte demnach die ersten Herausforderungen an einen fiqh, der aufgrund einer Minderheitensituation der Muslime zu agieren hatte. So schilderte er einige praktische Erleichterungen (tayammum statt Gebetswaschung, Zusammenfassen der Gebete in der Nacht) für die Morisken, die nur unter Zwang das Bekenntnis zum Christentum abgelegt hatten.

Im zweiten thematisch hierzu passenden Vortrag von Hakki Arslan (Osnabrück) ging es um die muslimische Präsenz in Sizilien, die auch ein eigenes Rechtswesen hervorgebracht hatte. Nach einer kurzen Phase relativer Freiheit in der Religionsausübung unter den Normannen sind schließlich 1224 alle Muslime aus Sizilien durch Friedrich II. vertrieben worden.

Stefanie Budmiger (Heidelberg) ist dem Verhältnis zwischen Jüdischem Recht und Staat am Beispiel der Aufhebung von Eheverträgen und ihrer Anerkennung durch eine rabbinische Autorität nachgegangen. Anhand verschiedener Quellentexte hat sie dieses Verhältnis dargestellt. Grundsätzlich haben sich demnach Juden auch an nichtjüdische Gerichte gewandt, was zum Ergebnis hatte, dass die jüdische Rechtsprechung in bestimmten Fragestellungen reagieren musste. Kernthema des Beitrags von Elhakam Sukhni (Osnabrück) waren die Systematik des Konzepts des fiqh al-aqalliyāt und die Rezeption dieses Konzepts unter muslimischen Gelehrten der Gegenwart. Kritik wie auch Verteidigung dieses neuen Konzepts im Islamischen Recht mit seinen Auswirkungen für die Muslime in Minderheitensituationen waren Bestandteil der intensiv geführten Diskussion, die sich im Vortrag von Kübra Camur (Münster) wiederfanden, die sich in ihrer kritischen Perspektive darauf bezog, dass auch der klassische fiqh auf die Herausforderungen der Gegenwart reagieren müsse. Mahada Wayah (Frankfurt) stellte die praktische Situation des Anerkennungsprozesses der Muslime in Deutschland vor. Sie kritisierte den Einfluss der Politik auf die Gestaltung des Diskurses mit den Muslimen und letztlich die (noch) fehlende einheitliche Stimme der Muslime.

Einen Einblick in die bosnische Realität des Umgangs mit der Scharia gab es von Ahmet Alibašić (Sarajevo), der unter anderem verschiedene Aspekte der Re-Interpretation der Scharia in der Gegenwart und die Verortung der bosnischen Muslime hierzu insgesamt beleuchtete. Praktische Fragestellungen erläuterte sein Kollege Nedim Begović (Sarajevo), der sich vor allem praktischen Fragestellungen wie Ehe und Scheidung widmete. Jörg Ballnus (Osnabrück) ging der Frage nach, warum das muslimische Pflichtgebet in Schulen nach derzeitiger Rechtslage durch ein Urteil der Berliner Oberverwaltungsgerichts nicht erlaubt ist und stellte die Rezeption dieses Urteils dahingehend dar, dass bei der nächsten Instanz eigentlich eine Aufhebung des Verbots zu erwarten sei, weil eben das Gebet in dieser Form so zentral im Mittelpunkt muslimischer Religiosität stünde und andererseits durch fest bestimmte Zeitvorgaben an seine Verrichtung gebunden sei. Bilal Erkin (Osnabrück) stellte verschiedene Formen der Betäubung dar, die im Sinne des Tierschutzes derzeit Voraussetzung für jegliches Schlachten von Tieren in Deutschland sind. Dennoch sei die aktuelle Situation sehr diffus. Insgesamt wurde in der Diskussion deutlich, dass Muslime aber auch Juden nicht viel Hoffnung auf die Verbesserung der gegenwärtigen Situation haben können.

Omar Kamil (Leipzig) verglich die beiden Denkkonzepte „Dina demalkhuta dina“ (das Gesetz des Landes ist das Gesetz) und „fiqh al-aqalliyāt“ miteinander und stellte sein Forschungsprojekt vor, das Auswirkungen der europäischen Aufklärung auf beide Religionen untersuchen soll. Er formulierte die Frage, wie genuin jüdische oder islamische Konzepte von Aufklärung aussehen könnten. Hokhma und Hikma sah er als zentrale Begriffe der Reaktion auf die europäische Aufklärung in Judentum und Islam. Ibrahim Salama (Osnabrück) stellte verschiedene theoretische Perspektiven von Rechtsfragen für Muslime im Minderheitenstatus vor und erläuterte dies an ausgewählten Beispielen. So ging es beispielsweise um die Bewertung der Ehe einer Muslimin mit einem Nichtmuslim und Fragen beim Erbschaftsrecht. Wichtig war auch ihm die kontextbezogene Interpretation der Belegstellen. Frederek Musall (Heidelberg) ging dann schließlich der Frage nach, ob es in orientalischen Ländern eine jüdische Aufklärung gegeben habe. Am Beispiel des Rabbi Kapach stellte er einen Vertreter dieses Ansatzes vor. Durch Kontakt mit französischen Orientalisiten (Lévi, Glaser) beeindruckt, versuchte er sich am Aufbau einer Sammlung von Handschriften zum Zweck der Erkundung der eigenen Tradition. Im Widerspruch zum geläufigen Schulchan Aruch (jüdisches Standardwerk zur Sammlung religiöser Vorschriften) versuchte er die eigene jüdisch-jemenitische Tradition nutzbar zu machen und geriet dabei in Widerstreit zum Gelehrten-Mainstream seiner Zeit.

Insgesamt ist zu sagen, dass sich während der Summerschool interessante Parallelen zeigten, die die jeweilige Minderheitensituation in den beiden Religionen erkundet haben. Jüdische wie muslimische Teilnehmerinnen und Teilnehmer erhielten interessante Einblicke in ausgewählte Rechtsgebiete. Ebenso wurden Positionen zum Verhältnis zwischen Staat und Religion erkundet. Schließlich gab die gastgebende Institution interessante Einblicke in bosnische Perspektiven zur Situation von Muslimen in einem ausgesprochen pluralen Kontext.

Zu Geschichte und Kultur des Gastlandes
Die diesjährige Summer School in Sarajevo ist durch ein vielfältiges Rahmenprogramm begleitet worden. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer hatten die Möglichkeit, sich intensiv mit der wechselvollen Geschichte und Kultur Bosnien-Herzegowinas auseinanderzusetzen. Dies wurde zuallererst an der Architektur der Stadt deutlich. Neben modernen Geschäftshochhäusern und den für die kommunistische Herrschaftszeit charakteristischen Plattenbausiedlungen, sind unzählige Gebäude zu sehen, die aus der Zeit der österreichisch-ungarischen Okkupation Bosnien-Herzegowinas stammen. Beispielhaft hierfür ist die berühmte Vijećnica, ein im Jahre 1896 im sogenannten pseudo-maurischen Stil erbautes Gebäude, welches in dieser Zeit – wie der Name verrät – das Rathaus der Stadt war. In den Jahrzehnten vor dem Krieg von 1992 bis 1995 beherbergte sie die Nationalbibliothek Bosnien-Herzegowinas. Während des Krieges wurde sie mit ihren kostbaren Schätzen zerstört und wird inzwischen aufwendig restauriert.

Wenige Schritte von der Vijećnica entfernt, beginnt dann plötzlich die Altstadt von Sarajevo, die (fast) weltberühmte Baščaršija. Hier, in diesem architektonischen Meisterwerk der osmanischen Zeit, mit engen Gassen und unzähligen kleinen Läden spielt sich das Leben von Sarajevo ab. Neben Einheimischen besuchen auch Scharen von Touristen tagtäglich die Baščaršija. Darüber hinaus glänzt die Altstadt von Sarajevo auch mit ihren in der Osmanenzeit erbauten Moscheen. Die Gazi Husrevbegova džamija nimmt den zentralen Platz in der Baščaršija ein.

Nach dem ersten Tag der Summer School und dem in der Gazi Husrevbegova džamija verrichteten Freitagsgebet führte der Weg die Teilnehmerinnen und Teilnehmer zum Märtyrerfriedhof Šehidsko mezarje Kovači. Dort sind die Kämpfer der Armee der Republik Bosnien-Herzegowinas begraben, die während des Krieges 1992-1995 bei der Verteidigung der Stadt gefallen sind. Esnaf Begić (Osnabrück) sprach hier von der Belagerung der Stadt Sarajevo in den Kriegsjahren. Auf dem Märtyrerfriedhof Kovači ist auch der erste Präsident des unabhängigen Bosnien-Herzegowina Alija Izetbegović begraben.

Am Samstag stand dann ein ganztägiger Ausflug nach Mostar auf dem Programm. Der Name der Stadt kommt wahrscheinlich von dem Wahrzeichen der Stadt – der alten Brücke, in der Bevölkerung einfach Stari genannt, was in etwa der Alte bedeutet. Diese – wie auch ihre nähere Umgebung mit vielen Moscheen und alten Türmen – aus der osmanischen Zeit, ungefähr aus dem 16. Jh. stammende Brücke überspannt den in einem einzigartigen Grün erscheinenden Fluss Neretva. Die Brücke wurde während des Bosnienkrieges im Jahre 1993 von kroatischen Einheiten vollständig zerstört und ist nach dem Krieg in mühevoller Arbeit wieder aufgebaut worden.

Der 9. Juli war für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer sicherlich ein sehr bewegender und emotionaler Abschnitt des Aufenthalts in Bosnien-Herzegowina. An diesem Tag ging es nach Srebrenica. In dieser Stadt sind einige Monate vor Kriegsende in Bosnien-Herzegowina durch serbische Einheiten nach der Eroberung der Stadt am 11. Juli 1995 mehr als 8000 muslimische Jungen, Jugendliche und Männer getötet worden. An der Stelle, wo die Flüchtlinge aus der Stadt bei dem holländischen Bataillon der UN-Friedenstruppe Zuflucht suchten, befindet sich eine Gedenkstätte mit dem unfassbar großen Friedhof für die Getöteten des Genozids von Srebrenica. In einem Film über den Genozid von Srebrenica im Dokumentationszentrum der Gedenkstätte kamen die Hinterbliebenen: Mütter, Schwestern, Töchter sowie Ehefrauen zu Wort und erzählten von ihren Schicksalen. Am ersten Tag des Ramadan wurde eine kleine Delegation vom Oberhaupt der Islamischen Gemeinschaft in Bosnien-Herzegowina, dem Rais al-ulama Husein Kavazović in seinem Amtssitz in Sarajevo empfangen. Angeführt wurde die Delegation vom Direktor des Instituts für Islamische Theologie Prof. Dr. Bülent Ucar, in Begleitung von Prof. Dr. Abdurrahim Kozali, Prof. Dr. Hüseyin Ilker Cinar und Esnaf Begić, M.A. sowie von Prof. Dr. Ronen Reichman von der Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg und PD Dr. Benjamin Jokisch von der FU Berlin.

In einem offenen und freundlichen Gespräch informierten die Gäste das Oberhaupt der Islamischen Gemeinschaft über den Stand der Entwicklung des Projekts der Islamischen Theologie an deutschen Universitäten und insbesondere über den Standort für Islamische Theologie an der Universität Osnabrück. Ebenfalls wurde die Zusammenarbeit mit der Hochschule für Jüdische Studien vorgestellt und einige konkrete Projekte für die künftige Zusammenarbeit mit der Islamischen Gemeinschaft in Bosnien-Herzegowina ins Gespräch gebracht. Das Oberhaupt der Islamischen Gemeinschaft betonte die Wichtigkeit solcher Veranstaltungen. Insofern sei Sarajevo genau der richtige Ort, um eine solche Summer School auszurichten, denn Sarajevo sei seit langer Zeit ein Ort der Begegnung zwischen dem Islam und dem Judentum gewesen. Darüber hinaus unterstrich der Rais al-ulama die Bedeutung des Projekts der islamischen Theologie an deutschen Universitäten, schränkte aber ein, dass ein solches Projekt erst dann erfolgreich sei, wenn es sich an den Muslimen in Deutschland und ihren religiösen Bedürfnissen orientieren würde. Die Vertreter des IIT Osnabrück hoben dieses Moment in der Profilierung des Osnabrücker Instituts hervor und betonten, die gute, vertrauensvolle und ergebnisorientierte Zusammenarbeit mit muslimischen Organisationen in Deutschland.

Nach dem Empfang in der Islamischen Gemeinschaft wurden die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Summer School in der Jüdischen Gemeinde Bosnien-Herzegowinas empfangen. Der Vorsitzende der Gemeinde Jakob Finci stellte die Gemeinde und ihre Arbeit vor und hob insbesondere die humanitären Aktivitäten der Jüdischen Gemeinde während des Krieges in Bosnien-Herzegowina hervor. Auch er betonte den multireligiösen Charakter von Sarajevo und das natürliche Miteinander seiner Bewohner unabhängig von der jeweiligen religiösen Zugehörigkeit.

Am letzten Tag trafen sich alle Teilnehmer zu einem gemeinsamen Iftar-Essen, welches anschließend mit einem gemeinsamen Tarawih-Gebet in der Begova džamija gekrönt wurde. In einer freudigen und entspannten Atmosphäre ging hiermit die Summer School in Sarajevo zu Ende. Nicht wenige Studierende blieben in Sarajevo aus eigenem Interesse noch weiter und haben inzwischen in sozialen Netzwerken von weiteren Entdeckungen und Erlebnissen in dieser vielfältig interessanten Stadt berichtet.

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